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„Zitier-Kartell“? „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke widerspricht Kritik an Rechercheverbund NDR, WDR und SZ

Bild-Chef Julian Reichelt, Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, „Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke (v.l.): Debatte um Rechercheverbund
Bild-Chef Julian Reichelt, Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke (v.l.): Debatte um Rechercheverbund

Der Rechercheverbund aus NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ist konkurrierenden Medien zur SZ schon länger ein Dorn im Auge. Jüngst erlangte das Recherche-Trio mit den "Paradise Papers" wieder große Aufmerksamkeit. Vorwürfen, es handle sich hier um ein "Zitier-Kartell", hat "Tagesschau"-Chefredakteur Kai Gniffke nun widersprochen. Eine interne Auswertung habe ergeben, dass Spiegel und Bild in der ARD-Nachrichtensendung häufiger zitiert werden, als die SZ.

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Gegenüber dem NDR-Medienmagazin „Zapp“ sagte Gniffke: „Es gibt keine Vorzugsbehandlung für irgendein Medium. (…) Wenn eine Recherche so gut und Ereignis so relevant ist, dass sie die Relevanzkriterien der ‚Tagesschau‘ erfüllt, dann kommt sie in die Sendung. Wenn nicht, dann nehmen wir auch Abstand von solchen Recherchen.“ Die „Tagesschau“ hat laut Gniffke in den Jahren 2015 und 2016 sogar mitgezählt, wie oft das Recherche-Kollektiv WDR, NDR, SZ in der 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ und den „Tagesthemen“ zitiert wurde und wie oft Spiegel und Bild. Demnach seien Spiegel und Bild in den beiden Jahren sogar häufiger zitiert worden. Eine solche Auswertung lässt freilich keine Rückschlüsse zu, wie oft die SZ zitiert worden wäre, würde es das Recherche-Kollektiv nicht geben. Auch Art und Umfang der Berichterstattung werden hier nicht berücksichtigt. Im Falle der „Paradise Papers“-Enthüllungen zeigte die Hauptausgabe der „Tagesschau“ auf Position eins einen sehr ausführlichen Bericht, auch SZ-Investigsativreportr Bastian Obermayer kam darin ausführlich zu Wort.

Die Auswertung des „Tagesschau“-Chefs wird die Zweifel seiner Journalisten-Kollegen also vermutlich kaum zerstreuen. Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer wird von „Zapp“ mit den Worten zitiert: „Gemeint ist damit, dass Nachrichten, die aus diesem Verbund entstehen eine Vorzugsbehandlung erhalten, ja? Und das, glaube ich, ist die Wahrheit.“ Bild-Chef Julian Reichelt sagt: „Das ist eine ganz klare Form von Media-Leistung, von Markenwerbung für die Süddeutsche Zeitung. Ohne diesen Verbund gäbe es das so in diesem Umfang niemals.“

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Auch Medienwissenschaftler kommen in dem „Zapp“-Beitrag zu Wort. Stephan Ruß-Mohl wird aus seinem Buch „Die informierte Gesellschaft“ zitiert mit den Worten, „gefühlt“ würde in „jeder zweiten ‚Tagesschau‘ oder ‚Tagesthemen‘-Sendung namentlich der Recherchepool von NDR, WDR und ‚Süddeutscher Zeitung‘ als Quelle genannt'“. Dies sei „nicht nur Selbstbeweihräucherung, sondern auch Gratiswerbung für eine von mehreren deutschen Qualitätszeitungen“. Volker Lilienthal, Professor für Qualitätsjournalismus an der Hamburger Universität, erkennt zwar „leichte wettbewerbliche Effekte“, meint aber, dass Leute nicht einfach zur Zeitung greifen, weil diese in den Nachrichtensendungen genannt wird.

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