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„Das Verhalten der Yellows schadet der ganzen Branche“: Promi-Anwälte glauben nicht an einen Sinneswandel

Glauben an keinen Sinneswandel in den Yellow-Verlagen von Julia Becker (m.,l.) und Philipp Welte (m.,r.): die Medienanwälte Christian Schertz (l.) und Christian-Oliver Moser (r.)
Glauben an keinen Sinneswandel in den Yellow-Verlagen von Julia Becker (m.,l.) und Philipp Welte (m.,r.): die Medienanwälte Christian Schertz (l.) und Christian-Oliver Moser (r.)

Die Branche diskutiert derzeit über die Qualität und Bedeutung der so genannten Regenbogenpresse. Während Kritik an den Yellow-Verlagen wächst, versuchen diese, die umstrittene Form des Journalismus zu verteidigen. Funke-Verlegerin Julia Becker deutete jüngst an, die umstrittene Methoden des Yellow-Journalismus auch kritisch zu sehen. Gegenüber MEEDIA zeigen sich die Medienanwälte Christian-Oliver Moser und Christian Schertz, skeptisch, dass sich etwas ändert.

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Ob Burda-Vorstand Philipp Welte, der neue VDZ-Präsident Rudolf Thiemann oder die designierte Funke-Verlegerin Julia Becker: In den vergangenen Tagen äußerten sich die Zeitschriften-Verleger an unterschiedlichen Stellen zur umstrittenen Form des Journalismus, mit der die Print-Branche eine Menge Geld verdient.

Im Zentrum der Äußerungen steht vor allem die Verteidigung. Welte sprach in der vorvergangenen Woche bei den Medientagen in München davon, Klatschblätter wie Freizeit Revue oder Freizeit Exklusiv (beide Burda) würden eine „belastbare Qualität“ in ihrer Berichterstattung vorweisen. Beim Publishers‘ Summit des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) in dieser Woche in Berlin ging auch der neue Verbandspräsident Rudolf Thiemann in seiner Antrittsrede auf den so genannten Unterhaltungsjournalismus ein, bezeichnete ihn als wesentlichen Teil des „Kerngeschäfts“ der Verlage. „Gutes Publizieren erschöpft sich nicht allein in politisch kritischem Journalismus. Es umfasst die gesamte Bandbreite unserer Produkte“, sagte Thiemann.

Die Verleger reagieren auf vermehrt geäußerte Kritik an Methoden und Auswüchsen der Yellow-Press, die oft mit erfundenen oder stark irreführenden Geschichten operiert, um die Auflage zu steigern. Der Verein Netzwerk Recherche vergab seinen Negativ-Preis „Die verschlossene Auster“ in diesem Jahr an die drei großen Yellow-Verlage Hubert Burda Media, Bauer Media und die Funke Mediengruppe. In der Begründung der Jury hatte es unter anderem geheißen, dass die Regenbogenpresse einen Teil zum Vertrauensverlust in die Medien beitrage.

Aus der Essener Funke Mediengruppe, in der Klatschblätter wie die aktuelle erscheinen, werden seit einiger Zeit durchaus selbstkritischere Töne angeschlagen. Julia Becker, designierte Verlegerin im Familienunternehmen, gab jüngst einen „Widerspruch im Hinblick auf den objektiven Journalismus“ zu, verteidigte die Arbeitsweise der Yellows zugleich aber, indem sie deren Qualität „journalistisch anders“ bewerten will als bei Tageszeitungen. Dabei unterstrich sie mehrfach den „unterhaltenden Auftrag“ der Yellows, räumte aber auch eine „moralischen Verpflichtung, Grenzen zu wahren“ ein. Zudem habe man habe bei Funke eigene Regeln definiert, nach denen man beispielsweise keine lebenden Menschen für tot erkläre oder „wirklich“ die Persönlichkeitsrechte von Menschen verletze.

Immer wieder argumentieren die Verlagsbosse auch mit dem Instrument des Medienrechts, zu dem Betroffene greifen könnten, um gegen unliebsame Berichterstattung vorzugehen. „Man kann auch, wenn man glaubt, dass es Fake News sind, zu Herrn Schertz oder Herrn Prinz gehen und versuchen uns zu verklagen“, erklärte Welte auf den Münchner Medientagen.

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MEEDIA hat unterschiedliche Medienanwälte kontaktiert und bei Christian Schertz von der Kanzlei Schertz Bergmann und Christian Oliver-Moser von Irle Moser nachgefragt, wie sie die jüngsten Äußerungen aus der Verlagsbranche bewerten. Dass sich die Regenbogenpresse aus ihrer Sicht zum Positiven entwickelt, wird von ihnen bezweifelt. „Dass sich die Verleger nun öffentlich äußern und Stellung zu den Praktiken ihrer Yellow-Magazine beziehen, verdeutlicht aber, welcher Druck mittlerweile auch wegen des Vorwurfs ‚Lügenpresse‘ auf dem Boulevard lastet“, urteilt Christian Schertz. „Was sie unterschätzen: Ihr Verhalten schadet der gesamten Branche und damit auch den seriösen Medien, die mit ihnen in einen Topf geworfen werden.“

Die Entwicklung zwinge Verleger nun, sich zu positionieren. „Sie versuchen, die Yellows deutlicher als Unterhaltungsmedium darzustellen, um sie vom kritischen Journalismus abzugrenzen“, so Schertz weiter. „Die Existenz unterhaltender Medien ist absolut berechtigt, ihnen sind aber klare Grenzen aufgelegt. Mittlerweile hat selbst die Oma im Schaukelstuhl verstanden, dass in den Yellows vorsätzlich, insbesondere auf den Titelseiten, Falschbehauptungen verbreitet werden.“

Dass es nun Verleger gibt, die für die Arbeitsweise ihrer Blätter eigene Regeln definieren, ergibt für die Medien-Anwälte keinen Sinn, wie Christian-Oliver Moser kommentiert. „Die Richtlinien, die Frau Becker definiert, finden sich in etwas abstrakterer Form auch im Pressekodex wieder. Der hat aber die Yellow Press bisher ebenfalls nicht davon abgehalten, teilweise systematisch Persönlichkeitsrechte zu verletzen“, so der Anwalt, der Mandanten wie Boris Becker vertritt.

Ich erlebe leider immer wieder, dass Journalisten im Yellow-Bereich das, was ‚Qualität‘ ist oder was ‚wirkliche‘ Beachtung der Persönlichkeitsrechte bedeutet, völlig anders definieren oder wahrnehmen als Betroffene selbst.“ Aus Mosers Sicht liegt darin sowie in der Marktsituation „die ganze Crux“, weshalb sich an der Qualität der Medien seiner Meinung nach nichts ändern wird. „Dafür ist der wirtschaftliche Druck in diesem Marktsegment meines Erachtens zu hoch“, so der Jurist. Schertz stimmt zu: „Solange es sich rechnet, gegen Persönlichkeitsrechte zu verstoßen, wird die Klatschpresse ihre Arbeit mehr oder weniger weiter verrichten wie bisher.“

Schertz wiederholt dabei eine Forderung, die Anwälte regelmäßig stellen: höhere Geldentschädigungen für Persönlichkeitsrechtsverletzungen. „Die Eingeständnisse von Funke-Verlegerin Julia Becker wirken aus unserer Sicht erst einmal authentisch“, meint Schertz. „Wie sie selbst deutlich macht, sind daran auch die zuletzt hohen Schmerzensgelder verantwortlich, die ihr Unternehmen mittlerweile zahlen muss. Wir selbst haben in jüngster Zeit wegen rechtswidriger Berichterstattung über Mandanten von uns Geldentschädigungen von 80.000 bis über 200.000 Euro gegen Funkes aktuelle durchsetzen können.“ Dafür haben die Juristen unter anderem mehrere Fälle und Verletzungen gesammelt. Laut Schertz scheinen Strafzahlungen in dieser Höhe den „Wahnsinn“ in den Redaktionen, wie er sich ausdrückt, zurückzufahren.

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