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ProSiebenSat.1 unter Druck: Auf den Dax-Abstieg folgt eine Short-Attacke

ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert
ProSiebenSat.1-Vorstand Conrad Albert

Bittere 24 Stunden für ProSiebenSat.1: Nicht nur, dass die Münchner nach gerade einmal zwei Jahren schon wieder aus der ersten deutschen Börsenliga absteigen. Stunden später veröffentlichte das Analysehaus Viceroy Research auch noch eine vernichtende Studie, die ProSiebenSat.1 einen Kursabsturz von 75 Prozent voraussagt. Der käme Viceroy nicht ungelegen, hat sich das Analysehaus mit Sitz in Südafrika doch selbst mit Short-Optionen eingedeckt. ProSiebenSat.1 nannte die Studien-Vorwürfe "unbegründet", konnte einen Kurseinbruch aber nicht verhindern.

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Das Happy End blieb aus: Tatsächlich gleicht das Ende der Ära Ebeling, die im Februar auslief, einer halben Tragödie. Dabei hatte es wie eine Cinderella-Story begonnen: Fast ein Jahrzehnt lang wurde der frühere Pharma-Manager für seine Turnaround-Bemühungen gefeiert, durch die er ProSiebenSat.1 vom Pennystock zum Dax-Aufsteiger transformierte.

In Euro und Cent erinnert der mirakulöse Aufstieg fast an den Höhenrausch mancher Kryptowährung. Von 90 Cent im Mai 2009 schossen die Anteilsscheine von ProSiebenSat.1 in der Spitze bis auf Notierungen von über 50 Euro empor. Wer im Frühjahr 2009 zum Beispiel 20.000 Euro in das Münchner Senderkonglomerat investiert hätte, konnte sich Ende 2016 kurzfristig als Millionär fühlen.

Dax-Abstieg besiegelt Ende der Ära Ebeling

Doch nach dem Aufstieg folgte – wie in so vielen Plots – der Fall. 2017 erlebte ProSiebenSat.1 sein annus horribilis, in dem Ebeling auf unrühmliche Weise mit Äußerungen über seine Zuschauer gegenüber Analysten („ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“) seine Demission vorantrieb. Zwei Wochen nach seinem Ausscheiden stehen die Münchner nun gleich mehrfach vor den Scherben seiner Ära: Max Conze wird erst zum 1. Juni 2018 Vorstandsvorsitzender von ProSiebenSat.1, bis dahin leitet der bisherige Vize Conrad Albert interimistisch die Geschäfte.

In genau dieses Führungsvakuum fallen nun binnen wenigen Stunden zwei Nachrichten, die dem Dax-Underperformer der vergangenen Jahre schwer zusetzen. Zum einen verkündete die Deutsche Börse am Montagabend nach dem drastischen Kursabsturz der vergangenen eineinhalb Jahre von über 50 Euro auf in der Spitze unter 25 Euro den inzwischen fast erwarteten Abstieg aus dem Dax. Bereits in zwei Wochen ist ProSiebenSat.1 nicht mehr Mitglied in der ersten deutschen Börsenliga – und das, nachdem die Münchner erst vor zwei Jahren aufgestiegen waren.

Shortattacke wenige Stunden nach Dax-Abstieg

Während ab dem 19. März der erst im Jahr 2015 von Bayer abgespaltene Kunststoffkonzern Covestro den Platz von ProSiebenSat.1 einnimmt, muss das Münchner Senderkonglomerat dann wieder in der zweiten Reihe Platz nehmen – gemeinsam mit den anderen großen deutschen Medienkonzernen, der Axel Springer AG und der in Luxemburg ansässigen RTL Group.

Ob der Kursverfall der vergangenen 18 Monate damit gleichfalls sein Ende gefunden hat, bleibt abzuwarten. Den Erholungsversuch der ersten zehn Wochen dieses Jahres machte heute wie aus dem Nichts eine Attacke von Shortsellern zunichte. Das in Südafrika ansässige Analysehaus Viceroy Research veröffentlichte eine 37-seitige Studie, die sich wie ein Abgesang auf den baldigen MDax-Konzern liest.

„House of Cards des Fernsehens“

Als „TV’s real House of Cards“, das wahre Kartenhaus des Fernsehens, bezeichneten die Analysten den Münchner Medienkonzern in Anspielung auf die US-Erfolgsserie. Der Grund: „ProSiebenSat.1 zeigt alle Anzeichen eines Geschäfts, das sich in allen Segmenten im fortgeschrittenen Stadium des Zerfalls befindet“, so das vernichtende Urteil von Viceroy.

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Vor allem dem Wachstum der Streaming-Pioniere Netflix und Amazon hätten die Münchner mit ihrem Angebot Maxdome nichts entgegenzusetzen. „Man hat es mit zwei Kannibalen zu tun: Amazon und Netflix. Wer keinen davon nutzt, ist älter als 65“, erklärte Viceroy-Chef Fraser Perring gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Zudem wirft das Analysehaus dem Noch-Dax-Mitglied vor, den Konzerngewinn künstlich aufgebläht zu haben und sieht in der Folge Korrekturbedarf in der Bilanz durch Abschreibungen. In der Folge rechnet Viceroy bei ProSiebenSat.1 mit einer nötigen Kapitalerhöhung und der Streichung der Dividende.

Zudem kritisierte Viceroy, dass sich die Übernahme- und Expansionsstrategie als „katastrophal“ erwiesen habe. Auch der Exodus von 14 Top-Managern, vornehmlich aus dem Finanzbereich, lasse nichts Gutes erahnen.

Das Geschäftsgebaren von Viceroy gilt allerdings als fragwürdig, weil das Analysehaus gleichzeitig bei ProSiebenSat.1 als Shortseller auftritt, das von den fallenden Kursen, die es voraussagt, selbst profitiert. Nach einem ähnlichen Vorgehen Viceroys beim Möbelkonzern Steinhoff  Ende 2017 hatte der Australian Fiancial Review unlängst aufgedeckt, dass neben Firmengründer Fraser Perring, einem ehemaligen britischen Sozialarbeiter, lediglich zwei junge australische Analysten für Viceroy arbeiteten.

Kurssturz nach Viceroy-Analyse

ProSiebenSat.1 dementierte die Vorwürfe umgehend und erklärte, sie seien „unbegründet und verzerren die Realität“ – doch der Schaden war angerichtet. Nach Viceroys Analyse, die ein Kursziel von sage und schreibe lediglich 7,51 Euro voraussagt, hat sich unter P7S1-Aktionären offenbar Angst breitgemacht.

Im großen Stil schmissen Anleger ihre Papiere heute auf den Markt: Mit einem Minus von mehr als 6 Prozent war der Dax-Absteiger zugleich Dax-Schlusslicht. Auch seit Jahresbeginn notieren die Aktien bei 28 Euro nun schon wieder im roten Terrain. Auf Interims-CEO Conrad Albert dürften unruhige zehn Wochen zukommen, bis Max Conze die Geschäfte am 1. Juni übernimmt.

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