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„Digitales Reportermagazin“ als Vision: Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier über die Zukunft von stern.de

Anna-Beeke Gretemeier, Chefin von stern Digital und Mitglied der stern-Chefredaktion
Anna-Beeke Gretemeier, Chefin von stern Digital und Mitglied der stern-Chefredaktion

Seit Oktober 2017 ist Anna-Beeke Gretemeier neue Chefredakteurin von stern Digital. Damit folgte sie auf Philipp Jessen, der Gruner + Jahr nach drei Jahren an der Spitze von Stern.de und als Mitglied der Chefredaktion verlassen hat. Gretemeier spricht mit MEEDIA über die ersten Wochen in der neuen Position, ihre Wünsche für die Zukunft und erklärt, warum Digitalreichweite für sie nicht alles ist.

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Jeden Morgen treffen sich Anna-Beeke Gretemeier und Christian Krug, Chefredakteur des gedruckten stern, zur gemeinsamen „Morgenkaffee-Routine“, wie sie es nennen. Dort besprechen sie in einer ersten kleinen Konferenz: Welche Themen sind heute wichtig, welche waren es gestern? Anna-Beeke Gretemeier berichtet ihrem Kollegen, welche Stücke online besonders gut gelaufen sind; gemeinsam überlegen sie, wie das gedruckte Heft davon profitieren könnte.

Seit drei Monaten ist die 31-Jährige die neue Chefredakteurin von stern Digital. Sie folgt auf Philipp Jessen, der Gruner + Jahr im September nach drei Jahren als stern.de-Chef verlassen hat. Bereits seit 2014 ist Anna-Beeke Gretemeier Teil des stern-Teams, arbeitete zunächst im Hauptstadtbüro und wechselte anschließend als Managing Editor in die Verlagszentrale nach Hamburg. Anfang 2017 wurde die Absolventin der Axel-Springer-Akademie Jessens Stellvertreterin.

Jeder Textredakteur kann Videos schneiden

Als das Angebot kommt, die Chefredaktion zu übernehmen, zögert sie keinen Moment. „Das war für mich der logische nächste Schritt“, sagt sie. „Ich kenne die Marke und die Redaktion jetzt schon so gut, dass ich direkt anpacken und meine Visionen und Ideen umsetzen kann.“ Die Verantwortung, die eine Führungsposition mit sich bringt, ist sie durch ihre Arbeit als Vize bereits gewöhnt. Sie beschreibt sich selbst als „neugierig, hungrig und experimentierfreudig“, bei ungewohnten Aufgaben wartet sie nicht ängstlich ab, sondern packt sofort an. So will sie auch ihr Team führen: Wenn Redakteure ihr neue Ideen vorstellen, ist für sie vor allem wichtig, dass sie für das jeweilige Thema wirklich brennen. Dann sei sie die Letzte, die einer Geschichte Steine in den Weg legt, betont sie. Die Chefredakteurin möchte Menschen die Chance geben, sich zu entfalten. „Meine Leute sollen in Bewegung bleiben und sich angstfrei neuen Herausforderungen stellen.“

Diese Stimmung will sie mit Umstrukturierungen im Haus erreichen. Das Thema Bewegtbild ist dabei eines ihrer großen Steckenpferde: „Damit habe ich im digitalen Journalismus laufen gelernt.“ Noch letztes Jahr saß in der stern.de-Redaktion ein komplettes Videproduktions-Team mit einem Cutter, einem Kameramann und einem Redakteur. Jetzt hingegen gibt es dieses starre Team nicht mehr. Zum einen arbeiten nun mehr klassische Videojournalisten in der Reaktion und zum anderen hat Anna-Beeke Gretemeier eingeführt, dass jeder Redakteur in der Lage ist, kleine Videos schnell selbst zu produzieren und zu schneiden. Dafür wurden Schulungen veranstaltet und Tools eingeführt, die das Schneiden der Clips massiv vereinfachen. „Das soll die großen Bewegtbildgeschichten nicht ersetzen“, so Gretemeier, „aber wir wollen zu jedem guten Text auch ein Video produzieren, zum Beispiel Fakten- oder Reaktionsstücke. Das kann bei uns jetzt jeder Textredakteur. So muss das Thema nicht von einem weiteren Videoredakteur noch mal bearbeitet werden. Das spart wertvolle Zeit und macht uns schneller.“

Natürlich sieht sie in der Videoproduktion auch die Möglichkeit für neue Einnahmequellen. Bei Online-Portalen ist Reichweite nach wie vor das ausschlaggebende Kriterium, um Erlöse zu generieren. Im Juli 2014 zählte die IVW für die Hamburger noch 28,7 Millionen Visits. Diese Zahl stieg bis zum Juli 2016 auf 40,8 Millionen. Im Oktober zählte stern.de 46,54 Mio Visits. Auch die Videoabrufe und damit –umsätze seien gestiegen, berichtet Gretemeier. „Einen signifikanten Anteil unserer Umsätze generieren wir durch Videos.“ Seit diesem Jahr konzentriert sie sich dabei vor allem auf den mobilen Konsum. Sie hält fest: „Über die Hälfte unserer Videoabrufe sind mobil.“ Deshalb seien alle stern.de-Videos auch ohne Ton anzuschauen und insgesamt schneller konsumbierbar. Heute gehe es nicht mehr darum, die Zuschauer mit Cliffhangern zum Dranbleiben zu animieren, sondern schnell auf den Punkt zu kommen und Geschichten auch in zwanzig bis dreißig Sekunden erzählen zu können.

Ihr Ziel: tiefere Recherchen und mehr Zeit fürs Storytelling
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Philipp Jessen setzte in den vergangenen Jahren vor allem auf boulevardeske und populäre Themen – und damit auf eine Steigerung der Reichweite; er verpflichtete beispielsweise beliebte Kolumnisten wie Micky Beisenherz. Diese Arbeit will Anna-Beeke Gretemeier auf jeden Fall fortführen und unter anderem die Popularität der Stern-Stimmen noch steigern. Bereits im kommenden Januar wird sie weitere bekannte Gesichter als Schreiber für die Kolumnenrubrik bekanntgeben.

Beim Thema Reichweite steigt sie auf Vergleiche mit ihren Wettbewerbern – wie Spiegel Online oder Bild.de – nicht ein. Lieber konzentriert sie sich auf das, was Stern Digital auszeichnet und von den anderen abhebt: „Stern Digital ist News & Rock ’n’ Roll. News, weil wir natürlich die wichtigsten Nachrichten des Tages featuren. Und Rock ’n’ Roll, weil wir mit der Marke stern viel mehr machen können: Zum Beispiel bunte Geschichten, ganz nah am Menschen erzählt.“ Die berühmte „Wundertüte“, wie Henri Nannen den stern einst nannte.

Nichtsdestotrotz strebt sie mehr Tiefe in den Geschichten und mehr Zeit für Storytelling an; will einen Dreiklang aus Reichweite, Relevanz und Reputation erreichen und damit das Markenprofil der Webseite als Reportermagazin schärfen. „Da geht noch mehr“, sagt Gretemeier. Ihr Ziel ist es, das „Reportermagazin, das der stern im Print ist, auch ins Digitale zu überführen“. Denn sie selber hat vor allem die Arbeit als Reporterin geliebt. Immer, wenn sie auf der Straße unterwegs war, im direkten Kontakt mit den Menschen – beispielsweise während der Pegida-Montagsspaziergänge – hat sie ihren Beruf ganz besonders verehrt. Von diesen Erlebnissen zehrt sie als Journalistin bis heute, sagt sie.

Flache Hierarchien, offene Türen und WhatsApp-Gruppen

Der Weg zum Online-Reportermagazin soll unter anderem durch die enge Zusammenarbeit zwischen Print und Online bewältigt werden. Anna-Beeke Gretemeier steht schon jetzt in engem Austausch mit der Print-Chefredaktion, sie oder einer der Ressortleiter nehmen an den Heftkonferenzen teil – und andersherum sitzt auch die Print-Chefredaktion in den Digital-Konferenzen. Während des G20-Gipfels in Hamburg waren beide Redaktionen kurzfristig komplett miteinander verschmolzen und 50 Redakteure – print und online –gemeinsam auf der Straße; der Online-Newsroom war für einige Stunden zur zentralen Schaltstelle geworden. Davon will die Chefredakteurin jedoch noch mehr. Ihr Wunsch: dass der gedruckte stern und stern Digital im neuen Gruner + Jahr-Gebäude, das in der Hamburger HafenCity gebaut werden soll, in einem Newsroom oder zumindest auf einem gemeinsamen Flur sitzen.

Anna-Beeke Gretemeier glaubt generell nicht an steile Hierarchien. So zieht sie auch nicht in das ehemalige Büro von Philipp Jessen, das ein Stockwerk höher in der Print-Chefredaktion zu finden ist, zu der auch sie gehört, sondern bleibt in ihrem Zimmer unten in der Digital-Redaktion sitzen. Ihre Tür steht offen, alle Redakteure haben ihre Handynummer, kommunizieren mit ihrer Chefin auch über WhatsApp-Gruppen. Sie sagt: „Das war immer so, und daran wird sich auch nichts ändern.“

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Alle Kommentare

  1. Visionen, Herausforderungen, Umsätze generieren, ganz nah am Menschen erzählen in 20 bis 30 Sekunden — das klingt sehr gut. So geht Journalismus heute.

  2. Was ich bei STERN.de sehe: Boulevard und Sex-Themen, neben Bild.de einer der miesesten Internet-Angebote, auch kostenlos kein Cent wert!

    1. Pauschal und faktisch mittlerweile falsch dieses (Vor-)Urteil. Das war vor ein paar Jahren vllt. so, da hat sich aber viel getan.

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