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Invasion! Plage! Bissig! Die alle Jahre wiederkehrende Hauswinkelspinnen-Hysterie der Online-Medien

Deutsche Online-Medien haben an der Hauswinkelspinne einen Narren gefressen
Deutsche Online-Medien haben an der Hauswinkelspinne einen Narren gefressen

Sie ist groß, sie ist bissig, ist aggressiv. Wenn man zahlreichen Online-Medien glaubt, erleben wir in Deutschland gerade eine „Invasion“ der furchterregenden Hauswinkelspinne. Mal wieder. Entsprechende aufgeregte Artikel wabern seit Jahren durchs Netz, befeuert durch hohe Klickraten und Social-Media-Reichweiten.

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Dr. Berthold Huber forscht beim Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig über Spinnen, sein Spezialgebiet sind die Zitterspinnen. In jüngster Zeit bekommt er aber immer wieder Medienanfragen zur Hauswinkelspinne auf den Tisch. „Ich habe immer wieder Anfragen dieser Art, aber dieses Jahr war es extrem. Das passt, weil diese Spinnen im Herbst tatsächlich am häufigsten gesehen werden. Die Männchen bewegen sich dann aus den Netzen fort, um ein Weibchen zu suchen. Viele Spinnen können sich gut über glatte Flächen bewegen, die Hauswinkelspinne aber nicht. Wenn die dann in der Badewanne oder im Spülbecken landen, sind sie dort gefangen und morgens sieht man sie. Daher kommen wohl die vermehrten Sichtungen dieser Spinnenart im Herbst.“

Online-Artikel über die angeblich so schreckliche Hauswinkelspinne sind seit Jahren ein Dauerbrenner bei Online-Medien im Herbst. In diesem Jahr vermehren sich nicht nur die Sichtungen der achtbeinigen Tierchen, sondern auch die Horror-Texte offenbar besonders stark. Dabei wird auch in bewährter Online-Manier fleißig voneinander abgeschrieben. So pinselte zum Beispiel Bild.de für den aktuellen Hauswinkelspinnen-Text Hubers Aussagen aus einem Focus-Online-Artikel ab, wobei doch sonst eher die Bild den Focus-Onlinern vorwirft, sich bei ihnen zu bedienen.

Dass die Zahl der Spinnen-Artikel in diesem Jahr noch ein bisschen stärker steigt als sonst, mag am ungewöhnlichen Erfolg dieser Text-Gattung in den Sozialen Medien liegen. Bereits Ende August hielt der MEEDIA-Newsletter Trending, der täglich Social-Media-Inhalte analysiert, fest: „Nahezu täglich erreichen deutschsprachige Medien mit Artikeln über eine angebliche Spinnen-Plage mit tausenden Likes & Co. Top-Platzierungen in den Social-Media-News-Charts. Am Mittwoch gelang das der ProSieben-Website, deren ‚taff‘-Video „Bissige Hauswinkel-Spinnen: Droht uns jetzt eine Plage?“ über 5.100 Likes, Shares, Reactions, Kommentare und Retweets bei Facebook und Twitter einsammelte. In den vergangenen Tagen gab es für wize.life bereits über 12.000 Interaktionen, für das österreichische Magazin miss rund 20.000 und für Focus Online über 56.000!“

Und auch der neuste Bild-Text zum Thema, der wie gesagt die alte Focus-Online-Story aufwärmte, war wieder enorm erfolgreich, was die Social-Media-Reichweite betrifft: Innerhalb weniger Stunden war der Text „Die Herbst-Invasion der Hauswinkelspinnen!“ mit 21.100 Likes, Reactions, Shares, Kommentaren und Retweets der erfolgreichste deutschsprachige Artikel bei Facebook vom vergangenen Sonntag.

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Aber wie das so ist mit Medien im Allgemeinen und Online-Medien im Speziellen. Wenn der Winter da ist, wird sich aufgrund der Temperaturen die Spinnen-Hysterie erledigt haben und das „Blitz-Eis“, bzw. der „Russen-Winter“ drohen. Und im nächste Herbst holt dann garantiert wieder jemand das Thema Hauswinkelspinne aus der Schublade.

 

 

 

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Alle Kommentare

  1. Was dem Herbst seine Hauswinkelspinnen-Panik, ist dem Frühjahr seine Killer-Zecken-Plage!

    Klarer Fall von „Panik-Presse“…

  2. Danke für den Artikel. Ich habe mich letztens auch extrem über die Panikmache geärgert. Es wird so getan, als ob hier plötzlich irgendwelche Monster in unseren Kellern lauern würden. Die Hauswinkelspinnen waren schon immer da und bis jetzt habe ich fast jede (mit Ausnahme der richtig, richtig, richtig großen) mit der Hand hinausbefördert ohne dass mir diese abgebissen wurde. Dieser Blödsinn ist doch Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sofort alles, was acht Beine hat, totschlagen oder einsaugen.
    Wir haben übrigens seit Jahren fast keine Hauswinkelspinnen mehr innerhalb der Wohnung. Das führe ich darauf zurück, dass ich gegenüber der arachnophoben Familienfraktion das Bleiberecht für einige Zitterspinnen durchgesetzt habe.

  3. Aber was hier nicht steht: Wie kann man sich denn nun vor der Invasion schützen? Oder ist es bereits zu spät?
    Meedia, hilf!

  4. Danke für diese Kritik an der Branche.
    Ursachen wäre interessant ? Ständig wechselnde Volontäre ? Kurzes Gedächtnis ? Man bringt fast nur Themen welche die Agenturen melden bzw. was bei Konkurrenten möglicherweise gut angekommen ist ?

    Der angebliche Winter ist aber evtl ein Lobby-Trick um von den wirklichen ständigen („Jahrhundert“)-Hochwassern abzulenken weil man Klima-Berichte (inclusive den echten Starkregenfällen und vollen Kellern deren Versicherung danach womöglich kündigt) ja dann kaum noch glaubt.

    Aber es wäre schön, wenn man Meldungen oder den Weitergang von Geschichten öfter mal vorher-vermuten würde. Man konnte zwar nicht wissen, aber zumindest als Möglichkeit nennen, das eine zweite iPhone-Verkaufswelle durch Vertragsverlängerungen in Q4 stattfinden könnte was dann ja wohl auch geschah.
    Hinterher berichten scheint bequemer zu sein. Man müsste die Förster fragen, ob der Baumbestand (alle 35-40 Jahre(?) bei Nadel-Bäumen also jetzt 2*36 Jahre nach dem Krieg) und die möglicherweise wenigeren Baum-Fällungen (Wald wächst mit 4%, Investments aktuell wohl nicht) zu erhöhter Ast/Baum-Bruch-Wahrscheinlichkeit beitragen. http://meedia.de/2017/10/06/deshalb-sterben-weiter-menschen-joerg-kachelmann-empoert-sich-bei-twitter-und-facebook-ueber-xavier-berichterstattung/

    Und das man als guter Chefredakteur heute auf den Titelseiten vielleicht „Obergrenze“ statt Obergrenze schreiben könnte, wäre beispielsweise auch mal ein Punkt. Schade das es keinen digitalen Schnell-Presse-Rat gibt so das gute Medien die Anführungszeichen/Gänsefüschen online nachgetragen hätten.
    Fällt mir noch grade ein: Gibts zu Valentinstag Meldungen von der Lobby-Industrie das Schokolade glücklich macht oder sonstige positive Wirkungen hätte ? Sowas wäre also mal eine recht vorhersehbare Meldung. In der Zeitung gibts ja immer „Der Sternenhimmel im kommenden Monat“. Die Leser kuratieren/melden sowas (wie die jährlichen Gutachten und Statistiken der linken bzw. rechten Organisationen bzw. Gewerkschaften oder Archive.org-Meldungen möglicherweise häufig zufälligerweise vor den Senats-Verhandlungen über das Budget fürs nächste Jahr) gerne. Da kann man einen ganzen Kalender von machen und häufig richtig liegen. Oder die Partei (oder AfD oder Linke) macht es als Dokumentation um den Bürgern die Augen zu öffnen.

  5. Sehr pragmatischer Anfang des Artikels, mag stimmen, das das gehyped wird,
    ich muss aber ehrlich zugeben, dass ich vor zwei Monaten erst selbst so ein Vieh hier in der Bude hatte! Richtig widerlich diese Viecher, und beinahe so groß wie eine Vogelspinne! Handtellergroß beschreibt es recht gut. Das Tier war tatsächlich so groß, das ich in einem abgedunkeltem Raum mit Fernseher den Blick zu einem PC-Monitor gewandt, die schnellen Bewegung auf dem Boden in einem 90-110° Winkel fast hinter mir wahrgenommen habe!

    Allerdings sind die Gliedmaßen schlacksiger und länger, das wirkt doppelt bedrohlich und wird dafür verantwortlich sein, dass die Biester so schnell sind.
    Ich musste ca. 5 Sekunden vor Ekel überlegen, was ich nutze um sie zu zermatschen, ich habe mich dann in der Panik für den größten gerade greifbaren Karton ( Spiegelreflex-Kamera ) entschieden. Einen kleineren Karton hätte ich mich nicht getraut zu nutzen! Die ist zum Glück nach 3 Sekunden stehen geblieben, in der Zeit hat sie ca. 3-4 Meter zurückgelegt!!!

    1. Bei mir waren es in der Wohnung in diesem Jahr bisher eine (uff), dafür aber im Büro gleich acht (altes Gemäuer). Zwar sind diese Spinnenartikel alle unnötig reißerisch, aber ich muss auch sagen, dass ich es nicht falsch finde, Jahr für Jahr neu darauf hinzuweisen. Es ist nun mal so, dass Herbst ist und die Viecher rein kommen. Es ist so, dass mancher sie ekelhaft findet, sie aber harmlos sind (witzig übrigens: Zitterspinnen fressen Winkelspinnen). Ein bisschen dienen solche Texte auch dazu, darüber aufzuklären. Nur schade, wenn sie dann in BILD-Manier geschrieben sind.
      Ist halt ein Thema, das viele Menschen direkt betrifft, daher wohl auch das große Interesse.

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