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MEEDIA-Wochenrückblick: Döpfner und die ARD – er hat Staatspresse gesagt …

Stefan Schmortte, Kevin Spacey, Mathias Döpfner
Stefan Schmortte, Kevin Spacey, Mathias Döpfner

Der Streit zwischen der ARD und den Zeitungsverlagen ist in dieser Woche zur Wortklauberei geworden. Die schnelle Reaktion auf die Belästigungsvorwürfe gegen Kevin Spacey durch Netflix waren bemerkenswert. Und der ehemalige Playboy-Chefredakteur Stefan Schmortte ist unter die Romanautoren gegangen. Die MEEDIA-Wochenrückblicks-Kolumne.

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Hat er nun „Staatspresse“ gesagt, der BDZV-Präsident und Springer CEO Mathias Döpfner oder war alles nur ein „Konjunktiv-Szenario“, wie Döpfner selbst meint? Um in die ganzen grammatikalischen Feinheiten des aktuellen Schlagabtauschs zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und den Zeitungsverlagen zu erfassen, muss ein wenig ausgeholt werden. Also: Die AGRA, die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse von ARD, ZDF und Deutschlandfunk, hat diese Woche einen offenen Brief an die „lieben Kolleginnen und Kollegen“ der Zeitungsredaktionen geschrieben. Darin erklären die ARD/ZDF-RedakteurInnen, dass sie sich wegen der Bezeichnung als „Staatsfunk“ durch die Zeitungen diskreditiert fühlen. Es geht im Kern darum, dass ARD und ZDF eine Kampagne gegen den öffentlichen Rundfunk wittern. BDZV-Präsi Döpfner war um eine längliche Antwort nicht verlegen. Döpfner schrieb in seiner Replik u.a.:

Wenn kein nachhaltig erfolgreiches digitales Geschäftsmodell etabliert werden kann, wäre bei weiter rückläufigem Printgeschäft ein Verlagssterben, eine Reduzierung der Vielfalt die Folge. Wenn dann irgendwann quasi nur noch öffentlich-rechtliche Online-Zeitungsangebote zur Verfügung stünden, dann und nur dann würde eine Art ‚Staatspresse‘ entstehen, ein Monopol, das von zentral erhobenen Gebühren lebte und unter der Aufsicht von Politikern aller Parteien stünde. Dieses Konjunktiv-Szenario als Vorwurf misszuverstehen, die Journalisten der ARD seien ‚Staatspresse‘, ist böswillig. Gemeint war es so nie.

Er bemüht hier, wie auch schon in seinem berühmten „Nordkorea“-Vergleich, ein Wenn-Dann-Szenario. Allerdings hat Döpfner in der Vergangenheit nicht nur im Konjunktiv gesprochen, sondern tatsächlich einmal von einer real existierenden Staatspresse gewarnt:

Wir erleben im Netz nach wie vor eine mit öffentlich-rechtlichen Geldern finanzierte Flut textbasierter Gratis-Angebote, eine gebührenfinanzierte Staats-Presse, die den Wettbewerb verzerrt und uns Presseverlagen kaum Entfaltungsmöglichkeiten lässt.

Also ja: Er hat schon einmal „Staats-Presse“ zur ARD gesagt (das ZDF nimmt er von diesem Vorwurf immer aus) In dem ersten Zitat, handelt es sich aber tatsächlich um einen Konjunktiv, ebenso bei seinem „Nordkorea“-Vergleich. Kritiker wie der Medienjournalist Stefan Niggemeier rufen nun „Lüge“ und „Heuchelei“. Wirft man Google an und sucht nach „Staatspresse“, so finden sich auf den vorderen Seiten in erster Linie sehr viele Texte rund um diverse Döpfner-Zitate, bzw. Auslegungen derselben. Bei einer Suche nach „Staatsfunk“ ergibt sich ein ähnliches Bild. Sehr, sehr viele Artikel die sich mit der Debatte um das Wort „Staatsfunk“ befassen, also darüber wer das nun in welchem Kontext gesagt hat oder nicht und ob man das darf. Vermutlich fiel der Begriff tatsächlich schon in anderem Zusammenhang in Medienberichten aber er wird in jüngerer Zeit immer mehr selbst zum Gegenstand der Debatte. So eine schnelle Google-Suche ist natürlich kein statistischer Nachweis, aber könnte es sein, dass sich beide Seiten hier in der Diskussion ein wenig verzettelt haben? Der Streit darüber wer jetzt „Staatsfunk“ oder „Staatspresse“ zuerst oder im Konjunktiv oder Indikativ gesagt hat und wie man das gemeint hat, führt doch nicht wesentlich weiter. Ja, der Begriff ist überspitzt und überzeichnet und nicht völlig zutreffend. Aber natürlich gibt es auch einen staatlichen Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Medien, und zwar durch die Finanzierung und die politisch besetzten Kontrollgremien. Und nicht zuletzt die sehr empfindlichen Reaktionen aus der ARD sorgen so dafür, dass der Begriff vom „Staatsfunk“ ständig aufs Neue in die Debatte eingespeist wird.

Ein Thema, das viele Menschen diese Woche beschäftigt hat, waren die Vorwürfe, dass der Oscar-Preisträger Kevin Spacey junge Männer sexuell belästigt haben soll. Die Vorwürfe reichen teils viele Jahre zurück, es gibt aber auch solche neueren Datums. Spacey hat sich dann selbst als homosexuell geoutet, was ihm von einigen Medien als Ablenkungsmanöver ausgelegt wurde. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch, wie schnell der Streamingdienst Netflix reagiert hat und die sechste und finale Staffel von Spaceys Serie „House of Cards“ aussetzte. Wie es derzeit aussieht, wird die vermutlich gar nicht mehr fertiggestellt werden, denn es wurden auch Belästigungs-Vorwürfe im Umfeld der Serienproduktion laut. Spacey spielt in „House of Cards“ den skrupellosen, machtbesessenen Politiker Frank Underwood, der es mit Intrigen bis zum US-Präsidenten bringt. Spacey spielt Underwood als diabolischen Machtmenschen ohne jeden Skrupel. Einige der zynischen Aphorismen, mit denen sich Underwood in der Serie bisweilen an die Zuschauer wendet, wirken aus heutiger Sicht fast so, als habe der Serien-Charakter mehr mit seinem Darsteller gemein, als man als Zuschauer ahnen konnte.

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Netflix wird es nicht viel Überwindung gekostet haben, schnell bei „House of Cards“ einen Schlussstrich zu ziehen. die Serie war auserzählt und in vielen Ländern an andere Lizenznehmer verkauft, hierzulande zum Beispiel an Sky. Trotzdem: Die Netflix-Reaktion erfolgte schnell und konsequent, ähnlich wie die Reaktionen von Filmstudios im Fall der bekanntgewordenen Missbrauchs-Vorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein. In beiden Fällen zeigt sich, welche Macht das Herstellen von Öffentlichkeit hat.

Was macht eigentlich Stefan Schmortte? Er war der erste deutsche Playboy-Chefredakteur, nachdem die Lizenz für das Bunny-Blatt 2003 von der Verlagsgruppe Bauer zu Burda gewechselt war. Den Wechsel hatte damals u.a. Focus-Gründer Helmut Markwort eingetütet. Schmorttes Berufung zum Playboy-Chef war 2003 eine Überraschung, hatte er doch bislang den Nachrichtenteil von Focus Money geleitet, was glamourfaktormäßig als ausbaufähig gilt. Einige Jahre später wurde Schmortte beim Playboy durch Florian Boitin ersetzt, der das Magazin bis heute führt. Seither hat man in der Branche wenig gehört von Schmortte. Jetzt hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. Der heißt „Die Enthüllung der Welt. Die Geschichte einer Leidenschaft“. Ob er bei der Namensgebung an den Kehlmann-Beststeller „Die Vermessung der Welt“ gedacht hat? In Schmorttes Buch geht es um einen Piet van Leeuwen, der im 17. Jahrhundert kleinwüchsig aber mit einer ganz besonderen Scharfsicht für die kleinsten Dinge zur Welt kommt. Vom Focus-Money-Nachrichtenredakteur über den Playboy hin zum Romanautor. Solche Zickzack-Karrieren sind doch oft die interessantesten.

Schönes Wochenende!

PS: Noch mehr Medien? Hier geht es zur neuen Ausgabe unseres Podcasts „Die Medien-Woche“:

 

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