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MEEDIA-Wochenrückblick: Die große Glyphosat-Verwirrung in Medien und Politik

Spiegel und FAS zum Jamaika-Aus, Glyphosat bei Tagesschau.de, Hefterl aus Österreich
Spiegel und FAS zum Jamaika-Aus, Glyphosat bei Tagesschau.de, Hefterl aus Österreich

Als Medien-Konsument hat man es in der Glyphosat-Debatte gar nicht leicht, sich eine fundierte Meinung zu bilden. FAS und Spiegel rekonstruierten die Nach, in der Jamaika starb. Und es gibt einen Magazin-Tipp aus Österreich. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Glyphosat – jenes Pestizid, das wahlweise als “Unkrautvernichter” oder “Pflanzenschutzmittel” bezeichnet wird, spaltet Medien, Politik und Familien am Frühstückstisch. “Bist Du für oder gegen Glyphosat”, ist so eine moderne Gretchenfrage, hinter der Weltanschauungen lauern. Ähnlich emotional aufgeladen werden fast nur noch Genderfragen und Veganismus diskutiert. Bekanntermaßen hat der CSU-Landwirtschaftsminister Schmidt die Zulassungsverlängerung von Glyphosat auf EU-Ebene so ein bisschen unfair durchgedrückt. Aber wie helfen mir die Medien eigentlich dabei, mir eine Meinung über das Zeug zu bilden? Da ist zum Beispiel ein Twitter-Filmchen der “Tagesschau”-Redaktion, das den “Unkrautkiller” (!) Glyphosat in den schrecklichsten Farben ausmalt, “vernichtet alles Grün und den Lebensraum von Tieren”, heißt es da. “Belastet die Gewässer” und kommt vor in Bier, Urin und Wasser. Das Ganze unterlegt mit bedrohlicher Wummer-Musik.

Teufelszeug!, möchte man da rufen. Sofort verbieten! Ähnlich einseitig geriet ein Beitrag in der auf jugendlich gemachten heute+-Sendung.

Ein Grüner-EU-Parlamentarier beklagt mangelnde Transparenz der Konzerne, der als “Krebsforscher” eingeführter Christopher Portier erzählt in dem Beitrag, warum seinen Forschungen zufolge das Mittel eben doch krebserregend sein soll.

Zum Verständnis des Zuschauers könnte beitragen, wenn man weiß, dass der in heute+ auftretende “Krebsforscher” Portier eigentlich Statistiker ist und seine Rolle bei der Glyphosat-Debatte durchaus nicht unkritisch zu sehen ist. So soll er u.a. laut FAZ rechtlicher Berater zweier amerikanischer Großkanzleien sein, von denen eine seit Jahren Sammelklagen gegen den Glyphosat-Hersteller Monsanto anstrebt.

Andererseits veröffentlichen sowohl “Tagesschau” als auch zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung Kommentare, in denen die Zulassungsverlängerung als “vernünftig”, bzw. “richtig” bezeichnet wird. Ja was denn nun?

Andreas Hensel ist Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und hat dem Tagesspiegel ein bemerkenswertes Interview zum Thema gegeben. Dazu muss man wissen, dass das BfR ein umfangreiches Gutachten zur angeblichen Krebsgefahr durch Glyphosat erstellt hat und dabei zum Schluss gekommen, ist, dass es in realistischen Mengen nicht krebserregend ist. Jedenfalls nicht mehr als Wurst oder Fleisch. Es gab Vorwürfe gegen das BfR, dass Monsanto seine Sicht der Dinge ungefiltert in das Gutachten hineingebracht habe. Diese Vorwürfe waren aber aus der Luft gegriffen. Hensel sagte:

Wir merken jetzt aber, dass, sobald wir eine Bewertung veröffentlichen, die nicht auf die politische Agenda passt, wir öffentlich der Unfähigkeit bezichtigt werden. Ich bin deshalb in großer Sorge. Wenn man wegen eines politischen Erfolgs – in diesem Fall dem Ende von Glyphosat – alle Bewertungsbehörden diskreditiert, braucht man Institute wie das BfR oder die Efsa nicht. Wir landen dann aber in einer Facebook-Wissenschaft, wo jeder seinen Senf dazu gibt, egal ob er in der Sache Kenntnis hat oder nicht. Es gibt auf der Welt nur wenige Wissenschaftler, die Toxizitätsstudien sachgerecht auswerten können, aber trotzdem redet jeder mit. Ich vermute, so mancher will sich in seinen Vorurteilen bestätigt sehen.

Das ist wohl so. Das BfR wurde übrigens unter der Grünen-Ministerin Renate Künast ins Leben gerufen und ist komplett unabhängig. Die Politik ist da übrigens kein bisschen besser als die Medien, wenn es darum geht, Verwirrung zu stiften. Schon 2016 teilte die SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks mit: “Wenn es um die Frage der Krebserzeugung JA oder NEIN geht, gilt: Ein Wirkstoff wird nur dann genehmigt, sofern er nicht das Potential hat krebserzeugend zu sein, unabhängig von Risikobetrachtungen.” Wenn man die Ministerin da beim Wort nimmt, müsste sie auch sofort Zigaretten und Wurst verbieten.

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Vergangene Woche schrieb ich einen Text über die Spiegel-Titelstory zu den Jamaika-Sondierungen. Der Spiegel-Text rekonstruierte die Verhandlungen mit gewohnt szenischen Beschreibungen. So hieß es in dem Spiegel-Stück u.a.:

Ei­ni­ge Mi­nu­ten lang geht es hin und her, bis plötz­lich Mer­kel auf ihr Han­dy schaut. Was sie da sieht, ist eine Pres­se­er­klä­rung der FDP, die das Schei­tern der Ge­sprä­che ver­mel­det. Nun will auch die CSU nicht mehr wei­ter­re­den, und Par­tei­chef See­ho­fer sagt: „Es ist jetzt 23.26 Uhr. Ich hal­te die Zeit fest, weil jetzt eine Ent­wick­lung ein­tritt, die weit über Deutsch­land und Eu­ro­pa hin­aus Be­deu­tung hat und de­ren Ende wir nicht ab­se­hen kön­nen.“

Die FDP erklärte allerdings, dass ihre Presseerklärung erst nach Mitternacht verschickt wurde. Die Kanzlerin hätte sie demnach nicht während der letzten Sitzung auf ihrem Handy sehen können. Außer, FDP-Chef Lindner hätte ihr den Text der Presseerklärung vorab aufs Handy geschickt, was aber auch seltsam wäre, da er den Text doch auf einem Blatt in seiner Jacke bei sich trug. Man macht sich als Leser so seine Gedanken.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung veröffentlichte ihrerseits auch eine Rekonstruktion der Nacht, in der Jamaika endete. Auch dort kommt die Stelle mit dem Handy vor, und zwar folgendermaßen:

Über das, was dann geschah, gibt es verschiedene Darstellungen. Die einen sagen, Merkel habe auf ihr Handy geschaut: Sie sehe, die Presse melde es schon. Andere sagen, sie habe Lindner bloß gefragt, ob er seine Erklärung schon an die Presse gegeben habe.

Das klingt deutlich weniger definitiv als im Spiegel. Wie ich finde: realistischer.

Bei all diesen bedenkenschweren Überlegungen zum Schluss noch ein heiterer Lesetipp für das erste Adventswochenende. Problem: Das Hefterl mit dem Enkerl gibt es nur in Österreich. Tu felix Austria!

Schönes 1. Adventswochenende!

PS: Die Glyphosat-Debatte und szenische Rekonstruktionen sind auch Thema im Podcast “Die Medien-Woche” von Christian Meier und mir. Außerdem reden wir über das Aus für “Schulz & Böhmermann”.

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