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Dienstag 25. Mai 2010 22:44

Prof. Kruse: Web-Guru oder Scharlatan?

Ein 30 Minuten Auftritt auf der re:publica hat ausgereicht: Professor Peter Kruse ist der neue Star des deutschen Webs. Nach dem der Wissenschaftler und Unternehmensberater hochgeschrieben wurde, setzt nun die Suche nach Antworten ein. Blogger und Journalisten fragen: Wer ist dieser "graubärtige Posteronkel der Netzgemeinde" (SZ), was sind seine Referenzen und welche Ziele verfolgt "Professor Silberzunge" (Netzpiloten)? Das Netz diskutiert: Ist Kruse der neue Web-Guru oder doch bloß ein Scharlatan? 

Ein Überblick über die wichtigsten Meinungen:

Eine umfassende Analyse versucht Martin Lindner für die Netzpiloten. Er sieht in Kruse einen "brillanter Performer im Stil der angenehmeren Megachurch-Evangelisten". Lindner erkennt in dem Bremer die "perfekte Mischung von Ego und Understatement", die er für "ausgesprochen selten und beeindruckend" hält.

Allerdings meint Lindner auch festgestellt zu haben, dass es bei Kruse eine extreme Diskrepanz zwischen dem Wissenschaftler und dem Performer gibt. Am Rednerpult entwickelt sich der neue Web-Star zur charismatischen "Rampensau", am heimischen Schreibtisch konnte sich der Unternehmensberater bislang weniger hervortun. "Es gibt ja interessante Theorien von 'Netzwerk', 'Emergenz', sogar von 'kollektiver Intelligenz', es gibt gute Bücher darüber, aber wenn Kruse hier selbst ein fundiertes Konzept hat, hat er es jedenfalls bis jetzt nirgends beschrieben. Er schreibt überhaupt wenig, jedenfalls nichts, was über seine mündliche Change-Rhetorik hinausgeht."

 

Auf der Republica wurde der Bremer mit dem Satz
vorgestellt: "Des Internets Muse – Professor Peter Kruse"

Auch Edo Reents aus dem FAZ Feuilleton beschäftigt sich mit dem vermeintlichen "Guru" und "Netzwerkpapst". Der Literaturkritiker beschreibt Kruse als Mix aus Faust, Luther und Moses sowie einer "Prise Peeperkorn. Von Faust hat er den Wissensdrang, von Luther das 'Hier stehe ich und kann nicht anders', von Moses das Gesetzgeberische und von Peeperkorn die Neigung, viel zu sagen, ohne dass man hinterher immer wüsste, was." 

Ein Kern des langen Reents-Textes ist dem Versuch gewidmet "Deutschlands Change-Management-Papst" (Computerwoche) als Schwätzer zu entlarven. Als Zeugen zitiert der Frankfurter Thomas Mann- und Neil Young-Experte anonyme "Blogger und Internetkommentatoren" mit der peppigen Aussage: "'Kruse ist der Hyper-Schwurbler des Internets, vergleichbar nur mit Franz Beckenbauer im Fußball oder mit Peter Sloterdijk im Literaturbetrieb. Mit seiner Brachialrhetorik, seiner enorm schnellen Sprechgeschwindigkeit, welche dem Zuhörer keine Chance zu einem klaren Gedanken lässt, vermittelt er die Illusion, er hätte unglaublich Bedeutendes und Wegweisendes mitzuteilen.'"

Wolfgang Michal sieht in dem Reents-Text einen "Vernichtungsversuch", der mit "perfider Herabsetzungs-Technik" arbeitet: "Oft werden anonym bleibende 'Kommentatoren' oder 'Blogger' oder namenlose 'Twitterer' zitiert. Aus der Unaufgeräumtheit des Bremer Firmensitzes wird auf das unordentliche Wesen des Porträtierten geschlossen. Absatz für Absatz wird Peter Kruse 'entlarvt' als oberflächliches, unseriöses Plappermaul, das seinen Lebensunterhalt mit den immer gleichen billigen 'Versatzstücken' verdient."

Michal glaubt, dass der FAZ-Text eine Rache-Aktion auf ein SZ-Interview von Kruse sei. In einem Gespräch mit der Süddeutschen hatte der Unternehmensberater und Psychologe den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dessen aktuelles Buch Payback hart kritisiert.

Der Blogger nnier beschreibt ältere Kruse-Eindrücke, als er Gast in einer Vorlesung des Professors war: "Und ich erinnere mich an den Eindruck, dass hier jemand wahnsinnig schnell wahnsinnig viel erzählt hat, und dass sich die Zuhörerschaft hinterher teilte in diejenigen, die das alles brillant und zukunftsweisend fanden und diejenigen, die das Punktuelle, Gehetzte, Hingeworfene des Vortrags für unseriöses Blendwerk hielten."

Genau in diese beiden Gruppen scheint sich nun auch das Web zu teilen. Die einen halten Kruse für eine "Hyper-Schwurbler des Internets", die andern für eine charismatischen Netz-Versteher. Lindner notiert in seinem Netzpiloten-Text: "In den letzten paar Monaten hat Peter Kruse eine Leerstelle besetzt: Er ist die Stimme des Deutschen Web in den bürgerlichen Medien geworden." Tatsächlich ist der "Motivationstalker für noch nicht erschlossene Zielgruppen" (Don Alphonso) auf dem besten Weg, als web-affiner Gegenpart zum Netz-Zweifler Frank Schirrmacher aufgebaut zu werden bzw. sich selbst aufzubauen.

Alleine die unzähligen unterschiedlichen Beschreibungen des Wissenschaftlers, Psychologen und Unternehmensberaters von der Weser zeigen, wie viel Lust es Journalisten und Blogger gerade macht, sich mit diesem schwer fassbaren Typen zu beschäftigen. Ob Guru oder Scharlatan: Neben Sascha Lobo hat das deutsche Web einen neuen Charakter-Kopf, der für die nächsten Monate als neuer General-Experte für alle Fragen rund um das Internet wird herhalten müssen. 

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Dienstag 18. Mai 2010 11:58

DerWesten fährt jetzt doppelgleisig

Der Werbeslogan für die rennovierte Site DerWesten.de könnte lauten: BILD Dir Deine regionale Meinung. Unter der neuen Regie von Print-Chef Ulrich Reitz, der jetzt auch im Web das Sagen hat, setzt das Nachrichten-Portal vor allem auf regionale Themen und Boulevard. Eine Mischung, die nicht gerade dem Image, dafür aber den Klickzahlen hilft. Anstatt an dem vermeintlichen Zwiespalt zwischen Lokal und Überregional zu scheitern, präsentieren die Essener jedoch eine smarte Problem-Lösung.

So wird unterhalb einer Aufmacher-Box mit den fünf - vermeintlichen - Top-Stories nun die neue Webseite geteilt. Über der linken Hälfte steht "Unsere Region", und die rechte Seite gehört dem "Rest der Welt". Die Aufteilung funktioniert, auch wenn es auf den ersten Blick seltsam erscheint, dass eine international relevante Meldung über die Aschewolke oder die Gewalt in Thailand gleichberechtigt neben einer Story über die Flutung des Phoenix-Sees steht.

Laut Online-Editorial war eines der Ziele des Relaunches, dass sich "der User quasi mit einem Blick auf das obere Drittel der Seite einen schnellen Überblick über das Tagesgeschehen" verschaffen kann. Genau das funktioniert bei der aktuellen Themenauswahl nur bedingt. Denn auch bei den Meldungen gibt es eine klare Zweiteilung: Regional wird umfassend berichtet, Überregional jedoch dominieren die bunten Stories. Nach der WAZ-Logik gehören zu den globalen Top-Meldungen auch "Brüssel lässt Kaninchen leiden", "'Avatar' bekommt beste Besuchernote" und "Ronnie James Dio ist tot".

Zweites wichtiges neues Element ist die Aufmacherbox. Mit ihr "ist es möglich, vier bis fünf Themen gleich im oberen Bereich auszuspielen", heißt es im Editorial. "Vorteil: Der User braucht nicht mehr zu scrollen, um sich einen Überblick über die Eckpunkte der Nachrichtenlage zu verschaffen." Auch bei der Top-Story-Box, die nicht nur optisch stark an Bild.de erinnert, stehen gleichberechtigt neben den großen politischen Themen, wie Euro-Krise und Steuerdiskussion. Es gibt aber auch Meldungen wie "Europas Bauern suchen Frauen" und "Godoj singt bei Klitschko-Kampf auf Schalke".

Spätestens mit dem Umbau verabschiedet sich die WAZ von der ambitionierten Grundidee unter der DerWesten.de mit seiner Chefredakteurin Katharina Borchert mal gestartet war. Die Webseite (7,1 Millionen Visits) hat es nie geschafft, vielleicht weil sie durch Blogs, zuviel Bewegtbild und einer komplizierten Technik zu leiden hatte, in die Traffic-Regionen von regionalen Konkurrenz-Angeboten wie RP-Online (10 Millionen Visits) heranzukommen.

Beim Selbstverständnis der WAZ ist es jedoch eine kaum hinzunehmende Schlappe, wenn man so weit hinter den Düsseldorfer Rivalen bleibt. Ein gutes Beispiel für die Eigenwahrnehmung der Essener ist der Satz mit dem sie ihr Webportal in einer Pressemitteilung umschreiben. Dort ist von dem "bundesweit größten regionalen Nachrichtenportal" die Rede. Damit meint die Mitteilung allerdings nicht die Visits, sondern das räumliche Verbreitungsgebiet von rund 140 Städten, die die Seite abdeckt.

Mit dem Relaunch haben sich Reitz und sein Team offenbar ernsthaft entschieden, den Kampf um die Traffic-Marktführerschaft bei den Regional-Portalen aufzunehmen. Einziger Weg dies zu schaffen ist eine Seiten-Ausrichtung, die konsequent auf den zwei Säulen Lokal und Boulevard basiert. Für genau diesen Mix scheint das renovierte Portal DerWesten.de zu stehen. Die Reichweiten-Aufholjagd könnte so gelingen.

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Alexander Becker lebt in Hamburg und arbeitet dort als freier Journalist. Seit fast zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem World Wide Web und schreibt über die aktuellen Internet-Trends und neue Online- Entwicklungen. Bei MEEDIA betreut Alexander Becker die Rubrik „Web-Business“ und „Neue Sites“.

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