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„Der hätte ja aufhören können, wenn der Druck zu groß gewesen wäre“: der holprige Umgang der Medien mit der Mertesacker-Beichte

Für ihre Kurz-Analyse in der Sky-Halbzeitpause mussten Lothar Matthäus und Christoph Metzelder viel Kritik einstecken
Für ihre Kurz-Analyse in der Sky-Halbzeitpause mussten Lothar Matthäus und Christoph Metzelder viel Kritik einstecken

Die Fußball-Geschichte, die von diesem Bundesliga-Wochenende noch lange in den Köpfen hängen bleibt, wird nicht der x-te Bayern-Dreier oder das späte Siegtor des BVB gegen Frankfurt sein, sondern das Spiegel-Interview mit Per Mertesacker. In schonungsloser Offenheit erzählt der Arsenal-Profi, wie sehr er körperlich unter dem Druck gelitten hat, stets Leistung liefern zu müssen. Die Aussagen sind so derart ungewöhnlich und ehrlich, dass viele Medien Probleme hatten, damit umzugehen.

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Die aktive Karriere des Weltmeisters und aktuellen Arsenal-Profis neigt sich dem Ende entgegen. Im Sommer wird Schluss sein und Mertesacker übernimmt die Leitung der Jugendakademie des Londoner Klubs. Ein guter Zeitpunkt also für eine Art Karriere-Bilanz-Interview. Er führte das mit dem Spiegel und es geriet zu einem schonungslos offenen Gespräch. So berichtet er unter anderem über den Stress, der ihn vor Spielen plagt: Brechreiz, Durchfall, Angst. Nach dem Ausscheiden bei der WM 2006 dachte er: „Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei“. Der Druck sei „unmenschlich“ gewesen. Er freue sich auf die Zeit nach seinem Abschiedsspiel: „Und dann werde ich mit über 30 zum ersten Mal in meinem Leben frei sein“. Die reflektierten Aussagen ermöglichen einen seltenen Blick in das Seelenleben eines Mannes, der in der Öffentlichkeit steht und Woche für Woche Leistung bringen muss.

Bereits nach der ersten Vorabveröffentlichung des Spiegel zeichnete sich ab: Diese Story hat das Zeug dazu, die Medien aber auch das gesamte Fußball-Business ähnlich lange und tief greifend zu beschäftigen wie beispielsweise das Outing von Thomas Hitzelsberger in der Zeit.

Gerade deshalb schon ist es spannend, die Reaktionen der Medien und Profis etwas genauer zu betrachten. Die Reaktionen der meisten Profis und Ex-Profis waren erst einmal ablehnend. Tatsächlich geht auch jeder Mensch anders mit Stress um und reagiert auch unterschiedlich auf Druck.

Bei Sky ging der Umgang mit dem Mertesacker-Interview am Wochenende gehörig daneben. Die Redaktion legte dort ihren TV-Experten im Studio, die von 13 Uhr bis 21 Uhr das Bundesliga-Geschehen kommentieren und einordnen müssen, in der Halbzeit ein paar der Mertesacker-Zitate vor – mit der Bitte um einen Kommentar.

Damit war vor allem Lothar Matthäus scheinbar überfordert. Unter anderem sagte er: „Ich glaube, der hat so die Idee, im Nachwuchs zu arbeiten. Wie will er einem Fußballspieler vermitteln, diese Professionalität, wenn er sagt, da ist zu viel Druck. Das geht nicht.“ Oder: „Nationalmannschaft bist Du ja sowieso nicht verpflichtet zu spielen, das hat er ja alles freiwillig gemacht. Der hätte ja aufhören können, wenn der Druck zu groß gewesen wäre.“

In den sozialen Netzwerken gab es im Anschluss viel Kritik an Matthäusund auch an Reiner Calmund und Christoph Metzelder, die sich ähnlich äußerten. Metzelder erklärte inzwischen via Twitter: „Wir schauen das Spiel und kommentieren live, besprechen die Höhepunkte für die Halbzeitanalyse und kriegen in dieser Situation ein paar Zitate auf den Tisch ohne den kompletten Kontext zu kennen. Das war der große Fehler!“

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Das zeigt: Die Experten hatten kaum eine Chance, eine sinnvolle Antwort zu formulieren.

Die Kreise, die diese knappen Halbzeitzitate ziehen können, sind trotzdem immens. Seit seiner „Kurz-Analyse“ ist Lothar Matthäus so etwas wie der mediale Gegenpart zu Mertesacker. So berichtet die Bild beispielsweise in ihrem gedruckten Sportteil nur indirekt über die erstaunlichen Aussagen des ehemaligen Nationalverteidigers, dafür aber darüber, dass die “Merte-Beichte” Matthäus “ärgern” würde.

Auch Spiegel Online lässt sich auf dieses Spiel ein und veröffentlicht einen Kommentar – allerdings gegen den ehemaligen Spielmacher der Nationalmannschaft (“Schauen Sie in den Spiegel, Herr Matthäus”).

Doch nicht nur TV-Experten, die den kompletten Artikel gar nicht gelesen haben, aber dennoch ihre Meinung dazu abgeben sollten, gerieten im Zusammenhang mit Per Mertesacker in die Kritik. Das Verhalten von RTL sorgte für noch mehr Kritik. Mit dem Facebook-Post „Ein Weltmeister von der traurigen Gestalt“ bewarb man auf der Seite von „Punkt 12“ den Artikel mit der Headline „Brechreiz und Durchfall: Per Mertesacker jammert über Druck“. Später änderte man die Headline in „Brechreiz und Durchfall: Per Mertesacker beklagt Druck im Profi-Fußball„. Nach 20 Stunden kehrte man den Facebook-Post dann ins Gegenteil und schrieb: „Ein wirklich bemerkenswertes und offenes Interview von unserem Weltmeister.“

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Alle Kommentare

  1. In Zeiten nach Enke und mit permanenter Betreuung durch Mentaltrainer wundere ich mich, dass er nie psychologische Unterstützung hatte? Oder irgend jemanden zum reden?
    Ich muss mich den Vorkommentatoren anschließen: Der Mann hat sehr viel Geld bekommen und der Druck ist für Fluglotsen oder Chirurgen, die das Leben von Mitmenschen in ihren Händen haben, viel größer!
    Mir ist Lothar Matthäus nicht sympathisch, aber hier hat er Recht: Wenn Per Mertesacker den Beruf Fußballprofi für so unmenschlich hält, sollte er keine Nachwuchsakademie leiten sondern bestenfalls im Amateurbereich tätig sein. Ich möchte ihm sogar einen klaren Schritt weg vom Fußball empfehlen.

    1. Mertesacker hat beschrieben, wie er persönlich, als prominenter Spieler, den „Druck”, d.h, die öffentliche Erwartungshaltung, empfunden hat. Mit anderen Berufsgruppen, mögen sie noch so viel Verantwortung tragen, hat er sich gar nnicht verglichen. Deren Belastung wird von ihm weder bestritten noch relativiert.

      Gerade einer wie er ist für Nachwuchsarbeit besonders geeignet. Weil er den „Druck”, dem so manches Talent nicht Stand hält, besonders gut kennt. Oder sind Sie der Meinung, die Zustände im Profifußball sollten unbedingt so bleiben, wie sie sind?

  2. Na ja, hier jammert jemand, der mit 33 in Rente geht und nie wieder arbeiten muß. Das ist schon ein hohes Niveau!

    Alleine ab 2006 bis Mai 2018 wird er netto ein Sümmchen um die 10/15 Mio. Euro eingefahren haben und das alles auf freiwilliger Basis. Niemand zwang Herrn Mertesacker weiter am Ball zu bleiben, niemand!

    Zur Kritik von Lothar Mattäus: Ich glaube, der gehört zu den wenigen die überhaupt Kritik in dieser Sache äußern dürfen. Seine Leistungen im Bereich Fussball sind eindeutig.

  3. Irgendwas verstehe ich nicht:
    „2006 dachte er: „Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei“. Der Druck sei „unmenschlich“ gewesen. Er freue sich auf die Zeit nach seinem Abschiedsspiel: „Und dann werde ich mit über 30 zum ersten Mal in meinem Leben frei sein“.
    Anschließend gab es 12 Jahre Chillout?
    Zum „Schluss“ bei Arsenal bevor er dann „die Leitung der Jugendakademie des Londoner Klubs übernimmt „.
    Ist er dann im Wellness Bereich?
    Hut ab vor soviel Konsequenz?

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