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MEEDIA-Wochenrückblick: Ex-Bundesrichter Thomas Fischer und die verlogene Sexismus-Debatte in den Medien

Philipp Welte auf den Medientagen, Cover des BJV report, Bundesrichter a.D. Thomas Fischer, Georg Restle
Philipp Welte auf den Medientagen, Cover des BJV report, Bundesrichter a.D. Thomas Fischer, Georg Restle

Was von den Medientagen übrig bleibt, ist vermutlich der Schlagabtausch zwischen Moderator Klaas Heufer-Umlauf und Burda-Vorstand Philipp Welte. „Monitor“-Mann Georg Restle räumt auf mit der Mär von der Neutralität der Medien. Und die Sexismus-Debatte beschäftigt den BJV, Bundesrichter a.D. Thomas Fischer und den Spiegel. Die MEEDIA-Wochenrückblickskolumne.

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Diese Woche gingen die Medientage in München über die Bühne und einiges war anders als sonst. Zunächst einmal das Motto: „Media. Trust. Machines.“ Das Motto wurde allenthalben sehr gelobt und es war auch wirklich gut. Das klang cool und hatte Aussage, denn es ging in vielen Veranstaltungen ja um das Spannungsverhältnis der Medien zwischen Vertrauen/Glaubwürdigkeit und den Algorithmen-Maschinen der großen Plattformen Facebook und Google. Das englischsprachige Motto war gleichzeitig auch ein Hinweis auf die fortschreitende Internationalisierung der Medientage. Es waren deutlich mehr internationale „Speaker“ da (und erfreulicherweise auch mehr Frauen auf den Podien). Stellenweise konnte man fast den Eindruck haben, man habe sich verlaufen und sei beim DLD. Aber dann auch wieder nur fast. Die bayerische Medienministerin Ilse Aigner sprach ein hoch-politisches Grußwort, RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt lamentierte in ihrer Keynote über die mangelnde Unterstützung der Politik. Verlags- und TV-Vertreter fanden sich und ihre Produkte im Allgemeinen und Speziellen doch sehr, sehr großartig. Dazu passt auch der eine Moment, der von diesen Medientagen hängen bleibt: Die Konfrontation zwischen Moderator Klaas Heufer-Umlauf und Burda-Vorstand Philipp Welte beim „Executive Summit“, dem Gipfeltalk der Medienbosse am ersten Tag. Klaas raunzte den überraschten Welte an, ob er den als Yellow-Press-Verleger einen Wettbewerbsvorteil in Sachen Alternative Facts habe. Welte reagierte unwirsch und ausweichend, flüchtete sich in wolkige Lobpreisungen über die über 20.000 Verlags-Journalisten in Deutschland, die seiner Auskunft nach permanent nach dem wahren, schönen und guten Journalismus streben und permanent damit beschäftigt seien, die Demokratie zu retten. Überspitzt gesagt. Dass Heufer-Umlauf so eine eigentlich normale Frage stellte, erschien im Kontext der Medientage unerhört. Für einen Moment war das Ritual der betäubenden Selbst-Beweihräucherung der Branche durchbrochen, es entstand Spannung und Reibung. Von solchen Momenten dürfte es gerne mehr geben.

Georg Restle ist Leiter und Moderator des ARD-Politikmagazins „Monitor“. Bei Facebook hat er einen Kommentar über vorgebliche Neutralität im Journalismus geschrieben. Zusammengefasst sagt er, dass es eine absolute, neutrale Wahrheit nicht gibt. Und wer als Journalist vorgibt, eine absolut neutrale Position einzunehmen, seinem Publikum etwas vormacht, bzw. sich eventuell sogar zum Erfüllungsgehilfen von PR-Interessen macht. Stattdessen? Restle empfiehlt „Genauigkeit, Unabhängigkeit und Transparenz“. Ich war schon oft anderer Meinung als Georg Restle, aber diesen Kommentar kann ich uneingeschränkt unterschreiben.

Es kommt vermutlich nicht allzu häufig vor, dass die Zeitschrift des Bayerischen Journalisten Verbands, report, für einen Aufreger im Social Web sorgt. Diese Woche machte das Cover der aktuellen Ausgabe die Runde, das eine blonde Frau im Ledermini zeigt, die sich im Spiegel betrachtet. Ihr Spiegelbild trägt Hose, Schlips und Hut. Dazu die Zeile „Frau im Spiegel Journalistinnen heute – zwischen Macho und Mieze“. Wir ahnen dunkel, was uns die Macher, bzw. Macherinnen, sagen wollen. Ob die Machart der Titelgestaltung in allen Punkten super gelungen ist, darüber kann man aber streiten. Einige regten sich jedenfalls auf.

Der BJV rechtfertigt sich, bzw. sein Cover in einem Facebook-Kommentar:

Fotografin und Chefredakteurin des Hefterls waren ja Frauen. Zack. Totschlagargument. Na ja. Ob ein solches Cover in einer anderen Woche auch für so viel Aufmerksamkeit gesorgt hätte? Immerhin ist das Thema Sexismus ja derzeit in aller Munde, wegen Weinstein und Konsorten.

Der Skandal rund um die sexuellen Übergriffe des Hollywood-Produzenten, bzw. „Moguls“ Harvey Weinstein mündete in die #metoo Kampagne in den sozialen Medien. Prominente und Nicht-Prominente berichten unter diesem Schlagwort in Massen von eigenen Erfahrungen mit in erster Linie sexuellen Übergriffen in den verschiedensten Ausprägungen. Der Fall Weinstein sorgte natürlich auch für viele weitere Berichte in den klassischen Medien. Die Bunte zum Beispiel befragte deutsche Schauspielerinnen und Prominente wie Uschi Glas, Tina Ruland oder Birgit Schrowange zu ihren persönlichen #metoo-Erlebnissen und hob diese Story diese Woche auf den Titel. Der Spiegel titelte über „Macht und Missbrauch“. Die #metoo-Kampagne rief auch einen alten Bekannten auf den publizistischen Plan: Ex-Bundesrichter Thomas Fischer, der in Sachen Sexismus ja schon das eine oder andere mal in die Debatte eingegriffen hat. Fischer belebt für einen langen Beitrag seine alte Zeit-Online-Kolumne wieder und er ist – wie könnte es anders sein – natürlich auch hier wieder im Recht und ziemlich auf Zinne. Liest man seinen Text oberflächlich oder nicht bis zu Ende, könnte man den Eindruck gewinnen, der schreibende Ex-Bundesrichter übe sich hier in der Disziplin der Verharmlosung. Etwa, wenn er schreibt:

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Vorkämpferinnen haben gar bekannt, dass ihnen vor zehn Jahren bei einer Preisverleihung ein greiser Großschauspieler die Hand auf eine Hinterbacke legte, sie sich anschließend aber gleichwohl lächelnd mit ihm durch den Abend herzten, weil sie einfach zu traumatisiert waren, um die Gala zu stören.

Beißende Ironie eines seiner bewährten Stilmittel. Gleichwohl erklärt er explizit, dass er nichts „kleinreden“ will, sondern er will „relativieren“:

Jeden Tag, da ich in unserer friedlichen deutschen Welt unterwegs bin, sehe ich einhundert Menschen – Frauen, Kinder, Männer –, die seit Jahr und Tag „Ich auch“ sagen oder sagen könnten. Aber niemand fragt sie danach.

Da hat er wohl recht. Aber andererseits: Kann man Unrecht oder erlittene Verletzungen welcher Art auch immer gegeneinander aufwiegen? Schwierige Frage. Die Erwähnung des neuen Fischer-Opus in dieser Kolumne wird alleine schon dadurch gerechtfertigt, dass auch diesmal bei ihm wieder „die Medien“ ihr Fett abgekommen. Und keiner betreibt Medienschelte so schön wortmächtig wie Fischer:

Ich muss derzeit täglich unter Schmerzen lesen, dass ein „Schweigen gebrochen“, ein „Tabu enthüllt“ werde. Grauhaarige Journalisten der Qualitätsmedien schreiben diesen Unsinn, allesamt prämiert mit allerlei Preisen und Ehren für längstjährigen treuen Dienst an der Wahrheit. Und die dauerempörten jungen Freischaffenden schreiben es ab und fallen schon wieder auf die eigene Besoffenheit herein.

Und all den Kommentaren der Qualitätsmedien, die sich empören über die „Schweigespirale“ und sich erheben über die im fernen Kalifornien herumfaselnden Selbstdarsteller, läuft in Wahrheit das Blut der Lüge aus den Augen. Es ist alles falsch! Es gibt in Deutschland keine Redaktion, keine Filmproduktion, keine „Projektgruppe“ ohne Sexismus.

Zu diesem Thema hat der Kollege Kai-Hinrich Renner in Sachen Spiegel auch einen Beitrag veröffentlicht. „Das Sexismus-Problem des Spiegel“ ist der Text überschrieben und es geht darum, dass laut dem 2016 erschienenen Buch „Der Herausgeber“ Spiegel-Gründer Rudolf Augstein sich bisweilen auch nicht korrekt gegenüber Frauen verhalten haben soll. Das Buch hat seine frühere Sekretärin Irma Nelles geschrieben. Renner schreibt, laut Redaktionskreisen sei die Spiegel-Redakteurin Beate Lakotta beauftragt worden, für das bereist erwähnte Spiegel-Heft mit dem Titel „Macht und Missbrauch“ einen Text über Sexismus beim Spiegel zu schreiben. Erschienen ist eine solche Geschichte nicht. Angeblich sei die Zeit für die Recherche nicht ausreichend gewesen. Andere Gründe scheiden auch aus, denn laut eigener Werbe-Aussage hat man beim Spiegel ja „Keine Angst vor der Wahrheit“. Und damit vermutlich auch nicht vor der eigenen Vergangenheit. Oder? Der Spiegel wollte sich auf Anfrage zu dem Renner-Text nicht äußern.

Mein Vorschlag: Thomas Fischer bitte für ein Podium auf den nächsten Medientagen einladen und gegen Philip Welte antreten lassen. Eine solche Einladung würden vermutlich beide ausschlagen, aber langweilig wäre das ganz sicher nicht.

Schönes (langes) Wochenende und happy Reformationstag!

Hier geht es zur aktuellen Ausgabe des Podcasts „Die Medien-Woche“, viel Spaß beim Reinhören:

 

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