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Wochenrückblick: Medienanwalt Schertz lobt die Bild und Detlef Soost wandelt auf Wallraffs Spuren

Martin Schulz, Detlef Soost, Christian Schertz und Ulrich Wilhelm
Martin Schulz, Detlef Soost, Christian Schertz und Ulrich Wilhelm

Pünktlich zum Karnevals-Höhepunkt zieht die SPD alle Register und hält nicht nur die mediale Öffentlichkeit in Atem. ARD-Chef Ulrich Wilhelm hält Google für einen Nachrichtenanbieter. Medienanwalt Christian Schertz lobt die Bild-Zeitung und Detlef „D“ Soost geht für RTL undercover in Tanzschulen. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Eines kann man der SPD nun wirklich nicht absprechen: Dass sie für Themen und Gesprächsstoff sorgt. Die Einlassungen von Noch-Parteichef Martin Schulz waren und sind neben allen politischen Implikationen auch ein medial bemerkenswertes Schauspiel. Es ist selten, dass ein Politiker so offen und oft atemberaubende Kehrtwendungen vor den Augen der Öffentlichkeit vollführt, dass einem geradezu schwindlig werden kann. Schulz hatte kurz nach der Schlappe von der vergangenen Bundestagswahl mit nicht zu überbietender Deutlichkeit klargemacht, dass er in eine von Angela Merkel oder der CDU/CSU geführte Regierung nicht eintreten werde. Dies hier ist der entsprechende Ausschnitt von der damaligen Pressekonferenz:

Es war dann hochinteressant zu beobachten, wie Schulz in einer neuerlichen Pressekonferenz, nach der Einigung auf einen Koalitionsvertrag seinen Umschwung erklärte, bzw. nicht erklärte, da er ja nun doch Außenminister werden wollte. Von einem RTL/n-tv-Reporter wurde er gefragt, ob er sein Verhalten als Wortbruch bezeichnen würde. Schulz musste da einige Sekunden nachdenken und schwer schnaufen, obwohl er mit dieser Frage doch hätte rechnen müssen. Dann sagt er irgendwas von veränderten Rahmenbedingungen, was natürlich keine Antwort auf die Frage nach dem Wortbruch war. Am Freitagnachmittag kamen dann die Meldungen, dass Schulz nach Druck aus der SPD nun doch auf das Außenministerium verzichte, kurz darauf bestätigt von Schulz selbst:

Was für ein irres Schauspiel!

Man kann es eigentlich nicht mehr ernst nehmen:

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Diese Woche war ARD-Intendantentagung in München. Danach gab Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks und aktuell ARD-Vorsitzender u.a. eine Stellungnahme zum Telemediengesetz ab, das in Kürze aktualisiert werden soll. Darin geregelt ist u.a. was die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet dürfen und was nicht. Die Verlage wünschen sich dringend eine Begrenzung der Textmengen bei den Online-Angeboten von ARD und ZDF, damit es keine öffentlich finanzierte Gratis-Konkurrenz zu eigenen Paid-Content-Modellen gibt. Das ZDF und der WDR sind den Verlagen schon freiwillig sehr weit entgegengekommen, Konsens ist das in der ARD aber keineswegs. So richtete Wilhelm den Blick auf die Plattformen Google, Facebook & Co.: „Es ist sehr wichtig, dass man auch diesen dritten Anbieterkreis mit in den Blick nimmt.“ Vodafone, T-Online, Web.de und Google News entwickelten sich immer mehr zu großen Nachrichtenanbietern, die von Kontrollen und Regulierungen kaum betroffen seien, so Wilhelm. Was er mit solchen Äußerung bezweckt, ist mir nicht klar. Erstens würde eine Regulierung der Plattformen an der Lage des öffentlichen Rundfunks auch nix ändern. Und außerdem: Das ständige Wiederholen, dass Google bzw. Google News ein Nachrichtenanbieter sei, macht es ja nicht richtiger. Google hat keine Redaktion, macht keine einzige Nachricht selbst. Indem dieser Unfug immer wieder aufs Neue wiederholt wird, lenkt man nur von wirklichen Problemen mit der Plattform-Dominanz ab.

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Einen breiten Raum bei der Intendantensitzung nahm auch der Fall Dieter Wedel ein. Die ARD-Chefs diskutierten über Konsequenzen aus den schweren Vorwürfen gegen den Regisseur und kündigten an, sich an einer externe Stelle beteiligen zu wollen, an die sich Opfer von Übergriffen und Missbrauch wenden können. Das ist natürlich zu begrüßen. Der Fall Wedel sorgte an anderer Stelle übrigens für die dann doch ungewohnte Situation, dass der Medienanwalt Christian Schertz die Bild-Zeitung lobte. Schertz vertritt eine der ehemaligen Schauspielerinnen, die im Zeit-Magazin schwere Missbrauchs-Vorwürfe gegen Wedel erhoben haben. Dazu hat der Anwalt dem Tagesspiegel ein ausführliches Interview gegeben. Wie man das heutzutage halt so macht als Anwalt. In dem Interview lobt Schertz ausdrücklich, dass die Bild ihre Wedel-Berichterstattung konsequent mit einer Art Beipackzettel in Form eines Info-Kastens versieht:

Bild hält die schweren Vorwürfe gegen Dieter Wedel für ausreichend plausibel, um umfangreich darüber zu berichten. Dennoch ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass ein großer Teil dieser Vorwürfe juristisch verjährt ist und Dieter Wedel deswegen nicht die Möglichkeit erhalten wird, sich in einem ordentlichen Gerichtsverfahren dagegen zu verteidigen. Nach journalistischen Standards halten wir es für gerechtfertigt, über die Vorwürfe zu berichten, die in der ,Zeit‘ von zahlreichen Zeugen erhoben werden. Dieter Wedel hat alle Anschuldigungen bestritten. Es steht Aussage gegen Aussage.

Das ist ein Novum bei der Bild. Schertz meint, dies sei ein Ausweis dafür, dass die Medien etwas gelernt hätten und zollt der Boulevardzeitung dafür Respekt. Warten wir mal ab, ob solche Infokästen bei der Bild Schule tatsächlich machen oder ob Dr. Wedel den exklusiv hat.

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Investigativ-Legende Günter Wallraff kann einpacken, jetzt kommt Detlef „D“ Soost. Der TV-Tanzbär hat sich für eine Promi-Ausgabe des RTL-Formats „Undercover Boss“ verkleidet bei Tanzschulen, Konzerte und Jugendclubs eingeschlichen. „Denn nur, wenn er unerkannt bleibt, kann er herausfinden, wo die Stärken der ahnungslosen Talente liegen und welche Förderung sie brauchen“, heißt es dazu. Jetzt aber mal im Ernst! Wer würde Detlef „D“ Soost bei dieser professionellen Maskierung erkennen?

Zum Glück hat man bei der Produktion darauf geachtet, dass es nicht so wirkt, als habe man Soost den erstbesten billigen Kunsthaarbart angeklebt, eine Fiffi-Perücke und eine dicke Brille aufgesetzt. Zu sehen ist Promi-Folge am 5. März.

Als nächstes wünsche ich mir Detlef Soost undercover im Willy Brandt Haus. Die Verkleidung kann ruhig dieselbe bleiben.

Schönes Wochenende, Alaaf und Helau!

PS: Für die aktuelle Folge des Podcasts „Die Medien-Woche“ haben Christian Meier von der Welt und ich Anne Will in Berlin besucht und mit ihr ein langes Gespräch über Talkshows, Themen und Twitter geführt. Unter anderem. Wer ein Kontrastprogramm zu Karneval und Fasching sucht: Bittesehr!

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