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Jugendmedien in der Krise

Eine wichtige Stimme

Thomas Borgböhmer – Illustration: Bertil Brahm

Auf junge Zielgruppen ausgerichtete Portale wie Zett, Vice & Co. haben es wirtschaftlich schwer. Dabei spielen sie für die Medienlandschaft eine bedeutende Rolle

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Es sind harte Zeiten für den jungen Digitaljournalismus. Zuletzt gab der Spiegel bekannt, dass das U30-Magazin Bento eingestellt wird und ersetzt werden soll. Der Nachfolger soll unter dem Arbeitstitel Spiegel Start im Herbst mit stark dezimierter Redaktion beginnen. Auch Zett hat es erwischt. Zwar bleibt das Angebot als eigenständige Marke erhalten, muss sich aber in einigen Monaten als Ressort bei Zeit Online einreihen. Die Entwicklung ist bedauerlich, denn für den Journalismus erfüllen jene jungen Medienmarken einen wichtigen Zweck.

Für Journalisten bieten sie die Chance, eine junge Zielgruppe zu erreichen und etwas völlig Neues zu gestalten, was in bereits gefestigten Strukturen anderer Redaktionen wohl viel schwieriger umzusetzen wäre. Die Innovationskraft der jungen Medienmarken zeigt sich auch in ihrer Themenauswahl. Ein Beispiel: Die Berichterstattung über LGBTQIA+ oder inklusive Themen ist mit dem etwas anderen Dreh und in der Häufigkeit woanders nicht zu finden. In der Gesellschaft und Öffentlichkeit unterrepräsentierte Gruppen bekommen so eine Stimme. Wer sich die Teams der Angebote anschaut, sieht zudem, dass die jungen medienMarken leben, was sie sich auf die Fahnen geschrieben haben – und was mancher Redaktion im Jahr 2020 weiter häufig fehlt: ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mann und Frau (auch auf den Chefpositionen) sowie Diversität. Manch Verantwortlicher dürfte sich bei der Zusammensetzung seiner Redaktion künftig gerne daran orientieren.

Nichtsdestotrotz, es hapert(e) an der Wirtschaftlichkeit. Eine Entwicklung, die durch die Corona-Krise weiter verschärft wurde. Doch eine Phase der Umstrukturierung ist stets eine Chance, sich neu aufzustellen. Dass die jungen Portale in der Berichterstattung zuweilen nur einen Teil der Lebenswelt abgebildet haben, war über die Jahre einer der vorgebrachten Kritikpunkte. Und ja, ohne Zweifel bietet die Zielgruppe U30 weiteres Potenzial abseits der oft städtischen, studentischen Lebenswelt. Menschen vom Land, Nicht-Akademiker, Azubis, junge Familienväter und -mütter könnten künftig noch gezielter angesprochen werden. Hilfreich sind dabei streitbare Sichtweisen, auch konservativere Meinungen, die in der Zielgruppe stärker anecken als linksliberales Gedanken-Einerlei und damit zur politischen Meinungsbildung beitragen. Diskussionen, wie die zur geschlechtergerechten Sprache, haben freilich ihre Berechtigung, aber an der Lebenswirklichkeit einiger Menschen zwischen 18 und 30 gehen sie sicher vorbei – anders als womöglich ein Schwerpunkt zur aktuellen Rentenpolitik. Fernab des Themen- und Meinungspluralismus könnte mehr klassischer Journalismus für größere publizistische Schlagkraft und höhere sichtbarkeit sorgen. Politische Analysen, tiefgehende Vor-Ort-Recherchen (im Lokalen und Regionalen) sowie investigative Stücke etwa. Gerade das zum Verkauf stehende Buzzfeed Deutschland oder STRG_F von Funk haben in der Vergangenheit den ein oder anderen Scoop gelandet und taugen zum Vorbild.

Für junge Medienmarken wie Zett geht es nun erstmal darum, sich wirtschaftlich stabil aufzustellen. Ob eine angepasste Ausrichtung dauerhaft finanziellen Erfolg verspricht? Ungewiss. Würden sie nach und nach aus der Medienlandschaft verschwinden – es wäre ein herber Verlust.

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