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Nach den Missbrauchs-Vorwürfen gegen Kevin Spacey: Warum der mediale Empörungs-Reflex nicht ausreicht

Sexuelle Übergriffe: Roy Price, Kevin Spacey, Harvey Weinstein und Terry Richardson bilden vermutlich die Spitze des Eisberges
Sexuelle Übergriffe: Roy Price, Kevin Spacey, Harvey Weinstein und Terry Richardson bilden vermutlich die Spitze des Eisberges

Nach Harvey Weinstein und Roy Price jetzt Kevin Spacey: Die Liste mutmaßlicher sexueller Übergriffe durch mächtige Männer in Hollywood wird immer länger. Immer mehr Opfer trauen sich, ihre Geschichten zu erzählen, die die Medien jetzt dankbar aufnehmen – obwohl viele Vorwürfe lange bekannt waren. Umso wichtiger ist, dass die Debatte nicht abrupt abreißt, wenn das Thema nicht mehr "heiß" ist.

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Ein Kommentar von Nora Burgard-Arp

Es scheint, als würde in diesen Tagen in Hollywood etwas zusammenbrechen. Und zwar ein System, in dem sexuelle Übergriffe traurigerweise zum Alltag dazugehörten. Zuerst wurden massive Vorwürfe gegen Harvey Weinstein laut, dann gegen den Amazon-Studios-Chef Roy Price, anschließend Terry Richardson und jetzt Kevin Spacey. Und wahrscheinlich wird dies noch nicht das Ende der Liste sein.

Dass sexueller Missbrauch öffentlich thematisiert wird, ist wichtig und offenbar überfällig. Dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack: Warum erst jetzt?

Warum wurde so viele Jahre weggesehen? So twitterte beispielsweise die US-Schauspielerin Rosie O’Donnell als direkte Antwort an Kevin Spacey: „Du erinnerst dich nicht an einen Vorfall vor 30 Jahren? (…) Wie bei Harvey wussten wir alle über dich Bescheid. Ich hoffe, dass sich jetzt noch mehr Männer melden.“

Es war ein offenbar ein offenes Geheimnis in Hollywood, dass mächtige Männer ihre Position immer wieder ausnutzen. Und dabei hat nicht nur Hollywood geschwiegen und weggesehen – sondern auch ein Großteil der Medien.

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Die mutmaßlichen Übergriffe sind erschütternd, doch was ebenfalls erschütternd ist: dass den Opfern erst jetzt zugehört wird, dass es erst eine Konjunktur braucht, eine kollektive mediale Empörung, bevor sie ernst genommen werden.

Den Stein ins Rollen brachten die Enthüllungen über Harvey Weinstein durch Ronan Farrow im New Yorker. Zehn Monate hatte der Journalist recherchiert und anschließend das erschreckende Bild eines systematischen Machtmissbrauchs gezeichnet. Für Farrow war dies mehr als eine Investigativ-Reportage, es war scheinbar auch eine ganz persönlich Abrechnung, und zwar mit seinem Vater Woody Allen. Bereits 2014 veröffentlichte Ronans Schwester Dylan Farrow in der New York Times einen offenen Brief: Darin wiederholte sie – erneut – die Missbrauchsvorwürfe gegen ihren Vater und klagte an, Woody Allen sei „das lebendige Zeugnis dafür, wie unsere Gesellschaft die Opfer sexuellen Missbrauchs im Stich lässt“. Folgen hatte dies keine, Woody Allen wird bis heute als Kult-Regisseur gefeiert, 2016 erschien seine Komödie „Café Society“, eine mediale und international weitreichende Empörung wie jetzt bei Weinstein blieb aus. Auch Anthony Rapp, der die Anschuldigungen gegen Kevin Spacey erhob, erzählte seine Geschichte schon einmal – und zwar bereits 2001. Das englische Magazin Attitude veröffentlichte damals zwar den Namen Kevin Spacey nicht, doch die Vorwürfe waren dieselben.

Ronan Farrow verfasste 2016 einen Gastbeitrag im Hollywood Reporter, in dem er erklärt, die PR-Maschine Woody Allens habe alle Vorwürfe gedeckelt. Gleichzeitig warf er den Journalisten ihr Schweigen vor und kündigte an: „Es ist Zeit, harte Fragen zu stellen.“ Er hielt Wort: Ein Jahr später bot er seine Weinstein-Enthüllungen zunächst dem Nachrichtensender NBC an – doch dieser lehnte die Geschichte „als nicht publizierbar“ ab. Erst der New Yorker veröffentlichte seine Recherchen und löste damit schließlich die nach wie vor andauernde weltweite Debatte aus.

Machtmissbrauch und Sexismus sind die Themen der Stunde und das ist gut so. Doch angesichts der Tatsache, dass viele der Vorwürfe vielen Medienmachern zum einen durchaus bewusst waren und zum anderen sicher kein typisches Hollywood-Problem sind, wirkt die mediale Aufregung fast schon scheinheilig.

Die Zeit für diese Enthüllungen war überreif. Jedes Gespräch über Sexismus in den Medien ist besser als kein Gespräch über Sexismus. Es ist gut, dass hitzig diskutiert wird. Es ist gut, dass Opfer sich trauen, laut auszusprechen, was ihnen wiederfahren ist. Es ist ebenso gut, dass Männer Position beziehen. Und ja, es darf, nein es muss, auch gestritten werden. Freilich dürfen jetzt nicht per se alle Männer auf eine Anklagebank gesetzt werden, doch andersherum dürfen die Enthüllungen eben nicht auf Hollywood begrenzt werden. Das wäre naiv und fahrlässig.

Die Debatte, die wir gerade führen, kann wertvoll sein – wenn  an dieser Stelle nicht aufgehört wird. Wenn Spacey oder Weinstein oder Richardson nicht nur aus der Ferne als Einzelpersonen verteufelt werden, sondern wenn wir sie als Symptom betrachten. Wenn nicht mit einer gespielten Überlegenheit und mit erhobenem Zeigefinger über das ferne und verdorbene Hollywood geurteilt wird. Empörung reicht nicht mehr aus; die deutsche Presse muss jetzt dort bohren, wo es ungemütlich ist und wo es weh tut. Und zwar auch hier bei uns in Deutschland, in deutschen Unternehmen, in der deutschen Gesellschaft. Und – natürlich – auch in den Verlagshäusern, deren Angestellte sich reflexhaft einem Medien-Mainstream der Empörung hingeben, als hätte es das Thema vorher nicht gegeben. Wer weggeschaut oder bagatellisiert hat, muss auch das eigene Versagen aufarbeiten und mutig zum Thema machen.

Die Gefahr ist groß, dass die Medien vom Sexismus-Zug wieder abspringen, wenn das Thema nicht mehr heiß genug ist. Das darf nicht passieren. Eigentlich muss es jetzt erst losgehen.

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