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MEEDIA-Wochenrückblick: Als die Sexismus-Debatte in den Medienbetrieben ankam …

Paradise Papers, Sexismus, Disney und 21st Century Fox
Paradise Papers, Sexismus, Disney und 21st Century Fox

Ein paar Gedanken zur Mega-Enthüllungsstory Paradise Papers. Das Sexismus-Thema kommt nun (endlich) auch bei den Medienbetrieben an. Bald erwartet uns noch ein Streamingdienst und in den USA gab es eine ganz und gar ungewöhnliche Vorführung des neuen „Thor“-Films. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Die Story der Woche waren natürlich die Paradise-Papers-Enthüllungen des Rechercheverbunds aus Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR in Kooperation mit dem internationalen Recherchenetzwerk ICIJ. Die Ähnlichkeiten zu den Enthüllungen der Panama Papers sind groß: Wieder geht es um internationale Finanz-Verflechtungen von Reichen, Einflussreichen und Firmen. Wieder geht es um zig Millionen Datensätze, die von vielen, vielen Journalisten unter großer Geheimhaltung ausgewertet wurden. Die Relevanz solcher Enthüllungen ist in großen Teilen zweifelsohne gegeben. Dass etwa der Weltkonzern Apple nach willigen Ländern fahnden lässt, in denen es möglichst keine störende Opposition und null Steuerlast gibt, ist durchaus skandalös. Ebenso das Gebaren von Reichen, Superreichen und Firmen, die allem Anschein nach ohne Skrupel und Maß gesetzliche Lücken ausnutzen, um auch noch das letzte bisschen Kohle vom Staat fernzuhalten.

Ich habe trotzdem ein zwiespältiges Gefühl bei diesen neumodischen Leaks-Enthüllungen, die mittlerweile in einer gewissen Regelmäßigkeit stattfinden. Zum einen ist da der Aspekt eine gewissen (Über)-Inszenierung. Der eigentlich pensionierte ARD-Reporter Christoph Lütgert ist auch hier wieder mit reichlich Spesen im Gepäck um die Welt gejettet, um die offen gelegten Auswüchse des Großkapitalismus anzuprangern. Wie gewohnt ist er dabei gefühlt mindestens so oft selbst im Bild, wie die Objekte seiner Berichterstattung. Bei der SZ haben sie erneut unzählige Artikel samt eigener grafischer Aufmachung lanciert, der Chefredakteur hat Apple-CEO Tim Cook einen empörten Brief geschrieben usw. Die Eins in der Hauptausgabe der „Tagesschau“ am vergangenen Sonntag war den Enthüllern ohnehin sicher. Immerhin ist der „Tagesschau“-Sender NDR mit im Boot. Ein anderer Punkt, der mich nachdenklich macht, ist, dass diese Daten-Enthüllungen mittlerweile zu einer Art journalistischem Rohstoff geworden sind, der durchaus wiederverwertbar scheint. Im Zuge der Paradise Papers berichtete die Süddeutsche u.a. groß über die Aktivitäten des deutschen Autovermieters Sixt auf Malta. Fast exakt dieselben Vorwürfe konnte man freilich schon im Mai im Spiegel Nr.21 lesen, in einem langen Artikel („Wenn kein Postmann klingelt“) über die Steueroase Malta. Die Spiegel-Enthüllungen entstammten einem Datenleck, das dem Rechercheverbund EIC zugespielt wurde, wenn man so will der Konkurrenzverein zum ICIJ, bei dem die Süddeutsche engagiert ist.

Für investigativ arbeitende Medien sind solche Daten-Lecks sehr wichtig geworden. Es winken Renommee und der eine oder andere Journalistenpreis. Klappern gehört zwar auch hier zum Handwerk, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob in allen Fällen noch eine gesunde Balance zwischen Erkenntnisgewinn und Eigen-PR gewahrt bleibt.

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Ein anderes Dauerbrenner-Thema ist die Sexismus-Debatte, die in dieser Woche endlich auch in der Medienbranche angekommen ist. stern-Autorin Ulrike Posche hat detailliert so einiges aufgeschrieben, was man als Frau im Medien-Biz Unschönes erleben kann. Das lässt einem den Atem stocken und ist bestimmt noch nicht alles. Vergangenen Woche schrieb Antonia Baum in der Zeit einen lesenswerten Beitrag zum Thema, in dem der Medienbezug auch eine zentrale Rolle spielte. Sie schilderte u.a. ein Treffen mit einem potenziellen Vorgesetzten aus dem Medienbetrieb:

Noch einen Wein für dich, seine Hand auf meiner – come on, da sind wir doch nicht so. Wir sind superentspannt! Natürlich werden solche Grauzonen-Fälle begünstigt, wenn Berufliches und Privates nicht getrennt werden, was entscheidend mit dem bevorzugten Selbstbild der Branche zu tun hat (man duzt sich, geht zusammen auf Partys, denkt zusammen über ganz große Dinge nach, für die man zusammen wie wahnsinnig brennt, weswegen ich Siezen inzwischen für eine wirklich sehr gute Idee halte).

In dem Artikel wird auch ein Text von Welt am Sonntag-Chef Peter Huth angesprochen, der mal eine Praktikantin zum Essen einlud, die später seine Frau wurde („Wir trafen uns bei einem Italiener. Dass es kein normales Rendezvous war, nicht sein konnte, war mir damals nicht klar. Es war ein ungleiches Treffen, nicht boy meets girl, sondern boss meets girl.“). Antonia Baum:

Es ist zumindest fraglich, ob er den Artikel auch geschrieben hätte, wenn aus dem Dinner keine, na ja, heilige Verbindung geworden wäre. Denn man stellt sich doch der Liebe nicht in den Weg, selbst wenn sie aus der typischen und ziemlich gemeinen Konstellation machtvoller Mann und hübsche Praktikantin hervorgegangen ist.

Tja, das ist wohl fraglich. Interessanterweise läuft das immer nur in einer Richtung: mächtiger Mann und Praktikantin, boss meets girl. Dass das Alpha-Männchen die Praktikantin am Ende heiratet, gilt als Happy End. Und doch zementiert genau das die Machtverhältnisse. Von Chefredakteurinnen, die männliche Praktikanten zum Essen einladen, um sie später bestenfalls zu heiraten, hört man wenig. Eckart von Hirschhausen hat das Phänomen schon mal humoristisch aufgedröselt:

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Wobei es natürlich auch daran liegen könnte, dass es schlicht nicht so viele Chefredakteurinnen. Chefärztinnen und Managerinnen gibt.

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Anderes Thema: Kommen Sie eigentlich noch mit dem Gucken hinterher? Vermutlich gab es noch nie so viel wirklich gute fiktionale TV-Unterhaltung wie heute. Das haben wir ganz maßgeblich den Streamingdiensten wie Amazon Prime und vor allem Netflix zu verdanken. Deren 80er-Jahre-Mystery-Serie „Stranger Things“ ist mithin das Beste, was ich persönlich seit langer Zeit im TV gesehen habe. Und der Trailer zur ersten deutschen Netflix-Serie „Dark“ sieht auch schon wieder fantastisch aus. Die traditionellen Medienkonzerne sind alarmiert. Darum hat Disney nun wohl auch ein Interesse an dem Filmstudio 21st Century Fox und will seine eigene Streamingbude aufmachen. Was wiederum bedeutet, dass die ganzen Disney, Pixar und Star Wars Filme bei Netflix abgezogen werden, wo sie derzeit noch als Lizenzware zu sehen sind. Ich glaube nicht, dass Netflix das schaden wird. Mittlerweile sind es die Eigenproduktionen, die darüber entscheiden, ob man so einen Dienst abonniert oder nicht.

Zu den Dingen, die das klassische Fernsehen noch besser kann als Streamingdienste, gehören Shows. Dieses Video aus der „Late Show“ mit James Corden ist zwar schon einige Tage alt aber so witzig, dass ich es hier als Rausschmeißer nehmen möchte. In einem Kino der USA wird die Vorstellung von „Thor: Ragnarok“ (auf deutsch unfassbar dämlich „Thor: Tag der Entscheidung“) unterbrochen. Der leibhaftige James Corden tritt auf und der komplette Cast von Thor (u.a. Chris Hemsworth, Cate Blanchett, Jeff Goldblum) spielt den Film in billigen Kostümen vor dem begeisterten Kino-Publikum nach. Das ist sehr, sehr lustig.

Schönes Wochenende!

PS: Und hier noch der Hinweis auf die aktuelle Folge des Podcasts „Die Medien-Woche“ von mir und meinem Kollegen Christian Meier von der Welt. Diesmal spricht Stefan Aust über Verschwörungskrimis im Fernsehen, es geht auch um die Paradise Papers, den VDZ Kongress in dieser Woche und am Ende tritt sogar ein nicht ganz unbekannter Hollywood-Star auf …

 

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