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Vorwürfe gegen Dieter Wedel: Wieso Journalisten in der #MeToo-Debatte schärfer differenzieren müssen

Im Zeit Magazin erheben drei Frauen Vorwürfe gegen Dieter Wedel: Er soll sie genötigt und eine sogar vergewaltigt haben – der Regisseur bestreitet das.

Mit den Vorwürfen gegenüber Dieter Wedel erfährt die #MeToo-Debatte in Deutschland neue Relevanz. Einen konkreten Fall zu haben, ist für die längst überfällige Diskussion über Sexismus und Machtmissbrauch in der hiesigen Filmbranche wichtig. Doch Wedel wird mehr vorgeworfen: In einem Fall geht es mindestens um sexuelle Nötigung. Die Vorwürfe einer schweren Straftat erfordern eine besondere Trennschärfe – Medien haben die Pflicht, #MeToo differenziert zu betrachten.

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Ein Kommentar von Marvin Schade
Es ist der Gedanke, der beim Lesen der Vorwürfe vielen kommt und den viele Medien als Frage verpackt sofort niedergeschrieben haben – ist Regisseur Dieter Wedel der deutsche, „unser“, Harvey Weinstein? Dem einst einflussreichen Filmproduzenten Weinstein wird seit Oktober vergangenen Jahres vorgeworfen, seine Machtposition über Jahre ausgenutzt und Frauen sexuell belästigt, genötigt und auch vergewaltigt zu haben. Monate nach den ersten Vorwürfen gibt es mittlerweile eine Reihe von Frauen, die Übergriffe von Weinstein erlebt haben sollen.
In der vergangenen Woche hat das Zeit Magazin im Zusammenhang mit Weinstein und der durch diesen Fall entfachten #MeToo-Debatte erstmals einen deutschen Namen genannt und dem Thema des Sexismus und sexueller Gewalt in der Filmbranche in Deutschland neue Relevanz verliehen. Drei Frauen richten sich mit Vorwürfen gegen Wedel, die den Straftatbeständen der Belästigung, sexuellen Nötigung oder sogar der Vergewaltigung entsprechen könnten. Alle Vorwürfe liegen mehr als 20 Jahre zurück, wären damit verjährt und können somit strafrechtlich nicht mehr verfolgt und damit aufgeklärt werden. Der Regisseur bestreitet jede der drei Versionen in ihrem Kern, hat seine Dementi – wie die Frauen ihre Aussagen auch – an Eidesstatt versichert. Es stehen Aussagen gegen Aussage.
Die juristische Verjährung hält Journalisten glücklicherweise nicht davon ab, Vorwürfe dennoch zu recherchieren und ihre Ergebnisse niederzuschreiben. Doch sollten auch sie – vor allem im Falle einer Verdachtsberichterstattung und bei einem solch sensiblen Thema – die Unschuldsvermutung nicht unter den Tisch fallen lassen. Im Fall Wedel ist das über weite Teile der Berichterstattung aber geschehen. Das Zeit Magazin selbst hat unter dem Deckmantel der Verdachtsberichterstattung die Unschuldsvermutung gar nicht erst erwähnt. Das aber ist nicht die einzige Spitzfindigkeit, auf die Journalisten in der aktuellen Debatte besonderen Wert legen sollten.
Sexismus, Belästigung, Chauvinismus sind inakzeptable Missstände. #MeToo, unter dem Frauen von Sexismus im Alltag, Machtmissbrauch, sexuellen Missbrauch, Nötigung und auch Vergewaltigung berichten, ist eine überfällige Debatte, in der endlich zur Sprache gebracht wird, was Frauen in der Film- und Fernsehbranche jahrelang stillschweigend haben über sich ergehen lassen (müssen). Die Unterdrückung war –wie nach und nach herauskommt – erdrückend. „Jetzt bricht eine neue Zeit an“, prophezeite Oprah Winfrey am gestrigen Abend in Bezug auf #MeToo bei der Verleihung der Golden Globes in den USA. Sie soll Recht damit behalten, so ist jedenfalls zu hoffen. Nicht nur die Unterhaltungsindustrie braucht ein neues Verständnis professionellen Arbeitens, neue Umfangsformen und Standards für die Herstellung der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Respekts. Tief im Detail geht es um die Frage, welche Rollenbilder wir im 21. Jahrhundert entwickeln wollen. #MeToo kann und soll der Beginn einer Revolution sein, neue Sensibilität schaffen, die für alle Seiten gleichermaßen gelten. #MeToo kann aber auch, darf aber nicht dazu führen, dass wir nicht mehr differenzieren und Unsicherheiten schürfen.
Der Hashtag mag zwar eine Folgeerscheinung der Weinstein-Affäre sein. Er enthält aber Geburtsfehler, die von den Medien nicht übernommen werden sollten. #MeToo vermengt ekelhaftes Verhalten wie Chauvinismus, aus der Zeit gefallenes Machogehabe mit Sexismus mit schwerwiegenden Straftaten wie sexueller Nötigung oder Vergewaltigung. Die Gefahr: Es geht an Trennschärfe verloren, rechtliche und ethische Unterschiede werden gleichgestellt. #MeToo rückt die  sexistische Bemerkung nicht nur in die Nähe der Vergewaltigung, sondern eben diese auch in die Nähe eines mehr oder weniger Bagatells.
Es gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht, auch eine wichtige und gesellschaftlich notwendige, ja überfällige Debatte wie #MeToo differenziert zu betrachten. Auch im Fall Wedel. Das Zeit Magazin will während seiner Recherche mit insgesamt 50 Menschen gesprochen haben, um die Vorwürfe gegen den Regisseur zu verifizieren. Zitiert wird kein einziger, der die bei den schlimmsten Vorwürfen beschriebenen Momente bestätigen und den Verdacht der Nötigung oder Vergewaltigung deutlich erhärten kann. Die weiterführenden Quellen der Zeit-Autorinnen bestätigen größtenteils das Bildes eines Mannes, der am Set die Fassung verliert, der ein Choleriker sein mag, der vor allem Frauen schikaniert. Zitate wie: „Die Schauspielerin, die nicht mit ihm schlafen wollte, hat er fertiggemacht“, mögen ein zur Geschichte passendes Bild abgeben. Sie bleibt wohl aber eine subjektive, möglicherweise justitiable Tatsachenbehauptung. Hinzu kommt: So sehr ein Mensch ein Choleriker und Tyrann am Set sein mag. Eine Vergewaltigung bestätigt das nicht. Die Vorwürfe zweier Frauen machen Wedel noch nicht zu einem Weinstein, dem mittlerweile eine Reihe von Übergriffen und Morddrohung vorgeworfen wird und in dessen Fall sich prominente Kollegen geoutet haben, die von seinem Treiben gewusst, aber nichts gesagt haben.
Das scheint zunächst erst einmal wenige kümmern. Fast euphorisch wirken die Reaktionen einiger Medien. Man bekommt den Eindruck, sie hätten auf ein deutsches #MeToo gewartet. Sätze wie „Die #MeToo-Debatte hat ihren ersten prominenten Fall in Deutschland“ lassen nur noch das „endlich“ vermissen. Mit einem deutschen Fall mag die Debatte für hiesige Leser greifbarer werden, neben dem Thema an sich scheint die Aufklärung des Fall Wedel allerdings in den Hintergrund zu rücken.
Das alles soll nicht bedeuten, dass die Vorwürfe der Frauen aus der Luft gegriffen sind. Sich als Frau namentlich an die Öffentlichkeit zu wagen und Situationen zu beschreiben, die man sich persönlich gar nicht erst vorstellen mag, erfordert viel Mut. Man wünscht sich, Opfer von Nötigung und Vergewaltigung würden dies viel öfter – wenn auch früher – tun. Es liegt nun (auch) an den Medien, die Vorwürfe gegenüber Wedel zu erhärten oder eben zu entkräften. Die nun veröffentlichte Verdachtsberichterstattung des Zeit Magazins kann nur ein Anfang sein, zumal es – ohne einen Strafantrag Wedels gegen die beiden genannten Frauen – wohl keine rechtliche Aufarbeitung des Falls geben wird.
Die Medien sind vielmehr verpflichtet, jetzt wo der Fall in der Öffentlichkeit steht, ihn so weit es geht aufzuarbeiten. Weitere Recherchen müssen aber umso sachlicher und professionell erfolgen. Wedels Ruf an sich darf schon einmal als zerstört gelten, allein die Vorwürfe sind im hohen Maße diskreditierend. Umso mehr sei – vor allem an die Boulevardmedien – appelliert, Persönlichkeitsrechte zu wahren. Es liegt am ihm selbst, die Öffentlichkeit zu suchen. Ist er von seiner Unschuld überzeugt, kann er sich rechtlich wehren. Dem nun in die Privatsphäre flüchtenden Wedel aber bis auf Inseln hinterherzujagen, jedes Klingel- und Briefkastenschild abzuklappern, wie es jüngst Reporter des Senders RTL getan haben, ist das Gegenteil davon. Die Medien dürfen jetzt nicht ihre Fassung verlieren. Der erste prominente Fall steigert die Versuchung nachzulegen oder – zugunsten des Klicks – Tatsachen zu verdrehen und Ungenauigkeiten stehen zu lassen.
Alle weiteren Dimensionen der #MeToo-Debatte müssen isoliert davon debattiert werden. Es ist Aufgabe der Medien, die Differenzierung immer wieder vorzunehmen und anzusprechen. Sätze wie „Wedel ist kein Einzelfall„, die Unschuldsvermutung sei ausgeräumt oder er sei nun der deutsche Harvey Weinstein sind gefährlich, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Denn von Wedel wurde das Bild eines gewaltbereiten Vergewaltigers gezeichnet – und für solche Menschen können die Strafen gar nicht empfindlich genug sein.

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