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Warum der „Fett und arm“-Spruch nicht das eigentliche Problem von P7S1-Boss Thomas Ebeling ist

ProSiebenSat.1-CEO Thomas Ebeling
ProSiebenSat.1-CEO Thomas Ebeling

Wenn der CEO einer TV-Sendergruppe in einer Telefonkonferenz mit Analysten seine Zuschauer als "bisschen fett, bisschen arm" bezeichnet, dann ist das zu allererst einmal keine gute Idee. Das alte Schlagwort vom "Unterschichtenfernsehen", das Harald Schmidt geprägt hat, steht im Raume. Dabei braucht es keinen Thomas Ebeling, CEO von ProSiebenSat.1, für eine solche Diagnose. Um zu erkennen, dass Privatfernsehen zu großen Teilen nicht für einkommensstarke Eliten produziert wird, genügt ein Blick ins Programm. Ein Kommentar.

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Das Programm am Nachmittag eines x-beliebigen Werktages im deutschen TV zerfällt praktisch in zwei Teile. Einmal gibt es Pseudo-Dokus, so genannte Scripted Reality Formate mit hohem Brüll- und Blaulicht-Faktor, zu sehen. Die Protagonisten sind meist sehr stark tätowiert. Auf der anderen Seite werden Wiederholungen sattsam bekannter US-Sitcoms abgenudelt. Für das erstgenannte Prinzip steht der P7S1-Sender Sat.1, für das zweite ProSieben. RTL ist übrigens keinen Deut anspruchsvoller, ARD und ZDF nur in Maßen.

Aber es ist nicht nur das Nachmittagsprogramm. Seit dem Rückzug von Stefan Raab als Sendergesicht hat ProSieben für die Primetime noch keinen adäquaten Ersatz gefunden. Das Duo Joko & Klaas reduziert eher sein Engagement. Der Koch Steffen Henssler ist zwar augenscheinlich mit einem großen Ego ausgestattet, die Klasse von Raab erreicht er aber bei weitem nicht. Eine Show wie „The Voice of Germany“ wird als eins der wenigen Qualitätsformate derart mit Werbung zugepflastert, dass immer schwerer fällt, der Sendung zu folgen.

Dass sich anspruchsvolle Zielgruppen hier zusehends abwenden, kann eigentlich keine Überraschung sein. Es ist schon vielsagend, wenn Ebeling im Call mit Analysten spottet, der Content von Netflix sei oft „sehr, sehr Arthouse like“. Soll wohl heißen: Zu anspruchsvoll für die eigene Zielgruppe. Der aktuelle Vorgang mit dem scheinbar außer Rand und Band geratenen TV-Boss passt zur Zeit. Bei ProSiebenSat.1 läuft es aktuell nicht gut. Der Aktienkurs schwächelt, Prognosen mussten gesenkt werden, ein Strukturprogramm samt Kostenoptimierung steht vor der Tür.

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Dabei wird vielleicht übersehen, dass eine Äußerung wie in diesem Analysten Call zu Ebeling passt wie die Faust aufs Auge. Der frühere Pharmamanager galt schon immer als einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt, der auch keine Probleme damit hat, eigene Top-Manager vor versammelten Journalistenrunden barsch zurechtzuweisen. Ebeling ist ein eingefleischter Klartexter.

Als er ProSiebenSat.1 2009 übernommen hat, stand es schon einmal nicht gut um die Gruppe. Die Schuldenlast drückte, die Finanz-Investoren, denen der TV-Konzern damals gehörte, wollten eine brutale Sanierung und Ebeling hat geliefert. Er hat die Gruppe auf Digitalisierung und E-Commerce getrimmt, das aus seiner Sicht lästige News-Geschäft abgestoßen, den Kurs in die Höhe getrieben und den Konzern schlussendlich in den DAX geführt. Nur hat er dabei mit der Zeit scheinbar so ein bisschen vergessen, sich ums Programm zu kümmern. Letztlich ist sein „fett und arm“ Spruch gegenüber den Analysten nichts wesentlich anderes als der olle Spruch von Helmut Thoma, der mal über das RTL-Programm gesagt hat, der Köder müsse dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Nur halt ein bisschen derber, direkter. Ebeling-Style eben. Das eigentliche Problem von Thomas Ebeling ist, dass seine Köder zusehends auch den Fischen nicht mehr so recht munden wollen.

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