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„Historische Fake News“: Dieses MDR-Format zeigt, dass Falschmeldungen kein Social-Media-Phänomen sind

Der Moderator und Journalist Tim Berendonk deckt für den MDR geschichtliche Fake News auf
Der Moderator und Journalist Tim Berendonk deckt für den MDR geschichtliche Fake News auf

Orson Welles, Adolf Hitler und Tom Kummer haben etwas gemeinsam: Das Trio steht im Zentrum von drei der größten Fälschungen aller Zeiten. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) widmet sich in seiner Reihe „Historische Fake News" diesen und ähnlichen Fällen. Der Sender beleuchtet damit ein Phänomen, das bereits im 4. Jahrhundert seinen Anfang nahm.

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Moderator Tim Berendonk schaut kritisch, während sein Tonfall die berechtigten Zweifel zum Ausdruck bringt, die bei dem Thema angebracht sind. Er spricht über Fake News, Fälschungen und Desinformationen, die in jüngerer Vergangenheit vor allem durch die US-Wahl in den Fokus rückten. Seitdem versuchen die Politik und Medien verstärkt dagegen vorzugehen. Berendonk präsentiert den Zuschauern Beispiele dieses Phänomens und entlarvt diese in den rund fünfminütigen Videos mit Hilfe von Quellen und Wissenschaftlern als das, was sie tatsächlich sind: Lug und Trug.

Ausgangsthese des MDR-Formats „Historische Fake News“ ist, dass Fake News kein Phänomen der sozialen Medien sind, sondern das Problem lediglich verstärken und einem größeren Teil der Öffentlichkeit zugänglich machen. „Alle reden über Fake News“, sagt Annett Stiebritz-Stepputat, MDR-Redakteurin und Projektleiterin des Medienkompetenzportals „Medien360G“, im Gespräch mit MEEDIA. „Dabei wurde in verschiedenen medialen Zusammenhängen schon immer geschwindelt. Es hat also nichts mit unserem Zeitgeist zu tun.“ Bereits seit Jahrhunderten werden vermeintlich echte Nachrichten fingiert, um die Öffentlichkeit zu täuschen und bestimmte Interessen durchzusetzen. Das wolle die Redaktion mit dem Format aufzeigen.

In der zehnteiligen Serie, produziert von der Hamburger Firma freeeye.tv, werden unter anderem die Hitler-Tagebücher, die fiktiven Interviews vom Schweizer Autor Tom Kummer und Orson Welles berühmtes Hörspiel „Krieg der Welten“ behandelt. „Es soll sich um Fake News handeln, die einer gewissen Öffentlichkeit ein Begriff sind“, erklärt Stiebritz-Stepputat. Dazu gehören ebenso folgenreichere Fälle wie die Brutkastengeschichte. Diese wurde Ende 1990 als Legitimation für den militärischen Eingriff in den Ersten Golfkrieg herangezogen. Allein der damalige US-Präsident Georg Bush Senior erwähnte den Vorfall, dass irakische Soldaten Babys aus den Brutkästen holten und auf dem Boden sterben ließen, in vielen wichtigen Reden. Tatsächlich ist es eine Lüge, die die New Yorker PR-Agentur Hill & Knowlton in Umlauf brachte, um die US-Bevölkerung vom Kriegseinsatz zu überzeugen.

Falschmeldungen, die Jahrhunderte überstehen

„Wir präsentieren anspruchsvolle Themen, die einer aktiven Teilhabe des Publikums bedürfen“, so Stiebritz-Stepputat gegenüber MEEDIA. Die Redaktion glaube an einen mitdenkenden Bürger. „Wir zeigen Argumente auf, ohne zu belehren“, sagt sie. Damit die Redaktion bei der Recherche nicht selbst irgendwelchen Lügen aufsitzt, werden die zunächst von der Produktionsfirma freeeye.tv erarbeiteten Skripte in einem zweiten Schritt detailliert geprüft. „Die Geschichte wird auf Logik und Sinn kontrolliert“, so Stiebritz-Stepputat. Auch der Eindruck der im Beitrag verwendeten Quellen ist entscheidend.

Die MDR-Redaktion beleuchtet in ihrer Sendung schlüssig und unterhaltsam, wie derartige Desinformationskampagnen Wissenschaftler, Politiker und Bürger in ihrer Wahrnehmung beeinflussen. Manch Fälschung wird noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte später von Teilen der Öffentlichkeit für wahr gehalten – wie im Fall von Ludwig II., König von Bayern. Dieser soll einem US-amerikanischen Journalisten ein Interview gegeben haben. „Es ist verrückt, dass Wissenschaftler das Interview lange Zeit als Referenz genommen haben“, sagt Stiebritz-Stepputat. „An der Geschichte wirken auf den ersten Blick so viele Punkte merkwürdig.“ Erst ein französischer Privatgelehrter zweifelte an der Echtheit des Gesprächs und deckte den Spuk auf. Mittlerweile erkennen es auch Historiker als Fälschung an.

Oder die sogenannte Konstantinische Schenkung: Ein Dokument, das angeblich zu Beginn des 4. Jahrhunderts vom römischen Kaiser Konstantin I. ausgestellt wurde. Die Päpste nutzten jene Urkunde über viele Jahrhunderte als Beweis, ihre Vormacht in der Christenheit und territoriale Ansprüche zu begründen – auch eine Fälschung.

Zukunft des Formats ist ungewiss

Konkretes Nutzerfeedback habe es bislang nicht gegeben, so Stiebritz-Stepputat. „Unser Ziel ist es, dass Leute sich durch das Format mit dem Thema Fake News beschäftigen, die es in ihrer Freizeit sonst nicht tun“, erklärt die Journalistin. „Jene Menschen, die ohnehin an Chemtrails glauben, können wir mit unseren Inhalten auch nicht mehr überzeugen.“

Einzelerhebungen für die Serie gibt es bislang nicht. „Das gesamte Portal verzeichnet rund 8.500 Visits im Monat“, sagt die Leiterin. „Man merkt jedoch, dass es sich um ein reines Online-Angebot handelt. Die lineare Ausstrahlung ist noch immer ein starkes Zugpferd.“ Dennoch seien die Zugriffszahlen zufriedenstellend. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich das Medienportal noch im „Windelalter“ befindet. Am 7. Februar feiert es einjähriges Jubiläum.

Ob eine zweite Staffel von „Historische Fake News“ produziert wird, soll schon bald entschieden werden. „Dazu brauchen wir Feedback, was schlicht eine gewisse Grundbekanntheit voraussetzt“, so Stiebritz-Stepputat. Über Themenmangel für weitere Episoden wird sich die Redaktion jedoch nicht beklagen können. „Ist ja ein stark wachsendes Feld“, sagt sie.

Einen bekannten Fürsprecher, erzählt Stiebritz-Stepputat, habe das Format bereits. „Stefan Niggemeier hat bei einer Veranstaltung gesagt, dass es ihm gefällt.“

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