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„Wir sind beide zu freundlich für den Bad Cop“: Christoph Amend und Jochen Wegner über ihre neuen Zeit-Mammut-Podcasts

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Jetzt ist wohl auch die letzte konzeptionelle Interview-Lücke geschlossen. Es gibt Gesprächsformate, die beschränken sich auf eine Frage, bei anderen dürfen die Befragten nur pantomimisch antworten und jetzt kommt auch noch der neue Podcast “Alles gesagt?" der Zeit-Chefredakteure Jochen Wegner (Zeit Online) und Christoph Amend (Zeit Magazin). Das besondere an ihren Gesprächen: Sie sind erst vorbei, wenn der Gesprächspartner sagt: Jetzt ist Schluss.

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Den Start zu dem neuen Format macht ein langes Gespräch mit dem neuen Grünen-Chef Robert Habeck, das während der langen Nacht der Zeit im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg vor 1.200 Zuschauern geführt wurde. Es dauerte 158 Minuten. Dann war nach Meinung von Habeck alles zum Thema „Freiheit“ gesagt.

Für die Zeit ist das neue Format Teil einer Podcast-Offensive. Seit Monaten startet die Redaktion immer neue Audio-Formate. Auch wenn sie mittlerweile „eine signifikante Reichweite“ erzielen, wie Zeit Online-Geschäftsführer Enrique Tarragona gegenüber MEEDIA erklärt, verdienen die Berliner mit Podcasts noch kein Geld. Es ist eher eine Wette auf die Zukunft. So erwartet der Manager, „dass sich in den nächsten Jahren ein neuer und interessanter Markt für uns entwickelt“.

Ein wichtiger Baustein dabei soll dann auch das neue Podcast-Format “Alles gesagt?“ sein. Im MEEDIA-Interview erklären die Macher, Jochen Wegner und Christoph Amend, das Konzept und ihr Vorgehen. Dabei lässt sich erahnen, das die beiden ein paar Stunden auch gut nur miteinander füllen könnten.

Wie ist die Idee zu „Alles gesagt?“ entstanden?
Christoph Amend: Ich erinnere das so: Wir waren in einem neuen italienischen Restaurant in Berlin essen, es war so voll, dass es nur noch Platz an der Theke gab, aber da ist es ja ohnehin immer am besten. Jedenfalls saßen wir nebeneinander, haben über Interview-Podcasts geredet, die wir beide gerne hören, und dass man selbst einen starten sollte, und irgendwann an dem Abend dachten wir: Wieso machen wir den nicht zusammen?
Jochen Wegner: Und zum Glück haben wir beide eine Leidenschaft für sehr lange Gespräche. Oft werden Interviews mit spannenden Persönlichkeiten ja erst dann so richtig spannend, wenn die vereinbarte Zeit eigentlich abgelaufen ist und sie sich dem Ende zuneigen. Kurz, bevor man das Aufnahmegerät abschaltet, sagt der Künstler endlich das, was ihm besonders am Herzen liegt, und die Politikerin erzählt, schon etwas erschöpft, schließlich Wahres. Podcasts sind für derart lange Formen am besten geeignet.

Jedes Interview-Duo braucht eine klare Rollenaufteilung. Wer ist der Good-, wer ist der Bad Cop?
Amend: Oh Mist, das haben wir vergessen festzulegen! Jochen, wie machen wir das jetzt?
Wegner: Wir sind beide zu freundlich für den Bad Cop. Unter der verbindlichen Oberfläche geht es aber in die Tiefe.
Amend: Wobei ich die Oberfläche immer verteidigen würde, dort kann man auch einiges entdecken.
Wegner: Wahrheit tritt manchmal zutage, wenn man zwei Stunden über Umweltschutz im 21. Jahrhundert, die Kieler Förde und Ploppverschlüsse von Bierflaschen geredet hat. Dann erzählt Robert Habeck plötzlich von seiner wahren Leidenschaft, der Literatur, von der wirklich sehr tragischen Liebesgeschichte der Autoren Ted Hughes und Sylvia Plath, die er bis in jedes gruselige Detail kennt – und was diese Geschichte für seine eigene Beziehung bedeutet. Und Nina Hoss fängt bei Minute 96 an zu singen.
Amend: Und zwar das Lied, das sie bei ihrem allerersten Bühnenauftritt gesungen hat. Da war sie gerade mal fünf Jahre alt, und ihr Vater, der legendäre Gewerkschaftler und Grünen-Mitgründer Willy Hoss, feierte in Stuttgart seinen 50. Nina Hoss hat uns erzählt, dass damals auf dem Fest alle dachten, ihre Eltern hätten sie dahin geschubst. Aber nein: „Ich wollte selbst auf die Bühne!“ Das Lied war „Sag mir wo die Blumen sind.“ Übrigens lassen wir unser Gäste beim Singen aus Höflichkeit und Solidarität nicht allein.
Wegner: Mit Robert Habeck singen wir ein dänisches Kinderlied. Das ist etwas peinlich.

Ok. Es ist offensichtlich: Sie haben Spaß zusammen. Das ist wohl auch einer Gründe für die Tandem-Lösung. Gibt es noch mehr Gründe die Gespräche zu zweit zu führen?
Wegner: Nach zwei, drei Stunden wäre ich alleine nicht mehr in der Lage, klar zu denken.
Amend: Obwohl wir mit Robert Habeck auf seinen Wunsch hin wirklich ausschließlich alkoholfreies Flens getrunken haben.
Wegner: Die Interviewten haben es viel einfacher, die sind schließlich ganz bei sich. Als Fragender muss man ständig das Gespräch beobachten und überlegen, in welche Richtung es gehen soll. Zu zweit ist das nicht ganz so anstrengend. Jeder von uns hat an die hundert Fragen dabei, die wir auch nicht abstimmen.
Amend: Das ist auch eine spannende Erfahrung: Jeder von uns liest sich durch 300, 400 Seiten Archivmaterial, schaut sich Videos und Filme an, liest Bücher, spricht mit Kollegen – und im Gespräch merken wir dennoch manchmal gegenseitig: Das Zitat, das der Andere gerade parat hat, habe ich überlesen.

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Was muss eine Person bieten, damit sie sich für ein Podcast-Interview mit Wegner/Amend qualifiziert?
Amend: Wir müssen beide neugierig sein, das ist bislang die einzige Regel, wenn wir über Einladungen reden. Und der Gast muss natürlich bereit sein, sich auf das Abenteuer einzulassen, dass nur er oder sie selbst bestimmen kann, wann das Gespräch zu Ende ist.
Wegner: Wir bitten die Menschen, diese Zeit auf jeden Fall mitzubringen. Das ist bei Ministern oder Künstlern meist nicht so einfach. Ich stelle mir immer vor, mit der Person fünf Stunden in einem kurz vor Fulda gestrandeten ICE auf dem Gleis zu stehen. Wir sitzen einander gegenüber im Speisewagen. Wäre das auch bei Minute 243 noch eine interessante Konversation?

Warum lieben die Menschen die Podcasts der großen Nachrichten-Seiten, die ja sonst eher auf das geschriebene Wort setzen?
Wegner: Es wäre mir zu einfach, zu sagen: weil unsere Podcasts so gut sind. Vielleicht eher, weil unsere Podcasts ganz gut sind, aber unsere Marken eben auch bereits bekannt. Obwohl Podcasts mehr als ein Jahrzehnt alt sind, scheint mir die deutschsprachige Szene noch recht jung, es gibt wenige originäre Podcast-Marken und nur wenige aufwändig produzierte Formate.

Warum hat es so viele Jahre gedauert, bis die Redaktionen und auch die Hörer den Reiz von radioähnlichen Formaten entdeckt und schätzen gelernt haben?
Wegner: Weil vor zehn Jahren Smartphones noch keine so große Rolle gespielt haben. Kein anderes Gerät hat unsere Mediennutzung in jüngster Zeit so verändert. Damit ist eine neue Audio-Plattform entstanden. Hinzu kommen nun Audio-Dienste wir Amazon Echo und Google Home – und die Angebote der Autohersteller.

Welche Podcasts hören Sie selber gerne?
Wegner: Unsere eigenen, jeder Morgen beginnt um 6 Uhr mit „Was jetzt?“ von Zeit Online, jeden Mittwochmorgen in der U-Bahn höre ich „Servus. Grüezi. Hallo.“, das transalpine Gespräch unserer Kollegen in Zürich, Wien und Berlin. Dazu Klassiker wie „This American Life“, Instant-Klassiker wie „The Daily“ von der New York Times, „Recode Media“ von Peter Kafka, die deutsche „Lage der Nation“, „Hidden brain“ von NPR, mein liebster Schwafelpodcast ist „Gästeliste Geisterbahn“. Grandios ist „Song Exploder“, wo Musiker eines ihrer Stücke dekonstruieren.
Amend: The Axe von David Axelrod, dem ehemaligen Berater von Barack Obama, die New Yorker Radio Hour, den Kulturpodcast Still Processing mit Jenna Wortham vom New York Times Magazine und den Medien-Podcast The Stack von Monocle. Ich bin süchtig nach Malcom Gladwells Revisionist History, und die ersten Staffeln von „Start Up“ waren sensationell. Mehrmals in der Woche schaue in der Deutschlandfunk Audiothek nach, höre mich da durch und schreibe in meinem Newsletter über meine Lieblingsbeiträge. Von den deutschen Interview-Podcasts mag ich Hotel Matze von Matze Hielscher und Bettina Rusts Hörbar Rust. Ach ja, und ich habe mir angewöhnt, die Tagesschau als Podcast zu hören, funktioniert in der reduzierten Form fast noch besser als mit Bild.

 

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Alle Kommentare

      1. Beispiel:


        Amend: „Es war (im Fall Wedel) komplett anders als im Fall von Jörg Kachelmann. Damals hat meine Kollegin Sabine Rückert früh herausgefunden, dass die Vorwürfe nicht stimmen können.“

        So einfach kann es sein: Kachelmann war unschuldig, Wedel ist schuldig. Wenn die Zeit-Redaktion meint, dass einer schuldig sei, kommt es aufs Vernichten nicht mehr an. So kann man es machen.“ “

        Zitat aus:
        http://meedia.de/2018/03/08/dieter-wedel-die-zeit-und-der-kameltester-thomas-fischer-ueber-die-selbstgerechtigkeit-eines-leitmediums/

        Da sind alles „Wahrheitsexperten“, sog gute Geister, gute u brave Jungs am Werk. Da weiß einer, dass die Chefin was rausgefunden hat…Deshalb ist das unheimlich.

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