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NY Times-Macher über Paid Content: „Haben heute mehr Abonnenten als in der goldenen Ära des Printjournalismus“

New York Times-Macher Arthur O. Sulzberger Jr., Chefredakteur Dean Baquet (Mi.) sowie Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser (li.)
New York Times-Macher Arthur O. Sulzberger Jr., Chefredakteur Dean Baquet (Mi.) sowie Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser (li.)

Am Sonntag verlieh die Zeit der New York Times den Marion-Gräfin-Dönhoff-Preis. Für Zeit-Geschäftsführer Rainer Esser sind die Journalisten der „Gray Lady“ mit ihren Recherchen zu Donald Trump oder #meetoo die „wahren Helden und Robin Hoods“ dieser Tage. Am Abend erklärten der Herausgeber der New York Times, Arthur O. Sulzberger Jr., und Chefredakteur Dean Baquet in kleinerer Runde was es bedeutet, in Zeiten der Trump-Präsidentschaft als Journalist zu Arbeiten und warum es der Zeitung wirtschaftlich so gut geht wie schon lange nicht mehr.

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Die Veranstaltung, die eine Art Nachklapp der feierlichen Verleihung des Dönhoff-Preises am Sonntagmittag war, stand unter der Überschrift „Fake News, Trump und die Rolle der Qualitätsmedien“. Tatsächlich ging es kaum um Fake News, dafür aber sehr viel um Donald Trump, den Wert von Qualitätsjournalismus und den wirtschaftlichen Erfolg der New York Times.

Alle drei Punkte lassen sich kaum voneinander trennen. Allerdings liegt der Beginn der wirtschaftlichen Gesundung der Zeitung bereits ein paar Jahre vor dem Wahlsieg des Immobilienmoguls. In einer kurzen Einführung ließ Sulzberger Jr. die Entwicklung des Medienunternehmens Revue passieren. Anfang des zweiten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends standen die New Yorker noch kurz vor dem Kollaps. Die verkaufte Auflage sank, die Werbeeinnahmen gingen ebenfalls zurück und die Vermarktungserlöse aus dem Online-Geschäft konnten die Verluste nicht annähernd auffangen.

An diesem Punkt startete das Unternehmen „drei Wetten auf die Zukunft“, wie es der Herausgeber nannte. Die erste Wette war die Entscheidung, stärker auf eine überregionale Ausrichtung der Print-Ausgabe zu setzen. Bis dahin war die New York Times in den USA vor allem auch eine Metropolen-Zeitung gewesen. Der Ausbau der Verbreitung sichere der Zeitung heute eine landesweite Abonnentenschaft, die gebildet und einkommensstark sei und damit auch für die Werbewirtschaft besonders attraktiv.

Die zweite Wette betrifft die Qualität der Zeitung. Sulzberger traf im Gegensatz zu den meisten anderen US-Medienunternehmern die Entscheidung, den Newsroom nicht nennenswert auszudünnen und rabiate Sparmaßnahmen durchzusetzen. Die journalistische Qualität wurde stattdessen vor allem im Web noch einmal spürbar erhöht.

Die dritte Wette, die Sulzberger einging, war das Einführen einer Bezahlschranke. Die New Yorker waren die ersten, die in großem Stil auf ein Metered Model setzten, bei dem sich eine gewisse Anzahl von Texten kostenlos lesen lässt. Zu Start waren zehn Artikel pro Monat gratis. Aktuell folgte eine Reduzierung auf nur noch fünf freie Texte.

„Die gute Nachricht: Die Menschen sind bereit zu zahlen“

Sein Haus kann es sich leisten, auf zusätzlichen Google-Traffic zu verzichten. Denn obwohl Sulzberger erst einmal „nur Schläge” für sein Konzept kassiert habe, habe er offenbar “alles richtig gemacht”, wie er sagte. Die Geschwindigkeit, mit der Zahl der Digital-Abonnenten steigt, nehme immer schneller zu. „Für die erste Millionen Digital-Abonnenten brauchten wir gut vier Jahren“, erklärte er in Hamburg. Die zweite brauchte nicht mal mehr halb so lange und in diesem Jahr kamen gut 600.000 weitere dazu. Aktuell hat die New York Times 3,5 Millionen bezahlte Abos von denen 2,5 Millionen rein digital sind. Tendenz stark steigend.

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„Die gute Nachricht: Die Menschen sind bereit zu zahlen“, sagt Sulzberger deshalb zufrieden. Das versetzt die New York Times in die komfortable Lage, dass mittlerweile rund zwei Drittel der Umsätze direkt von den Lesern kommen. Die Anzeigen-Abhängigkeit schwindet: „Heute haben wir mehr Abonnenten, als in der goldene Ära des Print-Journalismus“. Und das in einer Zeit, in der der Journalismus global unter Beschuss ist, ob „in Russland, Ägypten, der Türkei, China oder auch in den Vereinigten Staaten“.

Die Trump-Anspielung war eine gute Überleitung zu seinem Chefredakteur, der in einer langen Frage- und Antwort-Runde mit Holger Stark (Mitglied der Zeit-Chefredaktion) darlegte, in welch „aufregenden Zeiten“ die Journalisten gerade arbeiten dürfen.

Denn eines ist offensichtlich: Trump verlangt den US-Journalisten alles ab. Erst sahen die New Yorker seinen Sieg nicht kommen und nun sehen sie sich fast täglich mit “Fake-News”-Vorwürfen durch den Präsidenten und seinem Stab konfrontiert, erfahren gleichzeitig aber auch eine ungeahnte und nie erlebte Unterstützungs- und Sympathie-Welle seitens der Leser.

“Wir sind nicht die Opposition von Donald Trump. Das hätten zwar viele unserer Leser gerne, aber das ist nicht journalistisch.”

Passend dazu erzählte Baquet die Geschichte, dass er im Vorfeld der Wahl von rechten Sympathisanten unzählige Mails mit Beleidigungen bekommen habe. Tenor: Wenn Trump gewinnt, dann schmeißt er alle bei der New York Times raus. Von links kamen die Beschwerden, dass die Redaktion zu wenig tun würde, um Trump zu verhindern. Als Trump gewonnen hatte und zum ersten Mal via Twitter die Zeitung angriff, erreichten vor Abo-Bestellungen den Chefredakteur.

So gibt Baquet unumwunden zu: “Trump ist gut fürs Geschäft”. Er sagt aber auch, dass der Präsident gut für die Redaktion sei, weil er täglich daran erinnere, dass jeder Journalist seinen Job richtig zu machen hat. Grundsätzlich ist Baquet ein Punkt besonders wichtig:“Wir sind nicht die Opposition von Donald Trump. Das hätten zwar viele unserer Leser gerne, aber das ist nicht journalistisch.” Der Präsident selbst empfinde die New York Times als Opposition, “aber was wir machen ist hart fragen und aggressiv Stories recherchieren – also Journalismus.”

Eine Prognose, wie lange Trump im Weißen Haus bleibt, wollten die New York Times-Macher nicht abgeben. Das war auch am Morgen schon so, als ihnen den Marion-Gräfin-Dönhoff-Preis überreicht wurde. Die Laudatio dazu hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Darin würdigte er die „Gray Lady“ als „Leuchtturm der Aufklärung“ und als ein „Flaggschiff der Pressefreiheit“. „Diese Zeitung setzt immer noch und immer wieder die Maßstäbe einer freien Presse mit höchsten Qualitätsansprüchen. Und eine solche Presse brauchen wir in diesen stürmischen Zeiten dringender den je“, so Steinmeier.

Am Rande: Spätestens seit der Preisverleihung weiß auch Dean Baquet ganz sicher, wie Steinmeier aussieht. Vor gut zwei Wochen verwechselten die New York Times auf ihrer Titelseite den Büroleiter des Bundespräsidenten, Stephan Steinlein, mit Frank-Walter Steinmeier.

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Alle Kommentare

  1. „Wir sind nicht die Opposition von Donald Trump.“ Ja nee, is klar.
    Also wenn ein Vertreter der New York Times einen solchen Satz ungefragt raushauen darf, dann sagt das alles über die Qualität des Interviews. Genauso könnten Brinkbäumer, Kleber oder Prantl behaupten, sie würden objektiv über die AfD berichten.

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