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Beisenherz in der Form seines Lebens: „Fußball MML“ ist der Mercedes unter den Podcasts

Liefert beim Podcast „Fußball MML“ ab: Micky Beisenherz
Liefert beim Podcast "Fußball MML" ab: Micky Beisenherz

Noch lustiger als ein Interview mit Hans Meyer, noch alberner als das großkarierte Sakko von Uli Stielike: „Fußball MML“, der Sky-Podcast von Micky Beisenherz, Maik Nöcker und Lucas Vogelsang, macht den Bundesligafußball schöner, als er derzeit ist. Medien und Gesellschaft bleiben auch nicht unangetastet, und Beisenherz grüßt schon mal mit einem flotten „Heil Hitler!“. Zeit für ein Loblied.

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Der Moment, in dem ich mich mit diesem Podcast verloben wollte, lässt sich genau benennen: Staffel 1, Folge 2, Minute 23.

Nöcker: „Ich komme ja aus Gütersloh …“

Beisenherz: „… kennen wir uns jetzt schon so gut, dass wir uns sowas sagen? Soll ich jetzt erzählen, dass ich mir die Wachstischdecke gerne zur Unterhose umnähe?“

Vogelsang: „Also ich habe Bier in dem Ablauf hinter der Kloschüssel versteckt …“

Beisenherz: „Lucas, ich habe von dir jetzt eigentlich so einen Gag wie ‚Hunting High in Güters-Low‘ erwartet.“

Freunde des politischen Kabaretts, also vorwiegend Sozialkunde-Lehrer, können darüber nicht lachen; die Herren von der Titanic, vorwiegend angezogen wie Sozialkundelehrer, die Micky Beisenherz den Look eines stets frisch fellationierten Mannes angedichtet haben, wollen nicht. Alle anderen legen sich ab, wecken vielleicht sogar die Kinder, dürfen schließlich dankbar dafür sein, dass „Fußball MML“ eine große Lücke immerhin zum Teil wieder schließt.

Methadon für den fehlenden Gieselmannrausch

Denn wer erleben wollte, wie der Fußball humoristisch ausgebeutet wird, der fand bis vor einem Jahr in den Livetickern von Dirk Gieselmann sein Hochamt. Um nur zwei Beispiele zu nennen:. „Luiz Gustavo trägt einen Schnubbi, wie wir ihn aus Berlin von gescheiterten Kunstgroßhändlern kennen. Was jetzt nicht sein muss: Wie sich der Brasilianer auf dem Klo die Nase pudern geht und anschließend einer Kunststudentin einen Heiratsantrag aus Eigenurin auf Leinwand pinkelt.“ – „Was haben Andres Iniesta und ein kleiner blasser Junge, dem im Freibad die Klamotten geklaut wurden, gemeinsam? Sie sind nicht wieder aus der Kabine gekommen.“ Dafür hätte es nicht nur Journalisten-, sondern auch Literaturpreise geben müssen. Dass uns nach Dirk Gieselmanns Abgang von 11 Freunde ein anderer Autor diesen absurd aufgeblasenen Fußball so herrlich wieder herunterschreibt, ist ausgeschlossen. Aber für den fehlenden Gieselmannrausch gibt es mittlerweile ein ziemlich gutes Methadon: „Fußball MML“.

Wenn nicht gerade der Wurm drin ist, erscheint der Podcast wöchentlich; meistens Mitte der Woche, zunächst bei Soundcloud, inzwischen auch bei Spotify. Vorwiegend sprechen die drei Herren über Bayern und Dortmund. Das mögen Fans anderer Vereine gemein finden, es ist aber völlig richtig. Denn „Fußball MML“ will in erster Linie Entertainment bieten, und mit dieser Intention landet man automatisch bei den beiden Vereinen mit dem höchsten Unterhaltungswert. Dazu kommt, dass Micky Beisenherz und Maik Nöcker BVB-Fans sind. Was der Sky-Moderator allerdings zu verschleiern versucht. Leider gelingt ihm das so gut, wie es Siegfried und Roy bis zu ihrem offiziellen Outing gelungen ist, ihre Homosexualität zu verschleiern.

Mein Opa ist mit 38 nach Argentinien gegangen!“

Die Show hat einen hübschen Rahmen, sie beginnt mit einem Cold Open, an dessen Ende Maik Nöcker mit „Musik bitte!“ in alter Conferencier-Manier den Jingle anfordert, und sie endet damit, dass sich Beisenherz vom Mikro entfernt und in alter Heinz-Wäscher-Manier auf die unfähigen Kollegen schimpft. Laut Lucas Vogelsang, den man im Telefoninterview übrigens nur unterbrechen kann, wenn man kurz auflegt, war Fußball MML die Idee von Maik Nöcker. Der Sky-Moderator habe Podcasting als das nächste große Ding erkannt und die mit ihm und untereinander verkumpelten Vogelsang und Beisenherz von seiner Idee überzeugt.

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Beeindruckend ist, dass der Podcast seit der ersten Folge läuft wie ein Länderspiel. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Nöcker und Vogelsang ihren dritten Mann glänzen lassen. Und Micky Beisenherz, 40 Jahre alt, aufgewachsen in Castrop-Rauxel, ausgebildet bei Radio NRW und dem Mann des lebenden Tierheims Sonja Zietlow, ist in der Form seines Lebens. Beispiele: Auf Maik Nöckers Bemerkung, Beisenherz habe gerade zum ersten Mal die Musik anmoderiert, antwortet der: „Das war G.G. Anderson mit ,Nein heißt ja, wenn man lächelt so wie du‚, ein Song, der immer noch gerne um 23.30 Uhr auf Frauenparkplätzen gepfiffen wird“. Auf Lucas Vogelsangs Ausführungen darüber, dass der gerade 29-jährige Spieler Anthony Modeste und der gerade 50-jährige Trainer Roger Schmidt bereits nach China gehen, antwortet er: „Aber Lucas, sieh es mal von der Seite: Mein Opa ist mit 38 nach Argentinien gegangen!“ Und auf den Einzug der AfD in den Bundestag antwortet er: „Heil Hitler!“

In seiner Stern.de-Kolumne degradiert sich Beisenherz zur Witzmaschine

Wie so viele Humoristen ist Micky Beisenherz im ungeprobten Dialog am besten, das war schon in der Zusammenarbeit mit Oliver Polak in „Das Lachen der Anderen“ zu sehen und wird in „Fußball MML“ überdeutlich. Dass Beisenherz dermaßen viel draufhat, überrascht allerdings doch. Denn manchmal wirkt er ja einfach nur überpräsent und übermotiviert. In seiner Kolumne bei stern.de zwingt er in jeden Satz einen Gag und degradiert sich damit selbst zur Witzmaschine. Bei „Fußball MML“ ist seine Taktung auch enorm hoch, doch weil in der Improvisation nicht jeder Satz ein Schenkelklopfer sein kann und auch noch zwei andere Herren mitreden, hat die Witzmaschine auch mal Pause. Außerdem darf er sich hier nebenbei als der Fußballfachmann präsentieren, der er ebenfalls ist.

Und dank „Fußball MML“ wissen wir nun auch, das Micky Beisenherz ein brillanter Parodist ist. Im Repertoire hat der frühere Strähnchenträger unter anderem: Helm-Peter (Kult-Fan, Baby da), Reiner Calmund, Helmut Kohl, Heinz Rühmann, Uli Hoeneß, Norbert Blüm, Werner Hansch und, zum Niederknien, Fritz von Thurn und Taxis: „Der Grrrroßartige, der Tausendsassa, den kannst du überall einsetzen auf dem Feld, liest privat auch gern ein Buuuuuch … Der hat keine Schienbeinschoner, der hat ein Reclam-Heft in seinen Stutzen!“

Jetzt machen wir das ein bisschen jörgknörig“

Nun gilt die Prominentenparodie zwar als die uncoolste Comedy-Disziplin, aber „Du hast total schöne Augen“ gilt ja auch als der uncoolste Anmachspruch und funktioniert trotzdem, solange man deutlich macht, dass man sich der Uncoolness bewusst ist. Micky Beisenherz gelingt die Distanzierung, indem er Empörung über den eigenen Griff in die Schenkelklopfer-Kiste simuliert und dabei auch gerne den Stimmenimitatorteufel an die Wand malt: „Jetzt machen wir das ein bisschen jörgknörig: Wer war das, wo kam der denn her? Und wer kommt denn da hinten? Reiner Calmund!“ Und dann: „Nee komm, auf die Scheiße habe ich keinen Bock.“

Dass ihm Maik Nöcker und Lucas Vogelsang nicht nur viele Gags auflegen, sondern seine größten Fans sind und manchmal in fast hysterisches Gelächter ausbrechen, trägt immens zum Unterhaltungswert der Sendung bei. Ansteckendes Sidekick-Lachen ist als Erfolgsfaktor von Comedy bislang ja noch völlig unterbelichtet, dabei hat Manuel Andrack jahrelang bewiesen, wie man damit einer ohnehin schon großartigen Sendung etwas Ekstatisches verleiht.

Der Philosoph Wolfram Eilenberger vs. „Intellektuelle Kackscheiße“

Weil Beisenherz derart phänomenal abliefert, rücken die Leistungen seiner Domestiken natürlich in den Hintergrund. Es soll und darf aber nicht verschwiegen werden, dass Welt-Autor Lucas Vogelsang die an Jürgen Kohler gerichtete Westernhagen-Variation „Ich bin froh, dass ich kein Decker bin“ erfunden hat. Und außer ihm decouvriert hierzulande höchstens noch der Philosoph Wolfram Eilenberger derart präzise die gesellschaftlichen Implikationen des Fußballs. „Intellektuelle Kackscheiße“ nennt das Maik Nöcker, der rechtsextreme Fußballfans auch schlicht als „Arschgeigen“ und das Auftreten von 1860 München als „asozial“ bezeichnet. Das ist, weil es sprachliche Ausnahmen bleiben, erfrischend deutlich. Und überhaupt ist Nöcker für einen deutschen Sportmoderator bemerkenswert meinungsfreudig. Da wird schon mal, wie in der Folge „Comical Susi und der Dominoeffekt der Liga“ mit großer Verve und minutenlang die Europa-League zu der Witzveranstaltung erklärt, die sie ja auch ist.

Am Ende bleibt nur ein deutlicher Hörbefehl. „Fußball MML“, dank Maik Nöckers Engagement übrigens der erste Podcast von Sky, ist viel zu gut für einen Geheimtipp unter humorsuchenden Fußballfans. Was der Mercedes unter den Autos, oder eher, was der Mercedes SEC unter den Ludenkarren war, ist „Fußball MML“ unter den Podcasts: mächtiger, protziger, besser ausgestattet als die anderen. Und vor allem: viel cooler.

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Alle Kommentare

  1. der podcast ist ja schon geil, aber der artikel ist noch lustiger! Besten dank dafür, vor allem für den siegfried-und-roy-vergleich.

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