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Vorwürfe gegen Dieter Wedel: Wieso Journalisten in der #MeToo-Debatte schärfer differenzieren müssen

Im Zeit Magazin erheben drei Frauen Vorwürfe gegen Dieter Wedel: Er soll sie genötigt und eine sogar vergewaltigt haben – der Regisseur bestreitet das.
Im Zeit Magazin erheben drei Frauen Vorwürfe gegen Dieter Wedel: Er soll sie genötigt und eine sogar vergewaltigt haben – der Regisseur bestreitet das.

Mit den Vorwürfen gegenüber Dieter Wedel erfährt die #MeToo-Debatte in Deutschland neue Relevanz. Einen konkreten Fall zu haben, ist für die längst überfällige Diskussion über Sexismus und Machtmissbrauch in der hiesigen Filmbranche wichtig. Doch Wedel wird mehr vorgeworfen: In einem Fall geht es mindestens um sexuelle Nötigung. Die Vorwürfe einer schweren Straftat erfordern eine besondere Trennschärfe – Medien haben die Pflicht, #MeToo differenziert zu betrachten.

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Ein Kommentar von Marvin Schade

Es ist der Gedanke, der beim Lesen der Vorwürfe vielen kommt und den viele Medien als Frage verpackt sofort niedergeschrieben haben – ist Regisseur Dieter Wedel der deutsche, „unser“, Harvey Weinstein? Dem einst einflussreichen Filmproduzenten Weinstein wird seit Oktober vergangenen Jahres vorgeworfen, seine Machtposition über Jahre ausgenutzt und Frauen sexuell belästigt, genötigt und auch vergewaltigt zu haben. Monate nach den ersten Vorwürfen gibt es mittlerweile eine Reihe von Frauen, die Übergriffe von Weinstein erlebt haben sollen.

In der vergangenen Woche hat das Zeit Magazin im Zusammenhang mit Weinstein und der durch diesen Fall entfachten #MeToo-Debatte erstmals einen deutschen Namen genannt und dem Thema des Sexismus und sexueller Gewalt in der Filmbranche in Deutschland neue Relevanz verliehen. Drei Frauen richten sich mit Vorwürfen gegen Wedel, die den Straftatbeständen der Belästigung, sexuellen Nötigung oder sogar der Vergewaltigung entsprechen könnten. Alle Vorwürfe liegen mehr als 20 Jahre zurück, wären damit verjährt und können somit strafrechtlich nicht mehr verfolgt und damit aufgeklärt werden. Der Regisseur bestreitet jede der drei Versionen in ihrem Kern, hat seine Dementi – wie die Frauen ihre Aussagen auch – an Eidesstatt versichert. Es stehen Aussagen gegen Aussage.

Die juristische Verjährung hält Journalisten glücklicherweise nicht davon ab, Vorwürfe dennoch zu recherchieren und ihre Ergebnisse niederzuschreiben. Doch sollten auch sie – vor allem im Falle einer Verdachtsberichterstattung und bei einem solch sensiblen Thema – die Unschuldsvermutung nicht unter den Tisch fallen lassen. Im Fall Wedel ist das über weite Teile der Berichterstattung aber geschehen. Das Zeit Magazin selbst hat unter dem Deckmantel der Verdachtsberichterstattung die Unschuldsvermutung gar nicht erst erwähnt. Das aber ist nicht die einzige Spitzfindigkeit, auf die Journalisten in der aktuellen Debatte besonderen Wert legen sollten.

Sexismus, Belästigung, Chauvinismus sind inakzeptable Missstände. #MeToo, unter dem Frauen von Sexismus im Alltag, Machtmissbrauch, sexuellen Missbrauch, Nötigung und auch Vergewaltigung berichten, ist eine überfällige Debatte, in der endlich zur Sprache gebracht wird, was Frauen in der Film- und Fernsehbranche jahrelang stillschweigend haben über sich ergehen lassen (müssen). Die Unterdrückung war –wie nach und nach herauskommt – erdrückend. „Jetzt bricht eine neue Zeit an“, prophezeite Oprah Winfrey am gestrigen Abend in Bezug auf #MeToo bei der Verleihung der Golden Globes in den USA. Sie soll Recht damit behalten, so ist jedenfalls zu hoffen. Nicht nur die Unterhaltungsindustrie braucht ein neues Verständnis professionellen Arbeitens, neue Umfangsformen und Standards für die Herstellung der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Respekts. Tief im Detail geht es um die Frage, welche Rollenbilder wir im 21. Jahrhundert entwickeln wollen. #MeToo kann und soll der Beginn einer Revolution sein, neue Sensibilität schaffen, die für alle Seiten gleichermaßen gelten. #MeToo kann aber auch, darf aber nicht dazu führen, dass wir nicht mehr differenzieren und Unsicherheiten schürfen.

Der Hashtag mag zwar eine Folgeerscheinung der Weinstein-Affäre sein. Er enthält aber Geburtsfehler, die von den Medien nicht übernommen werden sollten. #MeToo vermengt ekelhaftes Verhalten wie Chauvinismus, aus der Zeit gefallenes Machogehabe mit Sexismus mit schwerwiegenden Straftaten wie sexueller Nötigung oder Vergewaltigung. Die Gefahr: Es geht an Trennschärfe verloren, rechtliche und ethische Unterschiede werden gleichgestellt. #MeToo rückt die  sexistische Bemerkung nicht nur in die Nähe der Vergewaltigung, sondern eben diese auch in die Nähe eines mehr oder weniger Bagatells.

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Es gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht, auch eine wichtige und gesellschaftlich notwendige, ja überfällige Debatte wie #MeToo differenziert zu betrachten. Auch im Fall Wedel. Das Zeit Magazin will während seiner Recherche mit insgesamt 50 Menschen gesprochen haben, um die Vorwürfe gegen den Regisseur zu verifizieren. Zitiert wird kein einziger, der die bei den schlimmsten Vorwürfen beschriebenen Momente bestätigen und den Verdacht der Nötigung oder Vergewaltigung deutlich erhärten kann. Die weiterführenden Quellen der Zeit-Autorinnen bestätigen größtenteils das Bildes eines Mannes, der am Set die Fassung verliert, der ein Choleriker sein mag, der vor allem Frauen schikaniert. Zitate wie: „Die Schauspielerin, die nicht mit ihm schlafen wollte, hat er fertiggemacht“, mögen ein zur Geschichte passendes Bild abgeben. Sie bleibt wohl aber eine subjektive, möglicherweise justitiable Tatsachenbehauptung. Hinzu kommt: So sehr ein Mensch ein Choleriker und Tyrann am Set sein mag. Eine Vergewaltigung bestätigt das nicht. Die Vorwürfe zweier Frauen machen Wedel noch nicht zu einem Weinstein, dem mittlerweile eine Reihe von Übergriffen und Morddrohung vorgeworfen wird und in dessen Fall sich prominente Kollegen geoutet haben, die von seinem Treiben gewusst, aber nichts gesagt haben.

Das scheint zunächst erst einmal wenige kümmern. Fast euphorisch wirken die Reaktionen einiger Medien. Man bekommt den Eindruck, sie hätten auf ein deutsches #MeToo gewartet. Sätze wie „Die #MeToo-Debatte hat ihren ersten prominenten Fall in Deutschland“ lassen nur noch das „endlich“ vermissen. Mit einem deutschen Fall mag die Debatte für hiesige Leser greifbarer werden, neben dem Thema an sich scheint die Aufklärung des Fall Wedel allerdings in den Hintergrund zu rücken.

Das alles soll nicht bedeuten, dass die Vorwürfe der Frauen aus der Luft gegriffen sind. Sich als Frau namentlich an die Öffentlichkeit zu wagen und Situationen zu beschreiben, die man sich persönlich gar nicht erst vorstellen mag, erfordert viel Mut. Man wünscht sich, Opfer von Nötigung und Vergewaltigung würden dies viel öfter – wenn auch früher – tun. Es liegt nun (auch) an den Medien, die Vorwürfe gegenüber Wedel zu erhärten oder eben zu entkräften. Die nun veröffentlichte Verdachtsberichterstattung des Zeit Magazins kann nur ein Anfang sein, zumal es – ohne einen Strafantrag Wedels gegen die beiden genannten Frauen – wohl keine rechtliche Aufarbeitung des Falls geben wird.

Die Medien sind vielmehr verpflichtet, jetzt wo der Fall in der Öffentlichkeit steht, ihn so weit es geht aufzuarbeiten. Weitere Recherchen müssen aber umso sachlicher und professionell erfolgen. Wedels Ruf an sich darf schon einmal als zerstört gelten, allein die Vorwürfe sind im hohen Maße diskreditierend. Umso mehr sei – vor allem an die Boulevardmedien – appelliert, Persönlichkeitsrechte zu wahren. Es liegt am ihm selbst, die Öffentlichkeit zu suchen. Ist er von seiner Unschuld überzeugt, kann er sich rechtlich wehren. Dem nun in die Privatsphäre flüchtenden Wedel aber bis auf Inseln hinterherzujagen, jedes Klingel- und Briefkastenschild abzuklappern, wie es jüngst Reporter des Senders RTL getan haben, ist das Gegenteil davon. Die Medien dürfen jetzt nicht ihre Fassung verlieren. Der erste prominente Fall steigert die Versuchung nachzulegen oder – zugunsten des Klicks – Tatsachen zu verdrehen und Ungenauigkeiten stehen zu lassen.

Alle weiteren Dimensionen der #MeToo-Debatte müssen isoliert davon debattiert werden. Es ist Aufgabe der Medien, die Differenzierung immer wieder vorzunehmen und anzusprechen. Sätze wie „Wedel ist kein Einzelfall„, die Unschuldsvermutung sei ausgeräumt oder er sei nun der deutsche Harvey Weinstein sind gefährlich, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist. Denn von Wedel wurde das Bild eines gewaltbereiten Vergewaltigers gezeichnet – und für solche Menschen können die Strafen gar nicht empfindlich genug sein.

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Alle Kommentare

  1. Nicht nur Journalisten müssen differenzieren. Alle müssen differenzieren! Und vor allem jene Anklägerinnen, die das Leid echter Vergewaltigungsopfer instrumentalisieren, um sich schon wegen einer blöden Bemerkung aufzuspielen.
    Viele von ihnen bemerken überhaupt nicht, wie grotesk ihre Wahrnehmung da verschoben ist.Öffentlich von einem Kollegen „Maus“ genannt zu werden – das wertet etwa Der Spiegel als Mobbing – und schreibt darüber eine Titelstory.
    Aber wie werten wir dann folgende Situation: Ina Müller moderiert einen Fernsehpreis, setzt sich vor Millionenpublikum einem hochrangigen Vertreter des Senders auf den Schoß – und dann sagt: „Ist das ihr Schlüssel, Herr XX, oder freuen Sie sich darüber, mich zu sehen?“
    Wie werten wir es, wenn Alice Schwarzer (!) neben Barbara Schöneberger in der N3-Talkshow neben Tim Bendzko sitzt und die beiden darüber schwadronieren – während sie neben ihm sitzen – wie die Make-up-Damen für diesen Sänger schmachten – und Schwarzer dann sinngemäß sagt: „Das zeigt doch, dass Männer nicht immer solche Muskel-Machos sein müssen. So einen zarten, schmalen finden die Frauen gut.“
    Wir werten wir es, dass es niemandem von uns auffällt, dass in jeder Fernsehserie, in jedem Film, und auch in der Öffentlichkeit eine Frau einen Mann ohrfeigen darf, ohne dass es jemand Gewalt nennt?
    Wie werten wir es, dass in Artikeln von seriösen Zeitungen, die Porträts über Männer schreiben bedenkenlos Worte wie „testosterongesteuer“, „Alphatier“ stehen, während jeder Redakteur, der einer Politikerin unterstellt, ihr Verhalten sei „östrogengesteuert“ sofort seine Sachen packen könnte?
    Wir müssen nicht nur differenzieren. Wir müssen auch mal genau hinschauen. Bei allen Geschlechtern. Das ist die Idee von Gleichberechtigung.

    1. Sie sagen es treffend, Peter. Es gibt fast nichts im TV, in dem Frauen zuerst die Männer „anmachen“ und sich dann wundern, wenn der Mann „angesteckt“ re-agiert.
      Darum müßte zuerst gefragt werden, wenn Anschuldigungen wegen sexueller Nötigung stattgefunden haben sollten, was zuvor gelaufen ist, wie geplänkelt und sich gegenseitig scharf gemacht wurde.
      Vergewaltigung steht da noch auf einem anderen Blatt – aber auch da sollte gefragt werden, wie die beiden vorher miteinander umgegangen sind. Haben sie sich vertröstet auf später, um im Hotelzimmer dann übereinander herzufallen ? So was kann man ja fast in jedem Spielfilm sehen und davon lernen. Nur heiraten die beiden dann auch meistens, weil ein Happyend zum Film gehört. Im Fall Wedel war das nicht der Fall. Vielleicht deshalb der große Ärger mit später Rache ?
      Im übrigen haben auch Frauen Testeron, zwar nicht so viel Männer aber auch der regelt einiges in ihrem Verhalten.

      Zudem denke ich, dass Dieter Wedel es sicher nicht nötig hatte und hat, sich Frauen brutal zu nehmen. Dazu sah und sieht er zu gut aus, ist klug und intelligent (was Frauen mögen) und er hat Geld. Als Regisseur muss er ein Kenner von Frauen sein und verfügt somit auch über ein gutes Einfühlungsvermögen, was er schon von berufswegen braucht um die richtige Frau für die entsprechende Rolle zu finden.

      Danke also für Ihre klugen Zeilen, die mich ermutigten, etwas dazu zu schreiben.

  2. ich möchte meinen Namen nicht veröffentlicht haben für den zuvor verfassten Kommentar.

    WHOW müsste doch genügen!

    bitte ändern!

    1. Liebe Redaktion,

      ich kenne Ihre Beweggründe nicht, aber wenn Sie den Beitrag von WHOW wegen der Klarnamenbitte gelöscht haben, dann macht es natürlich keinen Sinn, den einen Teil stehen zu lassen.

      Wenn Sie ihn wegen seines Inhalts gelöscht haben sollten bin ich doch einigermaßen erstaunt. Die Interpretation, es könne sich bei den in der Zeit gefeatureten mutmaßlichen, über 20 Jahren zurückliegenden und damit verjährten Vorgängen um unlautere Falschdarstellungen im Fahrwasser von #metoo handeln, muss doch selbstverständlich genauso zulässig sein, wie ihnen zu glauben.

      Wie Strate treffend schreibt: alle beteiligten Journalisten müssen von Anfang an gewusst haben, dass die Vorwürfe keine realistische Chance haben, in die ein oder andere Richtung aufgeklärt zu werden.

  3. Gott sei Dank wird Frauen wegen ihrer Würde nicht zum Spaß zwischen die Beine getreten.
    Sie werden nicht genitalisiert wie die genitalisierten B-Menschen.
    Ihr Geschlechtsteil wird wegen ihrer Würde nicht in der Porno und Aufgeilsprache beurteilt und verhöhnt.
    Das alles ist nur mit den genitalisierten B-Menschen möglich.
    Diese medial-verstaatlichte Doppelmoral ist zum Kotzen.
    Nur ein Tag der Umkehrung der geschlechtsspezifischen Verhältnisse würde diesen verstaatlichten Chauvinismus und diese immer mögliche sexuelle Belästigung von oben offenbaren.
    Dass gerade das Mutterland des geschlechtsspezifischen „Genitalismus“ , der Verhöhnung und Gewaltkokettierung in bezug männlicher Sexualität am lautesten schreit, ist leider nicht verwunderlich, aber eigendlich skuril.

  4. Hier mal beispielhaft der Beginn des Artikels:

    „Im Zwielicht
    Mehrere Frauen beschuldigen den Regisseur Dieter Wedel. Es geht um Übergriffe bis hin zur sexuellen Nötigung und um Machtstrukturen in der Filmbranche. Wedel weist alle Vorwürfe zurück
    […]
    Dieter Wedel selbst lehnte ein Treffen mit dem ZEITmagazin ab. Mit den Vorwürfen schriftlich konfrontiert, gab er schließlich eine umfangreiche Erklärung in Form einer eidesstattlichen Versicherung ab. Er habe Frauen nicht physisch bedrängt oder belästigt oder gar versucht, sie in irgendeiner Form zu sexuellen Handlungen zu zwingen, schreibt er. Sein Anwalt droht dem ZEITmagazin, falls es über die Vorwürfe der Frauen berichten werde, mit einer Klage und Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe.
    […]
    Wenn alles sich so zugetragen hat, wie Jany Tempel es darstellt, würde das zumindest den Tatbestand der sexuellen Nötigung erfüllen, Sexualstraftaten verjähren jedoch spätestens nach 20 Jahren. Tempels Vorwürfe sind schwerwiegend.
    […]
    Dieter Wedel schreibt in seiner Stellungnahme zu den Vorwürfen, er könne sich an Jany Tempel erinnern, er wisse inzwischen auch, dass sie eine Rolle im König von St. Pauli gehabt habe. „Ich erinnere mich, dass ich Frau Tempel mochte und mit ihr auch eine kurze Affäre hatte.“ Ihre schauspielerische Leistung beim Dreh habe ihm gefallen, und er habe sie einer Vertreterin der Bavaria Film weiterempfohlen. Ausschließen könne er aber, dass er jemals in irgendeiner Form gewalttätig gewesen sei. Ebenso könne er ausschließen, dass er sie oder eine andere Schauspielerin für ein Vorsprechen im Bademantel empfangen habe. Die Zitate, die Tempel ihm in den Mund lege, entsprächen nicht seiner Diktion. „Ich bin sicher, mich nicht so geäußert zu haben.“ Dies gelte erst recht für das angebliche Zitat, je mehr sie sich wehre, umso aufregender sei es. Eine derartige Äußerung finde er widerlich. „Frau Tempel gegenüber war ich definitiv nie gewalttätig, ich habe sie nicht ›gepackt‹, ›an die Wand gepresst‹ und auch nicht ›mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr‹ gezwungen. Ein solches Verhalten ist mir gänzlich fremd, und ich finde jegliche Form von sexueller Gewalt abstoßend.““

    Was soll die ZEIT denn noch machen? Schreiben, dass sie der Frau / den Frauen nicht glaubt? Dann darf sie nicht berichten. Das ist vorbildlicher Journalismus, handwerklich tadellos. Bleibt eine Frage: Darf man nach so langer Zeit überhaupt noch, wo auch gar keine Verurteilung mehr möglich sein dürfte?

    Das sehe ich wie Marvin Schade: Man darf.

    1. Nein, man darf NICHT. Nach 20 Jahren sieht die Welt anders aus. Was man als 20-jährige gemacht oder geduldet hat sieht im Alter von 40 oder 50 Jahren ganz anders aus. Sich dann als Opfer zu stilisieren ist keiner Seite hilfreich, erst recht nicht für die Betroffenen selbst.

      Hier geht es meiner Meinung nach darum, Herrn Wedel auf diese Art zu schaden und benutzt diese Me too Bewegung – die eine bestimmte Sorte von Feministinnen – besonders in den USA immer wieder nach einer Phase der Ruhe lostreten. Die Zeit der Rache. Sie soll ja so süß sein…und die Wut, dass gerade dieser Mann (oder Männer so und überhaupt) so viel Macht hatte, muss befriedigt werden. Dass sich diese Frauen für so eine Hatz hergeben zeigt mir, dass sie nicht zufrieden mit ihrem Leben sind, was sicher nichts mit Wedel zu tun hat, sondern mit ihnen selbst.

      1. Was Sie schreiben, wird es sicher geben, hier glaube ich nicht daran, andere mögen es anders sehen.

        Was ich nicht verstehe: Warum sind Sie sich hier so sicher? („sieht ganz anders aus“, „als Opfer stilisieren“ , „zu schaden“, „Rache“, „Hatz“ …).

        Und warum muss Ihre (einseitige) Sicherheit hier dazu führen, dass andere nicht sprechen und lesen und sich ihre Meinung bilden dürfen?

  5. in dubio pro Recherche

    Marvin Schades Kommentar krankt an zwei Problemen. Er kennt sich mit Verdachtsberichterstattung und den (sozial-psychologischen) Belegmöglichkeiten bei sexuellen Übergriffen ganz offensichtlich nicht aus. Und er hat den Text der beiden Kolleginnen auch nicht gut gelesen.

    Die beiden Autorinnen behaupten nicht als Tatsachenfeststellung, dass Wedel die Übergriffe und die mutmaßliche Vergewaltigung begangen habe. Niemand kann das heute noch eineindeutig feststellen – außer es gäbe eine Aufnahme oder ein Geständnis Wedels. Die Offenheit liegt also in diesem Fall in der Natur der Sache. Die Autorinnen stellen die Behauptung der Opfer und die Wedels gegeneinander. Das ist einwandfrei. Aber sie tragen darüber hinaus eine Reihe von starken Indizien zusammen, die die These der Betroffenen plausibel machen – wie ich finde. Zum Beispiel bestärken alle gehörten Personen – und es sind verdammt viele –, die den Opfern als erstes begegnet sind, die Schilderungen der Betroffenen, etwa die zerrissene Bluse, um nur ein Beispiel zu nennen. Nun ist das keine smoking gun. Es bleibt weiter offen, was wirklich passiert ist. Aber: jeder kann sich hier ein eigenes Bild machen, er/sie muss sich die Mühe machen, das Konglomerat aus Verführung, Macht, sexueller Offerte (die übrigens unbestritten ist, lediglich die Art ihrer Durchsetzung bleibt offen), Existenzangst und Indizien zu dechiffrieren. Der Text führt also zu maximaler Differenzierung. Das Gegenteil von dem, was Schade hier sieht und was er gemacht hat.

    Im übrigen helfen Wedels Äußerungen, dieses Bild zu illustrieren. Hier tritt die Zwiegesichtigkeit von Sex und Macht überdeutlich hervor. Wedel kaschiert kaum, wie wichtig seine Power war, um das zu bekommen, was wie Sex aussieht, in Wahrheit aber – in meinen Augen – Machtmissbrauch ist.

    Schade ist, dass Marvin Schade einfach nur nachplappert, was in der Anrufung des Presserats enthalten ist. Wäre ich ein Täter, würde ich eine solche Anrufung unternehmen – und würde darauf hoffen, dass ein Medienjournalist wie Marvin Schade dann so kommentiert. Also vom warmen Redakteursplatz aus der Macht beizuspringen – und sich sich nicht die Mühe zu machen, die Fülle von Indizien abzuwägen. Schade hat dem Journalismus einen Bärendienst erwiesen. Er muss ja nicht die Anwürfe übernehmen. Aber er sollte sie prüfen und im Zweifel den beiden sehr gründlich recherchierenden und behutsam aufschreibenden Kolleginnen den Rücken stärken. Es gilt das Prinzip: in dubio pro Recherche, um genau zu sein: pro gründliche und überzeugende Recherche.

    Was hier stattfindet ist im übrigen etwas, was seit 2010 und den Enthüllungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder oft passiert ist: es gibt immer Leute, die von den Tätern fasziniert sind, man denke nur an das gruselige Pädo-Portrait von Heike Faller, die sogar einen Preis dafür bekommen hat. (https://pisaversteher.com/sexploitation/padophilen-portrait/) Unendlich viele Kollegen reden mit und über die Täter und warnen vor Vorverurteilung. Aber nur ganz ganz wenige Kollegen hören den Überlebenden, den Opfern und Betroffenen sexueller Gewalt zu und schreiben es auf. Das ist nämlich wahnsinnig kompliziert, es dauert lange, man muss unendlich viele Zeugen anhören – und dafür gibts keinen Preis, sondern Zweifel und massenweise Hobbyjuristen wie Marvin Schade. Annabel Wahba und Jana Simon aber habe sich die Mühe gemacht – Opfern zugehört und deren Aussagen gründlichst geprüft. Eine starke Leistung.

  6. Es wurde Zeit, dass einige Frauen im Zuge von #Metoo – USA endlich den Mut gefasst haben, über ihre schlimmen, lebensprägenden Erlebnisse mit Herrn Wedel zu reden. Und falls noch irgend eine ignorante Person meint, dass das alles nicht wahr sei, was diese mutigen Frauen berichten, dem sage ich klipp und klar, dass sie sich ganz gewaltig irrt. Ich habe ebenfalls entsetzliche Erfahrungen mit ihm durchleben müssen, als ich wagte „Nein!“ zu seinen Avancen zu sagen.

    1. Jeder, der mit Dieter Wedel zusammen gearbeitet hat, weiß um seinen Machtmisbrauch gegenüber Frauen und Männern. Es war in Filmkreisen allgemein bekannt, dass Dieter Wedel während der Dreharbeiten mindestens zwei parallel laufende Beziehungen zu Schauspielerinnen und/oder Frauen am Set am laufen haben musste um seine Muse zu stimulieren – seine Frau hat das anscheinend kommentarlos hingenommen, denn wie wusste davon. Ich habe Dreharbeiten erlebt, da waren es noch mehr – eine davon auch von ihm schwanger. Die Branche hat das als selbstverständlich hin genommen und – das ist das Problem – wir Frauen haben mitgespielt.
      Doch sein Machtmisbrauch hörte da nicht auf. Wer mal erlebt hat wie er zB seinen Regieassistenten vor versammelter Mannschaft so fertig gemacht hat, dass er sich im Klo übergeben musste, der wusste, dass man diesem Mann lieber nicht in die Quere kommt. Auch das wurde von allen akzeptiert. Niemand kam seinem Assistenten zur Hilfe. Alle sassen schweigend da und haben zugeschaut.
      Die kurze Zeit, die ich mit Dieter Wedel zu tun hatte, hat niemand auch nur einen Versuch unternommen sich seinem Machtmisbrauch entgegen zu stellen.

      1. Sie schildern etwas für von Machtmissbrauch gekennzeichnete Kontexte sehr typisches.

        Durch wen und was ist Dieter Wedel denn so ermächtigt worden, dass er sich diesen Umgang mit anderen Menschen erlauben konnte? So wie Sie es beschreiben, gab es ja jede Menge Zeugen, im Sinne der sprichwörtlichen Spatzen, die es von den Dächern pfeifen.

      2. Danke für diese offene Darstellung. So ist es. Niemand hat so viel Macht, wenn sie ihm nicht von anderen gegeben wird.

        Bisher habe ich diesen Satz immer im Zusammenhang mit Angela Merkel gesagt oder geschrieben. Dass er auch auf andere Situationen zutrifft, zeigt jetzt die Geschichte Wedel.

        Sie zeigt aber auch, wie Sie glücklicherweise sehr offen darstellen, dass es so was wie Solidarität in dieser Branche überhaupt nicht gab. „Hauptsache ich bekomme die Rolle“ oder „darf dabei sein.“
        Da Wedel als begnadeter Regisseur galt und gilt, werden wahrscheinlich auch alle Beteiligten stolz auf ihre Zusammenarbeit mit ihm gewesen sein ? Das würde jedenfalls erklären, warum sich diesem Machtmissbrauch mit sexistischen Zügen, niemand entgegenstellt hat. Einfach zu feige gewesen, damals. Einfach egoistisch an sich gedacht…

  7. Chancenlos.

    Das Weltbild wird schon immer von Frauen und Kolportage – heute: Journalisten – geprägt.

    Die Macht der üblen Nachrede hat ihren Wirkungsmechanismus enorm ausgeweitet. Diese Ausweitung darf man nicht nur den Social Medien zuzuschreiben. Als Folge befindet sich Rationalität in sprichwörtlich allen Bereichen auf dem Rückzug.

    Der eine oder andere scheint dies inzwischen zu ahnen.

    Wer exponiert ist – oder war in einer Weise, gegenüber der sich Frauen einen persönlichen Vorteile glauben dadurch verschaffen zu können, ihre Möpse ins Spiel zu bringen, der erlebt veränderte Zeiten. Das ist nicht schmerzhafter als es immer schon war. Es trägt nur andere Bezeichnungen. Etwa: der Ruf nach Gleichberechtigung. Oder gleich. Gender.

    Bevor bsplw. in einem Porsche sitzende Frauen nicht mehr besonders hübsch sind dürfte sich daran nix ändern. Hier lauert dann wohl eher eine Motivation der äußerlich oder innerlich weniger hübschen, die Porsches aus der Welt zu schaffen.

    Porsche hat viele Ausprägungen. Und es gibt viele Dinge, die auch ohne Frau Spaß machen. Das wird man angehen.

    Interessante Zeiten, denen wir entgegengehen. Es braucht keine Operah Winfrey um darüber nachzudenken, welche politische Dimension dies erreicht inzwischen hat, es langt die Frage, wie demokratisch unsere Gesellschaften mittlerweile sind, um demokratisch durch Wahl an die Macht gelangte Alternativen nicht mehr glaubt ertragen zu können.

    Warum ist das so?

    Wem diese Frage zu weit hergeholt erscheint, der könnte über die gestrige Erklärung von Frau Merkel nachsinnen, sich für ein Weiterbestehen der Demokratie einsetzen zu wollen. Aus welchem düsteren Blickwinkel man diese Ankündigung – ist es eher eine unterschwellige Drohung ? – auch betrachten mag: alles scheint bereits sehr fortgeschritten zu sein.

    Am ganz fernen Ende dürfte Frau froh sein, wieder an einem Herd stehen zu dürfen.

    1. Hat Merkel das wirklich ? Wie gnädig. Steht doch im GG, dass Deutschland ein demokratischer Sozialstaat ist. Weiß das diese Frau, die Kanzlerin dieses Landes ist, nicht ? Nicht zu vergessen. Sie hat sich schon einmal ähnlich geäußert, allerdings meinte sie da, dass wir kein Recht hätten auf diesen Sozialstaat. Auch da hat sie schon am Baum des demokratischen Sozialstaates gesägt. Aber vielleicht weiß sie auch gar nicht, was Demokratie wirklich ist ? Nein – sie weiß es NICHT.

  8. Es gibt verschiedene triftige Gründe, warum Opfer sexueller Übergriffe in der Mehrheit darüber schweigen. Viele berichten nicht einmal ihren nächsten Angehörigen davon. Wer sich einmal mit Menschen, die eine Sexualstraftat angezeigt haben unterhält, wird einen Eindruck davon bekommen, was es bedeutet, so ein Verfahren durchstehen zu müssen. Auch MitarbeiterInnen von Beratungsstellen, OpferanwältInnen und TherapeutInnen können darstellen, warum so ein Schritt gut überlegt werden muss. Im Übrigen schützt die Masse Opfer von verjährten Sexualstraftaten vor Verleumdungsklagen. Wer als EinzelkämpferIn agiert, läuft Gefahr isoliert und ausgegrenzt zu werden. Ggf. mit Hilfe teurer, spezialisierter Anwälte. Das Schweigegebot, Tabuisierungen und unterschiedliche Psychodynamiken bewirken, dass SexualstraftäterInnen sich bislang recht sicher fühlen konnten. Aber #metoo hat gezeigt, dass unsere Gesellschaft ihre Einstellung wandelte. So war das bei uns auch 2010, als am 26. Januar durch einen Artikel, der in der Morgenpost erschien, der so genannte „Missbrauchstsunami“ losbrach. Die politisch Verantwortlichen wirkten damals komplett überfordert. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die Öffentlichkeit den Opfern, die sich massenhaft zu Wort meldeten, so aufgeschlossen und verständnisvoll begegnen würde und Medien und Bevölkerung Veränderungen einforderten. Mittlerweile hat sich politisch vergleichsweise viel getan, Opferinteressen und Kinderschutzaspekte finden unter PolitikerInnen deutlich mehr Fürsprache und Unterstützung.

    Im vertrauten privaten Rahmen wird man mit persönlichen Offenbarungen weiterhin auf Befremden, Überforderung oder Ablehnung stoßen. Das führe ich nicht darauf zurück, dass das Erleben sexueller Nötigung und Gewalt so selten wäre. Im Gegenteil, es ist derart verbreitet, dass unsere Kultur als Lösung das Verdrängen, Herunterspielen und Verleugnen vorhält. Auch wenn jeder einigermaßen sexuell erfahrene Erwachsene es besser wissen müsste, so hängen wir kollektiv dem Glauben an, Sexualität sei etwas durchweg Positives und mit ihren negativen Seiten könnten wir selbst nicht konfrontiert werden. An sich naiv. Die Vorannahmen über Opfer und Täter halten keiner sachlichen Überprüfung Stand. Es kann jeden treffen, unabhängig von Alter, Milieu und Geschlecht. Falls wir trotzdem mit dem Thema persönlich konfrontiert werden, lassen wir lieber die ÜberbringerInnen der schlechten Botschaft im Regen stehen, als uns mit der Realität auseinander zu setzen.

    Ich hoffe, dass Oprah Winfrey Recht behält und sich das wirklich geändert hat.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

  9. „Das Zeit Magazin selbst hat unter dem Deckmantel der Verdachtsberichterstattung die Unschuldsvermutung gar nicht erst erwähnt.“

    Oder anders ausgedrückt: Das Zeit-Magazin hat im Glauben auf der richtigen Seite zu stehen die Unschuldsvermutung nicht für nötig befunden.

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