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Die unerbittliche Eltern-Debatte um Baby- und Kinderfotos im Netz: Weniger Hysterie, bitte!

Drei Motive des Deutschen Kinderhilswerks
Drei Motive des Deutschen Kinderhilswerks

Seit Wochen werden in den sozialen Netzwerken Plakate des Deutschen Kinderhilfswerks verbreitet, die Eltern davor warnen, Fotos ihrer Kinder online zu veröffentlichen und die darauf aufmerksam machen sollen, dass auch die Kleinsten schon Rechte haben. Dabei werden die Gesichter der Kleinkinder wie bei Verbrecher- oder Opferfotos verpixelt. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Kinderfotos im Netz ist wünschenswert, doch die Debatte droht, ins Hysterische abdriften und den Eltern Autonomie abzusprechen. Ein Kommentar.

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„Liebe Mama- und Paparazzi, wer hat euch erlaubt, das zu posten“ ist unter dem Foto eines Kleinkindes zu lesen; das Kind zupft an einer Toilettenpapierrolle, seine Augen sind verpixelt. Dieses Plakat ist Teil einer Kampagne mit insgesamt sechs Motiven des Deutschen Kinderhilfswerks, die auf die Gefahren von Kinderfotos im Netz hinweisen soll.

Dazu veröffentlicht das Kinderhilfswerk sechs Tipps für einen verantwortungsvollen Umgang mit Kinderfotos im Netz:

1. Vermeidet auf jeden Fall die Preisgabe personenbezogener Daten (z.B. Name, Wohnort) des Kindes im Zusammenhang mit einem Foto.
2. Überprüft regelmäßig eure Sicherheits- bzw. Privatsphäre-Einstellungen in Sozialen Online-Netzwerken.
3. Postet keine Fotos von Kindern in peinlichen, unangenehmen oder unangemessenen Situationen.
4. Überlegt, ob es für die Bildaussage des Fotos zwingend notwendig ist, das Gesicht des Kindes zu zeigen.
5. Bezieht euer Kind ein und sprecht in der Familie über den Umgang mit Fotos eurer Kinder im Internet.
6. Nehmt eure Vorbildfunktion wahr und vermittelt euren Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit persönlichen Daten im Internet.

Während diese Tipps durchaus berechtigt sind und es auch sinnvoll ist, auf einen bewussten und hinterfragenden Umgang mit Aufnahmen der Kleinsten hinzuweisen, sprechen die die Motive der Plakate eine andere Sprache. Die verpixelten Kinderaugen schüren nämlich vor allem Unsicherheiten und Ängste. „Kinderbilder gehören nicht ins Netz und damit auch nicht auf Facebook. Man weiß da nie, wer sich das so ansieht und das Netz vergisst nicht…“, heißt es in den Kommentaren unter den Facebook-Posts der Kampagne. Oder: „Kinder haben auf Facebook nichts zu suchen …Es gibt so viele Idioten die sich an Kinderbildern ergötzen …Wenn die Kids mal irgendwann weg sind wird rum geheult.“

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Der Debatte mangelt es an Differenzierung. Auf Nackt- oder Töpfchenfotos sollten Mütter und Väter in ihren Timelines sicher verzichten. Doch kann ein solch massiver Eingriff in die Privatsphäre der Kinder wirklich mit Fotos verglichen werden, auf denen die Kinder essen, spielen, lachen? Mit schönen und ausgewählten Momentaufnahmen, an denen sich nicht nur die Eltern erfreuen, sondern eben auch ihre Follower und Freunde? Müssen wir Baby- oder Kindergesichter im Netz nun wirklich pauschal vedammen?

Fragwürdig ist auch, ob die Empfehlung, die Augen der Babys zu verpixeln, ihre Gesichter mit Emojis zu überdecken oder das Bild unscharf zu veröffentlichen, wirklich hilfreich ist. Auch in diesen Fällen könnten die Kinder ihre Eltern 15 Jahre später fragen: „Warum hast du mich derart entmenschlicht veröffentlicht?“ oder „Ich schäme mich für den seltsamen Balken über meinen Augen“, „Was soll das alberne Tier über meinem Gesicht“ oder oder oder. Vielleicht ist es ihnen aber auch schlicht und ergreifend egal, weil die heutige Kindergeneration mit einer völlig anderen Netz-Selbvstverständlichkeit aufwächst als wir. Jedes Argument kann für jede Seite 1:1 umgekehrt werden.

Wie bei vielen Themen rund um Elternschaft und Erziehung, zeichnet sich auch diese Debatte in den sozialen Netzwerken durch einen extrem harten und oftmals pauschal-diffamierenden Tonfall der Eltern untereinander aus. Die Anerkennung, dass die meisten Eltern im besten Interesse der Kinder handeln und ihren jeweils eigenen Weg suchen, fehlt nahezu komplett.

Eltern, die Fotos ihrer Kinder veröffentlichen, haben sich bewusst dafür entschieden. Im deutschen Gesetz gibt es eine eindeutige Regel: Ab der Vollendung des 14. Lebensjahres bedarf es bei einer Veröffentlichung die Einwilligung des abgebildeten Kindes. Davor liegen die Bildrechte und damit die Verantwortung bei den Eltern. Es wäre schön, wenn ihnen diese Verantwortung und damit die Autonomie als Erziehungsberechtigte nicht pauschal abgesprochen werden würde.

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass es den einen richtigen Weg auch in dieser Frage nicht zu geben scheint. Wer sein Kind zeigen möchte, soll es zeigen. Wer verpixeln möchte, soll verpixeln. Wer nur Ausschnitte des Gesichtes oder Aufnahmen von hinten veröffentlichen möchte, soll auch dies gern tun. Es ist schließlich eine freie Entscheidung und nicht jeder Erziehungsweg muss zu 100 Prozent auf den einer anderen Familie passen. Die Tipps des Kinderhilfswerks können dabei eine Leitlinie sein– doch sie sind kein Dogma. Hysterie, Panik oder Vorwürfe waren auch in der Kindererziehung noch nie hilfreich.

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