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#DeleteFacebook: Warum es uns so schwerfällt, das Social Network zu verlassen

Sind wir als Nutzer bereit, Konsequenzen zu ziehen und Facebook zu löschen?
Sind wir als Nutzer bereit, Konsequenzen zu ziehen und Facebook zu löschen?

Facebook ist durch. Das Unbehagen, das über Jahre unterschwellig bei der Nutzung des Social Networks mitschwang, hat sich in den letzten Tagen im Zuge des Cambridge-Analytica-Datenskandals eruptiv entladen – und in blanken Hass verwandelt. Facebook ist widerliches Teufelszeug, das wir schnell aus unserem Leben verbannen sollten, so die gefühlte Schwarmmeinung. Allein: So einfach ist es nicht, beschreibt MEEDIA-Autor Nils Jacobsen die Hindernisse des Facebook-Exits.

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Der Point of no Return scheint erreicht. Der Datenskandal um Cambridge Analytica ist zu massiv, Facebooks Krisenmanagement zu hilflos, der globale Aufschrei, der im Hashtag #DeleteFacebook seinen Kanal findet, zu zahlreich: Diese Krise wird Facebook verändern.

Voller Furor entlädt sich in den Kommentarspalten unter Mark Zuckerbergs Statement oder unter seinem CNN-Auftritt das über Jahre aufgestaute Misstrauen, das sich gefühlt längst in Hass verwandelt hat, über das weltgrößte soziale Netzwerk, das einmal für viele das heißeste Ding, die liebste Freizeitbeschäftigung oder schlicht eine großartige Plattform war, um intensivere Kontakte mit Freunden, Familie, Bekannten zu pflegen – oder sogar neue Kontakte zu schließen.

Auf der Reise hat sich Facebook verändert und wir uns mit ihm. Inzwischen füttern mehr als zwei Milliarden Menschen rund und den Globus das Social Network seit nunmehr 14 Jahren freiwillig mit dem Intimsten unseres digitalen Lebens: mit leicht bekleideten Urlaubsfotos, mit Babyfotos, mit Lästereien über Kollegen oder Anzüglichkeiten eines Flirts im Messengerchat, mit enthemmten politischen Brandreden in vermeintlich sicheren Gruppen.

Wir haben Facebook unser gesamtes Leben anvertraut, wir Narren

Mit einem Wort: Wir haben Facebook unser gesamtes Leben anvertraut. Der Datenskandal um Cambridge Analytica macht uns nun deutlich, dass wir über eine Dekade einem Trugschluss aufgesessen sind, wir Narren. Facebook ist wie ein offenes Buch, das, wenn wir Pech haben, von jedem gelesen werden kann, wie auch das Facebook-Fiasko von MEEDIA-Kollege Marvin Schade beweist.

Plötzlich hatte ein anderer MEEDIA-Kollege Zugriff auf sein gesamtes (!) Facebook-Konto. Oder hatten es auch andere Nutzer, von denen Marvin gar nichts weiß, die seit Monaten passiv sein gesamtes Leben mitverfolgen, und jede Mail gelesen haben und diese darin enthaltenen Informationen im schlimmsten Fall gegen ihn verwenden könnten?

Viel zu spät erkennen wir, dass es uns jederzeit wie in einer düsteren Dystopie à la „Black Mirror“ oder „You are wanted“ ergehen kann – und unsere Daten von jedem x-beliebigen Nutzer gelesen und unsere virtuelle Facebook-Identität im schlimmsten Fall sogar gekapert und gegen uns verwendet werden kann.

Es ist der Moment des ganz bitteren Erwachens. Das Vertrauen in Facebook ist vollkommen weg – und dürfte, ganz egal, wie sich Mark Zuckerberg darum bemüht, in der ursprünglichen Form auch nie mehr wiederkommen. You can’t get the Jeanie back in the Bottle.

Sind wir als Nutzer eigentlich bereit, Konsequenzen zu ziehen?  

Entsprechend rast das Netz in diesen Tagen – fast kann man die virtuelle Meute „Facebook muss weg“ skandieren hören. Weg mit dem widerlichen Teufelszeug, das uns eh schon Monate, vielleicht Jahre unseres Lebens gestohlen hat, weil es unterschwellig süchtig macht wie eine Zigarette, weg mit diesem Monster, das wir durch unsere naive Datenfütterei selbst geschaffen haben – #DeleteFacebook!

Allein: Sind wir als Nutzer eigentlich auch bereit, Konsequenzen zu ziehen?

Zunächst ist es ein Reflex. Es ist der gleiche Reflex, der Donald Trump zum US-Präsidenten gemacht, der EU den Brexit beschert und der AfD zu 13 Prozent Wählerstimmen verholfen hat: Es ist der röhrige Furor, denen da oben, den Etablierten, ein donnerndes „FUCK YOU“ entgegenzuschreien. Das fühlt sich für den Moment, für den nächsten Tag und vielleicht noch die nächste Woche gut an, wie Michael Moore das revanchistische Motiv der Trump-Wähler in „Trumpland“ entlarvt hat.

Fuck you Facebook, also. #DeleteFacebook, yeah! Es fühlt sich gut an, dem unglaubwürdigen Obernerd Zuck den virtuellen Stinkefinger zu zeigen. Allein, was dann? Halten wir die Facebook-Losigkeit wirklich durch? Jeder, der einmal über einen längeren Zeitraum digitales Detox betrieben hat, weiß, dass sich nach einigen Monaten zwei Phänomene einstellen: das Gefühl der digitalen Verbannung – und möglicherweise sogar berufliche Nachteile.

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#DeleteFacebook: Persönliche und berufliche Nachteile hindern uns

Wer in der Digitalbranche arbeitet – und das sind bekanntlich immer mehr –, kann es sich schlicht kaum leisten, nicht auf Facebook präsent zu sein, allein schon wegen der Erreichbarkeit. Events werden geteilt, manche Arbeitsprozesse in Facebook-Gruppen ausgelagert, Unternehmens- oder Medienseiten wollen mit Posts befüllt und gemanagt werden (was Millennials für einige Jahre das irrsinnige, inzwischen aber wieder aussterbende Berufsbild des Social Media Managers beschert hatte) – vor allem jedoch verläuft die Kommunikation auf schnellstem Wege immer wieder über den Facebook Messenger, so sehr hat sich Berufliches und Privates in der Facebook-Ökonomie längst vermischt. Wer kein Facebook-Konto besitzt, hat es in der Medien-, Werbe- oder PR-Branche eindeutig schwerer und befindet sich in einer Dauerrechtfertigungsschleife.

Die zweite Ebene ist emotionaler. Das Facebook-Konto zu löschen, ist vor allem für frühere Nutzer ein harter Einschnitt. Plötzlich sind wir nicht mehr mit unserem Freundes- und Bekanntenkreis verbunden. Intuitiv macht sich FOMO-Angst breit: Wir haben instinktiv das Gefühl, etwas zu verpassen.

Und ob wir es wollen oder nicht: Für viele von uns ist Facebook unser präsentestes Erinnerungsalbum geworden. Wie oft sehen wir uns auf dem iPhone tatsächlich Bilder des Jahres 2008 an? Facebook ruft sie uns mit seinem Feature „This Day“ immer wieder ins Gedächtnis zurück und sorgt damit oft genug für einen Moment des Innehaltens. Hach ja, ist das auch schon wieder zehn Jahre her, mag mancher denken.

Erinnerungsalbum Facebook

Doch genau deswegen heben wir schließlich alle Fotos auf. Sie stellen eine Verbindung  zu unserer Biografie her, sie erinnern uns daran, wie wir zu dem wurden, was und wer wir sind.  Mit einem Wort: Facebook trifft uns an einem hochgradig empfindlichen Nerv: der Nostalgie.

„Im Griechischen bedeutet ‚Nostalgie’ wörtlich ‚die Schmerzen von einer alten Wunde’. Es ist ein Stich im Herzen, viel mächtiger als eine Erinnerung allein. Dieses Gerät ist kein Raumschiff. Es ist eine Zeitmaschine. Es geht vorwärts, rückwärts. Es führt uns an einen Ort, an den wir gerne zurückkehren würden. Es ist kein Rad. Es nennt sich Karussell.  Es lässt uns reisen, wie ein Kind reist. Rund umher und wieder nach Hause … an einen Ort, wo wir wissen, dass wir geliebt werden.“

So verkauft „Mad Men“ Don Draper dem Kunden Kodak den Pitch für den Diaprojektor Carousel, gewissermaßen das iPhone der 60er-Jahre. Facebook ist diese Zeitmaschine im Social Media-Zeitalter. Aus ihr auszusteigen, bedeutet einen möglicherweise gewichtigen Teil seines Lebens hinter sich zu lassen. Nicht viele können das.

Alternative: ein neues, minimalistisches Profil

Welche Optionen bleiben also? Wer sich von Facebook enttäuscht und vielleicht sogar getäuscht fühlt, die Plattform aber weiter für seinen Berufsalltag braucht, kann sein Engagement auf ein Minimum beschränken, alte Posts und Einträge löschen (was lange dauern kann). Entsprechend mag sich die Trägheit durchsetzen und das ungute Gefühl bleiben, dass man eben doch nicht mehr so genau weiß, welche Datenmengen man auf Facebook eigentlich angehäuft hat, die im Falle des nächstens Datenlecks oder Hacks ausgelesen werden können.

Eine Alternative wäre ein sauberer Schlussstrich – und minimalistischer Neuanfang.  Also: Das alte Profil plattmachen, ein neues eröffnen, in dem nur die allernötigsten Daten stehen, ein reines Nutzwertkonto für den beruflichen Alltag. Der Vorteil eines frischen Starts: Wie bei einem Umzug fragt man sich oft, was man über all die Jahre eigentlich angehäuft hat – und bei genauer Betrachtung davon eigentlich noch braucht, (falsche) Facebook-Freunde inklusive…

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