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Der mysteriöse Traffic-Lieferant: Wie die „Blackbox“ Apple News für deutsche Newssites an Relevanz gewinnt

Das Widget von Apple News ist mittlerweile kein irrelevanter Kanal mehr – Medienmacher rätseln aber über einer Funktionweise
Das Widget von Apple News ist mittlerweile kein irrelevanter Kanal mehr – Medienmacher rätseln aber über einer Funktionweise

In Zeiten sinkender Reichweiten bei Facebook erfahren andere Plattformen und Vertriebskanäle wieder größere und sogar ganz neue Bedeutung für Redaktionen – dazu gehört definitiv Apple News. Für so manches Portal entpuppt sich das lange unbeachtete iOS-Angebot mittlerweile als signifikanter Traffic-Lieferant. Das ist nicht für alle erfreulich. Der Aggregator ist unberechenbar, seine Funktionsweise unbekannt – und Apple bekanntermaßen kein einfacher Partner.

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Wie unberechenbar Apple News sein, und zu welch‘ heiklen Situationen das führen kann, hat im vergangenen Jahr ausgerechnet die Polizei in München erfahren. Im März 2017 sperrte die Behörde kurzzeitig Teile des Münchener Hauptbahnhofes, nachdem ein Rauchmelder einen Einsatz von Polizei und Feuerwehr ausgelöst hatte. Die entsprechende Nachricht verbreitete sich umgehend via soziale Netzwerke und regionale Medien, auch einige Überregionale hatten berichtet. Für die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Polizei wurde der Fall aber deutlich größer – die Bild-Zeitung, so hatte es geheißen,  berichte über einen Terror-Alarm. Die Ente verleitete die Polizei schließlich zu einem Tweet, für den sie sich anschließend entschuldigen musste:

Denn Bild hatte zwar über eine „Terror-Warnung“ und die Sperrung des Hauptbahnhofes berichtet. Allerdings war das im Dezember 2015 – also über ein Jahr vorher. Der alte Artikel geriet erneut in Umlauf, weil ihn sich ein „externer Newsfeed“ erneut gezogen und ausgespielt hatte – gemeint war der Nachrichtenaggregator Apple News.

Es war ein für ein Nachrichtenprodukt schwerwiegender Fehler, den Bild-Leute Apple noch immer vorhalten. Der Text soll der via Apple News bislang meist gelesene sein. Niemand kann erklären, wieso sich das Angebot, das auf allen iOS-Geräten installiert ist, den alten Text gezogen hat – und Apple will es nicht.

Publisher: „Es gibt Tage, da schlägt Apple News sogar Facebook“

Für eine Vielzahl von Seitenmachern ist Apple News eine „Black Box“, deren Inneres sie nicht auslesen können. Medienmacher ärgert das. Denn hat es ein Artikel erst mal in die News-Box geschafft, ist das beim Traffic deutlich zu spüren. Gegenüber MEEDIA sprechen einige Publisher von Apple News als „mittlerweile sehr solide Quelle“ für mobilen Traffic. „Es gibt Tage, da schlägt Apple sogar Facebook“, bestätigt einer, dessen Redaktion „sehr intensiv“ nach den Funktionsweisen von Apple News recherchiert haben will. „Apple News ist von null zu einer der wichtigen neuen Reichweiten-Quellen geworden“, sagt ein anderer. Es gibt Plattformen, bei denen kommen bei einzelnen Artikeln 30 bis 50 Prozent der Leser von iPhones oder iPads. „In Summe dürften es vielleicht schon mehr als fünf Prozent unserer Visits sein.“ Bei manchen liege Apple mit seinen Raten über dem deutlich weiter verbreiteten Aggregator Upday, der auf Samsung-Smartphones installiert ist und dessen Bedeutung zuletzt immer mal wieder betont worden war. Genaue Angaben lassen sich aufgrund mangelnder Transparenz allerdings nicht machen.

„Das Problem an Apple News ist,dass wir keine Ahnung haben, wie es funktioniert“, heißt es in vereinzelten Gesprächen. Während der Samsung-Aggregator, der vom Medienhaus Axel Springer hochgezogen wird, sich in die Karten gucken lässt und auf Zusammenarbeit mit Verlagen setzt, gibt sich Apple wie gewohnt verschlossen. MEEDIA hat mit mehreren Redakteuren und Verantwortlichen von Nachrichtenseiten gesprochen und niemanden gefunden, der seriös beantworten kann, wie seine Inhalte im News-Kasten der iPhones landen. Die meisten Redaktionen navigieren im Blindflug und sind selbst manchmal überrascht, welcher ihrer Inhalte das Ziel findet. „An manchen Tagen sind wir über den Erfolg einiger Artikel regelrecht entzückt, wundern uns aber über ihre Irrelevanz“, sagt ein Publisher.

Von außen betrachtet, wirkt die Zusammenstellung der Inhalte oft willkürlich. Mal findet sich unter vier Artikeln völlig ohne Kontext ein Kommentar, manchmal verlinkt Apple News auf einen Artikel über einen japanischen Super-Hit, während Nord- und Südkorea über die Olympiateilnahme verhandeln. An anderen Tagen spült Apple News Katastrophen-Nachrichten aus dem weit entfernten Salzburg in den Feed, wenige Stunden später aus der Heimatstadt Hamburg. Dann tauchen billige Clickbaiting-Geschichten mit Überschriften wie diese auf: „Fiese Masche: Wenn diese 0172-Nummer euch anruft, solltet ihr sofort auflegen!“

„Man kann momentan nur herumspekulieren“, heißt es aus einer der größten deutschen Nachrichtenredaktionen. Wer eine Ahnung hat, wie Apple drauf sein könnte, will sie freilich nicht teilen. In Zeiten, in denen die großen Wachstumsraten der Online-Journalismus immer weniger werden und vor allem die großen Player um Platz 1 an der Spitze kämpfen, sinkt auch die Gesprächsbereitschaft.

In manchen Redaktionen wird gerätselt, dass die Konkurrenten besonders oft darin auftauchen, die ein engeres Verhältnis zum iPhone-Konzern hätten. Die damit Angesprochenen dementieren dies. Andere spekulieren auf Geo-tagging, da Apple News immer mal wieder Inhalte aus der Stadt ausspielen, in der sich Nutzer gerade befinden. Dies wäre vor allem für regionale Medienhäuser eine positive Nachricht. Sie finden ihren bei Apple News aber in aller Regel nicht.

Apple verhält sich wie immer und schweigt

Vertreten sind vor allem überregionale Portale wie faz.net, Spiegel Online, Bild, Zeit Online, n-tv oder Tagesschau, aber auch Süddeutsche, Focus Online, Bild und stern oder Welt. Letztere setzen immer mal wieder auf Nachrichten, die auch nur einzelne Regionen betreffen. Weshalb regionale Medien nicht berücksichtigt werden, ist unklar. Genauso wenig bekannt ist, wie sie überhaupt auf sich aufmerksam machen. Ob man diese Vermutungen zutreffend sind, ist zudem schwer zu sagen. „Wir beobachten seit einigen Wochen, dass regionaler Content wieder weniger ausgespielt wird“, so der Eindruck eines Publishers.

Wer von Apple mehr über sein Produkt erfahren will, hat wenig Chancen auf Erfolg. Kontaktleute gibt es kaum, Antworten noch weniger. „Es gibt keinen festen Ansprechpartner, eigentlich gibt es gar nichts“, sagt einer. Dabei soll es dem Vernehmen nach vor einigen Jahren erste Anläufe in der Kommunikation zwischen dem US-Konzern und deutschen Publishern angebahnt worden sein. Vieles sah danach aus, als würde Apple seinen Aggregator auch in Deutschland ausbauen, aus dem vorhandenen Widget – wie in Großbritannien oder den USA – eine App machen. Dazu seien Apple-Verantwortliche sogar schonmal vorstellig gewesen, heißt es. „Mittlerweile macht Apple es nicht einfach, überhaupt noch den Erfolg zu messen“, so ein weiterer Redaktionsverantwortlicher. Man könne den Traffic von Apple News oft nur noch erahnen.

Auf Nachfrage beim deutschen Pressesprecher von Apple antwortet die für die Produkt-PR zuständige Agentur. Seitens Apple würden „weder Funktionsweise, noch Kriterien und/oder möglicher zugrundeliegenden Algorithmen für die derzeit in das Widget einfließenden Nachrichten kommuniziert“, heißt es. „Auch werden generell keine möglichen zukünftigen Entwicklungen und Produkte kommentiert.“

Niemand rechnet mit Start einer Apple-News-App in Deutschland

Aus Gründen wie diesen mag keiner so wirklich glauben, dass das Unternehmen sein Angebot weiter ausbaut und damit auch neue Möglichkeiten für Medienangebote schafft. Schaut man sich internationale Beispiele an, erhärtet sich auch nicht unbedingt der Eindruck, dass dies viele Vorteile bringt. Mit der Apple News App, wie sie in Großbritannien oder den USA angeboten wird, erhalten die journalistischen Plattformen keinen weitergeleiteten Traffic mehr, sondern müssen ihren Content dorthin auslagern. Wie bei anderen Distributed-Content-Projekten können die Medienhäuser ihre Inhalte dann zwar auf Wunsch selbst vermarkten und die Erlöse voll einstreichen. Die Resonanz ist nach Medienberichten allerdings alles andere als überragend. Zudem war Apple eine zeitlang die einzige Quelle für Reichweiten-Angaben. Erst mit David Kang als Director of Monetization wurden Schnittstellen zum Kontrollorgan ComScore – in etwa vergleichbar mit der deutschen IVW – geschaffen. Kang gab seinen Posten nach nur etwa einem Jahr allerdings wieder ab.

Die Vermarktung krankt unter anderem auch, weil Apple offenbar mit der Weitergabe werberelevanter Informationen sehr zurückhaltend agiert. Der Konzern präsentiert sich gerne als Schützer seiner Nutzerdaten beziehungsweise behält sie am liebsten einfach für sich. Die Werbeindustrie bekommt das auch an anderen Stellen zu spüren, beispielsweise durch Updates für den Safari-Browser, der Nutzertracking weitgehend unterbindet. Ausbleibende Entwicklungen führen zu Verdruss: So stieg im vergangenen Jahr bereits der Guardian aus, der 2015 als erster Partner mit eingestiegen war, bei Apple News aus.

Gegenüber MEEDIA bestätigt einer von mehreren Gesprächpartnern, mit einem eigenen Dashboard für Apple zu arbeiten und so möglichst gezielt zu versuchen, die Erfolge nachzuvollziehen. Wie gut das funktioniert, ließ er offen.

In der Summe scheint sich noch niemand hier in Deutschland so wirklich zu trauen, Ressourcen auf die Optimierung der Inhalte für Apple News zu bündeln – denn letztlich weiß ja doch niemand, ob und wie Apple einen (wenn überhaupt bestehenden) Algorithmus wieder umwirft. „Dauerhaft jemanden darauf anzusetzen, wäre total verfrüht“, heißt es. Unterdessen sucht man weiter nach Mitteln und Wegen, bestehende Nutzer öfter und andere Nutzer überhaupt erst einmal zu erreichen.

 

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Alle Kommentare

  1. Die dümmsten Schafe suchen sich selber ihre Metzger, um sich sehr schmerzvoll und langwierig schächten zu lassen.

  2. Da die Internet-Konzerne Apple, Facebook, Google & Co. von den Medienhäusern gerne als Traffic-Lieferanten genutzt werden – bei Bedarf aber als Sündenböcke herhalten müssen (z.B. Leistungsschrutzrecht), braucht sich über mangelndes Gesprächsinteresse eigentlich niemand zu wundern …

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