Alle Branchenwelt spricht vom Datenjornalismus, also der Aufbereitung komplexer Zahlen und Informationen mit digitalen Mitteln und im Idealfall interaktiver Darstellung. Dabei wird oft vergessen, dass es Datenjournalisten schon lange gibt – sie nennen sich auch Infografiker. Gerade erschien im Taschen Verlag das Buch Information Graphics, ein Wälzer von 500 Seiten. Und rechtzeitig zur Olympiade bringt Jan Schwochow die vierte Ausgabe seines Magazins InGraphics heraus.
Schwochow, ehemaliger Chef der Infografik der Zeitschrift Stern, ist seit vielen Jahren einer der renommiertesten Infografiker der Republik, sein Büro Golden Section Graphics arbeitet für viele bekannte Medienmarken und Unternehmen. Vor einiger Zeit kam Schwochow auf die Idee, die vielen in aufwändiger Arbeit recherchierten Infografiken (an denen er weiter die Rechte hält) für die Produktion einer eigenen Zeitschrift zu nutzen. Im Dezember 2010 erschien InGraphics erstmals. In die neue, 92seitige Ausgabe flossen laut Überschlagsrechnung von Schwochow etwa 7.000 Stunden Arbeit.
Zum entspannten Blättern eignet sich InGraphics, das mit 14,90 Euro einen stattlichen Preis hat, eher nicht. Aber: Wer wirklich auf intelligente Umsetzungen von Zahlen, Daten und Fakten steht, kann mit dem Magazin schon gut über den Sommer kommen. Eine Infografik am Tag reicht eigentlich. Titelthema der vierten Ausgabe ist die Olympiade in London. Neben jeweils doppelseitigen Darstellungen der Stadien und Wettkampfstätten zeigt ein Schaubild die Entwicklung der olympischen Rekorde, ein anderes sie steigenden Einnahmen mit Merchandising, Ticketverkäufen und TV-Rechtehandel. Die Olympiade in Peking 2008 brachte demnach 1,74 Milliarden Dollar an Fernsehrechten ein, bei 220 Ländern, in die Live-Bilder gesendet wurden.
Das Spektrum der Themen ist groß – eine Grafik zeigt die Geldströme zwischen den Staaten in der Eurokrise, eine andere widmet sich dem neuen Berliner Flughafen, wiederum eine andere erklärt, wie eine Demonstration funktioniert. Die leichte Ironie liegt in der Anordnung der Themen, weniger in der Umsetzung. Nicht jede Grafik bzw. deren Aussage lässt sich in Sekundenschnelle erschließen – das ist bei der Komplexität mancher Daten auch gar nicht möglich. Das Denken nehmen auch intelligente Grafiken dem Betrachter nicht ab.
Für Schwochow ist InGraphics eher Eigenwerbung und Spaß-Projekt, massenhaft wird sich sein Magazin nicht verkaufen. Aber, immerhin, er liegt im Trend bzw. war ihm sogar ein wenig voraus. Der Taschen Verlag hat gerade "Information Graphics" von Sandra Rendgen und Julius Wiedemann auf den Markt gebracht, das auf 500 Seiten 400 exemplarische Infografiken zeigt. Dabei ist auch ein Poster von Time-Infografiker Nigel Holmes – von dem auch Schwochow in InGraphics eine Arbeit zeigt – die Nacherzählung von sieben Märchen als Infografik. Ein weiteres empfehlenswertes Buch mit herausragenden Infografiken ist "Information is beautiful" von David McCandless.
Und damit zurück zum Datenjournalismus, der gelegentlich als Neuerfindung des Journalismus gehypt wird. Ganz zu Recht wird diese Disziplin hoch gehandelt, aber sie ist letztlich "nur" eine Weiterentwicklung der klassischen Infografik mit digitalen Mitteln. Ein Blick in InGraphics und Co. beweist das eindrucksvoll.
20.07.12 00:45
KLaus-Jürgen Schäfer
Die Ansicht, der Datenjournalismus sei letztlich "nur" eine Weiterentwicklung der klassischen Infografik mit digitalen Mitteln, ist m.E. irreführend. Datenjournalismus setzt schon bei der Recherche an. Die Auseinandersetzung mit den Rohdaten soll - idealerweise - tiefere Einsichten zutage führen.
Die Kakofonie in den Medien zur Eurokrise beweist eigentlich täglich, dass traditionelle Formate "noch ein Interview, noch ein Experte, noch eine Infografik" in die journalistische Sackgasse führen. Die Etablierung von "Chefökonomen" in der Wirtschaftspresse im Zuge der Finanzkrise könnte man dann vielleicht als "Redaktions-Rettungsschirm" interpretieren.

Christian Meier ist stellvertretender Chefredakteur von MEEDIA. Er lebt in Berlin und beobachtet von dort den manchmal schmerzhaften Wandel der Medienbranche. Weil Inhalte noch immer der wichtigste Rohstoff der Medienindustrie sind, schreibt er hier über innovative Konzepte, ihre Macher und den Wert des Content in Zeiten der Digitalisierung. Gelegentliche Ausflüge in völlig andere Gefilde sind nicht ausgeschlossen. Sie erreichen ihn unter christian.meier@meedia.de oder auf Twitter unter @Christian_Meier.
25.07.12 11:48
Schluss Redakteur
"Olympiade" bezeichnet die Zeit zwischen zwei Olympischen Spielen, nicht die Spiele als solche.