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Fünf Jahre Apple Music

Das uneingelöste Versprechen

Apple-CEO Tim Cook © imago

Es ist still geworden um Apples Musik-Streaming-Dienst. Fünf Jahre ist der Launch auf den Tag genau her, doch weiter hinkt Apple Music Branchenprimus Spotify hinterher. Von einer Aufholjagd ist nichts zu erkennen – im Gegenteil. Fast scheint es, als hätte Apple die Lust an seinem Musik-Dienst verloren. Ein Kommentar

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Die Nostalgie ist längst verflogen. Es gab diese  Zeit, damals, in den letzten Dekaden des vergangenen Jahrhunderts, als die Plattensammlung das Größte in unserem Teenagerleben war. Was haben wir das Taschengeld gehortet und uns über unsere ersten Besitztümer im Leben definiert: Bruce Springsteens „Born in the USA“, Michael Jacksons „Thriller“ oder Prince‘ „Sign ‚O‘ the Times“: Das waren Mitte der 80er die ersten Heiligtümer im beginnenden Teenie-Leben, die über Coolsein oder Nicht-Coolsein entschieden.

Drei bis vier Jahrzehnte später ist davon nichts mehr geblieben. Das liegt zum einen am ersten Teil der Digitalisierung der Musik, der durch das MP3-Format begann und in den Nullerjahren in Musik-Downloads das Ende der CD einläutete – zum anderen am zweiten Teil, der sich mit dem Siegeszug der Streaming-Dienste, vor allem Spotify, vollzog. Plötzlich war es möglich, für ganze 10 Euro im Monat den Zugang zu einer dreißig Millionen Songs schweren Musikbibliothek zu bekommen – ein Schatz, den man nur zu heben verstehen musste.    

Apple Music, die distanzierte Nummer zwei des Musik-Streamings

Auch Apple spielt das Spiel, das es mit iTunes selbst gestartet hatte, weiter mit – im Streaming-Zeitalter indes in einer sehr ungewohnten Rolle: als Nummer zwei. Als der Kultkonzern aus Cupertino heute vor genau fünf Jahren mit Apple Music seine Antwort auf Spotify launchte, sah es so aus, als würde es laufen wie immer: Kraft der Marke würde am iKonzern bald kein Weg mehr vorbeiführen, dachte man.   

Spotify-Gründer Daniel Ek schien zumindest ziemlich besorgt zu sein und beschwerte sich mehrfach über Apples Monopolstatus, mit dem der iPhone-Hersteller angeblich Spotify den Zugang zur Apple-Welt versperre. Der scheint jedoch nicht mal nötig, denn Spotify beherrscht zwölf Jahre nach dem Start und fünf Jahre nach dem Launch von Apple Music weiter nach Belieben den Markt für Musik-Streaming.

Was wurde aus Apples Aufholjagd? 

Dabei sah es phasenweise danach aus, als sollte Apple Music zu einer Aufholjagd starten. So sollte Apple Spotify in den USA bereits überholt haben, war vor genau einem Jahr zu hören. Auf dem Heimatmarkt komme Apple Music auf rund 28 Millionen zahlende Kunden und Branchen-Pionier Spotify auf 26 Millionen, berichtete seinerzeit das Wall Street Journal.  

Allein: Auf dem Weltmarkt hat Spotify seinen deutlichen Vorsprung offenkundig weiter ausgebaut. Der schwedische Streaming-Pionier nannte bei Bekanntgabe seiner jüngsten Quartalszahlen Ende April bereits 130 Millionen zahlende Kunden. Im Juni 2019 hatte Apple Music noch 60 Millionen Abonnenten gemeldet, seitdem jedoch – höchst ungewöhnlich – keine Angaben zu den zahlenden Kunden mehr gemacht.

Noch überraschender: Auch auf der Entwicklerkonferenz WWDC in der vergangenen Woche, auf dem traditionell Neuerungen, Updates und neue Nutzerzahlen kommuniziert werden, war der vor fünf Jahren mit vielen Ambitionen gestartete Musik-Streaming-Dienst den Apple-Managern lediglich eine minimale Überholung der personalisierten Empfehlungsseite („Für Dich“, jetzt: „Listen Now“) und ein kosmetisches Interface-Update der „Now Playing“-Ansicht in der mobilen App wert.

Apples Untätigkeit bei seinem Musik-Streaming-Dienst ist in der Branche längst kein Geheimnis mehr. „Arbeitet bei Apple noch irgendjemand an neuen Ideen für Apple Music? Sie haben keinen Pixel seit Jahren angefasst“, merkte etwa Techanalyst Benedict Evans zu Monatsbeginn an. „Oder ist es eines dieser Projekte, das über Jahre nur instand gehalten wird, bis es komplett erneuert oder geschlossen wird?“ fragt sich der gut vernetzte Branchenbeobachter.

Tatsächlich wirkt Apples Desinteresse an seinem Musik-Streaming-Service, für den mit einer monatlichen Abogebühr von 9,99 Euro immerhin der doppelte Preis wie für das TV-Streaming-Angebot Apple TV+ fällig wird, fast aufreizend. Auf ein großes Redesign, neue Features oder zusätzliche Exklusive-Inhalte müssen Nutzer wohl zumindest ein weiteres Jahr warten.

In der Vergangenheit konnte Apple, als noch Musik-Mogul Jimmy Iovine die maßgebliche Verantwortung von Apples Musik-Streaming-Angebot trug, immer wieder mit exklusiven Veröffentlichungen wie Taylor Swifts Konzertfilm zur „1989“-Tour oder vorab veröffentlichten Drake-Alben punkten. Inzwischen zeigen eigentlich für Apple prädestinierte Mainstream-Künstler wie Beyoncé, Taylor Swift und Bruce Springsteen ihre jüngsten Konzertfilme / Biopics lieber exklusiv bei Netflix.

Apple Music verschläft Podcast-Trend

Und damit nicht genug: Auch abseits der Musik scheint Apple neue Trends zu verpassen. Podcasts, die durch den Siegeszug von iTunes überhaupt erst salonfähig gemacht worden sind und ein Jahrzehnt später einen überraschenden Boom erfahren haben, finden in exklusiver Form immer öfter beim Rivalen Spotify statt.

2019 überraschte Spotify mit einer wahren Shopping-Tour: Das 14 Jahre alte Unternehmen übernahm für spektakuläre 230 Millionen Dollar das Podcast-Label Gimlet Media. Zukäufe der App Anchor und des Sport-Podcast-Netzwerks The Ringer folgten. Mit Barack und Michelle Obama, Kim Kardashian und Podcast-König Joe Rogan konnte Spotify zudem Exklusivdeals vereinbaren.

Integrationsmasse für ein Apple Entertainment Bundle?

Ein halbes Jahrzehnt nach dem Launch scheint es fast, als habe Apple die Lust – oder die große Vision – an seinem Musik-Streaming-Service verloren. Das Angebot ist gemacht für Apple-Nutzer, die einfach kein Bedürfnis verspüren, bei Spotify neu anzufangen – oder eben nie Spotify-Kunden waren. Ein erkennbarer Wechselgrund drängt sich für Bestandskunden des schwedischen Streaming-Pioniers in der aktuellen Version von Apple Music indes kaum auf.

Für den wertvollsten Techkonzern der Welt, dessen Zukunft maßgeblich vom Wachstum seines Geschäfts mit Medieninhalten abhängt, ist Apple Music in der aktuellen Version eigentlich zu wenig. Das Gleiche gilt für den neuen TV-Streaming-Dienst Apple TV+, der der Konkurrenz von Netflix und Disney+ sogar meilenweit hinterher hinkt.

Vielleicht ist der Masterplan Cupertinos aber auch ein ganz anderer. Aus ein paar mittelmäßigen Diensten ein großes Entertainment-Bundle zu schnüren, das Apple Music, Apple TV+, Apple News+, Apple Arcade und möglicherweise noch weitere Dienste enthält. Ein solches Angebot gibt es bisher nicht und ließe sich mit entsprechendem Preisschild bekleben.

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