Während überall die Auflagen sinken, gibt es eine Zeitschrift, die stetige Zuwächse verzeichnet: das britische Nachrichten-Magazin „The Economist“. Gerade wurde es vom Werbefachblatt „Adweek“ auf Platz 1 seiner diesjährigen „Hot-List“ gesetzt. Dabei hat die Zeitschrift einen Look, der auf den ersten Blick so gar nicht ins Internet-Zeit passt - aber das täuscht. Deutsche Medienmacher sollten sich „The Economist“ einmal genauer ansehen.
Es sind weltweit keine leichten Zeiten für Zeitschriften. Das gilt auch und besonders für Nachrichten-Magazine. In den USA fallen z.B. die Auflagen von „Time“ und „Newsweek“ und auch deren Anzeigengeschäft kennt nur eine Richtung: nach unten. In Deutschland hat der „Spiegel“, wie ein Blick in den MEEDIA-Analyzer zeigt, in den letzten 5 Jahren 24% im Einzelverkauf verloren, „Focus“ sogar 42%. Eigentlich könnte man denken, die Nachrichten-Magazine haben ihre beste Zeit hinter sich...
Aber es gibt eine Ausnahme, und die kommt aus England: „The Economist“ hat in den letzten 10 Jahren fast 100% an Auflage zugelegt! Dabei arbeitet das vom Layout schlicht gehaltene, ruhig wirkende Blatt mit einer sehr anspruchsvollen Redaktionsformel: es bringt analysierende, lange Artikeln aus einem globalen Blickwinkel. Viel Text, wenig Fotos. Und hat eine ausgesprochen defensive „Verkaufe“: kleine Headlines und kurze Vorspänne. Das alles wirkt wie eine Gegenbewegung zu den schnellen, oberflächlichen Internet-News.
Das 1843 gegründete liberale Wochenblatt, an dem die „Financial Times“ mit 50% beteiligt ist, bezeichnet sich selbst als „Newspaper“. Schwerpunkt der Berichterstattung sind Politik, Business und Finanzen. Das Blatt über sich selbst: „The Economist considers itself the enemy of privilege, pomposity and predictability“.
Wie früher beim „Spiegel“ so findet man heute noch im „Economist“ kaum eine Autorenzeile. „Many hands write The Economist, but its speaks with a collective voice. The main reason for anonymity, however, is a belief that what is written is more important than who writes it“.
Der Economist hat inzwischen weltweit eine Auflage von fast 1,4 Mio. Exemplare, von denen 786.000 in den USA, 426.000 in Europa und 133.000 Exemplare im asiatisch-pazifischen Raum verkauft werden. Der Langfrist-Trend ist beeindruckend:
Diese Entwicklung kommt in einer Zeit, in der die Konkurrenz – speziell in den USA – kontinuierlich ihre Garantieauflage für die Anzeigenkunden zurücknimmt:
2006 2007 2008 2009
Time 4,0 Mio. 3,2 Mio. 3,2 Mio. 2,6 Mio.
Newsweek 3,1 Mio. 3,1 Mio. 2,6 Mio. 1,9 Mio.(ab Juli)
Economist 0,5 Mio. 0,6 Mio. 0,7 Mio. 0,8 Mio.
Angesichts dieser Zahlen ist es wenig verwunderlich, dass sowohl „Time“ wie auch „Newsweek“ ihre Ausrichtung immer mehr dem „Economist“ anpassen. Die Chefredakteure Jon Meacham („Newsweek“) und Richard Stengel („Time“) sprechen fast unisono von einer „transition from newsmagazine.... to a thought leader“. Sie wollen also weniger schnelle Nachrichten, dafür aber mehr analysierende, längere Hintergründe ins Blatt bringen, wie es eben „The Economist“ vorexerziert.
Auch der einen oder anderen Zeitschrift in Deutschland sollte der Auflagenerfolg vom Economist zu denken geben. Vielleicht erwarten Internet-User von einer Zeitschrift ja gar keine kurzen Lesehäppchen, schnelle Infographiken und reisserischen Verkäufe mehr. Vielleicht suchen sie im Print eher das Kontrastprogramm zum Web. Auch der Erfolg der „Zeit“ könnte dafür ein Beleg sein.
Ich finde, „Adweek“ hat recht: „The Economist“ ist die Zeitschrift des Jahres. Sie beweist, dass es auch heute noch faszinierende Printprodukte geben kann.
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Kategorie: Print
Alle reden über die Zeitungskrise. Dabei wird leicht übersehen, dass es den Zeitschriften nicht viel besser geht. Bei den meisten Magazinen gehen Auflagen und Anzeigengeschäft kontinuierlich zurück, häufig jährlich sogar im zweistelligen Prozentbereich. Wie die Zeitungen kämpfen auch die Zeitschriften ums nackte Überleben. Verständlich, dass man in solchen Zeiten alles probiert. Der jüngste Trend in den USA ist es dabei, Werbung direkt auf der Titelseite zu integrieren.
Wie das aussieht, zeigt der April-Titel der Zeitschrift „Parent & Child“. Dort erscheint in der unteren rechten Ecke, dezent layoutet, Werbung für einen Foto-Service mit Namen „Smilebox“:
Um auf die Cover-Page zu kommen, hat Smilebox ein Anzeigenpaket über mehrere Ausgaben im Werte von 154.000 Dollar kaufen müssen. Wie der Parent & Child-Verlag mitteilt, will man die Titelseite auch in Zukunft nur im Paket mit Werbung im Heft anbieten. Für die Mai-Ausgabe hat man bereits einen entsprechenden Deal mit Nestle abgeschlossen.
Etwas dezenter als Parent & Child ist das Männer-Magazin „Esquire“ vorgegangen. Im Februar war dort ein Teil des Obama-Titelbildes aufklappbar. Auf der Rückseite dieser Klappers gab es Werbung für den Discovery-Channel. Das sah so aus:
Für diese Werbung hat der Hearst-Verlag, der Esquire herausbringt, einen Paket-Preis von 250.000 Dollar kassiert. Enthalten war darin auch eine Anzeige im Heftinneren. Allerdings dürfte die Herstellung des Titel-Klappers nicht billig gewesen sein. Im Juni will Esquirer dieses Experiment wiederholen. Diesmal will man ein „Pull Tab“ auf dem Titel integrieren. Auf einen aufziehbaren Streifen soll eine Werbung für BMW stehen.
Wie immer, wenn neue Wege beschritten werden, gibt es Bedenkenträger. Und die kommen in diesem Fall von Seiten des Verbandes. Eigentlich schreibt nämlich die American Society of Magazines Editors (ASME) vor, dass Zeitschriften-Titel doch bitte schön werbefrei sein sollen. In den Richtlinien heisst es: “The front cover and spine are editorial space. Companies and products should appear on covers only in an editorial context and not in a way that suggests advertisement”.
Erstmals Werbung auf der Titelseite aufgenommen hat seit kurzem auch die New York Times. “Display Ads” nennt die Zeitung dabei in ihrer Ankündigung den unteren Streifen, den man für Werbung reserviert. Und das sieht so aus:

Meine Meinung: Die Verlage tun sicherlich gut daran, neue Wege zu gehen, um für die werbungstreibende Wirtschaft attraktiver zu werden. Die Zeiten sind einfach zu hart, als dass man lange Diskussionen über althergebrachte Konventionen führen sollte. Natürlich müssen die Verlage behutsam und mit Fingerspitzen-Gefühl vorgehen. Aber alle 3 Fälle – “Parent & Child”, “Esquire” und “New York Times” – zeigen, wie man geschickt Werbung auf der Titelseite integrieren kann. Wenn die Verlage so Arbeitsplätze retten können, wären sie dumm, diese Chance nicht zu nutzen – auch in Deutschland!
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Kategorie: Print
Morgen dürfte ein historischer Tag in der US-Mediengeschichte werden: Zum ersten Mal wechselt eine größere Zeitung komplett vom Print ins Internet. Nicht unerwartet hat der Hearst Konzern bekannt gegeben, dass der „Seattle Post-Intelligencer“ nach 146 Jahren nicht mehr in gedruckter Form erscheint, sondern ab Mittwoch nur noch online publiziert wird. „Seattle PI“ wird damit „the nation’s largest daily newspaper to shift to an entirely digital news product“. 140 der 180 Mitarbeiter müssen gehen.
„Tonight will be the final run, so let’s do it right. It is a hard day for all of us“, sagte Chefredakteur Roger Oglesby gestern einer deprimierten Redaktion. Rund 140 der 180 Angestellten verlieren ihren Job. Die Online-Ausgabe soll gerade einmal von 20 Redakteuren gestemmt werden, weitere 20 Stellen bleiben im Verlag erhalten. Oglesby Ansprache kann man hier im Video sehen:
Im vergangenen Jahr hatte die Hearst-Gruppe mit dem „Seattle PI“ 14 Mio. Dollar verloren, die Auflage betrug zuletzt 117.000 Exemplare. Als einzige Zeitung in der Metropole vom Bundesstaat Washington bleibt damit die „Seattle Times“ übrig, die ebenfalls tief in den roten Zahlen steckt. Trotz eines Verkaufs von 199.000 Exemplaren gilt ihr Überleben als unsicher. Die privat gehaltene Times hatte in den letzten Jahren bereits über 500 Stellen (!) abgebaut.
Hearst-Zeitungsvorstand Steven R. Swartz sagte, die Seattle PI-Website solle mehr werden als „just a newspaper online. It’s an effort to craft a new type of digital business with a robust, community news and information Web site at its core“. Ganz offensichtlich setzt man bei der Website auf Blogs, lokale Nachrichten – und aufs Verlinken. Insider erwarten deshalb eine Art „Huffington Post“. Zur Zeit sieht die PI-Website, die 1,8 Mio. Unique Visitors hat, allerdings noch wenig innovativ und ziemlich langweilig aus.
Wie dieses Experiment die nächsten Monate weitergeht, dürfte nicht nur in den USA für großes Interesse sorgen. Auf der einen Seite spart die PI jetzt enorme Kosten. Es fallen nicht nur 140 Stellen weg, sondern auch die hohen Druck- und Vertriebskosten. Auf der anderen Seite dürfte es, besonders in der momentanen Zeit, nicht ganz einfach werden, für eine Website Werbung zu verkaufen. Die „Seattle PI“ wird deshalb zum Testfall für eine ganze Branche.
Meine Meinung:
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Kategorie: Internet
There a bad news, and there are worse news. Manche dieser Zeitungen, die wir heute vorstellen, leben zwar noch ein bißchen, sind aber eigentlich schon tot. So wie die “Seattle PI” oder der “San Francisco Chronicle”. Die “Rocky Mountain News” hat die Einstellung schon hinter sich. Ein Modell mit Zukunft hat der “Christian Science Monitor” gefunden, der ab April wochentags auf die Print-Ausgaben verzichtet, dafür aber online weitermacht.
Seattle PI: Einstellung in den nächsten Tage, dann nur noch Internet
Die 170 Angestellten zittern. Schon in dieser Woche werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Job verlieren. 146 Jahre ist die “Seattle PI” alt. 14 Millionen Dollar hat sie 2008 Verlust gemacht, in diesem Jahr würden es wegen der Rezession deutlich mehr werden. Soweit will es der Hearst Konzern nicht kommen lassen. Deshalb hatte man Anfang des Jahres angekündigt, es gäbe drei Optionen:
1) Seek a buyer. Man versucht 2 Monate lang, einen Käufer zu finden
2) Go Digital. Man bringt die Zeitung nur noch im Web heraus
3) Close. Die“Seattle PI” wird endgültig geschlossen, sowohl im Print wie auch im Web. Die 2 Monate sind um, bis heute ist die Suche erfolglos geblieben. Das ist wenig überraschend. Wer bindet sich im Internet-Zeitalter auch noch eine Zeitung ans Bein?
Nun hat Hearst angekündigt, die Angestellten-Verträge zwischen 18. März und 1. April auslaufen zu lassen. Immerhin haben einige wenige Mitarbeiter in den letzten Tagen “provisional offers” erhalten, eine Internet-Only-Version der Zeitung zu produzieren. Deshalb spricht vieles dafür, dass die “Seattle PI” zumindestens im Internet fortgeführt wird. Dann aber wohl nur noch mit einem Miniteam von etwa 20 Mann.
San Francisco Chronicle: eine Großstadt ohne eigene Zeitung?
San Francisco könnte die erste Großstadt der USA werden, die bald keine eigene Zeitung mehr hat. Der Hearst Verlag verliert zur Zeit mit dem “San Francisco Chronicle” nämlich rund eine Million Dollar pro Woche, also 50 Millionen Dollar im Jahr! Und das ist selbst für einen potenten Konzern wie Hearst (“Cosmopolitan”, “Esquire”) viel zu viel Geld, zumal ja auch das Zeitschriften-Geschäft schlecht läuft.
Zwar hatte die Gewerkschaft, die California Media Worker Guild, Mitte letzter Woche weitgehende Zugeständnisse, wie längere Arbeitszeiten, weniger Urlaub und schlechteren Kündigungsschutz, gemacht, trotzdem werden jetzt wohl zunächst 150 Jobs gestrichen. Viele zweifeln daran, ob damit der “Chronicle” wirklich gerettet werden kann.
Rocky Mountain News: im Februar eingestellt
16 Millionen Dollar hatte der E.W.Scripps Verlag im letzten Jahr mit der zehntgrößten Zeitung des Landes verloren. So ist die “führende Stimme von Denver”, die älteste Zeitung im Staate Colorado, am 26. Februar eingestellt worden. Für immer. Nur 55 Tage vor dem 150. Geburtstag. Man sei Opfer der großen Wirtschaftskrise geworden, erklärte Verlagschef Rich Boehne.
Auch die Internet-Seite wird nicht fortgeführt, sie wirkt heute wie ein Grabstein. “It is with great sadness that we say goodbye to you today”, steht dort. Dazu gibt es eine Foto-Slideshow von dem Moment, als die Angestellten von ihrem Schicksal erfuhren. Das sieht alles sehr professionell und gut gemacht aus, aber was hilft es?
The Christian Science Monitor (Auflage: 52.000):
Schon Ende letzten Jahres hat die überregionale “The Christian Science Monitor” aus Boston verkündet, dass man ab April die tägliche Druckausgabe einstellen und nur noch einen Internetauftritt und ein Sonntagsmagazin produzieren werde.
“The Christian Science Monitor” ist eine sehr renommierte Zeitung, über 100 Jahre alt, die viele Pulitzer-Preise gewonnen hat. Sie ist eine Publikation der “First Church of Christ”, ist aber keine religiöse Zeitung im engeren Sinne. Die Auflage betrug in besten Zeiten mal 200.000 Exemplare, zuletzt sind davon nur 50.000 übrig geblieben. Dafür haben sich die Verluste aufgetürmt. Im letzten Jahr waren es 19 Millionen Dollar.
Erstaunlich ist, dass von den 130 Mitarbeitern, davon 100 in der Redaktion und 30 im Verlag, nur wenige gehen sollen. “We have the luxury – the opportunity – of making a leap that most newspaper will have to make in the next five years”, sagte John Yemma der Chefredakteur. “Everybody’s talking about new models. This is a new model”.
Bisher wird die recht brave Website nur rund 3 Millionen mal im Monat angesteuert. Diese Zahl will man in den nächsten Jahren auf 20-30 Millionen Visits erhöhen.
Weitere Titel, die wohl nicht überleben werden
Gannett, der größte Zeitungsverlag der USA, wird wohl Ende März “The Tuscon Citizen” schließen. In Philadelphia, immerhin einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, sind gleich beide Zeitungen bankrott. Sowohl der “Inquirer” als auch die “Daily News” stehen unter “Restructuring Protection”. Ebenfalls unter “bankruptcy protection” stehen “The Star Tribune” aus Minneapolis und “The New Haven Register”. McClatchy, der Verleger der “Miami Herald”, “Sacramento Bee” und “Anchorage Daily News” hat gerade ankündigt, 1600 Jobs zu streichen. Auch um die McClatchy-Zeitungen gibt es deshalb viele Gerüchte.
In der letzten Woche brachte die “New York Times” auf der Titelseite (!) einen großen Bericht: “As Cities Go From Two Papers to One, Talk of Zero” zur Zeitungskrise. Das große Sterben der Tageszeitungen hat erst begonnen, die Todesliste wird noch deutlich länger werden.
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Kategorie: Print
In dritten Teil unserer Serie über die “US-Zeitungskrise” schauen wir auf die Plätze 7-10 der größten Zeitungen des Landes. Dabei ist ein Blatt, das in 3 Jahren fast 800 Mio. Dollar verloren hat, wenigstens auf dem Papier. Auch ansonsten sieht es ziemlich traurig aus: die Stichworte heißen einmal mehr rote Zahlen, hohe Abschreibungen und Insolvenz.
7) The New York Post (625.000 Verkauf): seit Jahren rote Zahlen
Das Boulevard-Blatt von Rupert Murdoch hat sich lange Zeit heftige Auflagenschlachten mit “The Daily News” geliefert – und ist dabei meistens Zweiter geblieben. Aber nicht nur das, der “New York Tabloid War” hat auch dazu geführt, dass die “Post” tief rote Zahlen schreibt, und das seit vielen Jahren. Bisher war Murdoch bereit, 50 Mio. Dollar p.a. zu tragen. Die “New York Post” verlieh ihm in der wichtigsten Stadt der USA viel Macht. Und - er konnte sich die Verluste leisten. Aber die Zeiten haben sich geändert, inzwischen muss auch ein Murdoch aufs Geld schauen. Hinzu kommt, dass für ihn die “Post” heute nicht mehr den Stellenwert hat wie früher. Murdoch hat ein neues Spielzeug: das “Wall Street Journal”.
Hinter den Kulissen laufen deshalb Kooperationsgespräche mit dem Rivalen “The Daily News” und “Newsday”. Die Zukunft der “Post” als eigenständige Zeitung gilt als ungewiss - allen gegenteiligen Beteuerungen der Verleger zum Trotz.
8) Chicago Tribune (541.000 Verkauf): insolvent
Das Schicksal der 1847 gegründeten “Chicago Tribune” ist eng mit dem der “LA Times” verbunden, beide Zeitungen gehören nämlich zum gleichen Verlag. Und insofern hängt jetzt alles davon ab, wie es im Insolvenzverfahren der Tribune Gruppe weitergeht. Ein Konkurs des Blattes, das sich einst “The World’s Greatest Newspaper” nannte, ist deshalb nicht auszuschließen.
Das hat die “Chicago Tribune” aber nicht daran gehindert, im Januar ein interessantes Experiment zu starten: während die Zeitung an Abonnenten weiterhin im Normalformat (Broadsheet) versandt wird, geht sie in einem neuen, kleineren “Tabloid”-Format in den Einzelverkauf.
Damit wiederholt die Zeitung den Schritt, den die Londoner “Times” 2004 vorexerziert hat: sie ist eine gewisse Zeit in zwei Formaten erschienen, um die Leserreaktion zu testen. Am Ende hat sich bei der Times das lesefreundlichere Tabloid-Format durchgesetzt. So wird es wohl auch bei der “Chicago Tribune” sein - wenn sie denn noch die nächsten Jahre erscheint.
9) Houston Chronicle (494.000 Verkauf): großes Zittern
Der “Houston Chronicle” ist die größte Tageszeitung von Texas. Sie gehört zum Hearst-Konzern, einem der großen Medienkonzerne des Landes, der nicht nur bekannte Zeitschriften wie “Esquire” oder “Cosmopolitan” herausgibt, sondern auch 16 Zeitungen. Den “Hoston Chronicle” hat Hearst 1987 für stolze 400 Mio. Dollar gekauft.
Hearst ist die letzten Monate wegen seiner Zeitungsprobleme in die Schlagzeilen gekommen: zum einen hat der Konzern im Januar bekanntgegeben, dass man sich zwei Monate Zeit geben wollte, für das “Seattle PI” (128.000 Verkauf) einen Käufer zu finden. Seitdem ist nichts passiert. Jetzt rechnet man damit, dass die “Seattle PI” in Kürze nur noch im Internet erscheint.
Ähnliches hat Hearst im Februar in San Francisco verkündet: wenn dort das Sparprogramm nicht fruchtet, will man den “San Francisco Chronicle”, mit 339.000 verkauften Exemplaren die zwölfgrößte Zeitung des Landes, verkaufen, bzw. einstellen. Und das, obwohl man vor ein paar Jahren noch 600 Mio. Dollar dafür gezahlt hatte. Heute macht sie über 50 Mio. Dollar p.a. Verlust…
Auch der Hearst-Zeitung “Houston Chronicle” geht es nicht gut. Nachdem man in den letzten Jahren bereits über 400 Redakteurstellen abgebaut hat, ist man gerade dabei, die Mannschaft nochmal um 10% zu reduzieren. Nun geht in Houston die Furcht um, demnächst werde man Ankündigungen wie in San Francisco und Seattle hören.
10) Newsday (380.000 Verkauf): Atemberaubende Abschreibungen!
Das sind Zahlen, die einem den Atem stocken lassen: Weltrekord-verdächtige 778 Mio. Dollar hat “Newsday” von 2005-2007 verloren, zumindestens auf dem Papier. Trotzdem hat die Zeitung 2008 einen Käufer gefunden. Und noch dazu jemand, der für sie unglaubliche 650 Mio. Dollar bezahlt hat!
Aber der Reihe nach: “Newsday” ist ein Tabloid, das die Region von Long Island und den New Yorker Vorort Queens bedient. Im Gegensatz zu Rupert Murdochs “Post” oder Mort Zuckerman “Daily News” ist sie aber weniger boulevardesk und blutig, sondern gilt als seriös. 19 Pulitzer-Preise sprechen eine deutliche Sprache.
Bis 2008 gehörte “Newsday” zum maroden Tribune Konzern (“LA Times”, “Chicago Tribune”). Als Tribune-Eigner Zell die Zeitung zu Geld machen musste, hatte er das Glück, dass sich gleich drei Interessenten gegenseitig überboten: Murdoch mit seiner “Post”, Zuckerman mit seinem “Daily News” und die Cablevision Gruppe, einer der großen Kabelnetz-Betreiber des Landes.
Im letzten Jahr machte “Newsday” fast 500 Mio. Dollar Umsatz – und heftige Verluste. Auf dem Papier betrugen die roten Zahlen 414 Mio. Dollar für 2005, 280 Mio. in 2006 und 81 Mio. in 2007, aber hier sind einmalige Abschreibungen auf den Wert der Zeitung enthalten.
Den Zuschlag für “Newsday” erhielt schließlich Cablevision, die mit einem Angebot von 650 Mio. alle anderen Interessenten überboten. Die US-Medienszene verstand die Welt nicht mehr: zum einen konnte keiner nachvollziehen, warum sich ein Kabelnetz-Betreiber unbedingt eine Zeitung ans Bein binden musste, zum anderen erschien der Preis von 650 Mio. Dollar total überhöht.
Letzte Woche ging nun durch die Presse, dass Cablevision beabsichtige, Teile der Newsday-Website kostenpflichtig zu machen. Verleger Tim Knight sprach davon, man sei “in the process of transforming Newsday’s Web site into an enhanced, locally focused cable service”.
Dass der neue Eigentümer über den Kauf längst höchst unglücklich ist, kann man Gerüchten entnehmen, dass alle drei New Yorker-Tabloids – “Post”, “The Daily News” und “Newsday” – zur Zeit über Kooperationen, bzw. sogar einem Merger verhandeln.
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Im nächsten Teil unserer Serie beschäftigen wir uns mit US-Zeitungen, die kurz vor dem Aus stehen, bzw. vor kurzen das Zeitliche gesegnet haben, wie z.B. die „Rocky Mountain News“ oder den „San Francisco Chronicle“.
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Kategorie: Print
Im ersten Teil der Bestandsaufnahme vom US-Zeitungsmarktes haben wir die drei überregionalen Tageszeitungen vorgestellt, die trotz Krise alle Chancen haben zu überleben. In Teil zwei stellen wir Platz 4 - 6 der größten Zeitungen des Landes vor – und bei ihnen erscheint das Überleben eher unsicher. Besonders erschreckt der Niedergang der einst so stolzen “Los Angeles Times”. Aber es ist auch überraschend, dass ein renommiertes Quality-Paper wie die “Washington Post” zum Sorgenkind geworden ist.
4) Los Angeles Times (739.000 Verkauf): insolvent
Die 1881 gegründete “LA Times” ist die viertgrößte Tageszeitung der USA. Sie hat etliche Pulitzer-Preise gewonnen und war lange Zeit eine der angesehendsten Presse-Institutionen des Landes..
Bis zum Jahre 2005 war für die “LA Times” die Welt noch in Ordnung. Sie hatte 1 Mio. verkaufte Auflage, beschäftigte 1200 Redakteure und bescherte der Tribune Company einen ordentlichen Gewinn. Aber dann ging es steil bergab. Die Auflage bröckelte, Herausgeber und Chefredakteur mussten gehen, in der Redaktion wurden Stellen abgebaut.
Im August 2007 wurde die Tribune Gruppe, zu der auch die “Chicago Tribune” gehört, schließlich an den Multimilliardär und Immobilienunternehmer Sam Zell verkauft. Er zahlte auf dem Papier 8,2 Milliarden Dollar, brachte aber das Kunstück fertig, davon selbst nur 300 Mio. Dollar beisteuern zu müssen. Den Rest lud er einfach den Angestellten auf, die mit ihren Pensionskassen bürgen mussten.
Weil die Zeiten für Zeitungen immer schlechter wurden, musste Zell ein rigides Sparprogramm durchziehen: die Redaktion wurde nochmal um 30% verkleinert und der Umfang der LA Times deutlich zurückgefahren. Aber all das reichte nicht: im Dezember letzten Jahres musste die Tribune Company schließlich Insolvenz anmelden. Unter dem Gläubigerschutz nach “Chapter 11” geht der Zeitungsbetrieb zwar vorerst weiter, aber manche Beobachter sehen die LA Times in diesem Jahr endgültig in den Konkurs gehen. Für die 660 Redakteure gibt es seit letzter Woche eine neue Hoffnung: Gerüchteweise hört man, dass Rupert Murdoch Interesse hat, die einst große Zeitung aus Los Angeles zu übernehmen.
Recht erfolgreich hat sich die Website entwickelt, die mit 11 Mio. Unique Visitors nach der “New York Times” die Nummer 2 im Land ist. Manche Leute aus dem Umfeld vom Verlag behaupten, die Werberlöse der LA-Times-Website würden sogar ausreichen, die Redaktionskosten für Print und Online zusammen zu decken. Unsinn, sagen US-Mediendienste und sprechen von einem “Newspaper Online Fairy Tale”.
5) The New York Daily News (703.000 Verkauf): hohe Verluste
Die 1919 gegründete Zeitung war das erste Tabloid der USA. Sie gehört Mort Zuckerman, einem Immobilien-Tycoon, der lange zu den reichsten Männer der USA zählte. Ob er allerdings noch immer so gut bei Kasse ist, daran gibt es Zweifel. Es heisst nämlich, Zuckerman sei eines der größten Opfer im Berni Madoff-Skandal.
Neben den “Daily News” besitzt Zuckerman “US News & World Report”, das drittgrößte Nachrichten-Magazin des Landes, das er vor kurzem von Wochen- auf Monatserscheinen zurückgestuft hat. Dafür konzentriert sich Zuckerman mit seiner Zeitschrift inzwischen mehr aufs Internet, wo er ein “Digital Magazine” herausbringt - eine Wochenausgabe der Monatszeitschrift, die nur im Web erhältlich ist.
Schon im letzten Jahr soll die “The Daily News” zwischen 15 - 20 Mio. Dollar Verlust gemacht haben. Darauf strich der Verleger die Pensionszahlungen für Redakteure, um so 1 Mio. Dollar sparen zu können. In diesem Jahr dürften die Verluste aufgrund der Rezession noch deutlich höher ausfallen. Beobachter halten es deshalb für möglich, dass Zuckerman mit seiner Zeitung bald einen ähnlichen Weg geht wie mit seinem Nachrichten-Magazin: weniger Print, mehr Internet.
6) Washington Post (666.000 Verkauf): rote Zahlen
Die 1877 gegründete “Washington Post” ist eine der renommiertesten Zeitungen des Landes – und das, obwohl sie im Gegensatz zur “New York Times” oder zum “Wall Street Journal” keine nationale Ausgabe publiziert. Ihr Verbreitungsgebiet beschränkt sich ausschließlich auf den Großraum Washington.
Berühmt wurde die Zeitung durch ihr investigatives Reporting. Höhepunkt war 1972 die Aufdeckung des Watergate-Skandals durch Bob Woodward and Carl Bernstein unter Chefredakteur Ben Bradlee. Verlegerin war damals Katharine Graham, eine der großen Damen des amerikanischen Journalismus. Ihr Sohn Donald steht heute an der Spitze des Verlages, der legendäre Großinvestor Warren Buffett sitzt im Aufsichtsrat.
Buffett, der mit der Familie Graham eng befreundet ist, hat sich 1973 in die Washington Post Company eingekauft und hält heute noch einen großen Anteil der Shares. Von ihm stammt die Feststellung: "Newspaper readers are heading into the cemetery, while nonnewspaper readers are just getting out of college. It's hard to make money buying a business that's in permanent decline."
Der Washington Post geht es inzwischen nicht besser als den meisten anderen Zeitungen des Landes: sie schreibt rote Zahlen und hat schon mehr als 100 ihrer 785 Redakteure entlassen müssen. Die Newspaper-Division des Konzerns wies im vierten Quartal letzten Jahres einen Verlust von 14 Mio. Dollar aus, nachdem sie im Jahr zuvor im Vergleichsquartal noch einen Gewinn von 25 Mio erzielen konnte. Jetzt sucht die Washington Post ihr Heil in einer Kooperation mit der “Baltimore Sun”. Seit Januar tauscht man Fotos und Artikel aus.
Dabei ist der Konzern, die Washington Post Company noch gut in den schwarzen Zahlen. Dazu muss man aber wissen, dass die Zeitung und das “Newsweek”-Magazine, das ebenfalls zum Verlag gehört, gerade einmal 20% vom Umsatz dieser Aktiengesellschaft ausmachen. Den Hauptteil erzielen ein sehr erfolgreicher “Academic testing service” mit Namen Kaplan Inc, einige regionale Fernsehsender (in Denver, Houston, Miami) und die Kabelgesellschaft Cable One. Der Erfolg dieser Nicht-Zeitungsaktivitäten spiegelt sich auch in der verhältnismäßig guten Aktienentwicklung der Washington Post Company wieder. Im 5-Jahresvergleich fielen die Aktien “nur” von 760 auf 360 Dollar.
Man braucht kein Prophet sein, die Frage wird kommen: wielange kann sich eine Aktiengesellschaft wie die Washington Post Company, die ihren Shareholdern verpflichtet ist und unter dem Druck der Börse steht, eine Zeitung leisten, die nur Verluste produziert – ohne große Aussicht auf Besserung?
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Am Mittwoch im dritten Teil der Serie schauen wir auf Platz 7 - 10. Dort befindet sich u.a. ein Tabloid, das in den Jahren 2005 - 2007 fast 800 Millionen Dollar Verlust gemacht hat und trotzdem dann für 650 Mio Dollar verkauft wurde...
Update: Aus aktuellen Anlass wurde der dritte Teil auf Donnerstag verschoben.
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Kategorie: Print

Dirk Manthey
ist Herausgeber von MEEDIA. Er hat früher die Verlagsgruppe Milchstraße ("TV Spielfilm", "MAX", "Fit for Fun") gegründet und lebt heute in Kalifornien.
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