Anzeige

“Wir wollen auf jedes Telefon der Welt“: Gruners große Ad-Tech-Hoffnung AppLike

Die Gründer Carlo Szelinsky (links, 31) und Jonas Thiemann (27) haben in 15 Monaten 15 Länder erobert und sind mit AppLike im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 600 Prozent gewachsen
Die Gründer Carlo Szelinsky (links, 31) und Jonas Thiemann (27) haben in 15 Monaten 15 Länder erobert und sind mit AppLike im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 600 Prozent gewachsen

In den Augen vieler Branchen-Beobachter gilt Gruner + Jahr noch immer als Zeitschriftenhaus mit Nachholbedarf bei den digitalen Zukunftsstrategien. Umso mehr ließ deshalb ein Satz von Verlagschefin Julia Jäkel auf der diesjährigen Dmexco aufhorchen. Auf der Digital-Messe erwähnt sie - fast nebenbei - wie viel Freude ihr AppLike bereiten würde, dass derzeit am schnellsten wachsende Ad-Tech-Unternehmen in Deutschland. “App-Wer?”, fragte sich daraufhin nicht wenige. MEEDIA hat AppLike besucht.

Anzeige
Anzeige

Die G+J-Ad-Tech-Newcomer sitzen nicht in der Gruner-Zentrale am Hamburger Baumwall, sondern gut vier Kilometer entfernt in der Sternschanze. Bereits der Standort dokumentiert das ungewöhnliche Verhältnis, in dem das Startup zum traditionsreichen Medienhaus steht. So residiert der Verlag ordentlich und ehrwürdig am Hafen, während die Ad-Nerds im angesagten Szeneviertel in einem loftartigen Büro ihr Quartier aufgeschlagen haben.

Zwischen dem obligatorischen Kickertisch und ein paar ausgefallenen Sitzmöbeln, die ein wenige Google- Atmosphäre verströmen sollen, arbeiten mittlerweile rund 40 Leute aus aller Welt bei AppLike. Deshalb ist die Amtssprache innerhalb des Startups – auch anders als bei Gruner + Jahr – englisch.

Jedes Startup braucht seinen Kickertisch. So auch AppLike

Die gesamte Company lebt diesen Widerspruch zwischen New-Business und Old-Economy. AppLike sieht aus wie ein Startup, fühlt sich an wie ein Startup und wird von denen beiden Chefs Carlo Szelinsky und Jonas Thiemann geführt wie ein Startup. Auch wenn Applike tatsächlich ihre Idee war, ist das Projekt doch eine hundertprozentige Tochter von Gruner + Jahr und im Grunde nur eine weitere Abteilung im großen, weltweiten Reich des G+J-Mutterkonzerns Bertelsmann.

Mit ihrer ungewöhnlichen Geschäftsidee, ihrem smarten Ansatz und dem daraus resultierenden Erfolg dürften Szelinsky und Thiemann längst auch schon beim Management des Medienriesen für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt haben.

AppLike will Smartphonebesitzern helfen, spannende Apps zu entdecken

Das Grundkonzept hinter AppLike ist schnell erklärt: “Wir helfen weltweit App-Publishern dabei, neue Kunden zu gewinnen”, erklärt Thiemann. Er und sein Partner haben eine Endkonsumenten-App (nur für Android) entwickelt, “die Nutzern andere Apps vorschlägt, die zu ihrem jeweiligen Nutzungsverhalten passen”, ergänzt Szelinsky. “Das ist so ähnlich wie bei Amazon.” Heißt: AppLike will Smartphonebesitzern helfen, spannende Apps zu entdecken, die diese noch nicht kennen, aber aufgrund ihres Geschmackes und Nutzungsverhaltens interessieren dürften. Zudem können die Nutzer, “ähnlich wie bei Miles & More, durch die Nutzung der App Bonuspunkte sammeln und diese gegen Prämien oder Paypal-Guthaben eintauschen.”

Szelinsky und Thiemann legen viel Wert auf die Feststellung, dass sie “keine App-Entwickler” sind, “sondern eine Ad-Tech-Company“ (Advertising Technology). „Um die eigentliche App kümmert sich nur noch einer von unseren 40 Mitarbeitern. Der Rest arbeitet am Backend, beschäftigt sich mit Data Science, Machine Learning und der Akquise neuer Endkunden und App Publishern in unserem Partner-Netzwerk – von Kanada bis Korea. Alle Teams arbeiten hier gemeinsam an der Herausforderung, unseren Nutzern in 25 Ländern die bestmöglichen App-Vorschläge zu unterbreiten – in Real-Time. Hierfür sammeln und verarbeiten wir täglich mehrere 100 Millionen Datenpunkte“, erklärt Thiemann.

Mit der Selbstklassifizierung als Ad-Tech-Company legen die Gründer die Vergleichslatte gleich mal ziemlich hoch. Die Hightech-Werbe-Technik gilt derzeit als Markt voller Chancen, aber auch mit einigen Risiken. Denn in kaum einem anderen Bereich des Medienbusiness können sich Trends so schnell ändern. Im Ad-Tech-Sektor gilt oftmals: Womit sich gestern noch viel Geld verdienen ließ, interessiert heute niemanden mehr.

Wie so viele erfolgreiche Angebote setzen die beiden Gründer auf ein möglichst simples Modell: “Die meisten Menschen lieben Apps und haben viel Spaß daran, neue Apps zu entdecken. App Publisher wiederum haben ein großes Interesse daran, neue Nutzer zu gewinnen. Das Geschäftsmodell ist einfach, die dahinterstehende Technologie dagegen sehr ausgefeilt. Dieser Mix aus beiden Elementen erklärt den Erfolg unseres Geschäfts”, sagt Thiemann.

Bezahlt werden die Hamburger von den App-Publishern auf Basis der Neu-Instellationen der vorgeschlagenen Apps (Cost Per Install). „Der CPI ist derzeit von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland liegt er zwischen 80 Cent und zwei Euro, wobei manche Games-Publisher auch mal 15 Euro pro Install zahlen“, sagte Thiemann im Frühjahr gegenüber den Online Marketing Rockstars.

AppLike muss also vor allem an zwei Stellen einen guten Job machen. Erstens: Es müssen möglichst viele Menschen überzeugt werden, die App der Hamburger zu installieren. Zweitens: Den Nutzern müssen dann auch Apps vorgestellt werden, die sie wirklich interessieren – und zudem eine möglichst hohe Provision einbringen.

Im Vergleich zum Vorjahr ist AppLike um 600 Prozent gewachsen
Anzeige

Ein System, das derzeit immer besser zu laufen scheint. In den ersten 15 Monaten kommt AppLike auf zehn Millionen Nutzer in 15 Ländern, die bislang über 2.500 unterschiedliche Apps auf Empfehlung der G+J-Tochter heruntergeladen haben. Wichtigster Markt für die Hamburger sind die USA.

Auch wenn Szelinsky und Thiemann mit Verweis auf die strengen Bertelsmannregeln keine Umsatzzahlen nennen wollen, verweisen sie doch mit einer gehörigen Portion Stolz darauf, dass man im Vergleich zum ersten Halbjahr des Vorjahres um 600 Prozent gewachsen sei.

Die beiden Chefs kennen sich schon länger. Bevor sie für Gruner + Jahr sozusagen unter Unternehmensaufsicht gründeten, hatten sie ihr Glück bereits mit einem Gutschein-Startup probiert. Erfolglos allerdings.

Thieman wechselte dann an den Baumwall und stellte schnell fest: “Bei Gruner + Jahr gab es traditionell schon immer viele Ideen für neue Content-Portale. Aber unser Ansatz war ein anderer: Ein relevanter Baustein des Verlagsgeschäfts war schon immer die Vermarktung bzw. das Geschäft mit Werbung. Und die funktioniert heute anders – digital, mobil, datengetrieben. Also haben wir überlegt, wie sich mit technologiegetriebener Werbung auf dem Smartphone Geld verdienen lässt. Dann haben wir einen Prototypen entwickelt und unsere Idee der Geschäftsführung vorgestellt. Das Ergebnis: Wir haben AppLike gestartet.”

Das Startup wurde damals zum ersten Kooperationspartner und Vorzeigeprojekt des Greenhouses, mit dessen Hilfe Gruner + Jahr mittlerweile eine Vielzahl von potentiell erfolgreichen Web-Unternehmungen prüfen lässt.

Die Konzentration auf ein Mobile-Produkt war wohl von Anfang an eine gute Entscheidung, denn die Google-Marktführerschaft im Bereich Ad-Tech für Publisher/Vermarkter ist hierzulande nach Einschätzung von Jens von Rauchhaupt, Chefredakteur des Fachportals Adzine “frappierend”. Im Mobile-Advertising-Bereich würde es indes ein wenig anders aussehen. “Hier gibt es einige spannende Firmen mit deutschem (vor allem Berliner) Ursprung, die auch international gut positioniert sind”, so der Experte und verweist unter anderen auf Adsquare, Adjust oder den Mobile Retargeting Anbieter Remerge. Allerdings befinde sich die Ad-Tech-Branche derzeit “in einer großen Konsolidierungsphase, vor allem im Bereich Advertising-Data”.

Die Einrichtung bei AppLike verströmt einen Hauch von Google 

Auch Philipp Westermeyer, Gründer und Chef der Online Marketing Rockstars sieht das Problem, dass sich Szelinsky und Thiemann ein sehr internationales Feld ausgesucht haben, bei dem es lokale Player schwer haben, “technisch mitzuhalten und dieselben Skaleneffekte zu erzielen”. Denn bestimmt wird das Spiel “von den wertvollsten und mächtigsten Firmen der Welt”. Und das ist “generell kein guter Wettbewerb für einzelne deutsche Mittelständler”, wie er gegenüber MEEDIA ausführt.

„Der Markt ist nach wie vor nicht gewonnen und die Wette nicht endgültig gewonnen“

Ausnahmen sieht Westermeyer hier vor allem bei Ströer und Ligatus, bei dem Gruner + Jahr “ein tolles Investment” gelungen sei. “Aber mein Gefühl ist, dass der Markt nach wie vor nicht gewonnen ist und die Wette nicht endgültig gewonnen. Ich würde mir hier gut überlegen, wie der beste Weg in die Zukunft funktioniert”, warnt der Hamburger.

Bei ihrer Zielsetzung für die Zukunft geben sich die AppLike-Gründer nicht gerade bescheiden: “Wir wollen Software entwickeln, die irgendwann auf jedem Telefon der Welt läuft”, sagt Szelinsky voller Selbstvertrauen. “Wir wollen Advertising Technologie entwickeln, mit der jeder in Kontakt kommt und die in der Lage ist, die Bedürfnisse von Nutzern und Vermarktern ideal zu verbinden”, ergänzt Thiemann. “Selbst, wenn irgendwann keiner mehr Apps benutzen sollte, werden die Leute auch weiterhin auf der Suche nach neuen Inhalten und Inspirationen sein.”

Westermeyer “zweifelt” , ob Gruner +Jahr auch in Zukunft der “best owner” ist

Ob die beiden Gründer dann noch immer für Gruner + Jahr arbeiten oder der Verlag AppLike gar verkauft hat, ist heute noch ungewiss. Westermeyer von den Online Marketing Rockstars zweifelt, ob der Verlag auch in Zukunft der “best owner” ist. “Das Geschäftsmodell ist extrem dynamisch, viel Erfolg hängt direkt mit den Personen zusammen”, erklärt er gegenüber MEEDIA und fragt: “Warum nicht unternehmerisch denken und externe Investoren reinnehmen um das Risiko zu verlagern oder sogar Anteile verkaufen und einen Teil des Erfolgs heute sichern?” Seine abschließende Empfehlung: “Die Macher langfristig incentivieren und permanent prüfen, ob nicht der richtige Zeitpunkt ist ‚Geld zu verdienen‘.”

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*