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Push-Nachrichten-Chaos bei SpOn, Bild.de, Focus Online & Co.: Puigdemont-Erklärung sorgte für Eil-Meldungs-Verwirrung

Spiegel-Online-Chefredakteurin Barbara Hans und Focus Online-Chef Daniel Steil
Spiegel-Online-Chefredakteurin Barbara Hans und Focus Online-Chef Daniel Steil

Der gestrige Donnerstag war ein wilder Tag in Barcelona. Fast stündlich änderte sich die Nachrichtenlage: Wird Carles Puigdemont die Unabhängigkeit Kataloniens ausrufen oder kommt es zu Neuwahlen? Alle Redaktionen warteten auf eine Pressekonferenz des Regional-Präsidenten. Und als es dann soweit war, konnten Spiegel Online, Bild, die WAZ oder auch Focus Online keine Minute länger warten, sondern schickten die falsche Nachricht “Neuwahlen” als Push-News auf die Handys ihrer Leser. Dabei predigen doch alle immer den Grundsatz: “be first, but first be right”.

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Via Push-Nachricht vermeldete Spiegel Online: “Katalonischer Regierungschef Puigdemont kündigt Neuwahlen an”. Zwei Minuten zuvor hatte die WAZ schon vermeldet: “Katalanischer Regierungschef kündigt Neuwahlen an”. Inhaltlich das Gleiche sagten die Handy-Eilmeldungen von Bild und Focus. So dokumentiert es der Twitterer Levin Kubeth.

Doch dann muss jemand in den jeweiligen Newsrooms laut aufgeschrien haben: “Kommando zurück, der will ja gar keine Neuwahlen.”

Also schmissen die CvDs noch einmal ihre Push-Maschinen an und verschickten nur wenige Minuten später hinterher “+++ Eilmeldung+++ Nach Unabhängigkeits-Streit – Korrektur: Katalanischer Regierungschef schließt Neuwahlen aus”, wie Focus Online schrieb. Spiegel Online jagte folgenden Satz hinterher: “Korrektur: Katalonien – Puigdemont lehnt Neuwahlen ab”.

Im Rennen um die schnellste Eilmeldung saß den Redaktionen offenbar der Finger mal wieder zu locker am Drücker. Denn das voreilige Rausblasen von Falschmeldungen passierte in der noch recht jungen Disziplin der Push-Nachrichten nicht zum ersten Mal. Erinnert sei nur an das Desaster um das angebliche NPD-Verbot. Im Januar hatten zahlreiche Medien voreilig vermeldet, dass das Bundesverfassungsgericht die rechtsextreme Partei NPD verboten habe. Wenige Minuten später trudelten schon die Korrekturen ein. Die Diensthabenden in den Redaktionsstuben hatten bereits das Vorlesen des Verbotsantrags durch den Präsidenten des Verfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, für das Urteil gehalten.

Wie gestern nun der Fehler passieren konnte, fragte MEEDIA bei Spiegel Online, der WAZ, Focus Online und der Bild nach. Für Focus Online erklärte die stellvertretenden Chefredakteurin Linda Hinz:

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In Zusammenhang mit der Unabhängigkeitsdebatte in Katalonien kam es wiederholt zu unklaren Ankündigungen der katalanischen Regierung. So auch in diesem Fall – spanische Quellen vermeldeten widersprüchliche Aussagen aus Kreisen der Regionalregierung. Eine Meldung, wonach Neuwahlen angesetzt werden sollen, haben wir – wie auch viele andere Medien und Nachrichtenagenturen – irrtümlich als finale Entscheidung der Regionalregierung interpretiert und als Eilmeldung verschickt. Binnen weniger Minuten haben wir dann eine zweite Eilmeldung mit einer Korrektur verschickt und diese auch klar gekennzeichnet.

Mit etwas mehr Ruhe und Übersicht hätte sich der Fauxpas wohl vermeiden lassen. Anders als beim NPD-Verbot saßen die verantwortlichen Redakteure jedoch nicht vor den Dienst-Fernsehern und konnten nicht abwarten, sondern verließen sich wahrscheinlich alle auf eine falsche Meldung von Reuters. Denn so erklärte Spiegel Online den Fehler: “Um kurz nach 17 Uhr folgten zwei Agentur-Eilmeldungen kurz nacheinander, die beide besagten, Carles Puigdemont habe Neuwahlen ausgerufen. Eine deutsche, eine englische. Wir übersahen, dass beide von Reuters stammten und gingen fälschlicherweise von zwei Quellen aus. Ein Fehler, der uns selbst am meisten ärgert. Und den wir kurz darauf mit einer erneuten Pushmeldung korrigierten.”

Die Bild und auch die WAZ antworteten nicht auf die entsprechende MEEDIA-Anfrage.

Den Ärger über sich selbst darf man den Spiegel Online-Machern durchaus abnehmen, gehört es doch zu ihrem tiefen Selbstverständnis, das Qualitätsmedium unter den Web-Nachrichtenseiten zu sein. Bereits 2015 erklärte der damals frisch installierte Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms in einer Art Regierungserklärung: “Schnelligkeit ist für sich allein genommen inzwischen kein Mehrwert mehr“. In Breaking News-Situationen scheint das jedoch Schönwetter-Rhetorik sein. Das Push-Verhalten in Sachen Unabhängigkeit und Puigdemont trifft Spiegel Online wohl mit seiner eigenen Überschrift am besten. Dort heißt es zu den Geschehnissen des gestrigen Donnerstages in Anspielung auf einen Louis de Funès-Klassiker: “Nein! Doch! Ooh!

Update (14.37 Uhr):
Mittlerweile hat sich auch Funke geäußert. Auch die Essener berufen sich auf die falsche Reuters-Meldung.

 

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Alle Kommentare

  1. Die Medien waren vorgewarnt, das deutete Frau Hinz ja schon an.

    Grund für die wiederholten Eiertänze ist wahrscheinlich die ultra-sezessionistische CUP, die Puigdemont vor sich her treibt.

    Bei Puigdemonts erster Parlamentsrede führte er ja schon zunächst in die Irre, indem er sinngemäß sagte, man werde jetzt den Weg der Unabhängigkeit gehen, habe dafür den Volksauftrag vom 1. Oktober, und die Stimmen könnten jetzt verkündet werden (was nach zwei Tagen zwangsläufig die Unabhängigkeit auslösen würde). Also stand alles auf Unabhängigkeitserklärung. Nur um in den letzten Minuten seiner Mimimi-Rede über Gottes geknechtetes, babylonisch-katalonisches Volk dies alles wieder zu „suspendieren“.

    Aber vielleicht lag’s auch einfach nur daran, dass es zu wenige in den internationalen Medienhäusern gibt, die Katalanisch wirklich verstehen.

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