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„Weniger predigen, mehr berichten“ – Statistik-Professor über den Umgang von Medien mit der „Insektensterben“-Studie

Statistik-Professor Walter Krämer von der TU Dortmund
Statistik-Professor Walter Krämer von der TU Dortmund

In zahlreichen Berichten über eine Studie zum Insektensterben haben Medien hierzulande geradezu Weltuntergangsszenarien entworfen. Die betreffende Studie will den Nachweis erbracht haben, dass von 1989 bis heute der Insektenbestand um mindestens 75% zurückgegagen ist. Der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer hat gemeinsam mit Kollegen die Studie wegen methodischer Mängel zur "Unstatistik des Monats" gekürt. Mit MEEDIA sprach er über den seiner Meinung nach fatalen Umgang von Medien mit Statistiken.

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In zahlreichen Medien wurde über die jüngste Studie  zum „Insektensterben“ berichtet. Teilweise konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Untergang der Welt kurz bevorsteht. Wie beurteilen Sie diese Art der Berichterstattung?

Professor Walter Krämer: Das aktuelle Insektensterben erinnert mich fatal an das Waldsterben der Neunziger. Wie die Junkies stürzen sich die Medien auf jeden Schrott, wenn er nur ihrer Sucht nach Bestätigung eines vorgefassten Weltbildes entgegenkommt.

Die Studie, auf die sich die Medien beziehen, wurde in dem renommierten Fachmedium „Plos One“ veröffentlicht. Kann man den Medien einen Vorwurf machen, wenn sie sich auf eine Veröffentlichung in solch einer Fachpublikation berufen?

Was heißt hier renommiert? Renommiert sind Science, Nature und die Proceedings of the National Academy of Sciences. In ein solches Topjournal hätte es diese Studie wegen zahlreicher methodischer Mängel nie geschafft. Inzwischen gibt es in der rot-grünen Panikmacherszene eine ganze Reihe von Journalen, die sich gegenseitig bauchpinselen, aber außer von den Medien und sich selbst von niemandem ernstgenommen werden

Beiträge in wissenschaftlichen Fachpublikationen werden allgemein vor Veröffentlichung wissenschaftlich geprüft. Sehen Sie hier Nachholbedarf?

Und ob. Ich war selbst jahrelang Herausgeber verschiedener Fachzeitschriften. Was unterhalb der Topebene an Schrott angeliefert und zum Teil auch gedruckt wird, ist geradezu unglaublich.

Die Autoren der Studie haben in einem langen Kommentar bei „Plos One“ die Methoden-Kritik aufgegriffen und zurückgewiesen. Für die Öffentlichkeit entsteht nunmehr der Eindruck eines „Experten-Streits“, so auch die Überschrift zu einem Interview mit Ihnen in der Welt. Für Laien ist es schwer zu beurteilen, welche statistische Methode korrekt ist, welcher Experte im Recht ist. Sehen Sie einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Es gibt ein paar Hilfsmittel. Sobald jemand anfängt, von „statistischer Signifikanz“ zu schwafeln, ist er oder sie oft schon ein Scharlatan. Ganz allgemein ist allen empirischen Ergebnissen zu misstrauen, die durch die Brille eines Modells betrachtet werden; solche Brillen verzerren oft.

Wurde bei der „Insektensterben-Studie“ auch mit einer solchen „Brille“ gearbeitet? Wie funktioniert das, wenn man empirische Ergebnisse durch „die Brille eines Modells“ betrachtet, haben Sie da ein Beispiel?

Es wurde ein Regressionsmodell angepasst. Im einfachsten Fall wird hier eine Gerade durch eine Punktwolke gelegt. Und damit unterstellt, der Zusammenhang zwischen den betrachteten Variablen wäre linear. Kann sein, muss aber nicht

Gemeinsam mit Kollegen küren Sie jeden Monat die „Unstatistik des Monats“, die Untersuchungen zum „Insektensterben“ wurden nun schon zweimal mit der Negativ-Auszeichnung bedacht. Trotzdem dringen Stimmen, die sich kritisch mit der Methodik der Untersuchungen auseinandersetzen, in der Öffentlichkeit kaum durch. Finden Sie das frustrierend?

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Das liegt in der Natur der Sache, methodische Fragen sind in der Regel nichts für Laien.

Medien scheinen regelrecht besessen von Statistiken und Studien. Mangelt es generell an Kompetenz, diese korrekt zu lesen, bzw. einzuordnen?

Ja, hier existiert ein riesiges Defizit. Ich kenne keinen Journalisten, der weiß, was „signifikant“ bedeutet.

Sie selbst betonen, dass Ihre Kritik an der Methode der „Insekten-Studie“ keine Rückschlüsse darüber zulässt, ob und in welchem Umfang es tatsächlich ein Insektensterben gibt. Machen Sie trotzdem die Erfahrung, wegen Ihrer Kritik als „Leugner des Insektensterbens“ dargestellt zu werden?

Das bin ich gewöhnt, das macht mir inzwischen nichts mehr aus.

Haben die deutschen Medien Ihrer Beobachtung nach einen Hang zur Apokalypse?

Nicht nur einen Hang, geradezu eine Sucht. Betrachten Sie mal die Tabelle auf Seite 48 meines Buches „Die Angst der Woche“: die Frankfurter Rundschau und die Süddeutsche Zeitung publizieren das Vierfache an Panikmeldungen jährlich wie der Figaro oder La Repubblica in Italien.

Wenn Sie einen Wunsch an die Medien frei hätte, welcher wäre das?

Weniger predigen, mehr berichten. Einfach mal ohne Vorurteile nur die Fakten sprechen lassen.

Die Fragen an Prof. Walter Krämer wurden via E-Mail gestellt.

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