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Netflix-Original „The Voyeur“: Der eine Film, den Journalisten dieses Jahr noch sehen müssen

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"Sie konnten mich nicht hören, nicht sehen, es war genau das, was ich wollte" / Screenshot: © Netflix / YouTube

Journalisten-Filme haben eine lange Tradition – von "Die Unbestechlichen" bis zu "Spotlight". Netflix hat am Wochenende eine Dokumentation hinzugefügt, die das Zeug zum Klassiker hat. "The Voyeur" heißt der 95-Minüter, der sich um eine der faszinierendsten Reportagen der letzten Jahre dreht: Die New Yorker-Titelstory von Reporterlegende Gay Talese aus dem vergangenen Jahr, die später zum Buch wurde. Talese enthüllt darin die Obsession eines Motelbesitzers, muss jedoch während der Dokumentation erfahren, dass ihm seine Quelle nicht die ganze Wahrheit gesagt hat...

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Die Enthüllung klang wie die typische Fake News, die sich in den vergangenen Jahren wunderbar viral in den sozialen Netzwerken verbreitet: Motel-Besitzer sieht Gästen jahrzehntelang beim Sex zu.

Tatsächlich hat es sich so zugetragen, wie die aufsehendenerregende Titelgeschichte „The Voyeur’s Motel“ im New Yorker im April 2016 enthüllte. Geschrieben hatte sie niemand Geringeres als Gay Talese, neben Tom Wolfe und Hunter S. Thomson eine der ganz großen  amerikanischen Reporterlegenden des New Journalism im 20. Jahrhundert.

In den späten 60er-Jahren kaufte Gerald Foos in Aurora, Colorado ein Motel mit dem vorrangigen Zweck, seine Gäste durch den Lüftungsschacht stundenlang zu beobachten – vorzugsweise beim sexuellen Akt. 29 Jahre ging Foos seiner Obsession nach, bis das Motel schließlich an koreanische Eigentümer wechselte.

„The Voyeur“: Filmische Aufarbeitung einer perversen Obsession – und der Reportage dahinter

Erfahren hat von Foos‘ Perversion nie ein Gast. Doch dass es in dem heute 84-jährigen Yoyeur immer gärte, einmal seine Geschichte zu erzählen, wird bereits 1980 deutlich, als sich der Motelbesitzer an den Starautor Gay Talese wandte, der gerade mit seinem Buch über die sexuelle Revolution in Amerika, Thy Neighbor’s Wife (zu deutsch: „Du sollst begehren“) das Skandalbuch des Jahres geschrieben hatte.

In den kommenden drei Jahrzehnten lernte Talese alles über Foos‘ Obsession, freundete sich mit dem Motelbesitzer an und konnte sich ein Bild vom speziell für die voyeuristischen Abenteuer ausgebauten Dachgeschoss machen. Nur an die Öffentlichkeit wollte Foos‘ mit seiner wahnsinnigen Beichte nie gehen – bis beiden, dem Reporter und seiner Quelle, die Zeit davonzulaufen schien.

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Vor wenigen Jahren ließ Foos sich nun schließlich auf den Deal ein, dass Talese die aufsehenerregende Reportage und, daraus resultierend, ein Buch über Foos‘ Lebensbeichte würde schreiben können. Und nicht nur das: Der Voyeur war überraschenderweise gleichermaßen bereit, selbst zum Objekt zu werden – und seine Geschichte in einer begleitenden Reportage um die Entstehung und Veröffentlichung der Reportagen und des Buches einer TV-Dokumentation zum erzählen, die am Wochenende beim Streaming-Giganten Netflix als „The Voyeuer“ debütierte.

Ambivalentes Verhältnis zwischen Reporter und Quelle

Die rund eineinhalbstündige Dokumentation ist nicht nur eine brutale Tour de Force eines Mannes auf Selbstzerstörungskurs, der ein halbes Jahr darüber nachdenken konnte, was am Tag X, an dem er seine Geschichte erzählen würde, auf ihn einprasseln dürfte und doch kolossal von der Kraft der Medienmaschinerie wegreißen wird – es ist vor allem ein Lehrstück um das immer ambivalente Verhältnis zwischen Reporter und der Quelle.

Dass Gerald Foos nach einer 36-jährigen Bekanntschaft am Ende doch von Taleses Reportage auf dem falschen Fuß erwischt wird, sagt viel über dessen Naivität und eigentümliches Journalismus-Verständnis („Er hätte mir den Artikel vorher zeigen müssen“). Doch auch Talese erlebt auf seine alten Tage bei seiner Quelle noch einmal einen bösen Reinfall, der die Reportage, das Buch und am Ende die gesamte Karriere des Starjournalisten auf den letzten Metern unwiederbringlich zu beschädigen droht.

Der Umgang mit der Wahrheit ist immer kompliziert – für die Quelle, aber auch für den Reporter: Diese alte Journalisten-Wahrheit haben das Regie-Duo Myles Kane und Josh Koury  in der Netflix-Doku besser in Szene gesetzt als es eine Hollywood-Hochglanz-Aufführung mit Robert Redford je könnte.

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