Einer meiner Lieblings-Buchtitel der vergangenen Jahre ist „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“. Autor Tim Renner beschreibt den Niedergang der Musikbranche im Internetzeitalter und nimmt die Medienkrise vorweg. Am Mittwochabend trafen sich Verlagsmanager beim Media Coffee der dpa-Tochter news aktuell in Hamburg, um über die Profiteure der Krise zu diskutieren. Und immerhin: Auch wenn niemand ein Patentrezept fürs Webgeschäft hatte, an Galgenhumor mangelte es den Teilnehmern nicht.
Auf dem Podium saßen Fried von Bismarck (Spiegel), Christoph Keese (Axel Springer), Julia Jäkel (Gruner + Jahr), Rainer Esser (Zeit) sowie Kay Overbeck (Google Deutschland). Allen Hiobsbotschaften der vergangenen Monate zum Trotz: Die Rivalen scherzten und lachten, das ist in der Megakrise ja schon was. Eigentlich lautete das Duell Print-Verlage gegen Google, doch spannender war es, die unterschiedlichen Sichtweisen der Vertreter etablierter Medienhäuser zu erleben.
Zeit-Chef Rainer Esser räumte ein, dass man in der Vergangenheit die Aufmerksamkeit für die wahren Bedürfnisse der Leser vernachlässigt und es im Gegensatz zu Google im Web-Business an Cleverness habe fehlen lassen. Das klingt ehrenhaft, allerdings: Bei den Online-Geschäftsmodellen bleibt der Holtzbrinck-Stratege eine stringente Antwort schuldig. Kein Paid Content, sondern ein Sammelsurium an Erlöswegen solle den Verlagsangeboten zur Profitabilität verhelfen. Das klingt reichlich defensiv, ist aber durch die oftmals blutige Nase, die sich sein vormaliger Verleger Stefan von Holtzbrinck bei Web-Projekten eingehandelt hat, verständlich.
Weiter in Wolke sieben schwebt offenbar G+J-Verlagsgeschäftsführerin Julia Jäkel, die für das kommende Jahr den Launch "ganz wunderbarer Print-Titel" erwartet. "Ehrlich." Eine echte Strukturkrise sieht die quirlige Medienmanagerin nicht, eher schlecht gemachte Produkte, etwa Regionalzeitungen, die anderntags die Headlines der "Tagesthemen" vom Vorabend reportieren. Zudem gebe es eine Darstellungs-Misere, da die Medienjournalisten den Erfolg einer "Brigitte Woman" nicht gebührend würdigten. Bemerkenswert: Jäkel zeigte sich beeindruckt von der Kostenstruktur eines Start-ups wie Chefkoch.de. Der Klick-Platzhirsch unter den Food-Communitys wurde von Gruner + Jahr gekauft und ist "hochprofitabel". Da, so Frau Jäkel, "könner wir noch was lernen".
Einen nüchternen, aber wachen Blick auf die Internet-Entwicklung offerierte Spiegel-Verlagsleiter Fried von Bismarck. Die Medienhäuser bräuchten dringend ein neues Erlösmodell fürs Web und dieses könne durchaus in einer "Flatrate" für Qualitätsangebote analog zur Kirchensteuer liegen. Ähnliches hatte auch MEEDIA in die Diskussion eingebracht, allerdings setzt dies voraus, dass sich die maßgeblichen Anbieter von Premium-Content und wohl auch die News-Agenturen zu einem Konsortium zusammenschließen und die Bezahlvariante gemeinsam durchsetzen. Davon sind die deutschen Verlage, die sich seit jeher in herzlicher Feindschaft verbunden sind, weit entfernt.
Vom Blattmachen bei der "Welt am Sonntag" entpflichtet, hat Christoph Keese offenbar genügend Muße, sich um das nächste große Ding im Internet Gedanken zu machen. Und da hatte Springers Mr. "Public Affairs" für mich den spannendsten Ansatz zu bieten. Keese ist überzeugt, dass der "Hauptpreis" im Online-Business 2010 an denjenigen gehen wird, der es als erster schafft, "Makro- und Mikro-Ebene zu verzahnen". Ihn als Vater interessiere der Windpocken-Alarm im Kindergarten seiner eigenen Sprösslinge genauso wie der G 20-Gipfel. Medien seien überfordert, über beides zu berichten, hier müsse eine intelligente Kombination von News aus allen für den spezifischen Leser relevanten Bereichen geschaffen werden. Das wäre innovativ, Punkt für Keese.
Wenig erstaunt hat mich die zurückhaltende Argumentation von Google-Vertreter Kay Overbeck. Der Sprecher war kurzfristig für seinen Chef Philipp Schindler eingesprungen und mühte sich, den Verlagen keine Angriffsfläche zu bieten und stattdessen auf Kooperation zu setzen. Ein leichtes Unterfangen für den, dessen Comany im Internet-Geschäft an der Kasse sitzt. Overbecks Plädoyer für eine Individualisierung der News-Angebote erntete (meiner Meinung nach zu Recht) Widerspruch aus der Runde. Das kann für Medien nicht der Königsweg sein.
Fazit der lehrreichen Runde: Wer als Medienmensch in Zweifel zieht, dass der Tod gar nicht so schlimm ist, kann sich – bedingt – entspannen: Noch leben die Verlagshäuser, und vielleicht kommt es ja gar nicht so weit.
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Sie ist die Grand Old Lady unter den TV-Programmies: Die erste Ausgabe erschien 1946, als Deutschland in Trümmern lag, damals noch als „Rundfunkzeitschrift“. Und auch wenn die Marke gegenüber den Hochzeiten vor 30 oder 40 Jahren an Strahlkraft und Auflage verloren hat, so ist das Magazin nach wie vor ein sicheres Profitcenter. Die Rede ist von der „Hörzu“, die gerade unter ihrem neuen Chefredakteur Christian Hellmann einen Mantel-Relaunch erfahren hat. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Ihre besten Zeiten erlebte die "Hörzu" in den 60er und 70er Jahren. Noch im vierten Quartal 1979 verkaufte sich der Programmie-Klassiker laut IVW mehr als 4 Mio. mal pro Ausgabe. Doch spätestens Anfang der 80er setzte ein stetiger Auflagenrückgang ein. So gingen zwischen 1980 und 1990 rund 900.000 Käufer verloren, die Auflage fiel von 3,9 Mio. auf 3,0 Mio.
Mit dem Markteintritt der modernern 14-täglichen Konkurrenten "TV Spielfilm", "TV Movie" & Co. beschleunigten sich die "Hörzu"-Verluste sogar noch. Zwischen 1992 und 2001 rutschte die verkaufte Auflage um mehr als 1 Mio. Exemplare nach unten - im vierten Quartal 2001 fiel sie erstmals unter die 2-Mio.-Marke. Seitdem gelang es der Zeitschrift immerhin, das Tempo der Auflagenverluste etwas zu verlangsamen. In den sieben Jahren gingen bis zum vierten Quartal 2008 allerdings weitere 550.000 Käufer verloren, ein Ende der Verluste ist noch nicht wirklich in Sicht. Im ersten Quartal 2009 lag die "Hörzu" mit 1.437.565 verkauften Heften 2,4% unter dem Vorjahr.
In vielen Haushalten liegt die "Hörzu" seit Jahrzehnten auf dem Couchtisch. Chefredakteur Hellmann, der die Hoheit über den Traditionstitel im Februar von Thomas Garms übernahm, ging bei der Umgestaltung behutsam vor und nutzte die Kompetenz und Erfahrung, die er sich als Gründungs-Chef von "TV Spielfilm" und "TV Digital" erworben hat. In mehreren Schritten gestaltete er den Mantel- und Serviceteil neu. Mit Ausgabe 17, die jetzt am Kiosk liegt, ist der Erneuerungsprozess abgeschlossen. 20 Extraseiten und eine DVD mit dem Hollywoodfilm "Love Story" sollen der Relaunch-Ausgabe einen zusätzlichen Auflagenschub geben.
Insgesamt macht der überarbeitete Mantel einen gefälligen, wenn auch nicht atemberaubenden Eindruck – zielgruppengerecht eben. Hellmann setzt auf Wissens-Reportagen und Gesundheits-Service, dazu eine Prise Schicksal und Tiere, Reisetipps, Natur- und Food-Geschichten. Alles angenehm unaufgeregt, wie ein Familienmagazin sein sollte. Und auch sorgfältiger komponiert und besser geschrieben und produziert als so viele Service- und Magazin-Teile auf dem Zeitschriftenmarkt. Bei Springer ist es ein offenes Geheimnis, dass Verlegerin Friede Springer zu den "Heavy Usern" der "Hörzu" gehört und jede Ausgabe aufmerksam durchgeht.
Die "Hörzu" ist auf den Monat gerechnet die teuerste TV-Zeitschrift in Deutschland. Vier Wochen "Hörzu" lesen kostet 6 Euro, die vierzehntägliche Premium-Konkurrenz kommt im selben Zeitraum auf 3,30 Euro. Dafür, dass sich die Leser trotz des Preisaufschlags für das Springer-Weekly entscheiden, erwarten sie Qualität. Die bietet Hellmann und nutzt dabei das Netzwerk der insgesamt fünf von ihm verantworteten TV-Magazine, das zahlreiche Synergien ermöglicht.
Nach einer Reihe von erfolglosen Versuchen hat sich der Verlag von der Maxime verabschiedet, das Publikum der "Hörzu" deutlich zu verjüngen. Bei 57,4 Jahren liegt das Durchschnittsalter der Leser. Mit ein bis zwei Prozent Auflagen-Rückgang pro Jahr kalkulieren die Verantwortlichen und wissen, dass sie diesen Trend nicht umkehren können. Doch auch wegen des stattlichen Copypreises ist die "Hörzu" weiterhin hoch profitabel und wird dies wohl auch in den kommenden Jahren sein. "Hörzu"-Klassiker wie "Mecki" oder "Original & Fälschung" stehen nicht auf der Liste der bedrohten Rubrikarten.
Gespart wird demnächst allerdings in Springers Zentraler Programm-Redaktion (ZPR). Durch die Einführung eines millionenteuren Redaktionssystems mit integrierter Filmdatenbank werden wohl etliche der rund 100 Mitarbeiter gehen müssen.
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Der Journalismus und die unsichtbare Macht der Anzeigen-Großkunden – eine Geschichte, die so alt ist wie das werbefinanzierte Mediengeschäft, schreibt ein neues Kapitel. Weil die „Braunschweiger Zeitung“ kritisch über die Geschäftsführer eines Media Markts berichtete, sollen diese Anzeigenaufträge storniert haben. Und weil der Chefredakteur hart blieb, wird die Elektronik-Handelskette wohl einlenken, um den Imageschaden in Grenzen zu halten: ein ungewöhnliches Lehrstück der Medienrealität 2009.
Der Fall, mit dem am Montag die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Medienseite aufmacht, begann im Januar. Damals wurde der Wolfsburger Lokalredaktion der „Braunschweiger Zeitung“ ein internes Papier zugespielt, das die beiden Geschäftsführer des Media Marktes an alle männlichen Mitarbeiter gerichtet hatten. Es stammt aus dem Oktober vergangenen Jahres. Darin schreiben die Manager, „dass es einen Mitarbeiter in unseren Reihen gibt, dem es Spaß zu machen scheint, seine Popel an die Toilettentüren der Herrentoilette zu schmieren.“
Dem „Dreckschwein“ (O-Ton der Geschäftsführer) drohe die fristlose Kündigung, und sie erklärten auch, wie sie dem Urheber auf die Spur kommen würden: mit einem DNA-Test, den die „exzellenten Verbindungen der Geschäftsleitung zu unserem Klinikum“ möglich machten. Dies implizierte eine heimliche „Spurensicherung“ gegen den Willen der Angestellten. Das ist nicht nur nicht legal, mit einem solchen Vorgehen hätten sich Chefs strafbar gemacht.
Dass die „Braunschweiger Zeitung“ den Vorgang zum Lokalaufmacher in Wolfsburg machte, war keine Augenblicksentscheidung und schon gar keine redaktionelle „Panne“. Die Beteiligten waren sich im Klaren, dass sie es mit einem brisanten Stoff zu tun hatten. Schließlich ist der Media Markt ein wichtiger Anzeigenkunde mit einem jährlichen Auftragsvolumen in Höhe von mehreren hunderttausend Euro. Und bereits während der Recherche habe es, so Chefredakteur Paul-Josef Raue, Drohungen über eine Kündigung von Anzeigen gegeben.
Dass der Artikel, wenn auch ohne Nennung des Media Marktes, erschien, ist – wie alle Praktiker im Regionalzeitungs-Business nur zu gut wissen, keine Selbstverständlichkeit. Zwar war es für Chefredakteur Raue klar, dass ein solches Thema im Rahmen der „normalen Berichterstattung“ liegt. Andererseits ging es um viel Geld. Rund 300.000 Euro, so schätzt Raue laut „SZ“, würde ein dauerhaftes Ausbleiben der Media Markt-Anzeigen 2009 kosten. Und tatsächlich ging nach MEEDIA-Informationen am Tag nach Erscheinen des Artikels ein Storno des Media Marktes ein. Chefredakteur Raue: „Der Media Markt in Wolfburg wollte uns schaden.“
Hier beginnt das eigentliche Lehrstück in Sachen Journalismus, und es wäre zu simpel, dies nur mit der Person eines Chefredakteurs mit starkem Rückgrat zu erklären. Der Druck großer Anzeigenkunden ist gerade bei Regionalzeitungen gewaltig und allgegenwärtig. Es ist eine bisweilen unfreiwillige Partnerschaft, auf die beide Seiten quasi lebenslang angewiesen sind. Und eine Redaktion kann ihre Linie nur behaupten, wenn auch der Verlag und die eigene Geschäftsleitung dazu stehen. Und die ist, wie Insider wissen, häufig nur allzu schnell bereit, das Vorgehen der Redakteure als „blattschädigend“ einzustufen.
Voraussetzung Nummer eins: Der kritische Artikel muss absolut wasserdicht recherchiert sein, er muss frei sein von Polemik und unnötiger Dramatisierung. Beim Bericht aus der Wolfsburger Lokalredaktion war das gegeben, die Chefredaktion der „Braunschweiger Zeitung“ lobt den „kühlen Verstand“, der bei der Recherche angewandt worden sei. Alle Beteiligten wurden gehört.
Und zweitens darf die Geschäftsführung des Medienhauses den Kurs nicht torpedieren. Bei der „Braunschweiger Zeitung“, die zum WAZ-Konzern gehört, war dies am Ende der Fall, und die Unterstützung kam nach MEEDIA-Informationen von ganz oben: Geschäftsführer Bodo Hombach, so hört man, gab dem Braunschweiger Blatt Rückendeckung. Dem erfahrenen Politstrategen war klar, dass es gerade in der Krise ein verheerendes Signal an den Anzeigenmarkt sein würde, im Streit mit raubeinigen Bossen von Unternehmen klein bei zu geben. Damit wäre weiteren Einflussnahmen auf die redaktionelle Berichterstattung Tür und Tor geöffnet.
Die Tatsache, dass der in Essen ansässige Konzern-Geschäftsführer Hombach überhaupt in die Angelegenheit des Braunschweiger Verlagshauses involviert war, zeigt a), dass eine solche Linie in der Medienbranche kein Selbstgänger ist und b), dass die Entscheidung für die Loyalität zum redaktionellen Kurs nicht allen Verantwortlichen der verschiedenen Hierachie-Ebenen leicht gefallen sein dürfte. Man sollte in diesem Zusammenhang auch sehen, dass es für ein Magazin wie den "Stern" wesentlich unkritischer ist, einen Lidl-Skandal publik zu machen als für ein regionales Medium. Dort schaltet der Discounter seine Anzeigenkampagnen, nicht beim Wochenmagazin.
Auch wenn der Wolfsburger Lokalaufmacher nur die Entgleisung zweier Manager einer Handelsfiliale öffentlich macht: die Enthüllung ist ein Etappensieg für den Journalismus, weil sie auch die Risiken für den Anzeigenkunden deutlich macht. Offenbar ist die Media Markt-Zentrale, die übrigens einen Zusammenhang zwischen Anzeigenstorno und dem kritischen Artikel bestreitet, um Schadensbegrenzung bemüht. Die Media Markt-Holding, deren fast 200 Märkte weitgehend autark wirtschaften, dürfte an einer Daten-Affäre null Interesse haben und darauf drängen, dass die Situation nun schnell befriedet wird. Damit hat sich die redaktionelle Linie in diesem Fall durchgesetzt, allerdings ohne Präjudiz für künftige Konflikte.
Am Montagabend soll es ein Gespräch zwischen den kritisierten Geschäftsführern und der Anzeigenleitung der "Braunschweiger Zeitung" geben. Es wird niemanden überraschen, wenn dann auch neue Anzeigenaufträge erteilt werden. Und ebenso wenig würde es Branchenkenner erstaunen, wenn von der "Popel-Affäre" in der "Braunschweiger Zeitung" künftig nichts mehr zu lesen sein würde. Denn allen grundsätzlichen Statements zum Trotz: So läuft's Business, Krise hin oder her.
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Zwei Juristen, drei Meinungen: Diese Alltagsweisheit bestätigt sich auch im „Fall Nadja“. Die Verhaftung einer prominenten Sängerin, die öffentliche Verlautbarung des Staatsanwalts, die bundesweite Berichterstattung zahlloser Medien und dann: Eine Einstweilige Verfügung des Berliner Landgerichts gegen „Bild“. Tenor: Kommando zurück. Was jeder weiß und wohl auch wissen will, darf niemanden interessieren. „Bild“-Chef Kai Diekmann ging in die Offensive – und kämpft für mehr als nur für sein Blatt.
Natürlich geht es bei den Veröffentlichungen zu dem Vorwurf, ein Popstar habe Liebhaber vorsätzlich der Gefahr einer Infektion mit dem Aids-Virus ausgesetzt, auch um die Pressefreiheit. Es gibt viele Rechte, die zu schützen sind. Eins davon ist das Recht auf die Wahrheit. Dieses hat Journalisten immer angespornt, und es hat die Enthüllung etlicher Skandale bewirkt. Aber es hat auch dazu geführt, dass sich eine Klientel von Fachjuristen gebildet hat, die diesen Drang zur Wahrheit systematisch zu untergraben versucht.
Meine Zeit als Gerichtsreporter der „Hamburger Morgenpost“ liegt lange zurück. Die ernüchternde und für mich traurige Quintessenz war: In vielen Fällen geht die Justiz meilenweit an dem vorbei, was den tatsächlichen Fall ausmacht und ignoriert die Schicksale der Opfer. Ich habe Anwälte erlebt, die Angeklagte im Prozess mit formalen Mitteln „freipaukten“, obwohl sie wussten, dass diese gefährliche Mörder waren. Das alles als "Organe der Rechtspflege", zu den Strafverteidiger wie Staatsanwälte und Richter zählen. Auf meine Nachfrage, wie er das mit seinem Gewissen vereinbaren könnte, meinte einer: "95 Prozent der Mörder laufen doch sowieso frei rum, da kommt es auf die restlichen fünf nicht an."
Ganz sicher gilt das alles nur für eine spezielle Minderheit der Anwälte, doch gerade diese prägen zuweilen die öffentliche Diskussion. Und sie setzen sich immer wieder durch. Ich habe erfahren müssen, dass die Gerichte abstrusen Anträgen auf Berichtsverbote stattgaben. Ich weiß nicht, was diese Richter bewegt hat. Aber ich habe in vielen Gesprächen eine Medienfeindlichkeit gespürt, die mir mit dem grundgesetzlichen Auftrag der freien Presse nicht vereinbar erschien. Als etwa der fünffache Frauen-Mörder Fritz Honka in Hamburg vor Jahren mit 3:2 Richterstimmen und widersprüchlichen psychiatrischen Prognosen auf Bewährung entlassen wurde, klagte eine Kanzlei sämtliche redaktionelle Berichterstattungen weg, obwohl das Landgericht sich zuvor öffentlich zu dem Fall geäußert hatte. Liegt das wirklich im Interesse der Öffentlichkeit?
Dies waren Fälle, wo es um den schwersten Tatvorwurf ging, den unser Rechtssystem kennt. Die Mechanismen bei anderen Delikten sind ähnlich. Man muss nicht jeden Artikel richtig oder angemesssen finden, der im Fall Nadja publiziert wurde. Es geht auch nicht darum zu vorab zu richten; zur Aids-Verhütung gehören bekanntlich immer zwei. An der generellen Berechtigung, den Vorgang öffentlich zu machen, ändert das nichts, und dies dürfte auch das Ergebnis eines höchstrichterlichen Entscheids sein, wenn es dazu jemals kommen sollte. Doch bis dahin wäre es noch ein weiter Weg.
Das, was in Sachen der No Angels-Sängerin jetzt geschieht, ist peinlich. Deren Anwalt verklagt die „Bild“, aber nicht andere Medien. Er verbreitete teils unverständliche Pressemitteilungen und weckt dadurch noch mehr Interesse an dem Fall. Wie üblich ist das auch PR in eigener Sache, für die Mandantin aber ein Fiasko. Konfrontiert mit dem Tatvorwurf und der Verhaftung hätte es weitaus geschmeidigere Strategien der Öffentlichkeitsarbeit gegeben. Was wir hier sehen, ist, sorry, ein schlechter Schertz.
Merkwürdig erscheint nur auch das Verhalten der Richter. In Insiderkreisen ist es kein Geheimnis, dass alle Prominenten, die ein Problem mit den Medien haben, entweder in Berlin oder in Hamburg Klage einreichen. Dort, so weiß man, sitzen die offensivsten Richter, was Beschlüsse gegen die Presse angeht.
Der „Bild“ droht wegen der Missachtung des Gerichtsbeschlusses nach Experten-Schätzungen im ersten Fall ein Ordnungsgeld in moderater Höhe von 5000 bis 15000 Euro. Da sich andere Medien ebenfalls nicht an die gerichtliche Anordnung hielten, scheint fraglich, ob diese Beträge sowie eine mögliche Geldentschädigung für die Sängerin tatsächlich eingefordert werden. Denn Anwalt Christian Schertz müsste eigentlich klar sein, dass er das Public Relations-Fiasko für seine Mandantin zu verantworten hat. Eine "Verteidigungsstrategie" sähe anders aus. Der Medienanwalt dürfte sein Auftraggeberin mehr geschadet denn genützt haben.
Wie am Donnerstag bereits zu vernehmen war, soll die No Angels-Sängerin am Freitagmorgen aus der U-Haft entlassen werden. Vermutlich gibt es dann auch einen Deal mit dem einen oder anderen Medium, das über den Fall berichtete. Interessant ist, ob Medienanwalt Christian Schertz weiter gegen die "Bild" vorgehen wird und wie sich das Gericht dann verhalten würde. Es bleibt spannend.
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Unmittelbar nach seinem Amtsantritt trennte sich der neue Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz vom Unternehmenssprecher Andreas Knaut. Nur drei Monate später wirft der Interims-Kommunikator hin: Nach MEEDIA-Informationen wird Alexander Adler den Verlag im Juni verlassen. Offenbar sah der 36-Jährige keine Perspektive, auf Dauer die Nummer eins bei Buchholz zu bleiben. Seit 2003 hatte Adler mit dem damaligen Zeitschriftenvorstand Buchholz eng zusammengearbeitet.
So war es keine Überraschung, dass dieser nach seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden Adler an die Stelle des von Vorgänger Bernd Kundrun favorisierten Sprechers Andreas Knaut beorderte. Knaut war bei den Medienjournalisten umstritten; viele kritisierten seine defensive Informationspolitik.
Alexander Adler handhabte dies anders. Der so selbstbewusste wie ehrgeizige Öffentlichkeitsarbeiter baute tragfähige Arbeitsverhältnisse zu den Medienvertretern auf und wurde wegen seiner Offenheit geschätzt. Ganz offensichtlich entschied sich Buchholz in den vergangenen Wochen jedoch, einen neuen Pressechef zu berufen. Nachdem er fündig wurde, war für Adler klar, dass ihm nur die zweite Geige im Öffentlichkeitskonzert des Verlagshauses bleiben würde.
Das war nicht die Perspektive, die er gesucht hatte, und deshalb handelte er konsequent: Ab 1. Juli wird er die Kommunikation des Druckerei-Riesen Prinovis verantworten. Wer der Neue am Baumwall sein wird, ist noch nicht bekannt.
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Erst seit vier Monaten ist Philipp Welte bei Burda im Amt. Es waren harte Monate. Der 47-Jährige muss in der Krise sozusagen als Erster Sanierer des Hauses unpopuläre Maßnahmen treffen und Unternehmensgruppen restrukturieren. Ihm blieb es vorbehalten, Mitarbeiter über den Wegfall ihrer Jobs zu unterrichten. Er wickelte „Tomorrow“ ab, „Young“ und jetzt die „Amica“. Nicht was er entschied oder verkündete, überrascht dabei, sondern die Art, wie er es tat. Selbst Konkurrenten zollen ihm Respekt.
"Stärker durch Integration" überschrieb Welte seine Mail an die Redaktionen, die künftig unter dem Dach der neugeschaffenen Burda Style Group zusammengefasst werden. Die Burda People Group und der Verlag Arabellastraße gehen darin auf, und wie in solchen Fällen üblich bleiben dabei Jobs und auch ein Magazin auf der Strecke: die "Amica" wird im Mai letztmals am Kiosk liegen.
Man mag die Wortwahl Weltes eigentümlich finden, man kann sich fragen, wem es nützt, wenn er die Frauenzeitschrift quasi posthum zu einem der "schönsten Fashion-Magazine" erklärt und damit die lange Leidensgeschichte des Titels verklärt. Wichtiger aber ist: Der Vorstand tritt auf als einer, dem das Produkt am Herzen liegt, der jenseits von individuellen und kollektiven Härten das Ende einer Printmarke betrauert.
Die Worte Weltes, der wie kaum einer in seinem Rang das Marketing auch schwieriger Verlagsprozesse zu beherrschen scheint, sind vor dem Hintergrund zu sehen, dass bei Burda wie in vielen anderen Häusern auch derzeit gebündelt und gestrafft wird. Gestaltet, zumindest im Produktbereich, wird später. Jetzt ist es Zeit für einschneidende Maßnahmen. Die trifft Welte, und er kommuniziert sie konsequent. Und das macht er, wie ein Konkurrent anerkennt, "angenehm geräuschlos".
Zwar haben Mediendienste, auch MEEDIA, schon vor Monaten über eine mögliche Einstellung der "Amica" spekuliert. Die Nachricht kam aber für alle überraschend. Selbst auf den Redaktionsfluren war im Vorfeld nichts durchgesickert. Das spricht für funktionierende Hierachien, aus denen während der Entscheidungsfindung nichts nach außen dringt, was den Schaden am Ende noch gemehrt hätte.
Welte vertraut darauf, dass er durch die im Grunde unausweichlichen Einschnitte und Umstellungen auf Sicht die "publizistische Schlagkraft erheblich erhöht". Dabei ist er darauf angewiesen, dass der Verlag und die Mitarbeiter diese Überzeugung teilen, damit Motivation und Leistung nicht leiden. Das scheint dem extrovertierten Vorstand bislang zu gelingen. Die nächsten Monate, vielleicht auch Jahre werden zeigen, ob dies von der "Nachhaltigkeit" sein wird, die Welte so oft beschwört.
Der Manager, der zuvor bei Springer eher glücklos agierte, scheint im neuen Job angekommen zu sein. Während die Berliner viele Entscheidungen und Pläne Weltes unter Nachfolger Peter Würtenberger revidierten, scheint er für Burda in der Krise genau der Richtige zu sein: erfahren im Umgang mit den Produkten des Hauses und den Protagonisten.
Gespannt sein darf man auf Weltes Politik gegenüber dem Einflussbereich seines Vorstandskollegen Helmut Markwort. Bei dessen "Focus"-Gruppe sowie der von Markwort geführten Verlagsgruppe Milchstrasse sowie dem "Playboy" gibt es ebenfalls Erneuerungsbedarf. Nachdem der Neu-Vorstand Welte zuletzt öffentlich den Schulterschluss mit Markwort demonstrierte, ist davon auszugehen, dass alle Maßnahmen in dessen Hohheitsgebiet sowie die anstehende Nachfolgeregelung nur mit Billigung Markworts erfolgen werden.
Wer die Position des inzwischen 72-jährigen "Ersten Journalisten" bei Burda übernimmt, ist noch nicht entschieden. Wie man hört, ist die Nachfolge-Diskussion aber bereits im Gange. Von Insidern wird auch über Namen spekuliert: Genannt werden Ex-"WamS"-Chefredakteur Christoph Keese, Claus Strunz ("Hamburger Abendblatt"), aber auch Gabor Steingart ("Spiegel") sowie der Namen eines G+J-Chefredakteurs. Wie gesagt: bisher alles nur Spekulation.
>> Burda stellt Frauen-Zeitschrift "Amica" ein
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Georg Altrogge ist Chefredakteur von MEEDIA und sammelte in leitenden Funktionen fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Print-Business, unter anderem als Chefredakteur von „Tomorrow“. Hier beschreibt er Außen- und Innenansichten einer Branche im Nahkampf mit den digitalen Medien.
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