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„Vielleicht brauchen wir eine neue Hippie-Kultur“: Stephan Weichert fordert „Netzwende“ im Digitaljournalismus

Medienwissenschaftler Stephan Weichert von der Hamburg Media School organisiert unter anderem auch den Vocer Innovation Day
Medienwissenschaftler Stephan Weichert von der Hamburg Media School organisiert unter anderem auch den Vocer Innovation Day

"Das Geschäftsmodell des digitalen Journalismus ist kaputt", sagt Medienwissenschaftler Stephan Weichert im MEEDIA-Interview. Zeitgleich stellt er aber auch fest, dass es dem Journalismus "erstaunlich gut" gehe. Beim Vocer Innovation Day am kommenden Samstag treffen sich beim Spiegel Medienmacher, um sich auch über dieses scheinbare Paradoxon Gedanken zu machen. In Anlehnung an die Energiewende fordert Weichert nun eine Netzwende. "Vielleicht brauchen wir so etwas wie eine neue Hippie-Kultur nach dem Motto “Journalismus für alle”.

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Wie ist der Stand im Online-Journalismus im Herbst 2017?
Stephan Weichert: Ich finde, dem Journalismus geht es erstaunlich gut, auch dem Online-Journalismus. Die phlegmatische Veranlagung vieler Kollegen weicht immer mehr einer Neugier und Experimentierfreude, und ich habe den Eindruck, dass diese lange schwelende Unsicherheit in der Branche in die Gewissheit umschlägt, dass der Beruf des Journalisten gerade eine Vorwärtsbewegung macht. In Richtung einer digitaler Zukunft.

Geht es noch immer zu viel um Klicks und zu selten um Relevanz?
Die Währung von Klicks hat noch immer eine große Bedeutung, gleichzeitig begreifen immer mehr Kollegen, dass sie neue Möglichkeiten der Recherche, des Reportings und des Storytellings haben und dass sie ihre Kompetenzen ständig erweitern müssen. Der inhaltliche Anspruch verdrängt langsam diese alte Währung.

„Koketterie und Bigotterie der Verbände und Verlage“

Sie sagten gerade Storytelling. Reicht es heute noch, einfach einen Text ins Internet zu stellen, oder erwarten die Leser mehr als nur einen geschriebenen Artikel im Web?
So wie MEEDIA das macht, also einfach gute Texte ins Netz zu stellen, ist nach wie vor der Goldstandard. In den nächsten 20 Jahren werden wir immer noch textbasierten Journalismus finden, aber wir haben natürlich neue Möglichkeiten durch Virtual Reality und Augmented Reality oder Sprachsteuerung bei Alexa oder Siri, die auch journalistisch abgebildet werden müssen. An der Hamburg Media School beschäftigen wir uns gerade intensiv mit der Frage: Wie bespiele ich eigentlich den öffentlichen Raum als Medium? Wie erlebe ich meine Stadt als Medium – und welche Rolle spielen die Verlage dabei? Da müssen wir weiter daran arbeiten – aber auch an den starken Beharrungskräften in den Redaktionen und den öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Gutes Stichwort: die Öffentlich-Rechtlichen. Aktuell gibt es eine große Debatte, ob ARD und ZDF mit ihren Web-Aktivitäten das Vorankommen der privaten Medienhäuser behindern würden.
Ich halte diese These für einen großen Quatsch. Die Frage, ob die Verlage erfolgreicher wären, wenn es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht gäbe, ist alleine deshalb schon negativ zu beantworten, weil wir beispielsweise auch in den USA erleben, dass die Verlage dort deutlich unter Auflagenverlusten zu leiden hatten. Und dort gibt es kein starkes öffentlich-rechtliches System wie bei uns. Das ist eine Koketterie und Bigotterie der Verbände und Verlage. Ich halte es stattdessen für wichtig, für einen starken öffentlich-rechtlichen Online-Journalismus zu kämpfen. Wir haben eines der besten Systeme der Welt. Da sollten wir uns alle für einsetzten, dass es auch im Digitalen so erhalten bleibt. Auch wenn wir über eine Nachhaltigkeit im Journalismus reden, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein wichtiger Teil davon.

„Nichts funktioniert und nichts funktionierte bisher und keiner hat irgendeinen wirklichen Plan“

Die Verbände und Verlage klagen ja immer, dass alle für ARD und ZDF automatisch zahlen müssen, die privaten Medienhäuser müssten jedoch „richtig“ ihr Geld verdienen. Glauben Sie, dass sich der nicht-öffentlich-rechtliche Online-Journalismus in absehbarer Zeit aus sich selbst heraus finanzieren kann? Noch scheint er ein Zuschussgeschäft zu sein?
Es muss darum gehen, medienpolitische Rahmenbedinungen für eine funktionierende Koexistenz zwischen Privatwirtschaftlichen und öffentlich-rechtlichen Medien zu schaffen. Dazu gehört auch, neue Ökosysteme aufzubauen und zu fördern, in denen Journalismus gedeihen kann – auch mit öffentlich-rechtlichen Gebührengeldern. Nicht alle Angebote sind marktfähig. Vielleicht brauchen wir so etwas wie eine neue Hippie-Kultur nach dem Motto „Journalismus für alle“. Es ist evident, dass alle digitalen Bezahlmodelle bisher scheiterten, man kann sagen, dass das Geschäftsmodell des digitalen Journalismus kaputt ist. Nichts funktioniert und nichts funktionierte bisher und keiner hat irgendeinen wirklichen Plan. Die einzige Monetarisierungsstrategie, die ansatzweise Erfolg hat, ist Native Advertising. Ansonsten müssen wir mehr über Club-, Genossenschafts- oder Stiftungs-Modelle nachdenken, die den Nutzer als Stakeholder mitdenken. Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass das lange praktizierte Marktmodell des Journalismus in Zukunft noch lange funktionieren kann. Der Markt wird es alleine nicht richten können.

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Tragen die großen Tech-Firmen wie Google oder Facebook auch eine Mitschuld an den fehlenden Refinanzierungs-Potenzialen des Online-Journalismus? Oder sind die Medienhäuser an der Misere ausschließlich selbst schuld?
Ich würde ihnen nie eine Mitschuld attestieren, nichtsdestoweniger tragen sie eine Mitverantwortung. Natürlich habe die großen Tech-Firmen beigetragen, dass es Oligopole gibt, die auch zugangsbeschränkt sind. Wir müssen schauen, dass wir dezentralere Strukturen ermöglichen, zu denen auch Kleinproduzenten von Journalismus Zugang haben. Selbst große Häuser wie Springer oder Gruner + Jahr sind abhängig von den durch die Tech-Giganten entstandenen Infrastrukturen.

Sind wir Journalisten abhängig von Facebook und Google oder sind wir sogar schon zu abhängig von Facebook und Google?
Die Marktmacht ist schon gigantisch. Das sehen sie alleine daran, dass die Aktienkurse steil nach oben steigen. Nicht nur von Facebook und Google, sondern auch von Amazon und anderen, die gerade erst in das Informationsgeschäft einsteigen wollen. Ich formuliere mal ganz salopp: Das wird noch ganz schön bitter für die etablierte Medienbranche. Die Abhängigkeit von Journalisten, allein nur unter dem Stichwort Content-Marketing, ist heute schon unfassbar groß, vielleicht zu groß.

Sie sprachen von Abhängigkeiten. Sind wir Journalisten auf der anderen Seite vielleicht auch zu manipulierbar geworden durch die Social-Media-Angebote. Lassen auch wir uns von der AfD, Russland oder anderen Kräften manipulieren, weil wir zu stark auf Social-Media-Erfolge schielen?
Die inhärenten Logiken von Social-Media sind gefährlicher geworden. Grundsätzlich besteht natürlich immer ein Manipulations-Verdacht. Auch wenn die Möglichkeiten größer geworden sind, muss man im Angesicht des Wahlkampfes eingestehen: Der Russe ist nicht zu uns gekommen. Es gab nicht diese russischen Trollfabriken und Shitstorm-Agenturen, die gezielt Einfluss auf den Wahlkampf genommen hätten. Natürlich gibt es Agenturen im Ausland, die gegen Bezahlung bereit sind, fast alles zu tun. Das geht vom kleinen Shitstorm bis zur groß angelegten Negativ-Kampagne. Das darf man nicht unter Verschwörungstheorien abbuchen, denn das wird in Wahlkämpfen real genutzt. Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass Donald Trump irgendwann über diese Verbindungen stolpern wird und zurücktreten muss.

Wir werden sehen. Am nächsten Samstag findet beim Spiegel der Vocer Innovation Day statt. Welche Innovationen im Online-Journalismus machen Ihnen denn Hoffnung?
Es gibt inzwischen wirklich vieles, das mir Hoffnung macht. Es gibt so viele digitale Pioniere, die versuchen Journalismus völlig neu zu denken. Es geht los mit der neuen Gründungsmentalität im Journalismus. Es gibt neue technologische Anwendungen, die neue Möglichkeiten für Journalismus eröffnen wie Augmented Reality: Die Verschmelzung von virtueller und realer Welt wird immer wichtiger. Das Smartphone wird in weniger als zehn Jahren aus unserem Bewusstsein verschwunden sein. Dann haben wir Geräte, die wir nicht mehr als solche wahrnehmen. Auf diesen Geräten muss und wird Journalismus stattfinden. Damit es Journalismus auch dann noch gibt, brauchen wir jetzt ein gesellschaftliches Umdenken. Vocer hat analog zur Energiewende die #Netzwende ausgerufen: Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass es schon heute um neue Werte und regenerative Energien im Journalismus gehen muss, damit er weiter existieren kann. Wir müssen uns nur einmal eine Welt ohne Journalismus vorstellen. Das ist keine lebenswerte Welt, sondern eine der Abhängigkeiten und Manipulierbarkeit. Das kann niemand ernsthaft wollen.

Der Vocer Innovation Day findet am 11. November in Hamburg statt. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto: „#netzwende: Journalismus für eine bessere Gesellschaft„.

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Alle Kommentare

  1. Beim Lesen dieses Beitrags habe ich fast einen Vogel bekommen. Wie kann dieser Mensch auf einer „Media School“ tätig sein und sich Medienwissenschaftler nennen? Immerhin sind die Kommentare größtenteils wieder versöhnend und zeigen, dass es doch noch Vernunft auf diesem Planeten gibt.

  2. Dieser Moment…

    Wenn MEEDIA schön Lobbyarbeit für staatlich finanzierte Addons für Springer, Bertelsmann und Co. macht.

    Hat denn niemand aus Panama, Paradise und Luxemburg gelernt?
    Lobbyismus und Dekadenz sind an Widerlichkeit nicht zu übertreffen

  3. Das sollte aufhorchen lassen

    „.. Dazu gehört auch, neue Ökosysteme aufzubauen und zu fördern, in denen Journalismus gedeihen kann – auch mit öffentlich-rechtlichen Gebührengeldern..“

    das wäre 100% Staatspresse.. willkommen in Nordkorea 2.0 !
    Besserer Weg = Weniger Bückling vor Merkel & all den GLEICHEN Parteien ( CDU SPD GRÜNEN) und mehr ECKEN, mehr Kanten ..also einfach wieder JOURNALISMUS , statt Regierungs-PR machen (falls die MSM es nicht schon ganz verlernt haben)

    1. Wieso Nordkorea 2.0? Nordkorea 1.0 (s. a. Döpfners Vergleich) bzw. DDR 2.0 trifft es wohl besser.

      Ansätze in diese Richtung gibt es doch schon. Da muss man nicht nur an ganzseitige Werbung der ÖR in der (genehmen?) Printpresse für irgendwelche Fernsehsendungen denken. Ganz aktuell denke ich da z. B. an die sog. Paradise Papers und den sog. Rechercheverbund ARD/SZ; dabei wird ein privates Presseorgan wettbewerbsverzerrend durch den von der sog. Demokratieabgabe finanzierten Staatsfunk (ebenfalls Zitat Döpfner) gefüttert, wie ich meine.

      Tatsächlich gelesen – und darauf kommt es doch an (?) – wird man nur, wenn man unabhängig und glaubwürdig ist. Wenn man ab und an mal wirklich was raushaut. Z. B. das Kernenergie (oh Gott, der Seibeiuns) CO2-frei ist, Braunkohle aber nicht. Oder dass die NOx-Dieselgrenzwerte in Innenstädten, die zu Fahrverboten führen können, 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft sind, der Grenzwert für Arbeitsräume dagegen 925 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Oder der Frage nachgeht, ob und wieviele Verurteilungen es nach den Krawallen im Schanzenviertel eigentlich gegeben hat. Oder sich die Frage stellt, warum es eigentlich bei den aktuellen Schwampel-Verhandlichen etliche inhaltlich kontroverse Forderungen von CSU, FDP und Grünen gibt, von der größten Partei aber eigentlich nur eine Personalie wichtig zu sein scheint (Rest egal?)

      Da gibt es unendlich viel PC und Denkverbote, die aufzubrechen unendlich (na ja) viel Leserschaft generieren würde. Das erklärt m. E. das rasante Aufblühen von Seiten wie etwa Tichys Einblick, achgut etc.

    2. „Wess Brot ich ess, des Lied ich sing!“

      Diese alte Erkenntnis wird nicht wegzudiskustieren sein, falls die Privaten in irgendeiner Art staatliche Gelder zugeschaut bekommen.

      Sie werden dann genauso als Staatsmedien wahrgenommen werden, wie die ÖR heute. – Ob die staatliche Finazierung nun zu 100 Prozent, wie bei den ÖR erfolgt oder „nur“ zu X Prozent, das spielt dabei keine Rolle.

      Die Versuchung für die Privaten ist groß und wenn es um Geld geht, dann frisst Gier ja bekanntlich auch besonders gern Hirn – aber es wäre grundfalsch und mit Sicherheit der Anfang vom Ende für die Privaten, jedenfalls so, wie wir sie heute kennen.

      Die Nachteile einer solchen Schmarotzerei aus zwangseingetriebenen Steuergeldern überwiegen deutlich.

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