Der Fall Meditonsin: Wie verdeckte Homöopathie-PR in eine Tageszeitung kommt

Marketing Beim Thema Homöopathie treffen Kritiker und Befürworter oft mit geradezu missionarischem Eifer aufeinander. Aktuell sorgt eine Artikel aus der Wilhelmshavener Zeitung für Aufregung im Social Web, der angebliche Vorteile eines beliebten homöopathischen Erkältungsmittels hervorkehrt. Der nicht als Werbung oder PR gekennzeichnete Text stammt von einer Agentur, die zu einem „Institut für Naturheilkunde und Kommunikation e.V.“ gehört.

von Stefan Winterbauer

Besagtes Institut ist ein eingetragener Verein und hat sich laut Auskunft auf der Website zur Aufgabe gemacht, Naturheilkunde-Themen „einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen“. Jenes Institut betreibt wiederum eine Medien-Agentur namens White Lines, die Redaktionen Beiträge „hauptsächlich aus dem Bereich Gesundheitsvorsorge, -erhaltung und -therapie“ anbietet.

So fand der Artikel „Eine Medizin für die ganze Familie“ den Weg auf eine Medizin-Seite der Wilhelmshavener Zeitung. Der Text befasst sich mit einer Kundenbefragung, die die Wirksamkeit des homöopathischen Erkältungsmittels Meditonsin belegen soll. Dass eine Kundenbefragung als „Studie“ ausgegeben wird, kann man per se kritikwürdig finden. Auf der Homöopathie-kritischen Website „Susanne braucht keine Globuli“ wurde die „Studie“ bereits Anfang November umfangreich analysiert und massiv kritisiert. Fazit: „Ein eigentlich unglaubliches Beispiel, wie dem Publikum heiße Luft als Werbung für Nichts dargeboten wird.“

Trotzdem wird ebenjene „Studie“ über diverse Medien bemerkenswert unkritisch verbreitet. In dem Artikel der Wilhelmshavener Zeitung heißt es u.a.: „Ein über Jahrzehnte millionenfach bewährtes homöopathisches Erkältungsmittel aktiviert die körpereigenen Selbstheilungskräfte, bekämpft die Erreger und hilft Erkältungsgeplagten.“ Über Zweifel an der Wirksamkeit solcher Medikamente oder die mangelnde Aussagekraft der „Studie“ erfahren die Leser der Medizinseite nichts. Stattdessen stiftete die Redaktion der Zeitung zusätzlich Verwirrung, als sie in einem Kommentar zu einem Facebook-Beitrag des Informationsnetzwerks Homöopathie fälschlicherweise andeutete, der Artikel stamme von der Deutschen Presseagentur (dpa). Die dpa hat aber mit dem Text und seiner Verbreitung nichts zu tun.

Die Wilhelmshavener Zeitung ist mit der Verbreitung des Jubel-Textes nicht alleine. Artikel über die angebliche „Studie“ und Meditonsin schafften es in zahlreiche Medien, u.a. Idee für mich, Kraichgau News oder die Enzkreis Rundschau. Das sind teilweise Beilagen oder Gratismedien aber eben auch echte Zeitungen wie die Wilhelmshavener Zeitung. Von einer Tageszeitung sollte man eigentlich eine transparentere Trennung zwischen PR- und Redaktionsinhalten erwarten können. Der Leiter der Lokalredaktion der Wilhelmshavener Zeitung erklärte auf Nachfrage von MEEDIA, dass er keine Veranlassung sehe, einen solchen Artikel wie „Eine Medizin für die ganze Familie“ als Werbung zu kennzeichnen. Der Text stamme schließlich „von einer Agentur“, das sei ganz normal. Auf Nachfrage bei White Lines bezeichnet man den Text übrigens als „klassischen PR-Beitrag“, der „selbstverständlich“ gratis verbreitet würde. Eine Info, die vielleicht auch Leser der Wilhelmshavener Zeitung interessiert hätte.

Schon gelesen?