Diesseits und jenseits vom Atlantik ähneln sich die Bilder: Während Gruner+Jahr gerade mal wieder eine Entlassungswelle durchzieht, hört man aus New York, dass auch Time Inc., der größte Zeitschriften-Verlag der Welt nächste Woche Kündigungen im großen Stil aussprechen wird. Bereits 2008 mussten 600 der 9000 Time Inc-Angestellte gehen. Warum die Konzerne dabei ihre Kündigungen in Etappen präsentieren und so über längere Zeit das Haus mit negativen Schlagzeilen lähmen, ist für Außenstehenden schwer verständlich.
„It is a guessing game. It changes week to week and nothing is final yet“, sagen Insider über die bevorstehende neue Kündigungswelle bei Time Inc, die den „leading magazine publisher in the world“ seit Monate in Atem hält. Als sicher gilt, dass man mindestens 100 Millionen Dollar sparen will, wobei es heißt, der Konzern habe seit 2004 seine Kosten schon rund um 800 Millionen Dollar reduziert.
Dazu muss man wissen, dass das von der legendären Ann S. Moore geleitete Verlagsgeschäft von Time Inc. in drei Divisions eingeteilt ist:
- NEWS: „Time“, „Fortune“, „Money“ and „Sports Illustrated“
- ENTERTAINMENT: „People“, „Instyle“, „Entertainment Weekly“
- LIFESTYLE: „Real Simple“, „Coastal Living“
Während die Entertainment-Sparte dank „People“ und „InStyle“ nach wie vor exzellente Ergebnisse schreibt und sich auch die Lifestyle-Objekte langsam erholen, tut sich vor allem die News-Division schwer. Die Entlassungen werden deshalb vor allem hier erwartet. Bei „Time“, aber auch beim Wirtschaftsblatt „Fortune“ sieht die Lage traurig aus. Die Umfänge sind wegen des schwachen Anzeigengeschäfts auf ein Minimum geschmolzen, und „Fortune“ hat gerade bekanntgegeben, dass man statt 26 in Zukunft nur noch 18 Ausgaben im Jahr herausbringen wird.
Um 19%, so schätzen Analysten, dürften im 3. Quartal dieses Jahres die Umsätze von Time Inc. gefallen sein. Damit dürfte klar sein, dass der Konzern die letztjährigen Umsätze um die 5 Mrd. Dollar nicht erreichen wird. Nach drei Quartalen steht man bei rund 3,6 Mrd. Dollar.
Es ist kein Geheimnis, daß sich der Mutter-Konzern Time Warner (CNN, AOL, Warner Brothers) eigentlich gerne vom „perspektivlosen“ Zeitschriften-Geschäft trennen möchte, wenn man denn dafür einen vernünftigen Preis erzielen könnte. Insider meinen, es könne nicht einfach werden, überhaupt einen ernsthaften, solventen Käufer für den Gesamtverlag zu finden. Einzeltitel wie „People“ und „InStyle“ lassen sich problemlos verkaufen, aber was passiert dann mit Rest? Wer bindet sich heute im Internet-Zeitalter noch einen Verlag mit ein paar tausend Angestellten und diversen Personal- und Abo-Verpflichtungen ans Bein?
Das Problem von Time Inc. ist, dass man für die Print-Marken – ähnlich wie G+J in Deutschland – bisher keine griffige Digital-Strategie gefunden hat. Zwar zeigt die Schwester-Company AOL inzwischen sehr interessante Web-Ansätze, aber die Verlängerung der Print-Marken ins Internet hat bei Time Inc. bisher nur enttäuschende Ergebnisse gebracht. So ist zwar Time.com eine ordentlich gemachte Website, aber es fehlt an innovativen Ideen. Im Vergleich zur Konzernwebsite von CNN hinkt man deutlich zurück, wie ein Blick beim Marktforschungs-Institut Compete zeigt.
Erstaunlicher Weise scheint man in den USA von Redaktions-Fusionen, in Deutschland laut VDZ ein „Mega-Trend“, wenig zu halten. Das dürfte aber vor allem daran liegen, dass in den USA die Verlage und Redaktionen weniger straff organisiert sind als in Deutschland. Das macht es schwierig, dort kostensparende Kooperationen durchzuziehen wie es G+J bei der Wirtschaftspresse mit Erfolg vorgemacht hat.
Eine gewisse Hoffnung setzt man bei Time Inc. auf einen sog. „Online-Kiosk“, ein Gemeinschaftsprojekt mit Hearst und Condé Nast, das Magazininhalte auf digitale Lesegeräten transportieren soll. Wer sich allerdings einmal eine Zeitschrift auf dem Kindle angesehen hat, kann sich einen Erfolg dieses Projektes schwer vorstellen. Vielleicht bringt der neue Apple-Tablet Computer, der Anfang 2010 kommen wird, bessere Perspektiven.
Unverständlich bleibt, warum sich bei Time Inc. die Entlassungen so lange hinziehen. Und warum die Verlagsspitze nicht konsequenter kränkelnde Objekte wie z.B. „Entertainment Weekly“ vom Markt nimmt. Ganz offensichtlich traut man sich noch immer nicht, einen klaren Cut zu machen. Das führt aber dazu, dass das Haus nicht zur Ruhe kommt und ständig negative Schlagzeilen produziert. Von einer Vorwärtsstrategie ist weit und breit nichts zu sehen.
In den USA scheint sich immer mehr die Erkenntnis durchzusetzen: die beste Zeit der großen Medien-Konzerne ist vorbei. Die Zukunft liegt in kleineren, unabhängigen, schnellen Einheiten.
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Überall in der Welt geht es Zeitschriften nicht sonderlich gut. In den USA geht es ihnen noch etwas schlechter: die Auflagen sind im Keller, das Anzeigengeschäft wird von der Rezession geschüttelt. Gestern hat Conde Nast bekannt gegeben, dass man gleich vier Zeitschriften einstellen werde. Und weitere Pleiten dürften folgen. Gefährdet erscheinen selbst die prominenten News-Magazine wie „Time“ und „Newsweek“. Dagegen machen die großen Monatstitel wie „InStyle“ und „GQ“ einen krisensicheren Eindruck.
„We’re all stunned, sad“, twitterte gestern Ruth Reichl, die Chefredakteurin von „Gourmet“, immerhin der ältesten Food-Zeitschrift des Landes, die fast eine Million Exemplare verkaufte. Kurz davor hatte Condé Nast-CEO Charles Townsend die Schließung von gleich vier Condé Nast-Zeitschriften bekanntgegeben. Neben Gourmet traf es noch die beiden Hochzeitszeitschriften „Modern Bride“, „Elegant Bride“ und das Familienmagazin „Cookie“. Sie alle erleiden das gleiche Schicksal wie „Portfolio“, dem ehrgeizigen Wirtschaftsblatt, das Condé Nast unter dem 81-jährigen Verleger S.I. Newhouse Jr. nach nur zwei Jahren mit über 100 Millionen Verlust vom Markt nahm.
Die US-Verlagsbranche wird zur Zeit von einem Tiefschlag nach dem anderen getroffen. Vor einigen Tagen ließ die Meldung aufhorchen, dass Time-Warner, bis vor kurzem noch der größte Medienkonzern der Welt, sein Printgeschäft verkaufen wolle. Das verriet der Geschäftsführer einer großen Fond-Gesellschaft, die an Time Warner Anteile hält. Zwar dementierte TimeWarner-Boss Jeffrey Bewkes ein wenig später, aber das kann auch ein taktischer Zug gewesen sein, um die Anzeigenkunden zu beruhigen. Denn schon seit Jahren wird darüber spekuliert, dass der Konzern irgendwann ohne seinen Namensgeber da stehen könnte.
Wenn man die aktuellen Ausgaben der US-Nachrichtenmagazine durchblättert, kann man verstehen, warum die Verlage langsam die Lust am Zeitschriften-Geschäft verlieren:
– „Time Magazine“ (Verlag TimeWarner) hat diese Woche gerade einmal 70 Seiten Umfang (davon 16 Anzeigenseiten)
– Konkurrent „Newsweek“ (Verlag: Washington Post Company) kommt sogar nur auf 64 Seiten Umfang (davon 21 Anzeigenseiten)
– Das wöchentliche Wirtschaftmagazin „BusinessWeek“ (McGraw Hill) liegt bei 84 Seiten Umfang (davon 28 Anzeigenseiten)
Sicher, die US-Wochenmagazine waren immer deutlich dünner als in Deutschland „Stern“ oder „Spiegel“. Aber bei Umfängen von 60 bis 80 Seiten auf schlechtem Papier sollte man sich nicht wundern, wenn bald auch die letzten Käufer wegbleiben. Eigentlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Verlage die Notbremse ziehen. „BusinessWeek“ steht ja schon offiziell zum Verkauf – und das ehemalige Wochenmagazin „US News & World Report“ gibt es nur noch im Internet.
Die großen Monatsmagazine dagegen sehen hier in den USA erfreulicher Weise überhaupt nicht nach Krise aus. Die Oktober-Ausgabe von „InStyle“ hat 350 Seiten Umfang, Vanity Fair“ kommt auf 224 Seiten, „GQ“ liegt bei 232 Seiten, „Esquire“ bei 186 Seiten, „Architectual Digest“ immerhin 162 Seiten. Alle diese Titel dürften die nächsten Jahre ungefährdet überstehen.
Während in Deutschland die Wochenmagazine „Stern“ und „Spiegel“ die Aushängeschilder der Branche sind, sieht es in den USA genau umgekehrt aus: hier hat man das Gefühl, die Zukunft der Zeitschriften liegt in der monatlichen Erscheinungsweise. Die Wochentitel dagegen stehen vor dem Aussterben...
Andere Länder, andere Trends.
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Dirk Manthey
ist Herausgeber von MEEDIA. Er hat früher die Verlagsgruppe Milchstraße ("TV Spielfilm", "MAX", "Fit for Fun") gegründet und lebt heute in Kalifornien.
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