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Sexismusdebatte bei Sandra Maischberger: von Anfang an zum Scheitern verurteilt

Sexismus und sexuelle Gewalt waren die Themen bei Sandra Maischberger
Sexismus und sexuelle Gewalt waren die Themen bei Sandra Maischberger

Würde es für die gestrige Ausgabe des Talkformats "Maischberger" im Ersten eine schulische Bewertung geben, hieße diese wohl "Thema verfehlt". Denn in der Gesprächsrunde mit dem Titel "Sexuelle Nötigungen, Lügen, Vorurteile - Stehen Männer jetzt unter Generalverdacht?" wurden etliche Aspekte wirr miteinander vermischt. Dabei wären ausgerechnet in der aktuellen Sexismusdebatte Klarheit und Tiefgang so wichtig.

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Schon die Sendungsbeschreibung in der ARD-Mediathek verheißt nichts Gutes: „Warum tun sich Gerichte bei sexueller Gewalt häufig so schwer mit der Wahrheitsfindung? Aktuell haben die Enthüllungen über Harvey Weinstein eine weltweite Sexismusdebatte ausgelöst. Doch wo beginnt Sexismus?“

Falschbeschuldigungen, Harvey Weinstein, was ist Sexismus: Hier wird einfach mal alles in einen Topf geschmissen, eine tiefgreifende Diskussion kann so sicher nicht funktionieren. Von Anfang an war der Talk also zum Scheitern verurteilt.

Zu Gast waren Teresa Bücker, Chefredakteurin von Edition F, die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die ehemalige Frauenbeauftragte Anja Keinath, die Sat-1-Moderatorin und Journalistin Marlen Lufen sowie der Schauspieler Hannes Jaenicke, dessen Film „Meine fremde Freundin“ über Sexismus am Arbeitsplatz und eine erlogene Vergewaltigung unmittelbar vor dem Talk im Ersten lief.

Sie alle sollten über das Thema der Stunde in unserer Gesellschaft diskutieren: Sexismus und sexuelle Gewalt. Oder etwa nicht? Fast die Hälfte der Sendezeit dreht sich die Diskussion bei „Maischberger“ zunächst um falschbeschuldigte Vergewaltiger. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Dieses Thema ist wichtig und verdient Aufmerksamkeit. Durch Falschbeschuldigungen können Karrieren und Leben zerstört werden. Der während der Sendung als Beispiel angeführte Fall eines Lehrers, der fünf Jahre unschuldig wegen Vergewaltigung in Haft saß, ist erschütternd. Aber was hat dies mit der aktuellen Sexismusdebatte zu tun? Und warum wird nicht über das gesprochen, was die #MeToo-Kampagne schmerzhaft offenlegt?

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Erst nach über zwanzig Minuten schafft es Teresa Bücker, das Thema in diese Richtung zu lenken und betont, etliche internationale Studien würden zeigen, dass das Risiko für einen Mann im Laufe seines Lebens Opfer einer Falschbeschuldigung zu werden, extrem gering sei. Anschließend führt sie die Diskussion zur tatsächlich stattfindenden sexuellen Gewalt zurück. Zum einen würden 80 bis 85 Prozent der Vergewaltigungen nie zur Anzeige kommen, weil die Frauen Angst hätten, dass ihnen nicht geglaubt werde, so Bücker. Zum anderen sei es für Männer tatsächlich wahrscheinlicher, selbst Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, als Opfer einer Falschbeschuldigung.

Doch eine längere Auseinandersetzung damit bleibt den Zuschauern nicht gegönnt. Sandra Maischberger springt mit ihren Gästen weiter hin und her: Kurz kommt der Fall Kachelmann und damit wieder Falschbeschuldigungen auf den Tisch, Hannes Jaenecke erzählt von überaus bedenklichen sexistischen Situationen im deutschen Filmgeschäft, zwischendurch werden die Altherrenwitze angesprochen, irgendwann postuliert Gerichtsreporterin Friedrichsen, Frauen könnten sich ja schließlich auch wehren und natürlich werden auch die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein angerissen. Ganz zum Schluss schafft es Gisela Friedrichsen auch noch irgendwie, die Diskussion über Sexismus in der deutschen Gesellschaft vor den Karren der Flüchtlingspolitik zu spannen. Dies alles wird nun hektisch und chaotisch miteinander vermischt, stellenweise auf eine Stufe gestellt, ohne dabei an irgendeiner Stelle wirklichen Tiefgang zu erreichen

Wir befinden uns zurzeit in einer hitzigen, aufgeladenen und zum Teil durchaus widersprüchlichen Debatte. Etliche Texte, Kolumnen und Abhandlungen sind in den letzten Wochen zum Thema Sexismus und sexueller Gewalt veröffentlicht worden; zahlreiche Männer erklären derweil, sie seien mittlerweile verunsichert, was sie überhaupt noch dürften. Deutlich zeigt dies ein Blick auf die Nutzung des Hashtags #IchWars bei Twitter, den Männer in Anlehnung an #MeToo verwenden. Viele nutzen ihn, um Fehltritte zu beichten. Doch mindestens genauso viele lassen hier eben auch ihrem Trotz freien ihren Lauf, kündigen an, jetzt erst recht sexistisch werden zu wollen. Man wolle sich ja schließlich nichts vorschreiben lassen. Hier geht einiges gehörig durcheinander. Tiefe, Klarheit und Ausgeruhtheit sind gerade jetzt immens wichtig.

Die Diskussion muss weiter gehen, tiefer schürfen, deutlicher werden. Abhängigkeiten und Machtverhältnisse müssen thematisiert werden. Und gleichermaßen auch die Bewertungskultur in unserer Gesellschaft, die uns allen immer noch nahelegt, ein Kompliment müsse vor allem auf Äußerlichkeiten abzielen und in der Menschen immer noch jeden Tag ungefragt wertende Kommentare zu ihren Körpern bekommen. Es muss ein Dialog stattfinden zwischen allen Seiten, der weder pauschale Verurteilungen fördert noch ein Ablenken von der eigentlichen Debatte. Es wäre schön gewesen, wenn die „Maischberger-Redaktion ihren Teil dazu beigetragen hätte. Leider kam es anders.

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