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Hat das Walulis inszeniert? Die neue ZDFneo-Serie „Lobbyistin“ grenzt an eine Parodie

zdf_neo-Serie „Lobbyistin“ mit Rosalie Thomass
zdf_neo-Serie "Lobbyistin“ mit Rosalie Thomass

Am 15. November startet bei ZDFneo eine ambitionierte deutsche Serie, die schon in den ersten beiden Folgen so viel falsch macht, dass man aus dem Kopfschütteln nicht herauskommt. „Lobbyistin“ erzählt von einer Politikerin, die nach einer Intrige die Seiten wechselt – ein interessantes Thema, dem Autor und Regisseur Sven Nagel aber keine Minute gewachsen ist.

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Von Hendrik Steinkuhl 

Eine Grundsatzfrage vorweg: Wer ist bei ZDFneo eigentlich auf die Idee gekommen, dass die selbst produzierten Serien eine Spielzeit von nicht mehr als 180 Minuten pro Staffel haben sollen? Ob nun sechsmal 30 Minuten wie bei der „Lobbyistin“ oder der Ken-Duken-Serie „Tempel“ aus dem vergangenen Jahr, oder viermal 45 Minuten wie bei der Ende Oktober startenden IS-Radikalisierungs-Reihe „Bruder – Schwarze Macht“: Am Ende bleiben 180 Minuten Gesamtspielzeit. Daraus macht man normalerweise einen Zweiteiler.

Ein Seriendrama in drei Stunden erzählen zu müssen, und dann auch noch in halbstündigen Häppchen, das ist für den unerfahrenen Autor eine Einladung zur Überladung. Und diese Einladung nimmt der bislang vor allem als Comedy-Autor tätige Sven Nagel schon in der ersten Folge von „Lobbyistin“ dankend an: Eva ist eine idealistische Bundestagsabgeordnete, hat Stress mit dem Wirtschaftsminister, wird Opfer einer Intrige, wechselt die Seiten und wird Lobbyistin, bekommt von ihrem Freund einen Heiratsantrag, betrügt ihren Freund, rettet ihren Bruder vor der Polizei, verzweifelt zunächst in ihrem neuen Job, bringt dann mit ein paar Sprüchen eine Gesetzesinitiative zu Falll, erpresst vorher noch den Wirtschaftsminister und erfährt am Ende, dass eben der gerade tot aus der Spree geborgen wurde. Um so viel zu erzählen, brauchen andere Serien eine komplette Staffel.

Kurz nach „Zarah“ versenkt das ZDF mit „Lobbyistin“ die zweite Serie über eine Karrierefrau

Im September versenkte das ZDF mit „Zarah“ bereits die erste Karrierefrau. Kaum jemand wollte die Journalistenserie sehen, schon nach der zweiten Folge wanderte das Format auf einen Sendeplatz in der Nacht. Nun bringt das ZDF auf seinem Spartenkanal die zweite Karrierefrau an den Start – und „Lobbyistin“ ist sogar noch eine Klasse schlechter als „Zarah“. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, reichen im Grunde schon drei Szenen aus der ersten Folge.

In der allerersten Einstellung sitzt Hauptfigur Eva in einem Auto an einem Industriehafen. Sie schläft oder ist bewusstlos, plötzlich rollt der bislang stehende Wagen los und kippt ins Wasser, Eva droht zu ertrinken – Schnitt, wir sehen Berlin und die Einblendung „6 Wochen früher“. Schon jetzt stellen sich Fragen, die vermutlich nicht befriedigend beantwortet werden: Warum ist der stehende Wagen einfach losgerollt? Wieso sitzt die Frau, die als Bundestagsabgeordnete oder später als Lobbyistin um die 10.000 Euro im Monat verdient, am Steuer eines über 30 Jahre alten weinroten Daimlers, der ja noch nicht mal als Kultauto gilt?

Billige Effekthascherei, inszenatorische Kreisliga

20 Minuten später erfährt der Zuschauer, dass es auch tatsächlich Evas eigenes Auto ist, denn sie hat darin Sex mit einer gerade geschlossenen Bekanntschaft. Beide sind dabei vollständig bekleidet, selbst im Auto hat so niemand Geschlechtsverkehr. Eva trägt zudem dasselbe Kleid wie in der ersten Szene, und auch der Wagen steht wieder am Hafen, wo ein paar Meter weiter übrigens gearbeitet wird; es ist aber kein Anschluss an die vorausblickende Szene vom Beginn, denn dort ist die Handlung noch lange nicht angekommen. Alles nachlässig, irritierend und völlig unwahrscheinlich. Auch das drohende Ertrinken der Protagonistin haben die Verantwortlichen versägt. Die Schnitte sind viel zu schnell und zu hektisch, um dem Zuschauer die Todesangst zu vermitteln, dann kommt plötzlich eine Zeitlupe, die im Kontrast zu dem hektischen Schnitt zuvor völlig deplatziert wirkt. Die Szene endet schließlich mit einer Schwarzblende, über die Evas Japsen nach Luft als Echo gelegt wird. Das ist billige Effekthascherei, inszenatorische Kreisliga.

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Und es geht kein bisschen besser weiter. Die zweite Szene ist ein kaum zu ertragender Exposition-Talk, ein Infodump, Eva wird vom mächtigsten Lobby-Agenturchef Deutschlands mit ihrem Lieblingskaffee („Doppelter Espresso-Macchiato, ist doch richtig, oder?“) in sein Auto gelockt, nebenbei ein völlig ausgelutschtes Filmklischee, und dann erklären uns die beiden zentralen Figuren der Serie in eineinhalb Minuten ihren Charakter, ihre Motivation, ihr Verhältnis zueinander, den Grundkonflikt der Serie. Nichts wird angedeutet, sondern alles auserzählt. Die Figuren sprechen eigentlich gar nicht miteinander, sondern geben Statements für den Zuschauer ab. Diesen vielleicht größten Fehler deutscher fiktionaler Unterhaltung, nämlich keinen Interpretationsspielraum zu lassen, begeht diese Szene so oft und so überdeutlich, dass sie wie eine Parodie von Philipp Walulis wirkt.

„Lobbyistin“ funktioniert – als Trash

Der absolute Tiefpunkt in dieser Hinsicht folgt dann ein paar Szenen später: Eva zofft sich mit dem Wirtschaftsminister, plötzlich ein harter Schnitt, wir sehen, nur ein paar Sekunden lang, wie Eva und der Wirtschaftsminister Sex haben (natürlich auf dem Schreibtisch, wo laut Filmklischee ja jeder Affärensex von Karrieristen stattfindet). Eine tolle Idee, die dem Streit der beiden völlig unerwartet eine zusätzliche Ebene verleiht – wenn die beiden nicht schon eine Minute vorher gesagt hätten, dass sie mal was miteinander hatten!

Dass praktisch alle Figuren Klischees und die Nebenrollen nur Funktionsträger sind, ohne Hintergrund, bloße Schablonen, muss bei einer deutschen Serie ja eigentlich nicht mehr erwähnt werden. Dass die Schauspielerleistungen das katastrophale Drehbuch nicht aufwiegen können, ist leider auch die Regel. Zur unübertroffenen Farce aber gerät diese Serie, weil die Handlung immer wieder durch unfassbar absurde Drehbucheinfälle vorangetrieben wird. Der Gipfel der Albernheit ist am Ende der zweiten Folge erreicht, als Evas gepiercter, verwahrloster, ständig Bier trinkender Bruder ihr das Handy bringt, das sie am Anfang der Folge weggeworfen hatte. In die Spree! „Du bist danach getaucht, in der ekligen Spree?“ – „Ja, vier, fünf Stunden.“ Wo das Handy lag, wusste der Bruder übrigens, weil ihm die Schwester dessen Lage zuvor präzise genannt hatte: „Ich habe es da weggeworfen, wo du mal von einem Döner gekotzt hast.“ Muss man noch erwähnen, dass das Smartphone, nachdem es tagelang in der Spree gelegen hat, natürlich noch funktionsfähig ist und eine für die weitere Handlung ganz wichtige Information preisgibt?

Spätestens mit dieser Szene erreicht „Lobbyistin“ die Qualität von „Hai-Alarm auf Mallorca“, spätestens hier wird aus der ambitionierten, aber völlig missratenen Serie purer Trash. Sehenswert ist „Lobbyistin“ damit allemal – aber eben nur an einem bierseligen Abend mit Freunden, die einen Sinn für den tragischen Witz haben, der in einem derart formvollendeten Scheitern steckt.

„Lobbyistin“ läuft ab dem 15. November immer mittwochs um 21.45 Uhr auf ZDFneo. Unser Autor hat vorab die Arbeitsfassung der ersten beiden Folgen gesehen.

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