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Mittwoch 09. Mai 2012 17:38

Vom Charme des unordentlichen Wissens

Jede ordentliche Tech-Konferenz braucht seinen Visonär: Zum Abschluss der Next12 sprach David Weinberger, Co-Autor des Cluetrain Manifesto. Warum, fragte Weinberger, zerfallen Institutionen des Wissens wie Enzyklopädien, Zeitungen und Bibliotheken vor unseren Augen? Vielleicht weil die neue, vernetzte und unordentliche Welt des Wissens wahrhaftiger und menschlicher ist als die bisherige Welt des Wissens, die geordnet und isoliert war. Chaos ist nützlich, sagt der Internet-Vordenker.

Das Papier, auf dem unser Weltwissen bisher veröffentlicht wurde, war und ist noch ein Symbol für Wissen an sich. Aber: Papier ist ein Medium, das vielfach nicht weiterführt und uns zum Stoppen zwingt. Verweise auf andere Quellen laufen gegen Mauern, denn diese Quellen stehen in der Regel einem Leser gar nicht unmittelbar zur Verfügung.

In der Welt des Internets regiert dagegen der Hyperlink, und der macht aus der Wissenswelt ein ungeordnetes, chaotisches Durcheinander. Nicht schlimm, sagt Weinberger, sondern geradezu fantastisch. Die Idee, dass es im Universum für jedes Ding nur eine Bezeichnung oder Klassifizierung gibt, ist damit über den Haufen geworfen.

Beispiel Wissenschaft: Auf der Seite arXiv.org veröffentlichen Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse, manchmal bevor diese im wahrsten Wortsinn druckreif sind, also auch in frühen Stadien. Oder die Zuordnung per tags bei der Foto-Website Flickr - Nutzer heften Bildern zuweilen offenbar unpassende oder irreführende Tags an. Ist das schlimm? Nein, sagt wiederum Weinberger. Denn Unordnung schaffe Bedeutung, neues Wissen, neue Zusammenhänge. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass das Internet eben kein reiner Vertriebskanal sei - das Internet seien die Menschen, die sich dafür entscheiden, beispielsweise über soziale Medien Wissen zu teilen.

Weinberger veröffentlichte Anfang des Jahres sein neues Buch "Too big to know" über die Umdeutung dessen, was wir "Wissen" nennen. Weinberger ist ein exzellenter Rhetoriker und gehört zu den US-Amerikanern, die aus Alltagserfahrungen - wir werden mit Informationen bombardiert, unser bisheriges Wissen wird immer wieder auf die Probe gestellt, widersprüchliche Informationen laufen über verschiedene Quellen bei uns ein - überzeugende Erzählungen über die Veränderung unseres Lebens stricken können. 

Insofern war sein Engagement eine gute Wahl der Macher der Next12. Auf einer Business-Internet-Konferenz, auf der viele Menschen herumlaufen, die uns definitive Erkenntnisse über die Zukunft des Web und neuer Geschäftsmöglichkeiten vermitteln wollen, kommt einer wie Weinberger am Schluss der Tagung gerade recht.

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Letzte Kommentare

Anzeige: 1 - 1 von 1

17.05.12 15:36

Ray Zero Web-Site

Ich denke, Mr. Weinberger spricht immer das aus, was als Propaganda für sein Cluetrain-Internet wirkt. Tatsächlich wurde es bisher nichts mit diesem Internet der totalen Kommunikation, was vielleicht auch nicht so schlecht ist, da in einer solchen Welt Alle Konsumenten sind, die der Industrie die Vorlagen für die Konsumprodukte liefern. Nein danke. Im Übrigen sind die alten Wissensbestände alles andere als tot. Zweidrittel aller Deutschen, las ich letztens im Ergebnis einer Studie, besuchen regelmäßig eine Bibliothek.

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Christian Meier ist stellvertretender Chefredakteur von MEEDIA. Er lebt in Berlin und beobachtet von dort den manchmal schmerzhaften Wandel der Medienbranche. Weil Inhalte noch immer der wichtigste Rohstoff der Medienindustrie sind, schreibt er hier über innovative Konzepte, ihre Macher und den Wert des Content in Zeiten der Digitalisierung. Gelegentliche Ausflüge in völlig andere Gefilde sind nicht ausgeschlossen. Sie erreichen ihn unter christian.meier@meedia.de oder auf Twitter unter @Christian_Meier.

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