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Dienstag 31. August 2010 08:37

20% in den USA glauben, Obama sei Muslim

Die Diffamierungs-Kampagnen der rechten Medien in den USA zeigen erstaunliche Wirkung: 20% der Amerikaner sind inzwischen überzeugt, ihr Präsident sei ein verkappter Muslim. Die Hetze und Verleumdungen der Talkshow-Stars Bill O’Reilly, Glenn Beck und Sean Hannity werden für Barack Obama zu einem immer größeren, fast unlösbaren Problem. Der Murdoch-Sender Fox News ist längst zur Propaganda-Maschine der Konservativen geworden. Amerika steht vor einem heißen Herbst.
 
"Ein Netzwerk von Fehlinformationen" sei Schuld daran, dass offenbar immer mehr Amerikaner an der Religionszugehörigkeit ihres Präsidenten zweifeln, sagte ein sichtlich müder Barack Obama am Wochenende dem NBC-Anchorman Brian Williams. "Ich kann schließlich nicht den ganzen Tag mit meiner Geburtsurkunde auf der Stirn herumlaufen."  


Am Wochenende: Obama bei NBC "Nightly News"

Wen Obama für den Urheber der „Fehlinformation“ hält, dürfte jedem klar sein: den Murdoch-Sender Fox News, der gegen die Obama-Regierung einen regelrechten "Medienkrieg" führt. Dem "Nachrichtenkanal" gelingt es immer häufiger, den Präsidenten mit übler Nachrede in Misskredit zu bringen. Mal heißt es, Obama sei Rassist. Dann, er wäre ein schlechter Patriot. Und natürlich sei er als Kind auf eine Koranschule gegangen.  

Die letzten Tage müssen für Fox News ein Freudenfest gewesen sein. In Washington demonstrierten 300.000 konservative Amerikaner für die "Rückbesinnung auf religiöse Werte". Veranstalter des Massenauflaufs zur „Wiederherstellung der amerikanischen Ehre“ war Glenn Beck, jener zornige Talkshow-Host, der auf Fox News jeden Nachmittag zwei Millionen Amerikaner mit seiner Sendung "Bold-Brash-Beck" in seinen Bann zieht. 

Dort nennt er Obama „einen notorischen Hasser der weißen Hauptfarbe“, wettert gegen "illegal aliens" und sieht die USA auf den Weg zum Sozialismus. Gerne bricht er auch vor laufender Kamera in Tränen aus, weil er Amerika so lieben und jetzt unter Obama alles den Bach runtergehen würde. Der 46jährige alte Beck, ein ehemaliger Alkoholiker, ist inzwischen der "Obereinpeitscher" der Konservativen geworden. Time Magazine hat ihm eine Titelstory gewidmet. Die Headline: "Mad Man". 


Gestern: Beck sagt in seiner Sendung „Thank you“   

Genauso wortreich ist sein Kollege Bill O’Reilly, dessen "O’Reilly Factor" seit über 10 Jahren das Flagschiff von Fox News ist. Während Beck um 17 Uhr auf Sendung geht, darf O’Reilly zur Prime Time ran. Manche nennen ihn das "Alphamännchen der polemischen Debattenkultur", andere "Americas biggest Asshole". Interview-Gegnern ruft er schon mal "Shut up" entgegen, und wenn das nicht hilft, dann weist er die Fox-Regie an: "cut his mic".  


Gestern: O’Reilly hat – welch Überraschung – Beck als Gast 

Neben Beck und O’Reilly haben sich bei Fox News noch die Moderatoren Sean Hannity and Greta van Susteren einen Namen gemacht. Auch sie haben täglich ihre einstündige Sendung, deren Hauptanliegen darin zu bestehen scheint, bei jeder Gelegenheit gegen Obama zu wettern. Assistiert werden sie dabei von den "Fox-Kommentatoren" Sarah Palin, der ehemaligen Gouverneurin von Alaska, sowie von Karl Rove, dem früheren Chefstrategen von Georg W. Bush. 

Was sich auf Fox News 24 Stunden am Tag abspielt, ist ein bizarres Schauspiel. Unter dem Sendermotto "Fair & Balanced" wird vor allem krakeelt, gepöbelt und gelogen. Aber selbst die Gegner aus dem Regierungslager müssen einräumen: die Fox-Formel hat einen hohen Unterhaltungswert. CNN oder die linksliberale Konkurrenz von MSNBC verblassen dagegen deutlich. 

Man ist versucht, die Riege um Beck, O’Reilly & Co. als Spinner abzutun. Aber damit wird man ihnen nicht gerecht. Ihr Einfluss in den USA ist erheblich. Während Obamas Umfragewerte kontinuierlich sinken, steigen die Quoten von Fox News. So erschreckend das ist: Ein Fernsehsender ist auf dem besten Weg, den mächtigsten Mann der Welt aus dem Amt zu jagen.

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Mittwoch 18. August 2010 12:37

Hyperlocals – eine Chance für Journalisten

Sie heißen „EveryBlock“, „Patch“, „Outside.in“ und  „Placeblogger“ - und sie haben eins gemeinsam. Sie geben Antwort auf die Frage: „What is happening in your neighborhood?“. Hyperlocals, heißt es, sollen die Zukunft des Lokaljournalismus sein. AOL investiert gerade 50 Mio. Dollar und will seine Online-Community Patch von momentan 100 auf 500 Ableger ausbauen. Journalisten können sich freuen, aber das Geschäftsmodell der Hyperlocals erscheint fraglich.

Vor einigen Tagen konnte man in der US-Branchenpresse lesen, dass das Boulevardblatt „Newsday“ in Long Island 34 Journalisten einstellen will – um seine Lokalberichterstattung auszubauen. Manch einer wird sich da verwundert die Augen gerieben haben. Neue Arbeitsplätze für Journalisten in Zeiten der Zeitungskrise?

In den nächsten Monaten kommt es noch besser. AOL sucht mehr als 500 Journalisten, um seine Online-Community Patch von jetzt 100 auf 500 Ableger zu erweitern. 50 Mio. Dollar hat AOL-Chef Tim Armstrong für diese Expansion bereitgestellt. Im Blickfeld hat er vor allem Gemeinden mit 15.000-75.000 Einwohnern. Jeder Patch-Seite wird von einem fest angestellten Redakteur betreut, der bis zu 10 freie Mitarbeiter beschäftigen darf.

Zusammen mit Yahoo plant die Kaffeekette Starbucks, für jeden seiner 6.800 Kaffeeshops eine eigene Webseite zu kreieren, die auf lokalem Content basiert. Diese Seite bekommt der Kunde dann zuerst zu sehen, wenn er bei Cappuccino oder Tazo Tea ins Internet gehen will. „Because we know what store you're in, we can give you hyperlocal news. We can provide you with something of value they can't get anywhere else“, sagt Adam Brotnam, Vice President von Starbucks gegenüber der Los Angeles Times.

Lokalberichterstattung liegt in den USA im Trend. Aus „All news is local“ wird im Internetzeitalter „Community first“. Grund für Time Magazine zu fragen: „Are Hyperlocal News Sites replacing Newspapers?“

Die Community-Websites funktionieren für die User denkbar einfach: man tippt seine Stadt und Straße ein und erfährt dann, wie aus einer Zeitung, ob um die Ecke ein neues Restaurant eröffnet hat, ob es einen Einbruch in der Nachbarschaft gegeben hat oder welche neuen Bauprojekte geplant sind. „A news feed for your block“ nennen die Macher diesen Service und reichern ihren meist kargen Inhalt mit Flickr-Fotos und YouTube-Videos an.

Der Vorreiter der Hyperlocals ist EveryBlock, vor 3 Jahren in Chicago gegründet, seit einem Jahr im Besitz von MSNBC. 16 Städte deckt EveryBlock inzwischen ab.

„No one claims EveryBlock represents the new face of local news in its entirety. But five minutes is enough to convince you it's a critical part.“, schreibt die Website „Straight Dope Chicago“. Und die Chicago Magazine meint: „So far, the site seems to be beating local newspapers in finding an innovative way to give citizens timely, relevant, hyperlocal information with relatively light manpower.“

Ein anderes interessantes Lokal-Projekt ist Outside.in, das sich als „leading hyperlocal content platform“ bezeichnet und angeblich 50.000 US-Communities erreicht. Unter den Investoren, die 7,5 Mio. Dollar aufgebracht haben, befindet sich die bekannte Venture Capital-Firma Union Square Ventures sowie CNN. Allerdings veröffentlich Outside.in keinen eigenen Content, sondern sammelt lediglich lokale Artikel und Blogeinträge und scannt sie nach Orten.

Ansehen sollten sich deutsche Medieninteressierte auch einmal TwitZip, eine Art „Hyperlocal Twitter“. Das Unternehmen ist gerade mit Outside.In eine Kooperation eingegangen.

Bei aller Euphorie nach "Hyperlocalnews" bleibt die Frage aller Fragen: kann man damit Geld verdienen? Laut Businessmagazin „Fast Company“ wartet auf diese Sites in den USA angeblich ein lokaler 100 Milliarden-Anzeigenmarkt.  

Alle diese Startups träumen von „precision targeted advertising for small businesses“, aber es dürfte ein langer Weg sein, bis man den Blumenhändler um die Ecke davon überzeugen kann, Werbung auf Hyperlocal-Seiten im Internet zu machen.

“When you slice further and further down, you get smaller and smaller audiences,” sagt Analyst Greg Sterling. “Advertisers want that kind of targeting, but they also want to reach more people, so there's a paradox.”

Die eigentliche Frage dürfte sein: schaffen es die Hyperlocals, auf Dauer einen so interessanten Inhalt zu bieten, dass die User diesen Service wirklich annehmen? Ich bin da skeptisch.

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Dirk Manthey
ist Herausgeber von MEEDIA. Er hat früher die Verlagsgruppe Milchstraße ("TV Spielfilm", "MAX", "Fit for Fun") gegründet und lebt heute in Kalifornien.

 

 

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