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Menschliche Untiefen im TV: Warum der SPD-Sonderparteitag das bessere Dschungelcamp war

Dschungel-Insasse Mangiapane, SPD-Chef Schulz: Fragen der Glaubwürdigkeit
Dschungel-Insasse Mangiapane, SPD-Chef Schulz: Fragen der Glaubwürdigkeit

In Sachen Schadenfreude und menschlichen Untiefen hat das RTL-Dschungelcamp am Wochenende ernstzunehmende Konkurrenz bekommen vom neuen Hit-Format „SPD-Sonderparteitag“. TV-Unterhaltung und Politik-Zirkus offenbaren in diesen Tagen erschreckende Parallelitäten.

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Zu glauben, der SPD-Vorsitzende Martin Schulz sei nach dem knapp gewonnenen GroKo-Votum als Sieger vom Platz gegangen, ist ungefähr so als würde man glauben, dass die Zuschauer des RTL-Dschungelcamps die Reality-Knallcharge Matthias Mangiapane in Ekelprüfungen wählen, weil sie ihn für besonders sympathisch und gut geeignet befinden. Der Vergleich hinkt und humpelt natürlich gewaltig, aber die SPD mit ihrem Event-Format „Sonderparteitag“ bot am Wochenende gewisse Parallelitäten zum alljährlichen Dschungel-Rummel bei RTL und die Sozen hatten sogar die weitaus dramatischeren Schauwerte. Geht es doch in beiden Formaten um menschliche Abgründe, um Rivalitäten, um Fragen der medialen Präsentation und um die viel besungene Glaubwürdigkeit.

Im Camp dürfen darum auch die ersten Schulz-Witze nicht fehlen. Ob man ihn als Mitwirkenden gebrauchen könne, fragten Sonja Zietlow und Daniel Hartwich in der jüngsten Folge, um zu frotzeln: Aber sicher nicht als Kandidaten, man habe ja gewisse Mindest-Standards. Was Schulz dann für eine Rolle übernehmen könne, wollte Zietlow wissen. Hartwich: „Er könnte schuld sein. Das kann er doch so gut.“ Bitter aber wahr.

Den Verdacht, dass sich die SPD Schulz nur noch leistet, um eben einen Schuldigen zu haben, lässt sich gerade nach dem Sonderparteitag nicht verdrängen. Schulz hielt eine von Pflichterfüllung geprägte Rede, die über ebenso müden Pflichtapplaus nicht hinauskam. Der zentrale Teil seiner Rede: „Diejenigen, die sagen: Egal was wir erreichen können, wir gehen unter keinen Umständen in eine Regierung, die sollen wissen: Das ist nicht meine Haltung, das ist nicht mein Weg, dafür bin ich nicht in die Politik gegangen und das kann auch nicht die Haltung eines Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sein.“

Äh, doch. Genau das war die Haltung von Schulz nach der Bundestagswahl und auch noch nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen. Erst nach Einvernahme durch den Bundespräsidenten mit ruhender SPD-Mitgliedschaft folgte das, was SPD-Jungstar Kevin Kühnert als „wahnwitzige Wendungen und Kehrtwendungen“ bezeichnet. Schulz macht einfach das Gegenteil. Das ist in etwa so glaubwürdig, wie wenn ein Dschungel-Insasse nach gekniffener Prüfung ins Camp zurückhumpelt und die vergleichsweise harmlose Pool-Taucherei zur schrecklichsten Prüfung aller Zeiten und aller Zeiten die da kommen, zurechtlügt.

Die Zuschauer daheim amüsieren sich über die Realitäts-Verzerrungen des Dschungel-Personals. Es ist ja alles so ofensichtlich. Auch bei Schulz findet die Realitäts-Verbiegung auf offener Bühne statt. Jeder sieht, wie er dasteht und das Gegenteil von dem erklärt, was er noch vor wenigen Wochen erklärte. Beim Dschungel kann man darüber lachen, in der Politik ist es höchstens ein Lachen aus Verzweiflung. Das meint wohl Juso-Chef Kühnert, wenn er in seiner Rede davon spricht, die Partei habe seit der Bundestagswahl nochmals an Vertrauen verloren.

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Der junge Kühnert bekam für seine deutlichen Worte erkennbar mehr Applaus, als Schulz für seinen schlaffen Auftritt. Auch SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles riss die Genossen mehr mit, als ihr Vorsitzender. Nahles zählt zwar auch zu den Befürwortern der GroKo, aber sie hatte wenigstens Feuer und befriedigte das Bedürfnis der Genossen nach Kampfeswillen. „Ich habe keine Angst vor Neuwahlen, ich habe Angst vor den Fragen der Bürger“, rief sie und meinte, die Leute würden fragen, warum die SPD das, was jetzt im Programm stehe, nicht in einer Großen Koalition durchgesetzt hätten. Falls man dann sagen würde, dass man nicht alles durchbekommen habe, würden ihnen die Leute „einen Vogel zeigen“. Das ist einerseits nun ziemlicher Unfug, andererseits rhetorisch aber auch geschickt.

Unfug ist es, weil sich niemand im Wahlvolk um Parteiprogramme oder Details in Sondierungspapieren wirklich schert. Das hätte die SPD, die ja so stolz war auf ihr Wahlprogramm, eigentlich schon bei der Bundestagswahl merken können. Rhetorisch geschickt war Nahles’ Einlassung darum, weil sie den Ausspruch, „keine Angst vor Neuwahlen“ aufgriff. Damit erweckte sie zumindest sprachlich den Eindruck von Kontinuität.

Während Martin Schulz in Sachen GroKo bereits eine Harakiri-Wende vollzogen hat, steht die nächste schon bevor. Denn vor der Wahl hatte er ja getönt, niemals als Minister in eine Merkel-Regierung einzutreten. Wenn man nun sah, wie Andrea Nahles im „heute journal“ am Sonntagabend um die Frage eiertanzte, ob sich Schulz an dieses zweite Wahlversprechen gebunden fühlt, kann man ahnen, was kommt.

„Wir sind die größte Mitmach-Partei in Deutschland“, sagte Schulz relativ zu Beginn seiner Rede. Und der Dschungel ist die größte Mitmach-Show. Bei der SPD dürfen viele mitreden und mitmachen und abstimmen. Und auch er will ja um jeden Preis weiter mitmachen, weil, was soll er denn sonst tun? Die große SPD-Mitmach-Show geht nach den nun folgenden Koalitionsverhandlungen in eine finale Runde, wenn sich die Mitglieder dann noch einmal über den ausgehandelten Vertrag beugen und wieder abstimmen. Über die Koalition, über die SPD über Schulz. So die RTL-Zuschauer über das Dschungel-Personal richten.

Wäre Schulz konsequent, müsste er hinschmeißen und rufen „Ich bin auch nur ein Mensch, lasst mich hier raus!“ Aber es hängt ja seine Karriere daran. Und so wie ein Camp-Insasse in den allermeisten Fällen nicht freiwillig geht, weil es sonst an Honorar fehlt und man um die verlorene Screentime fürchtet, so klebt auch Schulz an seinem Amt. Aber, oh je: Am Ende des Dschungelcamps wartet aber kein großer Karrieresprung, kein echter Fame. Und am Ende der SPD-Selbstfindungs- und Selbst-Kasteiungsshow wartet auch keine lange, glorreiche Bundespolitiker-Karriere für Martin Schulz.

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