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„Kinderschänder“: Über ein Unwort, von dem deutsche Medien einfach nicht lassen können

Zahlreiche deutsche Medien benutzen in ihren Überschriften das Wort „Kinderschänder“
Zahlreiche deutsche Medien benutzen in ihren Überschriften das Wort "Kinderschänder"

In der Berichterstattung über einen 24-Jährigen, der die Tochter seiner Lebensgefährtin missbraucht und die Taten gefilmt haben soll, hat ein Großteil der deutschen Medien mal wieder sprachlich gepatzt. Denn so furchtbar der Missbrauch einer Vierjährigen auch ist: Den Täter „Kinderschänder“ zu nennen, macht das Opfer zusätzlich zur Geschändeten – und damit alles nur noch schlimmer.

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Wäre dieses Wort eine Farbe, dann Neongelb; viel zu grell, distanzlos und aufdringlich. Dennoch verwenden viele deutsche Medien den „Kinderschänder“, gerne auch in Überschriften.

„Kinderschänder verabreden sich zum Missbrauch“ las man vor kurzem in der FAZ, „BKA: Fahndung nach Kinderschänder“ schrieb vor einigen Jahren die Süddeutsche in die Dachzeile, darunter die nicht zu schlagende Überschrift: „Scheitel, Narbe, Knollnase“. Momentan verbreitet auch Nachrichtenagenturen Artikel, die den Begriff „Kinderschänder“ teils in Überschriften, teils im Text nutzen.

Nach dieser Formulierung wäre der 24-Jährige übrigens bereits als Kinderschänder überführt und nun auch noch in anderer, nicht benannter Hinsicht verdächtig; denn „verdächtiger Kinderschänder“ bedeutet etwas ganz anderes als „mutmaßlicher Kinderschänder“. Verzichten sollten Journalisten aber nicht nur auf scheinbare Synonyme, verzichten sollten sie vor allem auf das Wort „Kinderschänder“. Mit dem Missbrauch wurde dem Opfer schon genug angetan. Man muss es nicht auch noch für geschändet erklären. Und nichts anderes tut man, wenn man das Wort „Kinderschänder“ benutzt. Wer hinter diesem erhobenen Zeigefinger die Forderung nach Political Correctness wittert, liegt übrigens völlig richtig. Auch wenn das Projekt furchtbare Formen angenommen hat: Die Idee, sprachliche Diskriminierung zu bekämpfen, ist so falsch nicht. Und wären im konkreten Fall Argumente für die Weiterverwendung des Wortes „Kinderschänder“ überhaupt vorstellbar?

Die Gründe, die dagegen sprechen, sind jedenfalls Legion. Das Opfer eines Kinderschänders wird sprachlich zu einem Teil der Schande, vom Täter infiziert, kontaminiert, besudelt. Damit verbunden ist ein Ehrbegriff, den westliche Gesellschaften zum Glück weit hinter sich gelassen haben. Ihn mit dem „Kinderschänder“ indirekt wieder hervorzuholen, kann man antiaufklärerisch nennen; in jedem Fall ist es denunziatorisch, denn als Teil der Schande besitzt das Opfer mindestens auch einen Teil der Schuld. Dieses unüberlegte Hintippen eines so unsäglichen Wortes fügt sich damit hervorragend ein in das Phänomen, das Psychologen „Victim blaming“ nennen, und das nirgendwo so verbreitet ist wie beim sexuellen Missbrauch. Hättest du nicht so einen kurzen Rock angezogen, wäre dir das auch nicht passiert.

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Man könnte nun auch noch darauf eingehen, wie sich die Nazis die „Schande“ zu eigen gemacht haben, auf die „Rassenschande“ sei jedenfalls kurz verwiesen. Viel relevanter aber ist der gegenwärtige Gebrauch des Kompositums, um das es hier geht: Denn mit ihrem Slogan „Todesstrafe für Kinderschänder“ haben die NPD und andere Rechtsextremisten das Wort schon vor Jahren an sich gerissen – und zum Kampfbegriff gemacht. Politisch ein cleverer Schachzug, bei Facebook etwa liest man die Forderung immer wieder. Für viele, die sich als abgehängt empfinden, ist der Hass auf den „Kinderschänder“ offenbar der kleinste gemeinsame Nenner und eine Möglichkeit, den niedrigen Selbstwert zu steigern. Der renommierte forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber berichtet gerne darüber, dass er auf einigen öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Kindesmissbrauch auch diejenigen angetroffen habe, die sonst bei Gericht auf der Anklagebank sitzen: Schläger, die ihre Frauen oder Kinder verprügeln und sich damit wohl fühlten, besser zu sein als Kinderschänder.

Es steckt in der Person und dem Begriff des „Kinderschänders“ also nicht nur der komprimierte Krawalljournalismus, sondern auch ein politischer Kampfbegriff der extremen Rechten und eine Projektion der gesellschaftlichen Vollversager. Wer diese Verbindung nicht scheut, und wen die Denunziation der Opfer nicht kümmert, der verwendet das Wort weiterhin. Alle anderen schreiben ab jetzt einfach „Missbrauchstäter“.

Korrekturhinweis: In einer ursprünglichen Fassung dieses Textes hieß es: „Momentan verbreitet vor allem die DPA ‚Kinderschänder‘-Headlines, wie etwa diese im Tagesspiegel: „Verdächtiger Kinderschänder soll Lebensgefährte der Mutter sein“.“ Die Überschrift des verlinkten DPA-Textes stammte allerdings nicht von der DPA, sondern offenbar von der Redaktion des Tagessspiegel. Die DPA nutzte den Begriff „Kinderschänder“ nur in einem einzelnen Text, nicht aber, wie andere Agenturen, in Überschriften. Wir haben die Formulierung entsprechend angepasst und bitten, den Fehler zu entschuldigen. 

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