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Kritik an Prozessbericht über Doppelmörder Marcel H.: Der Blutrausch des Täters ungefiltert in der FAZ

Die FAZ berichtet über den Prozess gegen Marcel H., der zwei Menschen tötete
Die FAZ berichtet über den Prozess gegen Marcel H., der zwei Menschen tötete

In der vergangenen Woche berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) über den Prozess gegen Marcel H., der Anfang 2017 zwei Menschen brutal ermordete. In dem Text schildert der Autor grausamste Details, die selbst für einen Bericht über einen Mordfall extrem sind – und die den Leser kalt erwischen. Der Fall wirft einmal mehr die Frage auf: Gibt es beim Thema Gewaltverbrechen ein Zuviel an Wahrheit?

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Es ist fast ein Jahr her, dass der 19-jährige Marcel H. aus Herne im März 2017 zuerst den neunjährigen Jaden erstach und anschließend den 22-jährigen Christopher. Er tötete auf brutalste Art und Weise – und rühmte sich anschließend dafür bei Chat-Freunden: Nach dem Mord an dem Kind fotografierte er sich selber und verschickte das Bild via Whats-App. Kurz vorher hatte er schon angekündigt, gleich „etwas knastwürdiges“ zu tun. „Willst später 4chan-reife Bilder?“, fragte er.

Die Morde, die Niedertracht, das arrogante Auftreten des scheinbar empathielosen Mörders: Der Fall Marcel H. schockiert und macht fassungslos. Seit September steht er nun vor Gericht. Es ist ein Prozess, der selbstverständlich großes Interesse auf sich zieht, und über den zahlreiche Medien ausführlich berichten. Unter anderem auch die FAZ, die am vergangenen Donnerstag einen Text mit dem Titel „Marcel H. plaudert über die größten Grausamkeiten“ veröffentlichte. Darin berichtet der Autor vor allem über die Einschätzungen der Gutachterinnen, die am vergangenen Donnerstag vor Gericht im Vordergrund standen. Die Gutachterinnen attestierten Marcel H., voll schuldfähig zu sein. „Sie zeichnen das Bild eines grausamen Besserwissers, Wichtigtuers und Phantasten“, heißt es direkt zu Beginn des Textes.

Der Leser wird unverhofft ins Blutbad geworfen

Was folgt, ist ein zunächst unaufgeregter, rationaler Text: In fünf von sechs Absätzen schildert der Autor mehr oder weniger nüchtern die Fakten des Prozesstages. Doch mit einem Mal ändert sich die Stimmung des Artikels, und zwar wenn es im letzten Absatz explizit um die Grausamkeiten geht, über die der Angeklagte gegenüber den Gutachterinnen „im Plauderton“ gesprochen habe. Es sind nur sieben Sätze, doch in diesen Sätzen stecken Details extremster Brutalität, die viele Leser aus dem Nichts treffen und schockieren. Es ist vor allem das Unverhoffte, das Plötzliche, das hierbei irritiert: Der Leser wird mit einem Mal regelrecht in ein Blutbad geworfen – ohne darauf vorbereitet zu sein. Wer einen Artikel der FAZ anklickt, rechnet nicht unbedingt damit, ausgerechnet hier auf einmal zum Voyeur eines Blutrausches zu werden.

In den sozialen Netzwerken werfen zahlreiche Leser genau dies der FAZ vor: „Der Bericht ist reinste Gewaltpornografie“, heißt es beispielsweise unter dem Facebookposting zum Artikel oder: „Ein Bild über die Perversion des Täters ist auch möglich ohne effekthaschend die genauen Grausamkeiten der Taten auszuschmücken.“ Einige der Kommentatoren fragen sich, wozu diese Details wichtig sein sollen.

Auch beim Presserat ist bereits eine Beschwerde wegen des Textes eingegangen, wie eine Sprecherin des Presserates auf Nachfrage von MEEDIA bestätigte. Die Beschwerde beziehe sich auf Ziffer 11 des Pressekodex, in der es um Sensationsberichterstattung und Jugendschutz geht. Darin heißt es unter Ziffer 11. 2:

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„Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen.“

Eine zu breite Berichterstattung spielt dem Täter in die Hände und animiert womöglich Nachahmer

Aus medienethischer Sicht liegt der vorliegende Fall in einem Graubereich. Marlis Prinzing, Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Macromedia-Hochschule in Köln, erklärt gegenüber MEEDIA mit Bezug auf Ziffer 11 des Pressekodex: „Übertragen auf die Berichterstattung über den Prozess gegen den Täter von Herne heisst dies: Das Geschehen im Gerichtssaal schildern, also sowohl die ungeheuerliche Brutalität, mit der der Täter vorging, als auch die tiefe Verletzung der Angehörigen der Opfer.“

Zwar würde der Text der FAZ aus ihrer Sicht deshalb nicht gegen den Pressekodex verstoßen, sagt Marlis Prinzing, dennoch sieht sie die Details über die Grausamkeiten kritisch: Der Täter sei offenbar eine von sich selbst enttäuschte Person, die ihr Versagen durch ein außerordentlich brutales Gewaltverbrechen in ihren Augen kompensiere und diese deshalb plaudernd und detailverliebt schildere, erklärt die Medienethikerin. „Dem Täter dafür viel Raum zu geben, bedeutet auch, ihm in die Hände zu arbeiten“, so Prinzing.

Auf die MEEDIA-Nachfragen, welchen Erkenntnisgewinn der Leser aus ihrer Sicht von einer derart detaillierten Schilderung habe und wie die FAZ zu der Kritik an der Darstellung stehe, wollte weder ein zuständiger Redakteur noch der Autor des Textes antworten. Auf die Kommentare unter dem Facebookposting reagiert das Social-Media-Team der FAZ jedoch und schreibt, es handele sich bei den Details um „Hintergrundinformationen, die für das Prozessurteil relevant“ seien. Und: „Die im Artikel beschrieben Tat war sehr grausam, dessen sind wir uns durchaus bewusst. Die Details wurden dennoch nicht voyeuristisch dargestellt, sondern ganz am Ende des Artikels erwähnt, weil sie im Prozess eine wichtige Rolle spielen.“

Freilich ist die Diskussion über eine angemessene Berichterstattung bei Gewaltverbrechen nicht neu: Regelmäßig wird nach besonders brutalen Verbrechen oder auch Terroranschlägen von Seiten der Medien die Frage erötert, welche Details für den Leser wichtig seien. Während bei Selbstmorden der allgemeine Konsens herrscht, keine Details über den exakten Ablauf oder die exakte Vorgehensweise zu beschreiben, um keine Nachahmer zu inspirieren, scheinen die Regeln bei Gewalttätern hingegen andere zu sein. Marlis Prinzing jedoch warnt vor einer „Propaganda der Tat“. Ein „ähnlich strukturierter möglicher Täter“ könnte sich „durch eine breite Berichterstattung vollends zu einer vergleichbaren Tat angeregt fühlen“.

Auch Sprache kann grausame Bilder malen

Am vergangenen Donnerstag ging es im Gericht um die psychologische Verfassung des Täters: Natürlich steht es deshalb außer Frage, dass vor Ort sowohl der Tathergang an sich beschrieben wird als auch die eigene Schilderung des Täters. Doch die Geschichte vor Gericht ist nicht automatisch die Geschichte, die der Berichterstatter auch dem Publikum außerhalb der Gerichtsräume zumuten kann oder gar muss. Reicht es nicht zu wissen, dass Marcel H. auf brutalste Art und Weise und mit mehreren Messerstichen getötet hat? Dass er sich mit diesen Taten nicht nur brüstet, sondern eben auch über sie im „Plauderton“ spricht? Und vor allem: Dass das Gericht zu dem Urteil kam, dass er voll zurechnungsfähig ist? Welchen Informations- oder Erkenntniswert hat es für den Leser, exakt nachvollziehen zu können, wie perfide er seine Opfer vor ihrem Tod gequält hat?

Zum Vergleich: Bei Artikeln oder TV-Berichterstattungen über Todesfälle, entscheiden sich die meisten Medien dafür, ausschließlich Bilder zu zeigen, auf denen die Leichen bereits zugedeckt sind; kaum eine Redaktion würde wohl auf die Idee kommen, beispielsweise extra das Gesicht des Verstorbenen in Großaufnahme zu zeigen – zum Schutz der Opfer und Angehörigen, aber eben auch zum Schutz ihres Publikums. Zu Recht, denn solche Bilder können Menschen überfordern oder gar tief verstören. Doch auch Sprache kann genau so etwas anrichten; auch Sprache kann grausame Bilder malen – die der Leser schlicht und ergreifend nicht sehen will und auch nicht sehen muss. Ein Qualitätsmedium wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung hätte das eigentlich wissen müssen.

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