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Studie zur Freiberuflichkeit von Journalisten: Schlechte Bezahlung zwingt ein Drittel der Freelancer zu Nebentätigkeiten

Freiberuflich tätige Journalisten müssen sich mit schlecht bezahlten Aufträgen rumschlagen
Freiberuflich tätige Journalisten müssen sich mit schlecht bezahlten Aufträgen rumschlagen

Hochgebildet, politisch eher links und mies bezahlt: So sieht eine neue Studie die Situation der freiberuflichen Journalisten in Deutschland, die in der digitalen Fachzeitschrift "Journalistik" erschienen ist. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass immer mehr hauptberufliche Freelancer neben ihrer journalistischen Tätigkeit anderweitigen Jobs nachgehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

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Wo lag die Motivation für die Studie?

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass der Forschungsstand zu dieser Berufsgruppe „äußerst überschaubar“ ist, wie es in der Veröffentlichung heißt. Das Thema der Freiberuflichkeit sei jedoch „enorm relevant“, da Digitalisierung, Globalisierung und der steigende Kommerzialisierungs- und Konkurrenzdruck dazu führten, dass journalistische Arbeit ausgelagert wird. „Für die Medienhäuser bietet dieses Vorgehen ökonomische Vorteile“, so die Schlussfolgerung. Das Forschertrio Nina Steindl, Corinna Lauerer und Thomas Hanitzsch von der Ludwig-Maximilians-Universität in München ist der Frage nachgegangen, wie sich freie hauptberufliche Journalisten charakterisieren lassen, wo sie arbeiten und welches Bild sie von ihrem Beruf haben.

Was haben die Forscher herausgefunden?

Freiberufler, so die Ergebnisse der Umfrage, weisen einen höheren Akademisierungsgrad auf als fest angestellte Journalisten. Insgesamt hat eine deutliche Mehrheit der Umfrageteilnehmer einen Hochschulabschluss: Bei der erstgenannten Gruppe sind es 82 Prozent, bei der zweiten Gruppe liegt der Wert bei 74,1 Prozent. Dabei zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während knapp 91 Prozent der befragten Frauen einen Hochschulabschluss vorweisen können, sind es nur drei Viertel der Männer. Wissenschaftliche Untersuchungen aus der Vergangenheit haben bereits gezeigt, dass Freiberufler mit der Honorierung ihrer Leistungen unzufrieden sind. Die neuen Ergebnisse bestätigen dies. Vor allem im Vergleich mit den fest angestellten Kollegen verdienen Freelancer häufiger unter 1.800 Euro monatlich. Bei den Festangestellten liegt der Anteil bei lediglich 15 Prozent, in der Gruppe der Freiberufler bei 27,9 Prozent.

Die mehrheitlich im Rundfunk, bei Zeitschriften und im Online-Bereich tätigen Freiberufler sind zudem oft für mehrere Medien aktiv: 54 Prozent der befragten Journalisten sind für mehr als zwei Redaktionen tätig. Dabei beliefert rund jeder Zweite mindestens drei Medienangebote. Besonders auffällig ist, dass 32,6 Prozent der hauptberuflichen Freelancer einer bezahlten Nebentätigkeit außerhalb des Journalismus nachgehen. Dies hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten, so die Ergebnisse, um mehr als sechs Prozentpunkte zugenommen.

Beim Rollenbild zeigt sich laut Umfrage, dass freie Journalisten als neutrale Vermittler auftreten wollen. Die größte Zustimmung finden dabei die Punkte „Dinge so berichten, wie sie sind, das aktuelle Geschehen einordnen und analysieren“ und „ein unparteiischer Beobachter sein“. Für fest angestellte Journalisten ist die Vermittlerrolle sogar von noch größerer Bedeutung. Die Unterhaltungs- und Ratgeberfunktion von Journalisten ist bei freien Vertretern dieses Berufs nur für rund ein Drittel von Relevanz. Diese Entwicklung sei, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler, „durchaus beachtlich“. Denn seit 1993 hat sich die Relevanz der Unterhaltungs- und Ratgeberrolle in der Wahrnehmung deutscher Journalisten stetig erhöht. Rund 55 Prozent der befragten Festangestellten sehen darin weiterhin eine wichtige Funktion.

Wie sind die Wissenschaftler vorgegangen?
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Zunächst einmal mussten die Wissenschaftler bestimmen, wie hoch die Zahl der freiberuflichen Journalisten ist. Die Grundgesamtheit wurde auf Basis der Recherchen zur Zusammensetzung der deutschen Medienlandschaft und mit Hilfe der zweiten Journalismus-in-Deutschland-Studie von Siegfried Weischenberg et al. von 2006 geschätzt. Die aktuelle Studie geht hierzulande von 41.250 hauptberuflichen Journalisten aus, darunter 9.600 freie Vertreter.

In der Phase der Datenerhebung wurden 775 Interviews geführt, die bei Online- und Telefonbefragungen unter Journalisten verschiedener Berufsgruppen zwischen November 2014 und August 2015  entstanden sind. Die Ergebnisse der Studie basieren auf 137 Interviews mit hauptberuflich freien Journalisten. Diese fanden im Zuge der international organisierten Worlds of Journalism Study statt, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Durch die hohe Fallzahl war es den Forschern möglich, die Auskünfte der Freiberufler mit denen der Festangestellten zu vergleichen. Gleichwohl ist anzumerken, dass die Gruppe der freiberuflichen Journalisten in der Erhebung „leicht unterrepräsentiert“ ist.

Welche Schlussfolgerungen werden gezogen?

Mit ihrem selbst ernannten Blick in die Blackbox dieser Berufsgruppe, schreiben die Forscher, hat man Folgendes festgestellt: Ähnlich wie Journalisten in Festanstellung sind Freiberufler zunehmend hochgebildet, eher politisch links einzuordnen und haben eine hohe Meinung vom klassischen Informationsjournalismus. „Zumindest im Hinblick auf die hauptberuflichen Freien relativieren diese Befunde damit die Befürchtungen einer Deprofessionalisierung im und Entgrenzung des Journalismus“, heißt es im Fazit des Aufsatzes.

Das Trio fordert jedoch, dass künftige Studien die Gruppe der über 100.000 freien und Hobbyjournalisten untersuchen müssen, die ihre Tätigkeit nebenberuflich ausüben. Hier müsse es dann darum gehen, aus welchen Gründen die Freiberuflichkeit gewählt wurde, welche Folgen der Zustand auf das Leben der Freelancer hat und wie sich deren Berufsbild von den hauptberuflichen Freiberuflern unterscheidet.

Hinsichtlich der niedrigen Honorare der Freelancer werfen die Forscher die – schon häufig gestellte – Frage nach einer zunehmenden Prekarisierung im Journalismus erneut auf.

Die Studie ist in der ersten Ausgabe der Online-Zeitschrift „Journalistik“ unter dem Titel „Die Zukunft ist frei. Eine Bestandsaufnahme des freien Journalismus in Deutschland“ erschienen.

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