ARD-Journalisten greifen die Verlässlichkeit des dapd an: Mehrere Nachrichtenchefs riefen zu "größtmöglicher Wachsamkeit bei der Verwendung von dapd-Meldungen" auf. Diese Mahnung schießt jedoch deutlich über das Ziel hinaus. Die ARD kaschiert damit nur eigene Mängel. Die Warnung stößt zudem andernorts auf wenig Zustimmung. Bloß: Wie sollen Journalisten mit Agenturmaterial umgehen? Antworten im MEEDIA-Tickerblog.
Viel schlimmer hätte es für Cord Dreyer, den Multifunktions-Chef der aus ddp und AP-Deutschland hervorgegangenen neuen Nachrichtenagentur dapd, nicht kommen können. Kunden, die für die Verwendung der Inhalte seiner Redaktion zur Vorsicht aufrufen, wie es nach einem Bericht von DWDL nun mehrere Nachrichtenchefs der ARD getan haben, ist ein klares Misstrauensvotum gegen den Markenkern einer Nachrichtenagentur: ihre Verlässlichkeit.
Natürlich hat der dapd zuletzt tief daneben gegriffen als er exklusiv und in ein "Thema des Tages" gekleidet die Standortflucht des bisher deutschen Schraubenimperiums Würth in die Schweiz vermeldete, sich dies nach wenigen Stunden aber als kompletter Fehler herausstellte. Aber hat nach der "Bluewater"-Affäre des Platzhirschen dpa auch nur ein Chefredakteur bei Zeitungen oder Sendern seine Leute systematisch dazu aufgerufen, den Inhalten der dpa grundsätzlich zu misstrauen?
Und auch wenn Dreyers Krisenmanagement im Fall "Würth" schlichtweg erbärmlich war, weil er – anders als sein Konkurrent Wolfgang Büchner in der Causa "Bluewater" – seine Kunden nicht offensiv über die Fehlerkette im eigenen Haus informierte und so auf einen notwendigen Akt der Vertrauensbildung verzichtete, arbeitet Dreyer offensichtlich daran, die internen Probleme zu beheben. Ein Mangel an Selbstkritik kann ihm inzwischen jedenfalls niemand mehr vorwerfen.
Hinzu kommt, dass zwar an der Spitze des dapd bisweilen knallharte Investoren stehen. An den Schreibtischen in der Berliner dapd-Zentrale aber sitzen noch immer vielfach ordentlich ausgebildete Journalisten. Es darf deshalb sehr wohl angenommen werden, dass die Fehlerquote im dapd-Material auch künftig nicht exorbitant steigt, zumal auch die jungen neuen Kräfte des dapd, auf die Dreyer verstärkt setzen musste und die teils noch an das Agentur-Geschäft herangeführt werden müssen, rasch dazulernen dürften. Auch Agenturjournalismus ist schließlich kein Hexenwerk.
Das Mailing, das unter anderem im Hessischen Rundfunk (HR) verbreitet wurde, lenkt vielmehr von den eigenen strukturellen Fehlern einiger ARD-Angebote ab. So lässt sich leicht beobachten, wie insbesondere Hörfunkjournalisten das Material der Agenturen nicht nur als Rohstoff für eigene Recherchen übernehmen, sondern es häufig eins zu eins wiedergeben. Im Programm tarnen sie diese Berichte vielfach sogar als eigene Stücke, Schalten zu lediglich verlesenden Reportern inklusive. Für diese ernüchternde Erkenntnis sei allein der Abgleich der Ticker-Meldungen mit den aktuellen Sendungen auf SWR1 empfohlen.
Kunden von Agenturen dürfen freilich prinzipiell davon ausgehen, dass ihnen von dapd & Co. glaubwürdige Berichte zugestellt werden. Blindes Vertrauen aber ist auch hier nicht angebracht. Dass bei dieser Art, Journalismus zu betreiben, ein Fall "Würth" in der Wahrnehmung der Zuschauer auf die Sender zurückfällt und nicht auf die Agenturen, ist bei dieser Vorgehensweise immerhin vorprogrammiert.
Nach "Würth" hielt Dreyer seinen Leuten vor, dass es "ganz und gar unwahrscheinlich ist, dass die Verlegung des Konzernsitzes eines 'prominenten' Unternehmens in die Schweiz auf diesem Weg - ohne eigene Mitteilung des Unternehmens (man denke an die Folgen für die Mitarbeiter) - bekannt wird". So anstrengend das unter gewissen Umständen wie Zeit- und Konkurrenzdruck auch sein mag: Vor einem solchen Plausibilitäts-Check darf sich auch ein Redakteur auf Kundenseite nicht drücken, will er im besten Sinne ein Dienstleister für seine eigenen Kunden sein, seine Leser, Hörer, Zuschauer. Hinter dem Verzicht darauf kann nur mangelnder Sachverstand oder aber - noch viel schlimmer – Bequemlichkeit stehen.
Diese Anforderung gilt insbesondere für Medienhäuser mit Milliarden im Hintergrund, die mit üppig besetzten Fachredaktionen operieren. Wie die ARD-Anstalten. Wenn sich - wie jetzt per Mailing geschehen - Nachrichtenchefs der ARD darüber erstaunt zeigen, dass der dapd im Dienst zunächst gemeldet habe, Marcel Reich-Ranicki sei über den Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa "tief enttäuscht", nach 40 Minuten allerdings nachschob, Reich-Ranicki habe ihn "als sehr erfreulich gelobt", dann haben sie zweifelsohne Recht. Vor allem, weil der dapd hier nicht formell korrigierte, sondern die Einordnung in einer Zusammenfassung kommentarlos platzierte – was leider gängige Praxis bei vielen Agenturen ist, die so Berichtigungen kaschieren wollen.
Die Entrüstung darüber legt allerdings auch offen zutage, dass das Kulturressort eines Senders keine Ahnung davon hat, wo die Stärken des dapd liegen: nicht in der Kulturberichterstattung. Das ist vielmehr sein bisher schwächstes Angebot und sollte daher auch tunlichst nicht für bare Münze genommen werden. Auch das Wissen über die Stärken und Schwächen seiner Zulieferer sollte folglich zum Handwerkszeug eines Redakteurs bei Zeitungen, Sendern und Online-Diensten zählen. Hier würde eine regelmäßige gezielte Auswertung und Kritik des Materials in den Kundenredaktionen der Agenturen womöglich Wunder bewirken.
Von "der ARD" kann zumindest bei dem besagten Mailing keine Rede sein. Wie MEEDIA erfahren hat, war dieses Rundschreiben unter anderem nicht mit ARD-aktuell abgestimmt. Redakteure von "Tagesschau", "Tagesthemen" und "tagesschau.de" wurden jedenfalls nicht vor dapd-Material gewarnt. Aus der Chefredaktion ist zudem zu hören, sie sei von dem Vorgang selbst überrascht und sehe für die Kritik auch keinen Anlass. Selbst ARD-Chefredakteur Thomas Baumann hat sich für dieses äußerst knappe Rundschreiben einiger Landessender nicht verwendet.
Auch anderorts bleibt die Zustimmung für den Warnschuss aus. So sagte Elmar Theveßen, der als stellvertretender Chefredakteur im ZDF die Hauptredaktion "Aktuelles" leitet, zu MEEDIA, die Schelte an den Diensten des dapd sei in seinen Redaktionen "bisher kein Thema". Er verwies vielmehr darauf, dass "jede Agentur mit professionellem Sachverstand" geprüft werde, bevor sie auf den Sender gehe.
Dazu passt, dass ohnehin keine Agentur frei von Fehlern ist – wie das hervorragende Korrektur-Blog "Good, Bad and Ugly" von Reuters zeigt, dem hiesige Dienste wenigstens mit einer geschützten Version für ihre Kunden durchaus nacheifern könnten. Deutsche AFP-Kunden wiederum rümpften noch vor einigen Monaten die Nase, weil sich eine Zeit lang just nach Eilmeldungen Korrekturen häuften. Das waren Fehler, die insbesondere in der Nacht beim Übertragen aus dem internationalen Angebot entstanden. Auch hier wurde rasch nachjustiert, mit Erfolg. Diese Lernfähigkeit darf – bei aller Schadenfreude für die "Würth"-Panne – auch dem dapd zugetraut werden.
Bei Spiegel Online, das einst im eigenen Angebot zu viele Korrekturen unterbringen musste, haben sie ob der Fehler ihrer News-Dienstleister längst klare Spielregeln eingeführt. Rüdiger Ditz, von MEEDIA auf das ARD-Papier angesprochen, sagte dazu: "Wir fühlen uns immer wohler, wenn wir unsere Berichterstattung auf mehrere Quellen stützen können. Das gilt auch für Agenturen."
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Jetzt also auch die Bundesregierung: Wie MEEDIA berichtete, droht die neue Nachrichtenagentur dapd dem Bundespresseamt mit Klage, weil es für dpa-Abos vermeintlich zu Unrecht deutlich mehr bezahlt als für Dienste des dapd. Diese juristische Auseinandersetzung ist jedoch nur eine von vielen. Ein Überblick über die Klageflut jener Agentur, die vor Streit nicht zurückschreckt - und die Klärung der Frage: Hat der dapd wirklich 49 Pulitzer-Preise gewonnen?
Komplex 1: dapd gegen dpa. Schon bevor die Eigentümer des einstigen ddp, Peter Löw und Martin Vorderwülbecke, im Dezember 2009 auch den deutschen Dienst der US-Agentur Associated Press übernahmen, hatten sie den Wettbewerbsjuristen Ulrich Schroeder von der Kanzlei Graf von Westphalen mit einem Gutachten beauftragt. Schroeder analysierte die Klauseln der Bezugsverträge, die der Platzhirsch dpa mit Zeitungen, Sendern und Onlinediensten schließt. Schon damals hielt er fest, dass sowohl die lange Erstvertragslaufzeit als auch deren stillschweigende Verlängerung um den gleichen Zeitraum nicht angehen könne, wie auch nicht die Dauer der Kündigungsfrist von bis zu einem Jahr.
Am 15. April 2010 machte Vorderwülbecke schließlich ernst. Die vom heutigen dapd beauftragte Frankfurter Kanzlei Danckelmann und Kerst reichte vor dem Frankfurter Landgericht Klage ein. Auf 18 Seiten plus Anhang führten die dapd-Juristen aus, dass die dpa ihre Vertragsklausel "Erfolgt keine Kündigung, verlängert er sich bei gleicher Kündigungsfrist um die selbe Laufzeit" unterlassen müsse. Das Gericht sollte zudem feststellen, dass die dpa verpflichtet sei, dem heutigen dapd "sämtlichen Schaden zu erstatten", der ihm mit den besagten dpa-Vertragsklauseln "entstanden ist oder entstehen wird". Der dapd wollte der dpa damit letztlich auch ans Portemonnaie.
Exakt ein halbes Jahr später, am 15. Oktober 2010, kam es in der Sache zu einer Anhörung vor der 12. Kammer für Handelssachen. dapd-Eigner Vorderwülbecke, der auch als dapd-Geschäftsführer tätig ist, bezeichnete die Konditionen der dpa-Bezugsverträge darin unter anderem als "Klauseln aus alten Zeiten". Er bemängelte, dpa-Laufzeiten von bis zu fünf Jahren würden Verlage davon abhalten, sich für die sehr junge Alternative dapd zu entscheiden.
Das Gericht wies die Klage ab. O-Ton des Vorsitzenden Richters in der Anhörung: "Zwar mag die Beklagte Marktführer sein. Sie ist aber nicht Monopolist." Von einer "wirtschaftlichen Abhängigkeit" der Verlage und Sender von den dpa-Angeboten könne deshalb "nur schwerlich" ausgegangen werden (AZ: 3-12 O 50/10). Vorderwülbecke kündigte umgehend an, in die Berufung gehen zu werden. Der Fall ist also noch offen. Die schriftliche Begründung des Urteils steht noch aus.
Komplex 2: dpa gegen dapd. Voraussichtlich am 29. März 2011 treffen die Streitparteien in ganz ähnlicher Sache wieder vor Gericht aufeinander. Dann will das Berliner Landgericht über eine Unterlassungsklage der dpa entscheiden. Die stört sich an der Pressekonferenz, die Vorderwülbecke und Löw Anfang Dezember vergangenen Jahres gaben, um den Kauf der AP-Deutschland sowie ein 15-jähriges Lizenzabkommen mit der US-Agentur zu verkünden.
In ihrer äußerst selbstbewussten Präsentation, an der auch Reporter der übrigen Agenturen teilnahmen, hatten die dapd-Herren dem Marktführer dpa unter anderem vorgeworfen, mit "sittenwidrigen" Verträgen zu operieren. Es geht just um die Laufzeiten und stillschweigenden Verlängerungen, die nach Antrag des dapd bereits in Frankfurt Thema waren. Für Schaulustige: Der Termin ist nach jetzigem Stand für 11 Uhr im Saal 2709 angesetzt.
Komplex 3: dapd gegen AFP. Seit dem Frühjahr 2010 prüft die Kommission der Europäischen Union die Finanzierung der Agence France-Presse (AFP). Der dapd, der das Verfahren mit einer formellen Wettbewerbsbeschwerde angeschoben hatte und dabei von der Großkanzlei Gleiss Lutz unterstützt wurde, sieht in den zuletzt jährlich gut 100 Millionen Euro schweren Abonnements der AFP-Dienste durch staatliche französische Stellen eine illegale Förderung seines Konkurrenten, der dem dapd mit sehr üppigen Auslandsmeldungen auf dem deutschen Markt per eigenem Ableger bisweilen stark Konkurrenz macht. Eine Entscheidung der Kommission steht noch aus. Sie hat dafür Frankreich und Deutschland um Stellungnahme gebeten.
Komplex 4: dapd gegen Bundespresseamt. Am 13. September 2010 erhielt auch das Bundespresseamt Post von Anwälten des dapd. Wieder mit im Boot: die Großkanzlei Gleiss Lutz. Sie argumentiert, der dapd werde zu Unrecht ungleich mit der dpa behandelt, die vom Bundespresseamt für den Bezug der Nachrichtenmeldungen aus Deutschland und aller Welt mehr als das Dreifache von dem bekommt, das die zentrale PR-Einrichtung der Regierung aktuell an den dapd überweist. Der dapd drohte auch hier eine Klage an. Wörtlich heißt es in dem Schreiben der Anwälte: "Unsere Mandantinnen werden ihre Rechte gerichtlich durchsetzen, wenn das Bundespresseamt nicht die an die dapd nachrichten GmbH und dapd nachrichtenagentur GmbH zu leistenden Vergütungen auf ein entsprechendes Niveau anhebt."
Eine inhaltliche Rückmeldung des Bundespresseamtes steht noch aus - es spielt derzeit gelassen auf Zeit und teilt auf Anfragen lediglich mit, es handle sich bei dem dapd-Vorgang um einen "internen Meinungsaustausch zwischen Vertragspartnern", zu dem sich das Amt "grundsätzlich" nicht gegenüber Dritten äußere. dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt betonte hingegen, seine Agentur lege "großen Wert darauf, dass öffentliche Stellen gleichwertige Dienstleister, die sie immerhin mit Steuermitteln bezahlen, auch gleichwertig bezahlen".
Wie es hier weitergeht? Unklar. Einerseits haben die Anwälte der Kanzlei Gleiss Lutz dem Amt keine explizite Frist gesetzt, sondern lediglich um eine "zeitnahe" Antwort gebeten. Andererseits hat der dapd den Vertrag mit dem Bundespresseamt für den Bezug der ehemaligen AP-Dienste aus eigener Kraft zum Beginn des Jahres 2011 gekündigt. Der Bundesregierung würden damit vor allem die Auslandsberichte des dapd künftig entgehen, was nicht in ihrem Interesse liegen dürfte.
Dort, im Bundespresseamt, haben sie sich in der nun schon mehr als ein halbes Jahr lang andauernden Diskussion mit dem dapd zwischenzeitlich sehr gewundert: Cord Dreyer, der Chefredakteur und Geschäftsführer der Agentur in Personalunion ist, drückte dem Regierungssprecher und Leiter des Amtes, Steffen Seibert, bei einem Antrittsbesuch ein "dapd Fact Sheet" in die Hand, das bei den Bediensteten für Schmunzeln sorgte.
Dieses zweiseitige Hochglanzprospekt vergleicht die Größe der dpa mit dem neuen dapd. Dabei subsumiert die neu aufgestellte Agentur das Netz der internationalen AP-Korrespondenten unter das eigene Dach. Die Folge: Den dapd-Ausführungen nach stehen 466 Korrespondenten der dpa 2.649 des dapd gegenüber, 93 Büros der dpa in aller Welt 265 des dapd. Besonders Eindrucksvoll aber scheint die Kategorie "Internationale Medienpreise". Dort heißt es bei dpa "0", bei dapd indes "49 (Pulitzer Preise)".
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Eine Nachricht ohne Bild läuft nicht – dachte sich ein Mitarbeiter der AFP. Als jüngst der 120 Meter lange Tanker YM Uranus vor Frankreich mit einem anderen Frachter kollidierte, zog sich der Redakteur ein Foto der Uranus aus dem Netz. Wie eine MEEDIA-Anfrage ergab: AFP hat dabei eine Urheberrechtsverletzung bewusst in Kauf genommen. Außerdem: AFP sticht dapd-Tochter in einem gigantischen Pitch der EU aus, Bloomberg zielt auf die US-Politik und dapd startet Kommentare.
Es gibt Webseiten, die ihre Betrachter ins Staunen versetzen können. Das Portal Vesseltracker gehört zweifelsohne dazu. Schifftanker-Fans dokumentieren dort die weltweite Flotte der Schwergewichte unter den See-Logistikern. Ein Verzeichnis aus mehreren zehntausend Einträgen ist das, das neben Angaben zu den Namen, den Beflaggungen und den Positionen der erfassten Schiffe vor allem mit einem aufwartet: Fotos der Tanker. Ein Service für alle, die sich für diese Materie begeistern können. Und für Medien, die bei Katastrophen rasch an Bildmaterial kommen wollen.
Der 8. Oktober war so ein Nachrichtentag, an dem manch ein Journalist händeringend nach einem Portrait suchte – oder genauer gesagt: nach dem der YM Uranus. Die stieß an jenem Morgen mit einem anderen 100-Meter-Tanker zusammen. Und weil das just vor der französischen Atlantikküste geschah, die gut ein Jahrzehnt zuvor von der Ölkatastrophe um den Frachter Erika heimgesucht wurde, avancierte der Zusammenprall flugs zum Top-Thema der französischen Medien. Ein Zustand, der im Heimatdienst der Agence France-Presse (AFP) offensichtlich zur Hemmungslosigkeit führte, zumindest in einem Fall. Immerhin bloggt das Team der besagten Vesseltracker: "AFP is using our photos - but they dont license them".
Die Seitenbetreiber führen gleich zwei Übernahmen an, beide Male auf französischen Nachrichten-Webseiten. Und beide Male ist die YM Uranus unter AFP-Credit abgebildet. Das Problem: Das Bild deckt sich exakt mit der Einstellung wie sie bei Vesseltracker.com zu sehen war. "We ask them for a comment, but because they are big and arrogant they dont need to react on this", mokieren sich die Schifftanker-Fans.
Nachdem MEEDIA bei AFP anfragte, reagierte die französische Agentur. In einem Schreiben, das die Foto-Chefredaktion des internationalen und damit vom deutschen Ableger völlig getrennten Dienstes am 13. Oktober an die Macher von Vesseltracker schickte, räumt die Agentur einen krassen Urheberrechtsverstoß ein. So heißt es, AFP wolle Copyrights sehr wohl beherzigen. In diesem Fall sei es ihr indes nicht gelungen, den Fotografen der verwendeten Aufnahme zu erreichen. Der Urheber des Schnappschusses, den AFP lediglich in Frankreich verbreitet hatte, sei allerdings mit den Bildverweisen des Nichterreichten verbreitet worden.
Die AFP gibt ferner an, sie sei bereit, ein Standardhonorar zu bezahlen. Man möge doch bitte Kontakt zum Fotografen herstellen, wenn möglich. Vor allem aber weist die Agentur überdies darauf hin, dass das kopierte Bild gar nicht von Vesseltracker abgegriffen worden sei, sondern anderorts im Netz – es sei bei der Suche gleich mehrere Male aufgetaucht. So oder so zeigt AFP hier allerdings ein seltsames Verständnis für Urheberrechte auf. Die Vesseltracker-Macher notieren dazu dann auch: " We hope that AFP will treat others as they would like to be treated in the future."
AFP wird PR-Dienstleister der Europäischen Union
Positive Nachrichten hat AFP hingegen auf einem ganz anderen Feld zu vermelden: Der international agierende News-Dienstleister hat eine Ausschreibung der Europäischen Union gewonnen und steigt damit zu einem üppigen PR-Dienstleister der EU auf. Den mit einer einzigen Mitteilung arg unterverkauften bisherigen Angaben zufolge wird die AFP für einen zweistelligen Millionen-Betrag in den nächsten vier Jahren Image-Material produzieren, auf das dann alle TV-Sender kostenfrei zurückgreifen können. Vom 1. Oktober an will die AFP also das Geschehen in den EU-Institutionen abbilden sowie EU-Aktivitäten in aller Welt.
Dieser Zuschlag für die AFP ist zugleich ein schwerer Schlag für die deutsche Nachrichtenagentur dapd. Deren PR-Dienstleister ddp direct um Wolfgang Zehrt hatte sich ebenfalls um den Auftrag beworben. Der in Leipzig ansässige dapd-Ableger hatte dafür bereits im Mai mehrere Dutzend freie Mitarbeiter in aller Welt anwerben wollen. Betreff des entsprechenden Mailings: "Nachrichtenagenturgruppe ddp sucht SOFORT europaweit TV-Journalisten; feste Aufträge über 3 Jahre". Pustekuchen!
Mit der AFP bekam zudem ausgerechnet jener dapd-Konkurrenz den Zuschlag, der mit ihm im Clinch liegt: Noch immer ist bei der EU-Kommission eine Prüfung anhängig. Der dapd-Vorläufer ddp hatte in diesem Frühjahr das Prozedere selbst angestrengt, weil er in den jährlich etwa 100 Millionen Euro umfassenden Bezügen der AFP-Dienste seitens französischer Stellen illegale Subventionen vermutet. Da aus der Kommission drängt, dass ihre Prüfung kurz vor dem Abschluss steht, für die auch die Bundesregierung um eine Stellungnahme gebeten wurde, steht schon bald erneut eine EU-Entscheidung an in der es heißen wird: für oder gegen AFP?
Das MEEDIA-Tickerblog wollte übrigens mit der AFP gerne über die Frage reden, wie sich ein opulenter PR-Auftrag der Europäischen Union mit der Unabhängigkeit des journalistischen Geschäfts einer Nachrichtenagentur verträgt. Paris ignorierte dieses Anliegen allerdings bisher eisern. Immerhin: Die Aktivitäten mit Unternehmen, Verbänden und Institutionen hat AFP nach eigenen Angaben sauber in eine Tochterfirma ausgelagert.
Bloomberg startet "Bloomberg Government"
Geschäfte mit der Politik strengt hingegen der Finanzdienst Bloomberg im großen Stil an. Die Agentur, die sich vor allem mir Reuters um die Gunst der Börsenprofis schlägt, baut einen Dienst "Bloomberg Government" aus. Wie die New York Times ausführlich berichtet, will der Infobroker politischen Entscheidern alle relevanten Informationen liefern, die für den politischen Prozess nötig sind. Jahres-Abopreis pro Nutzer: 5.700 US-Dollar. Neben ständig aktualisierten Kontaktdaten der Abgeordneten inklusive ihrer Experten sowie den Interessensverbänden ist Teil dieses webbasierten Services auch der klassische Tickerdienst sowie eine Datenbank aus Gesetzestexten. Das eindeutige wie selbstbewusste Ziel des neuen Angebots, für das gleich mehrere Dutzend Spezialisten eingestellt werden: "Our aspiration is to be the most influential news organization in the world."
dapd startet Kommentardienst
In das Geschäft mit dem Politischen auf ganz andere Art ist wiederum die hiesige dapd in dieser Woche eingestiegen: Seit Montag kommentiert der dapd-Basisdienst vorerst täglich zwei Themen. Zu sehen ist das zunächst nicht im klassischen Tickerangebot, das in die Redaktionssysteme der Kunden bei Zeitungen, Sendern und Online-Portalen einläuft, sondern in der Rubrik "dapd kommentiert" auf newsplaner.de, dem Kunden-Portal des Dienstes um Cord Dreyer. Den Auftakt machte Gerhard Kneier, Chef des Landesdienstes Hessen, der sich über das Anheizen der Integrations-Debatte durch CSU-Chef Horst Seehofer mokierte.
Peter Zschunke, der vor dem Übergang der AP-Deutschland in den dapd noch der dortige Auslandschef war und jetzt Chefreporter der dpa-"Netzwelt" ist, kommentiert die Entwicklung auf seiner Seite agenturjournalismus.de wie folgt: "Die möglichst nüchterne, möglichst meinungsfreie Nachricht ist Voraussetzung für die Meinungsbildung. Darüber hinaus stellen Nachrichtenagenturen bestimmte Sachverhalte in namentlich gekennzeichneten Korrespondentenartikeln in einen größeren Zusammenhang, zeitlich, kausal und durchaus auch kritisch einordnend. Wenn der Nachrichtendienst von echten Meinungsbeiträgen begleitet wird, wirft dies etliche Fragen auf, nach der Unabhängigkeit der täglichen Nachrichtenauswahl wie nach dem Bemühen um Objektivität im einzelnen Nachrichtenbeitrag."
Aktualisierung 14. Oktober, 10:30 Uhr: Die Angaben zu den PR-Aktivitäten der AFP für die EU wurden um Angaben zum Geschäftsmodell ergänzt. Demnach ist der millionenschwere Auftrag bei einer Tochterfirma gelandet, die getrennt vom Ticker-Geschäft operiert.
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Am Freitag meldete der um Vertrauen ringende neue News-Dienstleister dapd den Wegzug des Schraubenimperiums Würth aus Deutschland - ein dapd-"Thema des Tages", das sich als Falschmeldung entpuppte. Nun nimmt der Chefredakteur Stellung, wenn auch nur intern. Cord Dreyer spricht von einem "individuellen Versagen" einer Mitarbeiterin, aber auch davon, dass im eigenen Haus "nicht entschlossen und schnell genug reagiert" worden sei. Das MEEDIA-Tickerblog über ein echtes Schuldeingeständnis.
Das, was am vergangenen Freitag dem dapd durchrutschte, war durchaus gewaltig: Eine Exklusivmeldung, die nicht nur falsch war, sondern die vor allem zuerst von der Konkurrenz berichtigt wurde, nicht vom News-Dienstleister dapd selbst (die Chronologie des Vorfalls: "Steckt der dapd in der Wachstumsfalle?"). Der Fall "Würth" ist damit ein tiefer Kratzer im Image jener Agentur, die den Marktführer dpa "verzichtbar" machen will. Und er ist ein Wachrütteln, für einen Dienst, der zuletzt stark auf Expansion gesetzt hat, dabei aber bedrohlich das Kerngeschäft aus den Augen verloren zu haben scheint. Gut möglich, dass sich das jetzt ändert - vor allem im Management um Cord Dreyer, der ehrgeiziger Chefredakteur wie knallharter Geschäftsführer zugleich sein will.
Dreyer jedenfalls schrieb noch am Sonntagabend eine opulente E-Mail an seine Mannschaft, Betreff "Umgang mit Fehlern - Leitlinien", Priorität "hoch". Darin notierte er: "Eine solche Falschmeldung hat nicht zu unterschätzende Folgen: Das Unternehmen Würth ist verärgert, die Menschen in der betroffenen Region verunsichert und unsere Kunden, vor allem die, die diese Meldung verbreitet haben, zweifeln möglicherweise an der Qualität unserer Arbeit. Selbstverständlich reagieren Kunden und Medien auf Falschmeldungen sehr sensibel und fragen sich, ob unsere Arbeitsabläufe und Sicherungsmechanismen ausreichend ausgebildet sind."
Dreyer verschont seine Mitarbeiter nicht mit deutlicher Selbstkritik und rekonstruiert in seinem Schreiben die redaktionellen Abläufe. "Am Anfang und im Kern der Geschichte" stehe jedoch zunächst "das individuelle Versagen" einer Mitarbeiterin, das nicht zu erklären sei: "Sie stand im schriftlichen Emailverkehr mit dem Unternehmen und hat den Inhalt aus nicht ersichtlichen Gründen falsch wiedergegeben." Die Mitschuld der Autorin lässt sich derzeit nicht zweifelsfrei klären: Sie will sich bisher trotz Kontakt mit dem MEEDIA-Tickerblog nicht öffentlich äußern.
Während dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt noch am Freitag im Gespräch mit MEEDIA und dem Spiegel den Eindruck zu erwecken versuchte, die Schuld für diesen Lapsus liege allein bei der externen Kraft, von der sich der dapd "umgehend" getrennt habe, geht Dreyer mit seiner Redaktion hart ins Gericht. Den "redigierenden Stellen" in Stuttgart und Berlin hätten zwar keine Hinweise auf mögliche Fehler vorgelegen, zumal Würth selbst als Quelle angegeben worden sei. Übersehen worden sei indes nicht nur von der Autorin, sondern auch "vom Landesdienst, vom Ressort und vom Newsdesk, dass es ganz und gar unwahrscheinlich ist, dass die Verlegung des Konzernsitzes eines 'prominenten' Unternehmens in die Schweiz auf diesem Weg - ohne eigene Mitteilung des Unternehmens (man denke an die Folgen für die Mitarbeiter) - bekannt wird", so Dreyer weiter.
Geradezu ermahnend schrieb der Chefredakteur an seine Leute: "Das hätte bei der doppelten Prüfung in Stuttgart und Berlin auffallen müssen und eine zusätzliche Überprüfung der Fakten (z.B. auf der Würth-Website) vor dem Senden auslösen müssen." Ein Appell, untermauert mit einer Liste an Grundregeln. Die hätte er auch einfach von seinem einstigen Arbeitgeber, der dpa, kopieren können - siehe "Lehren aus Bluewater" mit dpa-Chefredakteur Wolfgang Büchner bei den Kollegen vom Bildblog.
In der dapd hat sich längst rumgesprochen, dass sowohl Würth, vor allem aber auch die freie Autorin des Stücks rasch auf eine Korrektur gedrängt haben. Selbst Dreyer notierte dazu: "Nachdem wir Kenntnis davon bekommen hatten, dass es Probleme mit der Kern-Information der gesendeten Stücke gab, wurde - auch am Newsdesk - nicht entschlossen und schnell genug reagiert. Autorin, Landesbüro und Ressort hätten unter Beteiligung des Newsmanagers umgehend gemeinsam und parallel an der Aufklärung der Faktenlage arbeiten müssen, so wie es im Agenturgeschäft üblich ist."
Hätten das zuständige Landes-Büro in Stuttgart und die Zentralredaktion in Berlin das vorliegende Material "neu beurteilt", dann wäre "der KILL eher gesendet worden", also der Rückruf des Materials per Eilmeldung an die Agentur-Abonnenten. "In solchen Fällen hat die umgehende Aufklärung und Korrektur höchste Priorität, um Schaden von unseren Kunden abzuwenden", so Dreyer weiter, dessen Leute sagen, der Fall "Würth" sei "Fluch und Segen" zugleich. In den meist chronisch unterbesetzten - auch für Stuttgart sind schon länger weitere Stellen ausgeschrieben - stöhnen sie schon lange, größtenteils von dem Um- und Ausbau der neuen Agentur abgeschnitten zu sein, die aus ddp und AP-Deutschland entstand. Einer im Land flucht gar: "Uns hier draußen haben sie einfach vergessen. Würth soll ihnen eine Lehre sein!" Andere sagen, mit der Erkenntnis, die dem peinlichen Vorfall folge, nehme "hoffentlich der manische Drang nach Exklusivität und Eigenprofil ab".
Dreyer dürfte nun tatsächlich wissen, unter welchem Qualitäts-Druck er steht und überdies unter Beobachtung seitens der Redaktionen in Sendern, bei Zeitungen und bei Online-Diensten. Immerhin heißt es in seinem Mahn-Mailing: "Nur auf eine Nachrichtenagentur, die absolut vertrauenswürdig ist, werden sich die Redakteure unserer Kunden verlassen." Genau daran wird er noch sehr hart arbeiten müssen.
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Die vergangenen Tage waren für die Macher des dapd höchst bewegend. Erst feierten sie mit hochrangigen Gästen ihre neue Agentur und gaben - nach dem Launch eines üppigen Videoangebots - Vorbereitungen für ein eigenes Sportressort bekannt. Dann jedoch erreichte den News-Dienstleister das Grauen: Ein höchst peinlicher Fehler führte dazu, dass der dapd ein ganzes "Thema des Tages" zurückziehen musste. All das wirft die Frage auf: Wächst der neue Player auf dem Markt vielleicht zu schnell?
Freitagmorgen. Der dapd meldet "Würth-Gruppe verlegt Konzernsitz in die Schweiz". In der Meldung selbst heißt es: "Die Würth-Gruppe aus dem baden-württembergischen Künzelsau wird künftig von der Schweiz aus gesteuert. Im November soll in Rorschach mit dem Bau des neuen Konzernsitzes begonnen werden, wie eine Unternehmenssprecherin der Nachrichtenagentur dapd sagte." Eine Meldung also, die nach Exklusivität riecht. Und bei 59.000 Mitarbeitern im Unternehmen nach einer großen Story. Da wundert es nicht, dass der dapd kurze Zeit später im Dienst für seine Kunden in der Vorschau des Wirtschafts-Ressorts ankündigt:
THEMA DES TAGES:
Würth-Gruppe verlegt Konzernsitz in die Schweiz
- Meldung, bereits gesendet
- Nachrichtenfeature bis 1400
- Porträt Würth bis 1500
- Zusammenfassung mit Reaktionen bis 1500
Mit Kritik der IG Metall läuft prompt die erste Reaktion ein, die Quelle: Ebenfalls eine Anfrage von dapd, das Material zunächst also exklusiv, in dem die regionale Geschäftsführerin der Gewerkschaft angibt, es vorzuziehen, "wenn der Konzernsitz am Traditionsstandort bleiben würde". Am späten Vormittag folgt ein "dapd Feature" mit dem Titel "Den 'Schraubenkönig' zieht es in die Schweiz - Würth-Gruppe aus Künzelsau verlegt Konzernsitz nach Rorschach". Dazu sendet die Redaktion auch noch ein "dapd Stichwort" über den Weltkonzern für Schrauben und Dübel an ihre Kunden. Sender wie der SWR-Hörfunk vermelden hastig "Würth verlegt Konzernsitz in die Schweiz", Welt-Online setzt über das Material gar die Headline "Schraubenkönig kehrt deutschem Fiskus den Rücken".
Nach der Mittagspause aber wird rasch klar: Hier läuft gewaltig etwas schief. Am frühen Mittag meldet beispielsweise bereits die dpa: "Die Würth-Gruppe hat Berichte zurückgewiesen, wonach ein Umzug der baden-württembergischen Firma in die Schweiz bevorsteht." Eine Sprecherin des Unternehmens habe angegeben, "entsprechende Meldungen seien falsch". Das ist so etwas wie der größte anzunehmende PR-Schaden in der Branche: Eine Nachrichtenagentur korrigiert die andere - wenn auch indirekt, ohne in diesem Fall dapd namentlich zu brandmarken.
Später informiert schließlich auch der dapd seine Kunden über den Vorfall. In einer Korrektur-Meldung heißt es: "Hiermit wird die gesamte heutige Berichterstattung der Nachrichtenagentur dapd über die Würth-Gruppe zurückgezogen. Die Aussage, dass Würth seinen Konzernsitz verlegt, ist in dieser Absolutheit nicht zutreffend. Sie erhalten in Kürze berichtigte Neufassungen." Zu dieser Zeit hatte die Würth-Gruppe bereits eine Pressemitteilung mit dem Titel "Meldung Nachrichtenagentur dapd zum Konzernsitz ist falsch" verschickt. Auch das: ein Imageschaden für den dapd, der später in einer berichtigten Neufassung seiner Meldung nur noch titelte "Würth-Gruppe baut Konzernsitz in der Schweiz aus". Am Ende der Korrektur erfuhren die Kunden zudem: "Diese Meldung ersetzt die heutige Berichterstattung über die Würth-Gruppe. Damit wird klargestellt, dass die Würth-Gruppe nicht ihren Konzernsitz in die Schweiz verlegt und von dort aus auch nicht das Unternehmen steuert."
Die große Frage ist nun, was da passiert ist. Die Kunden von dapd haben das bisher jedenfalls nicht von ihrer Agentur erfahren. Erklärende Worte im Dienst, wie sie etwa dpa-Chef Wolfgang Büchner bei Fehlern im eigenen Angebot zu pflegen weiß, blieben aus. dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt sagte auf Anfrage von MEEDIA jedoch: "Wir wollen das, was da vorgefallen ist, nicht beschönigen. Das hätte nicht passieren dürfen." Die Chefredaktion um Cord Dreyer habe sich zudem bei Würth persönlich entschuldigt.
dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt sagte MEEDIA wie dem Spiegel, der am Montag ebenfalls mit einer Meldung über den Vorfall berichten wird, eine freie Mitarbeiterin habe den E-Mail-Verkehr mit dem Konzern "falsch interpretiert". Weil das Material in sich plausibel gewesen sei, habe auch das Vier-Augen-Prinzip beim Herausgeben der Texte nichts verhindert. Von der freien Mitarbeiterin habe sich der dapd nach Zehrts angaben zudem "umgehend" getrennt. Am Sonntagabend nahm schließlich Cord Dreyer intern Stellung, mehr zu seiner überraschend ehrlichen und ausführlichen Selbstkritik hier.
Diskutieren lässt sich zudem, ob der dapd abseits seines bisherigen Kerngeschäfts nicht vielleicht zu schnell wächst und deshalb inhaltlich an seine Grenzen stößt. Während der Basisdienst aus dem In- und Ausland noch damit beschäftigt ist, sich zu sammeln und deshalb beim Amoklauf in Lörrach Mitte September etwa lediglich mit einem Drittel des Angebots an seine Kunden herantrat, das dpa auffuhr, rüstet er in anderen Segmenten auf: Da ist der neue Videodienst, der mit 40 täglichen Filmberichten aus aller Welt und 15 eigenen Videojournalisten sowie zehn Redakteuren in der Leipziger Video-Zentrale allein für das angekündigte Web-Angebot arg überdimensioniert wirkt. Und da ist die Ankündigung der Eigentümer, im Frühjahr des nächsten Jahres ein eigenes Sportangebot zu starten.
Will sich der dapd als vollständige Alternative zum Marktführer, der Deutschen Presse-Agentur (dpa), positionieren, fehlt ihm freilich ein Sportpaket. Bisher sind Kunden, die ganz auf die dpa-Dienste verzichten wollen, nicht aber auf eine Versorgung aus dem Sport, auf ein Abo des Sport-Informations-Dienstes (SID) angewiesen. Deshalb gilt laut dapd-Chef Cord Dreyer für die Lieferpreise derzeit auch die Faustformel: dpa-Abopreis minus SID-Abopreis minus 25 Prozent. Das Problem an der Sache ist jedoch, dass der SID zwar eine 100-prozentige Tochter des hiesigen Ablegers der Agence France-Presse (AFP) ist. Er ist allerdings nicht als Teil einer Rabattstaffel zu haben. Anders als etwa beim dpa-Sport, der als Modul günstiger daherkommt, wenn Redaktionen weitere Ressorts der dpa buchen. Auch aus dieser Preisfalle will sich der dapd nun offensichtlich befreien.
Das Beraterteam um Dreyer, das sich aktuell mit dem Aufbau einer eigenen Sportberichterstattung befasst, muss sich indes unter anderem mit dieser Frage befassen: Wie realistisch ist es, binnen kurzer Zeit ein Netz an Reportern mit Insider-Kontakten zu knüpfen? Der SID und der dpa-Sport leben im Wesentlichen davon, dass sie in Sportvereine und -verbände hervorragend vernetzt sind. Eine Garantie für Geschwindigkeit, vor allem aber für Exklusivität im Angebot. Ohne Abwerbungen im großen Stil dürfte es dem dapd schwerfallen, hier auch nur ansatzweise anzugreifen.
Setzt er hingegen lediglich auf eine absolute Grundversorgung, könnte das klappen. Geld für die Einstellung neuer Leute scheint derzeit zum Beispiel kein gewaltiges Problem zu sein: Die Privatinvestoren Peter Löw und Martin Vorderwülbecke schieben mit ihren Investments ein Großprojekt nach dem anderen an - und erwarten nach öffentlichem Bekunden allenfalls in fünf bis sechs Jahren das Erreichen der Gewinnzone. Von einem "Return of Investment" war bisher sogar gar nicht die Rede. Genau das ist die große Gefahr für die anderen Spieler am Markt, die ihre Investitionen zu großen Teilen erst selbst erwirtschaften müssen - und das in einer Zeit, in der ihre Kundschaft und Gesellschafter nicht vor Gewinnen strotzen.
In der Szene munkeln sie übrigens bereits, die frühe und selbstbewusste Ankündigung eines dapd-Sportangebots könnte auch eine Aufforderung in Richtung Paris sein. dapd-Eigner Vorderwülbecke war immerhin bei seinen Versuchen, mit den AFP-Konzernchefs über deren deutsche Aktivitäten zu sprechen, abgeblitzt. So kam es bisher nie zu offiziellen Gesprächen, in denen beispielsweise ein Verkauf des profitablen SID oder zumindest eine Kooperation wie eine Belieferung von dapd-Kunden Thema sein konnten. In Paris werden sie die Signale aus Berlin zweifellos vernommen haben. Doch gegen ein Aufweichen der Fronten spricht: Nach längerer Pause verbündet sich die AFP derzeit mehr und mehr mit der dpa. Kooperationen auf Text- und Fotoebene sind längst angelaufen. Außerdem fehlt der dapd in der internationalen Sport-Berichterstattung bisher Exklusivität: Ausgerechnet der Hauptkonkurrent, die dpa, wertet die Sportmeldungen des dapd-Lieferanten AP aus (siehe Bericht).
Als am Freitagabend die deutsche Nationalmannschaft in Berlin der Türkei zusetzte, beobachteten übrigens auch Reporter des dapd das Spiel. Nach dem Abpfiff vermeldeten sie: "Klose und Özil treffen beim 3:0-Heimerfolg gegen die Türkei". Was folgte, war eine klassische Sportmeldung mit zwei Absätzen. Mehr ist bisher jedenfalls nicht drin, von bunten Geschichten rund um das Spiel natürlich abgesehen. Neben der mäßigen Spielkunst auf dem Platz dürfte den dapd-Kollegen aber auch ein prominenter Werbe-Kunde aufgefallen sein: Neben anderen Marken prangte während des Spiels auch das Logo des Konzerns "Würth" leuchtend am Platzrand.
Aktualisierung 10. Oktober, 12 Uhr: Das Stück wurde um einige Angaben zur Schuldfrage ergänzt. 11. Oktober, 17.40 Uhr: Das Stück wurde nach Äußerungen Cord Dreyers zum Thema im Mittelteil aktualisiert.
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Damit wollen die Neuen also die Konkurrenz wegfegen: 40 tagesaktuelle Videos schenkt die dapd-Nachrichtenagentur ihren Kunden täglich, um den eigenen Textdienst aufzuwerten. Imagefördernde Kooperationen mit Marken wie CNN, AP-TV und Dow Jones sowie ein Netz aus mehr als einem Dutzend eigenen Videojournalisten sollen helfen, den Plan umzusetzen. Ein Vorhaben, das dpa & Co. das Fürchten lehren soll. Aber tut es das wirklich?
Keine Frage: Mit seinem neuen Angebot greift der dapd vor allem Reuters an. Die Agentur hat sich in Deutschland als Lieferant von Nachrichten-Clips für Webseiten etabliert - ein Extrakt ihrer TV-Aktivitäten. Die Associated Press (AP), die mit ihrem Dienst AP-TV ebenfalls Sender mit Berichten und Rohmaterial aus aller Welt bestückt, hatte dieses Feld hierzulande bisher nicht besetzt, bis jetzt. Was jetzt kommt, ist für die US-Agentur äußerst bequem: Der dapd, der schon Texte und Fotos von AP lizenziert hat, kümmert sich um alles. AP kassiert lediglich.
Wie Reuters dürfte das neue Angebot auch der Agence France-Presse (AFP) zu schaffen machen. Die liefert in ihrem deutschen Dienst täglich gut eine Handvoll Web-Videos aus, vieles Übernahmen ihres Weltdienstes. So wie sich der dapd jetzt im Videobereich aufstellen will (siehe Bericht), dürfte es für die Bewegtbild-Aktivitäten der AFP hierzulande eng werden. Einzige Chance: nachrüsten. Aber ob sich das lohnt? Äußerst ungewiss!
Eine Gefahr ist das alles aber mal wieder vor allem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Der dapd hat mit dem üppigen Video-Geschenk an seine Kunden einen fetten Köder ausgeworfen, um Marktanteile zu generieren: Wer sich bisher nicht dazu durchringen konnte, die dapd-Dienste zu abonnieren, für den könnte das Bewegtbild durchaus ein Argument sein. Und weil auch hinter diesem Angebot vermögende Geldgeber stehen, die dpa "verzichtbar" machen wollen und dabei aus dem Vollen schöpfen können, dürfte die dpa arge Probleme haben, hier mitzuziehen. Sie muss ihre Investitionen nämlich aus ihrem laufenden Geschäftsbetrieb heraus stemmen, anders als derzeit dapd, wo die Inhaber Martin Vorderwülbecke und Peter Löw Geld in ihre eigene Agentur pumpen. Nach eigener Aussage soll sich dapd erst "in fünf bis sechs Jahren" selbst tragen können.
Vielleicht aber will dpa-Chef Wolfgang Büchner gar nicht nachrüsten. Im Sommer erst sagte er dem Medium-Magazin: "Ich halte nichts davon, wahnsinnige Ressourcen in den Aufbau einer Videoproduktion in der Fläche zu stecken, die wir nicht refinanzieren können." Andererseits sollten seine Redakteure aber zumindest "damit experimentieren, wo es sich anbietet". Der dpa-Chef, der seine Agentur im Blitztempo zu exzellentem Service trimmte, sagte: "Wir wollen die Videokompetenz in unserem Netz auf- und ausbauen." Bei der dpa verteilten sie dafür "sehr einfache Videokameras in In- wie Auslandsstandorten", so Büchner weiter. Ein kleines dpa-Team liefert zudem dem OMS-Netzwerk Berichte von den roten Teppichen in Berlin zu. Mehr aber auch nicht.
Mal wieder außen vor bei der dapd-Attacke ist allein der Sport-Informations-Dienst (SID). Die Sport-Agentur, die alle Textredakteure zu Videojournalisten weiterbildet, um eben von Pressekonferenzen und Sportevents auch mit News-Clips aufwarten zu können, muss zunächst keine große Konkurrenz befürchten. Denn auch wenn sich der dapd als Vollagentur bezeichnet, wird ihm bis auf Weiteres ein eigenes Sportressort fehlen. So auch im dapd-Videoangebot, das mit ersten Clips bereits online gegangen ist.
Cord Dreyer, Chefredakteur wie Geschäftsführer von dapd, wiederholt nun im Wesentlichen, was er bei seinem früheren Arbeitgeber verwirklicht hat. Dort, bei der Finanzagentur dpa-AFX, hatte er schon vor drei Jahren einen tagesaktuellen Videodienst eingeführt - wie er selbst sagt "von Anfang an ein Erfolg". Ob sich aber auch der wiederholen lässt?
Die ersten Eindrücke der dapd-Videos wirken jedenfalls eher ernüchternd: Zu sehen sind überwiegend dröge betextete Standardbilder, wenige echte und schon gar nicht wirklich spannend erzählte Geschichten. Vielleicht mehr Masse, aber nicht unbedingt mehr Klasse als etwa die Kurzausgaben von "Tagesschau" und "heute", die immer mehr Verlage auf ihre Webseiten stellen - wenn auch nicht unter ihrem eigenen Label. Auch diese Clips werden von ARD und ZDF mehrfach am Tag aktualisiert. Damit das neue Videoangebot von dapd eine "Killer-App" wird, muss das Team um Dreyer noch unter Beweis stellen, welchen Mehrwert seine Kunden davon haben.
Auf welche Video-Dienstleister die Ableger von Zeitungen im Netz derzeit setzen und ob ihre Redaktionen selbst Bewegtbilder produzieren, das hat übrigens der BDZV in einer frei zugänglichen Liste penibel zusammengestellt.
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Daniel Bouhs hält für MEEDIA die Welt der News-Dienstleister im Blick. Der freie Journalist spricht hier mit den Machern, Analysiert die Lage und zeigt Schwächen wie Erfolge einer Branche auf, die gegen die Kostenlos-Mentalität des Netzes ebenso kämpft wie verbissene Konkurrenz im eigenen Lager.