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„Noch sind wir nicht in Russland oder Afghanistan“: Chefredakteur will Arbeit des ermordeten Reporters Ján Kuciak fortsetzen

Wurde brutal ermordet, weil er seiner Arbeit nachging: der slowakische Journalist Ján Kuciak
Wurde brutal ermordet, weil er seiner Arbeit nachging: der slowakische Journalist Ján Kuciak

Der brutale Mord an den slowakischen Hournalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten hat eine heftige Diskussion um die Medienfreiheit in dem EU-Land, das unter Korruption und organisierter Kriminalität leidet, entfacht. Der 27-jährige Investigativ-Reporter arbeitete für das Nachrichtenportal Aktuality.sk, das zu Axel Springer und Ringier gehört. Im Interview spricht Chefredakteur Peter Bárdy über den schweren Verlust und die komplizierten Bedingungen für Journalisten in der Slowakei.

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Von Hans-Peter Siebenhaar

Herr Bárdy, wie ist die Situation bei Aktuality.sk nach der Ermordung ihres Kollegen Ján Kuciak?
Es ist sehr, sehr hart für uns, zu begreifen, dass einer unserer Kollegen, ein Freund, umgebracht wurde. Das sind für mich die schlimmsten Tage meines Lebens.

Wie reagiert Ihre 26-köpfige Redaktion?
Zuerst müssen wir akzeptieren, dass Jan tot ist. Das ist wichtig. Für uns war es bislang unvorstellbar, dass einer aus unserer Reihe umgebracht werden könnte, obwohl er nichts Böses gemacht hat. Er arbeitete nur Journalist. Das ist alles.

Wie groß ist die Furcht Ihrer Mannschaft?
Natürlich ist die Furcht im Team von Actuality.sk sehr groß. Ich schließe mich dabei ein. Absolut. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir einen unabhängigen Verlag hinter uns haben, der uns auch schützt.

Wie wird es bei Actualtiy.sk weiter gehen?
Wir werden die Arbeit von Jan fortsetzen. Und wir werden die Ergebnisse der Recherchen über die Beziehung der Mafia in der Ostslowakei zu anderen veröffentlichen. Noch ist das Ende des Artikels noch nicht geschrieben. Wir müssen jetzt das Ende ohne Ján ausfindig machen. Er hat an diesem Fall über ein Jahr gearbeitet. Ján sammelte als Fakten mit den Partnern aus anderen Ländern. Ich bin hundertprozentig sicher, dass seine Arbeit voller Fakten und nicht voller Gerüchte ist.

Haben Sie alle Dokumente zu der Mafia und deren Beziehung zu zweifelhaften Geschäftsleuten und zu Regierungskreisen?
Das ist eine sehr sensitive Frage. Dazu möchte ich derzeit keine Stellung nehmen.

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Der Mord an Ihren Kollegen Ján Kuciak sind nicht die ersten Vorfälle im Kampf um die Medienfreiheit in der Slowakei. In früheren Jahren sind bereits zwei Investigativ-Reporter in der Slowakei bis auf den heutigen Tag verschwunden. Wie groß ist die Medienfreiheit in der Slowakei überhaupt noch?
Wir haben in der Slowakei die Freiheit, unsere Arbeit zu erledigen. Doch die Beziehungen zwischen der politischen Elite und kritischen Medien sind alles andere als gut. Ministerpräsident Robert Fico beschimpfte uns mehrmals als Huren. Er betrachtet uns als seine Feinde und so weiter. Noch sind wir aber nicht in Russland oder gar Afghanistan.

Warum schürt der slowakische Regierungschef Fico Hass auf unabhängige Medien?
Er möchte der nette Kerl für seine Wähler und alle Bürger in der Slowakei sein. Wir sehen aber nicht nur gute Dinge, die der Ministerpräsident macht, sondern eben auch schlechte. Deshalb müssen wir darüber berichten. Weil wir ein Medium sind, das seiner Informationspflicht nachkommt, betrachtet er uns als Feinde. Er hat aufgehört mit uns in einem normalen Rahmen zu kommunizieren.

Hatten Sie mit Premier Fico seit dem Mord an ihren Redakteur Kontakt?
Am Montag gab es ein Treffen zwischen Premier Fico und dem Management von Axel Springer. Ich nahm daran teil. Am Dienstag nahm ich an einem Treffen mit dem Ministerpräsidenten zusammen mit anderen Chefredakteuren der Slowakei teil. Es war sehr speziell. Er betonte alles für die Aufklärung des Mordes zu tun. Er sagte aber auch zigmal, dass unsere Artikel über die Mafia und deren Beziehungsgeflecht das Ansehen seiner Partei Smer-SD beschädigt hätten. Fico begreift diese Berichterstattung als einen persönlichen Angriff. Er hat noch nicht verstanden, was wirklich passiert ist.

In der Slowakei wird dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Fico vorgeworfen, mit seiner Herabwürdigung der freien Medien eine Atmosphäre für Gewalt geschaffen. Teilen Sie diese Ansicht?
Die Reden von Fico über Journalismus haben geholfen, eine Atmosphäre, in der Journalisten und Medien als böse gelten. Sie werden von ihm als System diffamiert, die Lügen und Hass produzieren. Ich glaube, der Ministerpräsident und seine politischen Partner haben eine Stimmung gegen die Medien in unserem Land geschaffen.

Was wünschen Sie sich von der Regierung nach der Gewalttat gegen ihren Kollegen?
Ich erwarte gar nichts – weder vom Ministerpräsidenten noch anderen in der Regierung. Ich hoffe, dass die Polizeibehörden schnell den Mörder und die Hintermänner, die für die Mordtat an meinen Kollegen gezahlt haben, finden.

Das Interview erschien zuerst bei Handelsblatt.com

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