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Unabhängiger Journalismus oder PR? Greenpeace-Magazin-Chef Stukenberg verteidigt Nominierung für Reporterpreis

Debatte über Unabhängigkeit im Journalismus: Kurt Stukenberg, Chefredakteur des Greenpeace Magazin, verteidigt seine Nominierung für den Reporterpreis
Debatte über Unabhängigkeit im Journalismus: Kurt Stukenberg, Chefredakteur des Greenpeace Magazin, verteidigt seine Nominierung für den Reporterpreis

Das Greenpeace Magazin ist für den Deutschen Reporterpreis nominiert und nicht allen in der Branche passt das. Öffnet sich der Journalismus damit nicht der interessengeleiteten PR? In einem Gastbeitrag für MEEDIA reagiert Kurt Stukenberg, Chefredakteur des Magazins, auf in der taz erhobene Vorwürfe. Und fragt: Ist sein Modell ungewöhnlicher als stiftungsfinanzierter Journalismus oder das der Washington Post?

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Ein Gastbeitrag von Kurt Stukenberg, Chefredakteur Greenpeace Magazin

Mit der im Herbst 2017 angekündigten Übernahme der Time Inc. gelingt dem US-Medienunternehmen Meredith aus Des Moines in Iowa ein Coup. Aus der journalistischen Peripherie kommend besitzt es bald unter anderem das angesehene Time Magazine. Interessant sind dabei auch die Geldgeber im Hintergrund: Ausgerechnet die Koch-Brüder, Inhaber eines milliardenschweren Industrie-Konglomerats, die zu den einflussreichsten politischen Lobbyisten und Strippenzieher in Washington zählen, geben Meredith finanzielle Schützenhilfe, um das Projekt zu stemmen. Muss die journalistische Integrität des Time Magazine nun neu bewertet werden? Bewegt es sich gar in den Graubereich der Corporate Media?

Anderes Beispiel, ähnlicher Fall: die Washington Post. Die angesehene Tageszeitung gehört seit 2013 dem reichsten Mann der Welt, Amazon-Gründer Jeff Bezos – ebenfalls kein Zeitungsverleger, sondern Unternehmer im Onlinehandel, der die „Post“ mit Investitionen aufpäppelte, sie in das Vertriebsnetz der Amazon-Prime-Mitgliedschaft integrierte und damit ihre Wettbewerbsposition drastisch verbesserte. Es fänden gar alle zwei Wochen Gespräche mit Bezos zur „Strategie“ des Blattes statt, erzählte Chefredakteur Marty Baron beiläufig auf einer Konferenz im Februar. Wäre der Slogan „In Amazon we trust“ da nicht passender als der gerade neu entwickelte Claim „Democracy dies in Darkness“? Die „Post“, ein Corporate Medium?

Es gäbe tatsächlich viele Anlässe – auch in Deutschland –, den Einfluss journalismusferner Interessen auf den Journalismus zu problematisieren: die paritätisch nach politischen Farben besetzten Rundfunkräte etwa, die Macht von Anzeigenkunden über strauchelnde Verlage oder die wachsende Bedeutung von PR-ähnlichen Veranstaltungsformaten, auf denen Herausgeber und Chefredakteure am Montagabend nett mit der Kanzlerin plaudern, während die Redaktion am Dienstagmorgen (eigentlich) distanziert und kritisch über sie berichten soll.

Eine Vorlage für diese Debatte hat nun der taz-Medienjournalist Peter Weissenburger geliefert. Unter der Überschrift „Wir müssen diskutieren“ regte er eine Selbstverständigung des renommierten Deutschen Reporterpreises und des ausrichtenden Reporter-Forums darüber an, welche Titel hier zukünftig teilnahmeberechtigt sein sollten. Anlass für die Berichterstattung ist die Nominierung des Artikels „Kontinent Utopia“ der Reporterin Lena Niethammer in der Kategorie „Bester Essay“. Erschienen ist die Geschichte einer Länderreise, die die Gegenwart und Zukunft Europas zum Thema hat, in Ausgabe 5.17 des Greenpeace Magazins.

Dabei stört sich der Kollege nicht an dem Text selbst, sondern an dem Namen des Mediums, in dem er erschienen ist. Denn dieses gehöre „zumindest formal zu den Corporate Media. Das sind Publikationen, die im Namen von Körperschaften erscheinen, die nicht zuvorderst journalistisch tätig sind. Bekanntestes Beispiel ist das Magazin mobil der Deutschen Bahn.“ Und da Journalisten laut Medienkodex des Netzwerk Recherche keine PR machten, dürften Journalistenpreise auch nicht an „PR-ähnliche Publikationen verliehen werden“.

Uns vom Greenpeace Magazin hat Weissenburger trotz der Überschrift seines Artikels dazu nie angehört. Aber wir nehmen den Ball gerne auf. Das Greenpeace Magazin wird nicht von Greenpeace e.V. herausgegeben, sondern von der Greenpeace Media GmbH – einer hundertprozentigen Tochter der Umweltschutzorganisation. Das Besondere: Das Greenpeace Magazin ist keine Mitgliederzeitschrift (diese heißt „Greenpeace Nachrichten“) und ist redaktionell, inhaltlich und finanziell unabhängig. Die Media GmbH wurde dezidiert als unabhängiges Medienunternehmen gegründet, das im Unterschied zur Mitgliederzeitschrift frei über Themen wie Ökologie, Klima und soziale Bewegungen berichten darf und soll. Bedingung: Ihr müsst euch selber tragen. Deshalb entscheidet seit fast 25 Jahren ausschließlich die Redaktion, was es ins Heft schafft und wie, finanziert durch Erlöse aus den rund 80.000 Abonnements. Ohne jegliche Werbung. Ohne Mittel von Greenpeace. Das ist einzigartig in Deutschland. Der Unterschied zum „mobil“-Magazin der Deutschen Bahn besteht also schon alleine darin, dass das Greenpeace Magazin anders als „mobil“ weder von der NGO finanziert noch von dieser thematisch eingeschränkt oder inhaltlich abgenommen wird.

Gewiss, dies ist ein besonderes Modell – aber ist es aufgrund der Eigentümerverhältnisse journalistisch weniger satisfaktionsfähig als das der Washington Post? Ist dieses Modell ungewöhnlicher als das stiftungsfinanzierte System des anerkannten Recherchezentrums „Correctiv“? Oder anstößiger als das Prinzip des (genau wie bei uns) leserfinanzierten Journalismus von „De Correspondent“ aus den Niederlanden?

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Sechs Thesen für einen Gold-Standard im unabhängigen Journalismus

Einmal außer Acht lassend, dass Weissenburger ebenso gut hätte kritisieren können, dass das Projekt „Ackerbunt“ der journalismusfremden und grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung im vergangenen Jahr vom Reporterforum als „Beste Webreportage“ ausgezeichnet wurde, möchten wir die Debatte um die Zukunft des Qualitätsjournalismus unsererseits um sechs Thesen bereichern:

Entscheidender als der Name eines Mediums ist, …:

  1. … dass der Inhalt einer Überprüfung auf unabhängige Recherche und Berichterstattung stand hält.
  2. … dass Autoren ausreichend Zeit für eine fundierte Themenarbeit bekommen und ergebnisoffen recherchieren können.
  3. … dass völlige Abstinenz von Anzeigenkunden gar nicht erst den Verdacht der Einflussnahme zulässt.
  4. … dass – hallo, liebe tazler – nach Manteltarif bezahlt wird und auch Freie auskömmliche Honorare erhalten.
  5. … dass das Bias, das alle Medien mehr oder weniger offensichtlich haben, transparent zutage tritt. Natürlich nur, solange es die Arbeit nicht einschränkt – und zum Beispiel wir mit Rechercheergebnissen aufwarten könnten, die von denen der NGO Greenpeace abweichen.
  6. … dass man ein Erlösmodell realisiert, das einen von nur einer Gruppe abhängig macht, den Lesern.

Für uns sind diese Thesen maßgeblich und wir arbeiten täglich danach. Andere tun das nicht oder nur zum Teil, Medien sind unterschiedlich strukturiert und das ist auch gut so. Aber vielleicht ist es an der Zeit, über einen veränderten Gold-Standard des unabhängigen Journalismus zu verhandeln, der den zahlreichen neuen und alten Angeboten Rechnung trägt und Grenzen verhandelt, öffentlich und branchenweit. Daran beteiligen wir uns gerne. Wer den neuen Standard erfüllt und wer nicht, können wir ja diskutieren. Hoffentlich gemeinsam.

 

Kurt Stukenberg, Jahrgang 1988, ist seit 2016 Chefredakteur des Greenpeace Magazins.

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Alle Kommentare

  1. Das Time Magazine, die Washington Post, das Greenpeace Magazin. Das klingt lustig. Unabhängig ist das Greenpeace Magazin nur in der Theorie, der Greenpeace-Anteil im Hintergrund ist groß. Und wenn es zum Beispiel gegen die Automobil-Industrie geht und das tat es im Magazin gerade gewaltig zum Beispiel gegen BMW, dann ist die (ebenfalls in ihrer Finanzierung nicht unumstrittene) Deutsche Umwelthilfe DUH auch mal die einzige Recherchequelle.

  2. Gemäß Manteltarifvertrag kann man zwar Urlaubs- und Weihnachtsgeld, aber kein Gehalt zahlen. Ich hoffe, GPM richtet sich auch nach dem Gehaltstarifvertrag für Redakteure an Zeitschriften.

    1. GPM hat erst vor einiger Zeit die Gehälter der Redakteure gekürzt und alle unter Druck gesetzt, neue Verträge mit schlechteren Konditionen zu unterschreiben.

      GPM hat in den vergangenen Jahren auch immer wieder Mitarbeiter und Redakteure rausgedrängt und rausgeschmissen, sogar ein Betriebsrat wurde gekündigt.

      So geht es da zu.

  3. Punkt 3 und 6 klingen ähnlich. Vielleicht sollte man die Liste leicht überarbeiten und eindeutiger/verständlicher machen auch wenn das meiste durch Nachdenken klar ist. Davon abgesehen sind viele Medien auf Werbe-Einnahmen angewiesen. Betroffenen-Magazine und die meisten Fachzeitschriften entstehen beim Herausgeber im Wohnzimmer und das Geld deckt so grade den Druck+Porto. Leider adressiert Adobe diese Zielgruppe mit hunderten Millionen Lesern nicht, obwohl man bei der Druckerei ja normalerweise PDF abgeben muss. Auch Kundenzeitschriften der Krankenkassen, Stromanbieter, Sparkassen, Raiffeisen,… würde PDF-Vertrieb gut zu Gesicht stehen selbst wenn sie Wurfsendungen (Raiffeisen, Sparkassen(?),…) sind. Schade das die lokal relevanten Anzeigenblätter wohl auch noch nicht am 699-Euro-55″-65″-UHD1/8Megapixel-SmarTV für Rentner lesbar sind.

    SPD gehört doch wohl etwas mehr als 50% von Ökotest. ADAC-Magazin fällt mir auch noch ein.
    Auch Autokonzerne wollen nicht angelogen werden und von E-Autos schneller verdrängt werden als der Trabbi nach dem Mauerfall. „Du brauchst keinen Drehstromanschluss in deiner Neubau-Garage – E-Autos werden sich niemals durchsetzen“ gehört da nicht rein.
    Auch Sparkassen wollen keine platzenden Kredite, schlechte Handwerker, Fehlinvestments, Klima-Leugnung usw. im Kundenmagazin bejubelt sehen.
    PR muss also nicht pauschale Lob-Hudelei sein.
    Ein Fußball-Vereins-Zeitschrift kann und soll gerne den Finger in die Wunde(n) legen und nicht wie der Mainstream immer nur den Trainer als Schuldigen darstellen. Hoeness und andere wissen, wann sie wen weshalb wie im TV kritisieren. Die sind erfolgreicher als unvorbereitete Autofirmen, welche mit (Z|M)illiarden wegen Immobilien-crash! gerettet werden mussten.

    Auch muss Mainstream von Fachmagazinen unterscheiden. Der Fach-Leser eines Angel, Modellbau, Dackelzucht, Gartenbau, Selbstbau, Koch, Back-Magazins will und bezahlt für Wahrheit und nicht für Jubelei. Bei Neoliberal hingegen will man ja nicht lesen, das Zilliarden-Euro-Manager und Politiker bei Mindestlohn und Klimawandel völlig falsch lagen und für hundertausende Jobs verantwortlich sind oder siehe auch die Kritik an Zuckerberg http://meedia.de/2017/10/15/moderner-howard-hughes-wie-mark-zuckerberg-die-geister-der-vergangenheit-wieder-einholen/ . Linke wollen vielleicht nicht lesen das man mehr Arbeiten muss wenn man mehr haben will und man auf rot-grün gut hätte verzichten können und Rechte wollen andere Wahrheiten und den Klimawandel nicht anerkennen. Die meisten Yellow-Press-Leser (also Haus-Frauen und Rentnerinnen) hingegen können den prozentualen Fiktionalitäts-Anteil wohl besser abschätzen.

    Wer bei Trump nur Nachteile und bei Lindner nur Vorteile sieht, ist womöglich wie ein Rennauto wo nur eine Seite aufgepumpte Reifen hat.

  4. Der Chefredakteur verteidigt nicht „seine“ Nominierung und auch nicht die „seines Magazins“ sondern Lena Niethammers Nominierung für den Reportagepreis, denn sie ist die Autorin.

    Zitat Webseite des Preises:
    „Nominiert in der Kategorie „Essay“:
    Lena Niethammer mit „Kontinent Utopia““

  5. Herr Stukenberg, es gibt eine ganz einfache Lösung, um allen klar zu machen, wie „redaktionell, inhaltlich und finanziell unabhängig“ das Greenpeace Magazin ist: Benennen Sie es einfach um. Schmeißen Sie den Namen „Greenpeace“ raus. Dann haben Sie das Problem gelöst.
    Ach so, das geht nicht so leicht, sagen Sie. Weil Sie dann 95 Prozent Ihrer Leser verlieren würden, die nämlich alle aus dem gewaltigen Greenpeace-Förderkreis kommen (vergessen wir mal die gerade so vierstellige Zahl, die Sie am Kiosk verkaufen). Die Sie mittels Anzeigen in den „Greenpeace Nachrichten“ und vor allem dank Ihres Namens gewinnen, der ja eine Erwartungshaltung weckt – die Sie auch gerne bedienen. Und wenn Sie nur „Das XXX-Magazin“ hießen, wären diese 100.000 Leser plötzlich alle weg. Und dann wär’s Essig mit Ihrem anzeigenfreien Blatt und Ihre geschützten Leserbiotop, in dem Sie nämlich fischen – dank Ihres Namens.

  6. Ich unterstütze diese Position voll und ganz. Während „Greenpeace Nachrichten“ Mitgleidschaftspresse ist und sich zudem an alle Förderer richtet, erfüllt das „Greenpeace Magazin“ seit 1993 sämtliche Kritierien der Publikumspresse.

    Da gibt es deutlich andere Publikationen aus Verlagen, die an der Grauzone zur Kundenpresse entlangschrappen – ich verweise nur auf die Lizenzprodukte der Kinder- und Jugendpresse, aber nicht nur die.

    Wer die Eigner eines Verlages sind, spielt zur Gattungszuordnung einer Zeitschrift keine Rolle, denn sonst wird es haltlos. Jeder Verlag hat zudem sogar das verbriefte Recht, seiner Redaktion seine publizistische Grundhaltung vorzugeben (Tendenzbetriebe) – selbst die taz ist letztlich ein „Tendenzbetrieb“ im besten Sinne. Gibt es deshalb etwa gar keinen „unabhängigen Journalismus“?

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