Die Diffamierungs-Kampagnen der rechten Medien in den USA zeigen erstaunliche Wirkung: 20% der Amerikaner sind inzwischen überzeugt, ihr Präsident sei ein verkappter Muslim. Die Hetze und Verleumdungen der Talkshow-Stars Bill O’Reilly, Glenn Beck und Sean Hannity werden für Barack Obama zu einem immer größeren, fast unlösbaren Problem. Der Murdoch-Sender Fox News ist längst zur Propaganda-Maschine der Konservativen geworden. Amerika steht vor einem heißen Herbst.
"Ein Netzwerk von Fehlinformationen" sei Schuld daran, dass offenbar immer mehr Amerikaner an der Religionszugehörigkeit ihres Präsidenten zweifeln, sagte ein sichtlich müder Barack Obama am Wochenende dem NBC-Anchorman Brian Williams. "Ich kann schließlich nicht den ganzen Tag mit meiner Geburtsurkunde auf der Stirn herumlaufen."

Am Wochenende: Obama bei NBC "Nightly News"
Wen Obama für den Urheber der „Fehlinformation“ hält, dürfte jedem klar sein: den Murdoch-Sender Fox News, der gegen die Obama-Regierung einen regelrechten "Medienkrieg" führt. Dem "Nachrichtenkanal" gelingt es immer häufiger, den Präsidenten mit übler Nachrede in Misskredit zu bringen. Mal heißt es, Obama sei Rassist. Dann, er wäre ein schlechter Patriot. Und natürlich sei er als Kind auf eine Koranschule gegangen.
Die letzten Tage müssen für Fox News ein Freudenfest gewesen sein. In Washington demonstrierten 300.000 konservative Amerikaner für die "Rückbesinnung auf religiöse Werte". Veranstalter des Massenauflaufs zur „Wiederherstellung der amerikanischen Ehre“ war Glenn Beck, jener zornige Talkshow-Host, der auf Fox News jeden Nachmittag zwei Millionen Amerikaner mit seiner Sendung "Bold-Brash-Beck" in seinen Bann zieht.
Dort nennt er Obama „einen notorischen Hasser der weißen Hauptfarbe“, wettert gegen "illegal aliens" und sieht die USA auf den Weg zum Sozialismus. Gerne bricht er auch vor laufender Kamera in Tränen aus, weil er Amerika so lieben und jetzt unter Obama alles den Bach runtergehen würde. Der 46jährige alte Beck, ein ehemaliger Alkoholiker, ist inzwischen der "Obereinpeitscher" der Konservativen geworden. Time Magazine hat ihm eine Titelstory gewidmet. Die Headline: "Mad Man".

Gestern: Beck sagt in seiner Sendung „Thank you“
Genauso wortreich ist sein Kollege Bill O’Reilly, dessen "O’Reilly Factor" seit über 10 Jahren das Flagschiff von Fox News ist. Während Beck um 17 Uhr auf Sendung geht, darf O’Reilly zur Prime Time ran. Manche nennen ihn das "Alphamännchen der polemischen Debattenkultur", andere "Americas biggest Asshole". Interview-Gegnern ruft er schon mal "Shut up" entgegen, und wenn das nicht hilft, dann weist er die Fox-Regie an: "cut his mic".

Gestern: O’Reilly hat – welch Überraschung – Beck als Gast
Neben Beck und O’Reilly haben sich bei Fox News noch die Moderatoren Sean Hannity and Greta van Susteren einen Namen gemacht. Auch sie haben täglich ihre einstündige Sendung, deren Hauptanliegen darin zu bestehen scheint, bei jeder Gelegenheit gegen Obama zu wettern. Assistiert werden sie dabei von den "Fox-Kommentatoren" Sarah Palin, der ehemaligen Gouverneurin von Alaska, sowie von Karl Rove, dem früheren Chefstrategen von Georg W. Bush.
Was sich auf Fox News 24 Stunden am Tag abspielt, ist ein bizarres Schauspiel. Unter dem Sendermotto "Fair & Balanced" wird vor allem krakeelt, gepöbelt und gelogen. Aber selbst die Gegner aus dem Regierungslager müssen einräumen: die Fox-Formel hat einen hohen Unterhaltungswert. CNN oder die linksliberale Konkurrenz von MSNBC verblassen dagegen deutlich.
Man ist versucht, die Riege um Beck, O’Reilly & Co. als Spinner abzutun. Aber damit wird man ihnen nicht gerecht. Ihr Einfluss in den USA ist erheblich. Während Obamas Umfragewerte kontinuierlich sinken, steigen die Quoten von Fox News. So erschreckend das ist: Ein Fernsehsender ist auf dem besten Weg, den mächtigsten Mann der Welt aus dem Amt zu jagen.
31.08.10 14:12
Matthias Bruchmann
Vor Gott sind alle Menschen gleich...diese Erkenntnis ist allerdings vielen Menschen nicht bekannt...schade, dass Amerika noch nicht den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft hat...klar...Innovationen prägen diese Gesellschaft. Aber die Menschlichkeit bleibt leider zu oft auf der Strecke...
Ich hoffe, auch für dieses Land, dass Herr Obama aus dieser Sache heil herauskommt...und dabei ist es völlig gleichgültig, welcher Religion er angehört...Toleranz ist gefragt...
31.08.10 13:59
John Galt
Ein Buchtip für alle, die hier uninformiert daherreden (z.B. S. Westmann): Pamela Geller, The Post-American Presidency: The Obama Administration's War on America. Threshold Editions, Juli 2010.
Und mal in Penn & Tellers "Bullshit" reinschauen, dann bekommt man eine Ahnung, was es heißt, als Journalist selbst zu denken. Es soll ja tatsächlich Leute geben, die das, was bei SZ, Welt, Zeit, Spiegel, FAZ et al getrieben wird - der vielbeschworene "Qualitätsjournalismus" - für guten Journalismus halten. Propaganda wäre das bessere Wort.
31.08.10 12:31
Sönke Westmann
@Tobi Lowe: Obama ist Christ und 2008 gemeinsam mit seiner Frau aus der Kirche ausgetreten. Seit 1985 war er Mitlgied der liberalen Church of Christ.
Aber in dem Artikel geht es auch nicht um die Frage, welcher Religion Barack Obama angehört, sondern wie in den USA ein Nachrichtenkanal gefährliche Stimmung gegen eine Administration macht. Noch einmal genau lesen vielleicht?
31.08.10 12:19
Tobi Lowe
Ja wie steht es denn jetzt mit der Religionszugehörigkeit von Herrn Obama? Diese Frage ist irgendwie immer noch offen.
31.08.10 11:12
Sönke Westmann
@Volker Kleine: Habe ich die feine Ironie in Ihrem Kommentar überlesen, oder halten Sie den ultrascharfen Tea Party-Journalismus, den Fox News betreibt, tatsächlich für einen publizistisch gangbaren und fairen Weg in der politischen TV-Berichterstattung?
31.08.10 10:13
Volker Kleine
Stefan Aust sollte sich mal die Machart von Fox News angucken. So kriegt er N24 in Gang - und würde gleichzeitig Angela Merkel etwas aufmischen.

Dirk Manthey
ist Herausgeber von MEEDIA. Er hat früher die Verlagsgruppe Milchstraße ("TV Spielfilm", "MAX", "Fit for Fun") gegründet und lebt heute in Kalifornien.
03.09.10 16:33
Martin Schaft
Das in einer Demokratie Fernsehsender und Zeitungen der Machtfaktor sind ist doch nichts neues.
Deswegen gibts es ja auch das GEZ-Fernsehen und wurde nach dem zweiten Weltkrieg ganz genau geguckt wer eine Zeitung herausbringen darf und wer nicht.
Die 5 gegen Sarrazin Talkshows sprechen auch für sich.