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Von digitaler Übermüdung und der Trennung von Social und Media: die Niemanlab-Vorhersagen für 2018

Künstliche Intelligenz in Lautsprechern, Plattformen vs Publisher, Smartphone-und Medien-Müdigkeit – einige der Trends für 2018
Künstliche Intelligenz in Lautsprechern, Plattformen vs Publisher, Smartphone-und Medien-Müdigkeit - einige der Trends für 2018

Die US-Medienwebsite Niemanlab.org hat zahlreiche Vordenker und Medienmacher nach ihren Vorhersagen für das kommende Jahr 2018 gefragt. Dabei herausgekommen sind 117 bemerkenswerte Kurz-Aufsätze. MEEDIA hat dabei drei Groß-Themen identifiziert („Weniger ist mehr“, „Künstliche Intelligenz“, „Trennung von Social und Media“) und zusammengefasst.

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2018 als Jahr des „Weniger ist mehr“

Ariana Tobin (Engagement Reporter bei ProPublica) sagt für das kommende Jahr voraus, dass Journalisten und das Publikum noch viel müder werden. Als Folge dieser Ermüdung würde das Publikum aufhören, auf die Flut an News zu reagieren, mit der es ständig konfrontiert wird.

Infolgedessen würde es keine Traffic-Rekorde mehr geben, Star-Journalisten würden an Einfluss einbüßen und Abos und Spenden für journalistische Produkte und Projekte würden stagnieren.

„Ich schlage nicht vor, dass wir mit echtem Journalismus aufhören sollen,“ schreibt Tobin, „ich sage, wir müssen Prioritäten setzen, manchmal auf Kosten unserer eigenen Egos und unserer Lieblings-Projekte.“

Dazu passt, dass Ernst-Jan Pfauth (CEO bei The Correspondent) 2018 als das Jahr bezeichnet, in dem weniger Artikel veröffentlicht werden sollten. Bis vor kurzem noch habe das Onlinejournalismus-Modell folgendermaßen funktioniert: Neue Artikel bedeuten mehr Leser, bedeuten mehr Werbegeld. Das Modell mit den Werbegeldern sei aber in Schwierigkeiten, so Pfauth. Stattdessen würde der Journalismus sich zu einem neuen Modell hin entwickeln, das direkte Leser-Umsätze favorisiert: Informative Veröffentlichung bedeutet höhere Leser-Zufriedenheit, bedeutet Leser-Umsatz.

Heutzutage ergebe es keinen Sinn mehr, Leser mit einer Flut an aufeinanderfolgenden News-Stories informieren zu wollen. Stattdessen sollten sich Medien darum kümmern, auch bereits bestehende Informationen aufzubereiten und zugänglich zu machen. Auf diese Weise würden sich auch Zusammenhänge erschließen. Pfauth nennt als Beispiele die Koch-App und das Test-Portal Wirecutter der New York Times. Solche Ansätze sind seiner Meinung nach auch für News-Storys denkbar: „Journalisten werden mehr updaten, personalisieren und Zugang zu Inhalten verbessern – und wir werden weniger publizieren.“

Nathalie Malinarich (Mobile and new Formats Editor BBC News) macht sich Gedanken über die zahlreichen Push-Nachrichten, die auf Smartphone-Bildschirme ausgeliefert werden. Laut Studien würden Leute im Schnitt 60 Push-Benachrichtigungen pro Tag erhalten, die meisten von Social- und Messaging-Apps.

Malinarich argumentiert, Entwickler sollten daran arbeiten, wie man Nutzer via Push-Nachrichten weniger überfordert. Zum Beispiel könnten Apps versuchen, Zeiten oder Lebensumstände zu erkennen, zu denen Push-Nachrichten mehr oder weniger angemessen sind. Auch sollten sich Absender von Push-Nachrichten Gedanken über Ausspielkanäle machen. So sei der Smartphone-Bildschirm womöglich nicht immer die beste Adresse. Je nach Tageszeit oder Person könnten Pushs besser auf einem Desktop-Bildschirm oder akustisch über einen Smart-Speaker ausgespielt werden.

2018 als Jahr der Künstliche Intelligenz (KI)

Laura E. Davies (Digital News Director des Annenberg Media Center und Assistant Professor Professional Practice an der University of Southern California) hat eine These für 2018, die gut zu den Überlegungen von Nathalie Malinarich passt. Kommendes Jahr werde es bedeutend wichtiger werden, „in Konversationen zu schreiben“, meint sie. Wenn Journalisten für Chats und Chatbots texten, müssten sie zunehmend Unterhaltungen mit den Nutzern vorwegdenken. „Wir werden Antworten schreiben müssen, bevor wir die Fragen kennen“, so Davies. Das Thema gewinne an Bedeutung in einer kommenden „Zero UI“-Welt, also eine Welt ohne Nutzer-Interfaces (UI) wie Bildschirme oder Papier. Gemeint sind damit künstliche Intelligenzen wie Amazons Alexa, Apples Siri oder der Google Assistant, die verstärkt mit den Nutzern „reden“.

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John Keefe (Developer bei den Quartz Bot Studios) glaubt auch, dass Künstliche Intelligenz 2018 eine wichtige Rolle spielen wird. Er sieht KI aber vor allem als Werkzeug für Journalisten, um Stories zu entwickeln. Die Zukunft, so Keefe, seien nicht so sehr automatisiert geschriebene Texte, sondern von Menschen geschriebene Storys, die unter Mithilfe von KI entstanden sind. Vor allem bei umfangreicher Daten-Analyse seien KI-Programme extrem hilfreich, Fakten zu entdecken, die dem menschlichen Auge verborgen geblieben wären.

Valérie Bélair-Gagnon (Assistant Professor für Journalism Studies an der University of Minnesota) sieht eine der großen Herausforderungen kommendes Jahr in der fortschreitenden Fragmentierung von Online-Räumen. Chat-Apps hätten ein immer größeres Publikum und seien teilweise auch verschlüsselt. Viele Leute würden sich in solche privaten oder zumindest eher geschlossene digitale Räume zurückziehen, da der öffentliche digitale Raum (vor allem Facebook) durch rüde Umgangsformen, Fake-News und den Verdacht der Überwachung immer unattraktiver würde. Die Herausforderung für Medien sei es, auf diese Fragmentierung zu reagieren. Die größte Herausforderung bestehe darin, in solchen fragmentierten Räumen (Chats, Messengers) eine Vertrauensbasis zwischen dem Publikum und Medien zu etablieren.

2018 als Trennungsjahr von Social und Media

Rasmus Kleis Nielsen (Director of Research beim Reuters Institute for the Study of Journalism an der Oxford University) glaubt, dass große Plattformen 2018 die offene Verbreitung von Medien-Inhalten abschalten könnten. Stattdessen könnte das eintreten, was er als „Snapchat Szenario“ bezeichnet. Innerhalb der Messaging-App Snapchat haben Medien einen fest definierten Bereich (Discover), in dem sie ihre Inhalte nach den Regeln von Snapchat veröffentlichen dürfen. Snapchat kontrolliert dabei, welche Medien Zugang bekommen.

Dies würde dazu führen, so Nielsen, dass wesentlich weniger Medien als bisher ihre Inhalte bei großen Plattformen wie Facebook oder YouTube veröffentlichen können. Und dass die Plattformen wesentlich mehr Kontrolle über die Inhalte ausüben. Ein Grund, warum er ein solches Szenario für wahrscheinlich hält, ist, dass das unkontrollierte Veröffentlichen von News Plattformen aktuell mehr Ärger als Nutzen einbringen würde. Siehe die Debatten um Fake-News und Hate Speech und den damit einhergehenden Druck von politischer Seite. Erste Ansätze für ein solches „Snapchat Szenario“ sieht Nielsen in dem Test Facebooks, einen reinen Medien-Feed vom restlichen Newsfeed abzukoppeln.

Auch Taylor Lorenz (Technology Reporter bei The Daily Beast) glaubt, dass 2018 Social und Media sich zumindest teilweise trennen werden. Ein Grund sei der Trend, dass sich Menschen zunehmend über geschlossene Chat-Gruppen austauschen würden, da der öffentliche digitale Raum verroht (siehe auch Valérie Bélair-Gagnon). Das würde freilich nicht bedeuten, dass die Leute weniger Medien konsumieren. Medienkonsum würde aber ein von Social Media getrennt, gezieltes Verhalten werden.

Medienhäuser sollten sich laut Lorenz darum darauf konzentrieren, Premium-Inhalte zu erstellen, die Leute bereit sind zu abonnieren: „Das bedeutet weniger Zeit darauf verwenden, das größte Publikum zu erreichen und mehr Zeit darauf verwenden, ein bewusstes und treues Publikum aufzubauen.“

Richard J. Tofel (President von ProPublica) sieht kommen, dass das Verhältnis zwischen Plattformen (Facebook, Google, usw.) und Publishern 2018 endgültig in die Krise schlittert. Plattformen saugen bekanntermaßen fast alle Zuwächse an digitalen Werbeerlösen ab und schaufeln dafür Unmengen an Traffic zu Publishern, den diese aber nicht adäquat vermarkten können. Es sei das Paradox der wachsenden Reichweiten bei gleichzeitig fallenden Profiten, so Tofel.

Dabei sei klar, dass die Plattform bislang noch erstaunlich geringer Kontrolle unterworfen seien, weder von Kartellbehörden, noch von Regierungen. Tofel fordert gerade auch Journalisten auf, Plattformen und ihre Expansion 2018 umso kritischer zu begleiten.

Hier gibt es alle 117 Vorhersagen für 2018 bei Niemanlab.org.

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