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PR-Experte über Affäre um Regisseur: „Dieter Wedels Krisenkommunikation ist durchaus widersprüchlich“

Frank Roselieb (li.) ist geschäftsführender Direktor des Krisennavigator – Institut für Krisenforschung, ein Spin-Off der Universität Kiel, und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfkM)
Frank Roselieb (li.) ist geschäftsführender Direktor des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, ein Spin-Off der Universität Kiel, und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfkM)

Die Affäre um Dieter Wedel nimmt kein Ende. Spätestens nach dem Die Zeit heute erneut auf mehren Seiten und in bedrückender Dichte über weitere Sex-Vorwürfe berichtet, steht der Regisseur in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Rücken zur Wand. Serientäter oder das Opfer von Intrigen? Gegenüber MEEDIA erklärt der Krisenkommunikationsexperte Frank Roselieb, welche Optionen Wedel in der Affäre hat.

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Dieter Wedel muss sich schwerer Anschuldigungen erwehren. So ist in der Zeit von Schikane, Gewalt und sexueller Nötigung bis hin zur Vergewaltigung die Rede. Gibt es für solche Fälle ein klassisches Vorgehen? Wie sollte Wedel also aus Sicht der Krisen-Kommunikation mit einem solchen Fall umgehen?
Frank Roselieb: Einen Masterplan gibt es sicher nicht, wohl aber eine Grundstruktur, an der sich Betroffene entlang hangeln können. Zunächst muss geklärt werden, ob es sich um einen Compliancefall oder einen Skandalfall handelt. Danach wird über die Kommunikationsstrategie entschieden. Die Unterschiede liegen im Detail: Bei einem Compliancefall war ein Verhalten illegal. Die Person oder Institution hat also recht eindeutig gegen geltende Gesetze oder Vorschriften verstoßen. Eine gerichtlich bestätige Vergewaltigung fällt ganz sicher in diese Kategorie. Hier wäre nach dem rechtskräftigen Urteilspruch ein „Mea Culpa“ Kernbotschaft der Krisenkommunikation. Bei einem Skandalfall ist die strittige Vorgehensweise hingegen lediglich in den Augen einiger Betrachter illegitim – also unethisch oder unmoralisch. Hier sind die individuellen Maßstäbe entscheidend, die natürlich variieren können. Die Diskussion um den „Herrenwitz“ von Rainer Brüderle war ein solcher Fall. Die einen sprechen von einem „netten Kompliment“. Für die anderen war das „ganz klar Sexismus“. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Hier hat die Krisenkommunikation die Aufgabe, der eigenen Position hinreichend Gehör zu verschaffen.

Wie geht Dieter Wedel damit um?
In der Außenwahrnehmung ist seine Krisenkommunikation durchaus widersprüchlich. Einerseits gibt er eine eidesstattliche Versicherung ab, in der er die Vorwürfe angeblicher Taten von vor über 20 Jahren allesamt bestreitet. Andererseits tritt er zugleich vom Amt des Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele zurück. In einer begleitenden Erklärung spricht er von einem „Klima der Vorverurteilung“ und einem „Kampf gegen seine Reputation“, den er „weder mit juristischen Mitteln noch mit medialen Stellungnahmen“ gewinnen könne. Die Öffentlichkeit bleibt ratlos zurück. Hat sie nun einen zweiten Jörg Kachelmann vor sich, der damals unschuldig in Untersuchungshaft saß oder doch eher einen Bill Clinton, der – rhetorisch geschickt – erklärte: „I did not have sexual relations with that woman, Monica Lewinsky.“ Hier sollte Dieter Wedel Ruhe bewahren und darauf verweisen, dass die Justiz möglicherweise auch bei ihm – wie im Fall Kachelmann – einen Unschuldigen als solchen erkennt. Endgültig wisse man das aber erst in einigen Monaten. Sollten sich die Vorwürfe dagegen bestätigen, bliebe Dieter Wedel nur ein sehr tiefes Mea Culpa. Dies gilt selbst dann, wenn die Fälle möglicherweise mittlerweile verjährt wären. Auch dann wären die Taten als solches ja  passiert und bedürfen der Krisenkommunikation, selbst wenn sie gerichtlich nicht mehr geahndet werden.

Bislang gab Wedel lediglich ein Interview: der Bild. Ist es geschickt, sich mit der Bild nur einen Medien-Partner gesucht zu haben?
Nein. „Medien-Partner“ machen nur bei Skandalfällen Sinn, denn dort kommt es nicht auf die neutrale rechtliche Bewertung an, sondern auf die ethisch moralische. Hier können „Medien-Partner“ möglicherweise eine Einordnung liefern, die die eigene Position stärkt. Bei Compliancefällen – wie im Fall Dieter Wedel – fällt das Urteil dagegen im „Court of law“, also gerade nicht im „Court of public opinion“ der Medien. Bis zum Richterspruch – sollte tatsächlich Anklage erhoben werden – kann ein „Medien-Partner“ in einem solchen Fall an der öffentlichen Meinung nicht viel verändern. Seit dem Fall „Jörg Kachelmann“ beobachten wir zudem eine deutliche Trendwende: Der Medienkonsument wartet wieder auf das Gerichtsurteil und folgt nicht vorschnell der Tendenz einiger Journalisten, wie beispielsweise der von Alice Schwarzer, die sich in ihrer Berichterstattung im Ergebnis völlig verrannt hat.

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Was kann Krisen-PR in einem solchen oder ähnlichen Fällen überhaupt erreichen?
Das hängt entscheidet vom Reputationspolster ab – also dem guten Ruf, den man sich tunlichst vor der Krise erworben haben sollte. Hier hat Dieter Wedel eigentlich recht gut Chancen, seinen Ruf wieder herzustellen. Er war davor nicht unbedingt für Sex-Skandale, sondern eher für große Erfolge bekannt und wurde u.a. mit der Goldenen Kamera und dem Bambi ausgezeichnet. Auch mit seinem letzten Engagement in Bad Hersfeld hat er sich viel Lob eingehandelt. Zuletzt lobte ihn sogar die hessische Landesregierung für den „grandiosen Neustart“ und einer „Strahlkraft weit über Hessen hinaus“. Das klingt nach einem sehr starken Reputationspolster. Die Krisen-PR hat bei einem solchen Compliancefall eigentlich nur eine Aufgabe: Sie muss Ruhe in den Fall bringen und klar machen, dass nicht Stammtische oder Redaktionskonferenzen das Urteil fällen, sondern allein die Gerichte. Bis dahin gilt es, abzuwarten. So schwer das auch fällt.

 

Frank Roselieb ist geschäftsführender Direktor des Krisennavigator – Institut für Krisenforschung, einem Spin-Off der Universität Kiel, und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfkM).

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