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Zeit Online verlängert #D17 zu #D18: Wie sich Lokal-Journalismus zur „Fundgrube für Reichweite” entwickelte

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Die SPD-Mitglieder haben sich für die GroKo entschieden und Deutschland bekommt wieder eine Regierung. Für die Macher von Zeit Online ist dies Grund genug, ihr viel beachtetes #D17-Projekt, mit Heimat-Geschichten aus der deutschen Provinz, unter dem neuen Schlagwort #D18 fortzuführen und auszubauen. Zudem internationalisieren die Berliner ihr Debatten-Format “Deutschland spricht” jetzt unter dem globalen Label “My Country Talks”.

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“Vor einem Jahr zogen wir aus, um Deutschland zu suchen”, beschreibt Chefredakteur Jochen Wegner etwas pathetisch die Geburtsstunde des Projektes. Tatsächlich ging es den Berliner Online-Profis vor der damals anstehenden Bundestagswahl darum, einen Weg zu finden und den Fehler ihrer US-Kollegen vor der Trump-Wahl nicht zu wiederholen: das Empfinden und die Sichtweise der Menschen auf dem Land und in den Regionen nicht mehr wahrzunehmen.

Die Reaktion startet unter dem Schlagwort D17 gleich mehrere Projekte, um verstärkt aus den unterschiedlichen Regionen zu berichten. So fuhren „Heimatreporter“ Redakteurinnen und Redakteure der Zeit und von Zeit Online dahin, wo sie aufgewachsen waren. In der Serie “Überland” berichtete ein Team aus neuen Regionalreportern. Das Ziel bei beiden Projekten lautete stets einen “emphatischen Lokaljournalismus zu machen”.

“Die D17-Geschichten gehören zu den meistgelesenen des vergangenen Jahres”

Mit diesem Ansatz trafen die Macher offenbar einen Nerv. “Die D17-Geschichten gehören zu den meistgelesenen des vergangenen Jahres”, erklärt Wegner im Gespräch mit MEEDIA. Genaue Leserzahlen will der Chefredakteur nicht verraten, allerdings spricht er von mehreren hunderttausend Lesern, bei den Top-Stories des Ressorts. “Aus einem Projekt, das ursprünglich nur der Vorbeugung diente”, um nicht die Fehler der US- und UK-Kollegen zu wiederholen, “ist eine Fundgrube für Reichweite geworden”.

Zeit Online war allerdings beileibe nicht die einzige Online-Redaktion, die aus ihren Redaktionsstuben in den hippen Innenstädten von Berlin und Hamburg in die Provinz ausschwärmte. Die Bild ging beispielsweise auf Tour, bei der unter anderem die damalige Chefredakteurin Tanit Koch noch aus ihrer Heimatstadt Bonn berichtete und auch Spiegel Online schickte vermehrt Reporter in ländliche Regionen. Viele andere Redaktionen experimentierte ebenfalls erfolgreich mit ähnlichen Formaten.

Um den Erfolg nicht nur zu wiederholen, sondern bestenfalls auch noch auszubauen, sollen künftig noch mehr Regionalreporter berichten. Hier stocken die Berliner gerade ihre Mannschaft freier Autoren auf. Zudem schickt Wegner auch wieder die redaktionseigenen Heimatreporter hinaus. Sie sollen auch weiterhin über zerstrittene Fußballvereine, einsame Singles in ostdeutschen Dörfern oder den Bayerischen Wald berichten. Dabei stets empathisch, aber ohne Meta-Ebene schreiben. “Wir haben gelernt”, erklärt Wegner, “dass diese Artikel gar keine zweite Ebene brauchen. Wenn die Geschichte gut ist, bauen sich die Leser diese selbst”.

Die Fortführung und die Erweiterung stemmt Zeit Online dabei weitestgehend mit bereits vorhandenen Redaktionsmitteln. So kümmern sich lediglich Christian Bangel und Philip Faigle jeweils für ihre halbe Arbeitszeit um die Organisation des Projektes.

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Wegner ist davon überzeugt, dass man viele gesellschaftliche Gruppen, trotz ihrer Größe kaum wahrnehmen würde. “Auch in die journalistische Berichterstattung finden diese Milieus nur selten Eingang. Das wollen wir nun ändern: #D18 startet – ausgerechnet! – mit dem Portrait eines Sachbearbeiters.”

Aus “Deutschland spricht” wird “My Country Talks”

Zudem verlängern die Berliner ihr Debatten-Format “Deutschland spricht”. Zusammen mit vielen Medien-Partner soll es unter dem Label “My Country Talks” internationalisiert werden. Dabei verabreden sich fremde Menschen mit möglichst gegensätzlichen Ansichten zu einer festen Zeit, um miteinander über ihre Einstellungen zu reden. „Aus Studien wissen wir”, erklärt Wegner, “dass persönliche Zwiegespräche eine der wenigen Möglichkeiten sind, um unsere festgefügte Weltsicht in Frage zu stellen”.

Jochen Wegner bei “Deutschland spricht” im vergangenen Sommer in Berlin

Die Gesprächs-Paare werden dabei von einem Algorithmus bestimmt. Zu den internationalen Medienpartnern gehören La Repubblica oder Morgenbladet aus Norwegen. Google unterstützt die Weiterentwicklung des Matching-Algorithmus mit finanziellen Mitteln.

Bei der ersten “Deutschland-Spricht”-Auflage verabredeten sich am Sonntag, den 18 Juni, rund 1.200 Menschen um 15 Uhr zu gemeinsamen Paar-Gesprächen.

Der Erfolg von #D17 sorgte bei Wegner offenbar für ein maximal befriedigendes Job-Erlebnis: “Wenn irgendetwas ganz besonders Spaß macht am Beruf des Online-Journalisten, dann, dass sich kleine Ideen so schnell zu großen Projekten entwickeln können. Das kann nur das Internet.“

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Alle Kommentare

  1. Die Reporter schwärmten also „in die Provinz“ aus und als Beispiel wird Bonn genannt. Geht’s noch? Wie viele Einwohner hat Bonn? Bei welcher Zahl beginnt denn bei euch eine Großstadt? Solltet ihr es nicht wissen: bei 100 000. Seit dem Jahr 1887.

    1. Bonn ist eine nette Stadt. Aus Berliner/Leipziger/Frankfurter/Hamburger…-Sicht ist es aber Provinz; es ist keine Stadt, die niemals schläft…
      Die Kneipenmeile nahe dem Schloss? Keine 200 Meter lang.

      1. Aus Londoner Sicht si d Hamburg und Köln uninteressante Käffer. Insofern wäre es schon klüger, objektive Kriterien zu wählen. „Provinz“ für Städte übet 100.000 Einwohner ist aber auf jeden Fall eher subjektives Affirmationsgerede. Der Nabel der Welt liegt jedenfalls definitiv nirgends in Deutschland.

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