Freizeitwoche soll „erfundene Interviews“ abgedruckt haben: Sandra Bullock verklagt Yellow-Magazin auf 100.000 Euro Schadenersatz

Hat fünf Mal mit der Freizeitwoche gesprochen, will davon aber nichts wissen: Sandra Bullock

In den vergangenen zehn Jahren veröffentlichte die Freizeitwoche gleich mehrere exklusive Interviews mit der Schauspielerin Sandra Bullock. Sie alle sind aktuell Streitgegenstand vor dem Landgericht in Hamburg. Dort fordert der US-Star eine Geldentschädigung in Höhe 100.000 Euro – denn Bullock bestreitet, jemals mit dem Blatt gesprochen zu haben. Der Verlag widerspricht.

von Marvin Schade

Die Vorwürfe wiegen selbst für die oft kritisierte und nicht den besten Ruf genießende Branche der so genannten Regenbogenpresse schwer: Die Freizeitwoche, an dessen Verlag die Medienkonzerne Bauer Media und Klambt beteiligt sind, soll in den vergangenen zehn Jahren mehrere Interviews mit Schauspielerin Sandra Bullock veröffentlicht haben, die entweder nie oder nicht – wie auf dem Titel verkauft – „exklusiv“ geführt worden sind. Das behauptet der internationale Star derzeit vor dem Landgericht in Hamburg (Az. 324 O 214/17). Dort klagt Bullock mithilfe ihrer deutschen Anwälte gegen das Yellow-Heft und verlangt Unterlassung, Richtigstellung wie auch Schadenersatz.

Insgesamt geht es um fünf Veröffentlichungen, die in den Jahren 2007, 2009 sowie 2013 und 2014 erschienen sind. Diese hatte das Klatsch-Blatt als „exklusiv“ oder unter dem Label „Freizeitwoche trifft“ angekündigt. In den Texten hat Bullock teils über intime Details geplaudert – unter anderem über romantische Fantasien über Schauspieler-Kollege George Clooney. Bullock aber widerspricht den Veröffentlichungen in jeder Form, sie will nicht einmal mit dem Blatt gesprochen haben.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, würde es sich um ein Vorgehen handeln, dass in der Medienlandschaft nur selten seinesgleichen findet. Im Jahr 2000 machte der Journalist Tom Kummer damit Schlagzeilen, Qualitätsmedien fiktive Interviews untergejubelt zu haben. So veröffentlichte er unter anderem im SZ Magazin Gespräche mit Hollywood-Größen wie Charles Bronson, Brad Pitt oder Sharon Stone, die es nie gegeben hat. Kummer hatte die Interviews aus anderen Interviews zusammengebastelt.

Die Freizeitwoche aber bestreitet, wie Kummer gearbeitet zu haben. „Wir fälschen keine Interviews“, wehrte sich bereits Chefredakteur Michael Graf gegenüber Übermedien. Die Interviews hätten stattgefunden, beteuerte auch Verlagsanwältin Verena Haisch am Freitag bei der mündlichen Verhandlung. Geführt hätten sie aber keine Redakteure des Blattes, sondern freie Journalisten. So sei das Interview aus dem Jahr 2007 von einer freien Journalistin in englischer Sprache angeboten worden, 2009 sei ein weiteres am Rande eines öffentlichen Auftrittes auf dem roten Teppich entstanden, die weiteren hätten telefonisch stattgefunden, so die Darstellung des Verlages.

Beweise dafür scheint es allerdings kaum zu geben: Außer Zeugenaussagen der jeweiligen Journalisten und ehemaliger Chefredakteure seien weitere Belege nicht mehr vorhanden, hatte es am Freitag geheißen. Abschriften oder Tonaufnahmen seien beispielsweise durch Umzüge oder Ruhestand verloren beziehungsweise aussortiert worden. „Man kann von niemandem verlangen, Unterlagen so lange aufzubewahren“, so Haisch.

Die Kammer äußerte derweil Zweifel, ob die Redaktion ihre journalistischen Sorgfaltspflichten erfüllt habe. Zwar beteuerte die Freizeitwoche die Umstände und Hintergründe zu den Interviews damals hinterfragt zu haben, einer der Journalisten sei sogar in Deutschland vorstellig geworden. In die Tonaufnahmen hineingehört, um sich von der Authentizität der Arbeit einen Einblick zu verschaffen, habe man jedoch nicht. Das allerdings scheint die Kammer zu erwarten. Was die Exklusivität angeht, machte die Kammer darauf aufmerksam, dass Bullock womöglich zu keinem Zeitpunkt klar war, mit dem deutschen Magazin gesprochen zu haben.

Von einem Vorsatz wollten die Richter am Freigag jedoch nicht sprechen. Sie tendierten dazu, der Freizeitwoche grobe Fahrlässigkeit vorzuwerfen und die Interviews mangels glaubwürdiger Vorträge als „prozessual unwahr“ einzustufen. Damit gab das Gericht bereits den Hinweis, der Klage in den Punkten der Unterlassung wie auch der Richtigstellung stattzugeben. Auch machte die Kammer deutlich, der Zahlung einer Geldentschädigung zuzustimmen. Diese kommt nur dann infrage, wenn die vorgenommenen Persönlichkeitsrechtsverletzungen so schwerwiegend sind, dass sie anders nicht mehr ausgeglichen werden können.

Für die Seite der Klägerin sind diese Voraussetzungen erfüllt. Abgesehen von dem Vorwurf, dass die Inhalte erfunden seien, habe man Bullock intime Äußerungen in den Mund gelegt, argumentierte Bullock-Anwältin Nina Lüssmann. „Es sind Klatsch-Geschichten gesponnen worden.“ Die möglichen Gespräche am Rande von Veranstaltungen seien zudem nicht exklusiv gewesen, wie auch die Gegenseite zugegeben hatte. Die Exklusivität sei eine besondere Öffnung, die ein Vertrauensverhältnis voraussetze, so die weitere Argumentation. Gleichzeitig zweifelte sie die Versionen der Freizeitwoche an. Hätte es Gespräche oder sogar persönliche Treffen zwischen Redaktion und Autor gegeben, müsste dies in irgendeiner Form dokumentiert sein, so Lüssmann – beispielsweise in Mails, Terminkalendern oder ähnliches.

Für die Kammer könnte in der Abwägung noch entscheidend sein, ob die Inhalte tatsächlich erfunden sind oder möglicherweise – wie im Fall Kummer – aus anderen Werken stammen und neu zusammengesetzt worden waren. So ließen sich immerhin Aussagen darüber machen, ob Bullock Aussagen wie diese schon einmal getroffen habe.

Die Beklagtenseite bekommt nun noch einmal die Gelegenheit, weitere Belege und Vorträge zu den Interviews vorzulegen. Haisch betonte in Richtung der Kammer auch, bei der Abwägung auf die mehrfache Schlagkraft zu achten. Wenn die Kammer zum Entschluss käme, dass die Interviews nicht der Wahrheit entsprächen, so die Anwältin weiter, müsste beachtet werden, dass auch die Zeitschrift betrogen worden sei. „Niemand will und wollte falsche Interviews veröffentlichen“, beteuerte Haisch.

Von der Eröffnung einer Beweisaufnahme sah man am Freitag jedoch ab, auch weil die Richter die bislang vorgetragenen und vorgeschlagenen Belege als nicht ausreichend erachteten. Darüber hinaus regte die Kammer eine außergerichtliche Einigung zwischen den Parteien an. Dazu wollte Haisch jedoch zunächst keine weiteren Aussagen treffen, während Bullock-Anwältin Nina Lüssmann die Forderungen für eine Geldentschädigung erhöhte – statt 50.000 Euro will die Juristin für ihre Mandantin nun 100.000 Euro erstreiten.

Sollten die Parteien nicht zusammenfinden, wird ein Urteil für den 6. April 2018 erwartet.

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